Magazinrundschau - Archiv

Jungle World

3 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 16.07.2019 - Jungle World

Georg Seeßlen hält in einem großen, seeßlen-typisch mäandernden Essay Rückschau auf das, was einmal das späte Goldene Zeitalter der Serie gewesen sein wird. Im Zynismus und in der Textur- und Elendsfreudigkeit neuerer Serien identifiziert er einen "kapitalistischen Realismus", Produkte aus einer "unerlösten, zerfallenden und antiutopischen Welt" - und im Weltenflucht-Angebot "Game of Thrones", schreibt er, wird wohl das letzte Aufflackern jener Medienzeit zu beobachten gewesen sein, als es Fernsehinhalten noch gelang, weite Teile der Gesellschaft an einem Lagerfeuer-Ersatz zu versammeln. Endgültig durchgesetzt haben sich nunmehr "die Zerfaserung und Auflösung, am Ende die radikale Subjektivierung: ein Medienkonsum, der eigentlich nur noch eine bilaterale Angelegenheit zwischen einer einzigen Person und der Medienmaschine ist. ... Das Fatale an der Spaltung des TV-Verhaltens liegt in der Kraft der Selbstverstärkung. Um noch akzeptable Quoten zu erlangen, müssen die 'alten' Sender, die öffentlich-rechtlichen vor allem, genau die Klientel bedienen, die noch im Geschmack an der 'heilen Welt' verharrt. Daraus entsteht ein mehr oder weniger gerontologisches Fernsehen, aus Quiz-Sendungen, 'Traumschiff' und Formaten über die 'Heimat', durchsetzt mit der üblichen Krimi-Kost, was wiederum die letzten Zuschauer vertreiben dürfte. Aber das gilt auch umgekehrt: Die Mehrzahl der Serien überfordert die verbale und visuelle Toleranz der klassischen Fernsehzuschauer, die an ihrem Medium gerade das Mainstream-Gemütliche und Akzeptierte schätzten. Der Kitsch wird immer kitschiger, und der 'Realismus' wird immer realistischer. Die Verlangsamung und die Beschleunigung werden immer inkomensurabler, so wie sich immer mehr das Übereindeutige vom Ambiguen trennt. Am Ende, wer weiß, sind die Bilderwelten einander so fremd wie die politischen Milieus."

Magazinrundschau vom 27.06.2017 - Jungle World

Sehr plastisch beschreibt Niklas Franzen das Leben in den Drogenvierteln São Paulos, wo sich die Regierung nach dem Vorbild der USA in den 80ern mittlerweile auf eine Drogenpolitik über Kriminalisierung und Internierung konzentriert. "Niemandsland, Zombiestadt, ein Stückchen Hölle - das Viertel hat viele Namen. Der bekannteste lautet Cracolândia. 700 Menschen tummeln sich hier - nachts sind es oft dreimal so viele. Einen Steinwurf vom piekfeinen Konzertsaal Sala São Paulo entfernt befindet sich das Herz von Cracolândia. Fluxo (Fluss) nennt man die verfallenen Häuserblocks im Norden der Innenstadt. Nachts leuchten die Crackpfeifen in allen Ecken der dämmerigen Straßen auf. In graue Decken wie in Kokons gehüllte Menschen liegen auf den Bordsteinen. Hunderte sitzen unter Plastikplanen oder wandern mit leeren Blicken umher. Ein süßlich-chemischer Geruch liegt in der Luft. Aus einer gekachelten Eckkneipe dröhnt ohrenbetäubende Musik. Wie in Trance wackelt eine junge Transsexuelle mit geschlossenen Augen zum Rhythmus der Musik. In der Mitte einer Straße stehen mehrere blaue Plastikzelte."

Magazinrundschau vom 26.07.2016 - Jungle World

Die Jungle World bringt ein umfassendes Dossier von Olaf Kistenmacher über Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", dessen sechster Band gerade in Bernd-Jürgen Fischers Neu-Übersetzung erschienen ist. Kistenmacher durchleuchtet das große Romanprojekt nach Spuren der sich formierenden bürgerlichen Klasse - und kommt dabei auch auf den Antisemitismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts zu sprechen: "Bereits während des Erstens Weltkriegs [schrieb Proust] von 'un antisémitisme bourgeois et latent'. In den zwanziger Jahren gebrauchte der Philosoph Constantin Brunner, der mehrere Bücher über den deutschen Judenhass veröffentlichte, den Begriff 'latenter Antisemitismus' zur Beschreibung der Weimarer Republik. Bei Proust passte die Beschreibung latent vorhandener Einstellungen zu der Darstellung des Erinnerungsvorgangs, bei dem ebenfalls langsam etwas an die Oberfläche kommt. Diese Beschreibung korrespondiert zudem, worauf Brassaï in seinem Buch 'Proust und die Liebe zur Photographie' hinweist, mit der Metapher der Fotografie, die sich auch erst entwickeln muss und von der man früher mitunter als dem 'latenten Bild' sprach."