Magazinrundschau - Archiv

Liberation

8 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 09.05.2017 - Liberation

Der Geograf Gilles Fumey zeichnet ein leicht mokantes Porträt des Emmanuel Macron als jungem Provinz-Ehrgeizigen wie aus einem Balzac-Roman. Drei "P" bilden für Macron ein magisches Dreieck, schreibt er. Eines davon liegt auf der Hand: Paris, das er von der Montagne Sainte-Geneviève aus betrachten lernte - dort liegt das Lycée Henri IV, wo man in die Vorbereitungsklassen der großen Schulen geht. Die anderen beiden "P"s sind die Picardie und die Pyrenäen. "Scheitel- und Basispunkt des Dreiecks wirken in die gleiche Richtung. Im Süden Orthez und Bagnères-de-Bigorre mit den Großeltern mütterlicherseits mit dem Skigebiet La Mongie zu Füßen des Pic du Midi und den Gasthäusern mit den tollen Schinken, den Blutwürsten und Pasteten. Im Norden Amiens und das Stadtviertel leicht außerhalb des Zentrums mit den Eltern und der unglaublichen Großmutter - sie rauchte noch mit 97 Jahren -, bei der er 'Grammatik, Geschichte, Geografie' lernt. Macron behauptet, dass er das ländliche so gut wie das städtische Frankreich kennt. Dem Bauern aus dem Béarn, François Bayrou (Zentrumspolitiker, der als sein möglicher Premierminister gehandelt wird, d.Red.), sagt er: ''Ich komme aus einer ländlichen Region.'"
Stichwörter: Macron, Emmanuel, Midi

Magazinrundschau vom 23.08.2016 - Liberation

Libération setzt seine Serie "Raison et sentiments" fort. Diesmal spricht der Philosoph Eric Fiat über das "Schamgefühl", das er aus dem Problem herleitet, Bewusstsein in einem Körper zu sein. Tiere oder Engel, also reine Körper und reine Geistwesen, hätten damit also kein Problem. Zur Frage von Schleier und Schamhaftigkeit meint Fiat: "Sich beim Tragen des Schleiers auf das Schamgefühl zu berufen, ist seltsam. Genau wie Bescheidenheit, Einfachheit und Demut gehört das Schamgefühl zu diesen fragilen Tugenden, die wir nicht für uns in Anspruch nehmen können, ohne dass sie augenblicklich verloren gehen. Ihre Zurschaustellung führt unweigerlich zu ihrem Verschwinden. Es ist arrogant, sich als bescheiden zu bezeichnen, und es ist komplex, sich einfach zu nennen, aber sich als schamhaft auszurufen, ist schamlos. Nehmen wir uns in Acht vor dem, was Vladimir Jankélévitch die "Zurückhaltung, die sich durch laute Schreie ankündigt' nannte! Wenn der beschämte Mensch sich versteckt und der obszöne sich zeigt, dann beweist sich der schamhafte Mensch in Zurückhaltung. Es kann auch keine 'schamhafte Mode' geben, denn das Schamgefühl ist das einsame Gefühl eines Menschen ist, der Schwierigkeiten im Auftreten hat, wohingegen die Mode eine kollektive Art der Zurschaustellung ist. Anders formuliert: zwischen der mit Bikini angezogenen Frau und der, die einen Burkini trägt, ist die Frau mit dem meisten Schamgefühl nicht immer die, von der man es vermutet!"

Magazinrundschau vom 16.08.2016 - Liberation

In seinem Buch "La Jalousie, une géométrie du désir" erforscht der Philosoph Jean-Pierre Dupuy die Eifersucht, die bisher vor allem ein Begriff der Literatur gewesen sei, aber seiner Ansicht nach auch in der Philosophie mehr Aufmerksamkeit verdient: Im Interview mit Anne Diatkine erklärt er unter anderen, warum man nicht nur auf einen Menschen eifersüchtig sein kann: "Lesen Sie Proust. In der Recherche äußert sich Eifersucht oft auch zwischen einem Menschen und einem unzugänglichen Milieu. Der Erzähler träumt davon, dass sich ihm Salon der Verdurin öffnen möge. Odette ist nur ein Element dieses geschlossenen und ausschließenden Kreises. Selbst wenn die Beziehung als ein Dreieck erscheint - ich bin verliebt in die Freundin meines Freundes -, ist die geometrische Figur eine Täuschung. In dem berühmten Bild von Edvard Munch, 'Eifersucht II', in dem sich der entsetzte Mann mit augerissenen Augen von dem liebenden Paar abwendet, sieht man sehr gut, dass die beiden letzteren eine untrennbare Einheit bilden. Meiner Ansicht nach ist man niemals auf den ein oder anderen eifersüchtig, sondern auf die Verbindung des einen mit dem anderen."
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Magazinrundschau vom 27.01.2014 - Liberation

Auch in Frankreich wird zur Zeit über Beihilfe zum Selbstmord diskutiert (die in Deutschland per Gesetz verboten werden soll). Libération bringt eine ziemlich erschütternde Betroffenengeschichte eines Angehörigen: Cédric Terzi erzählt, dass seine Mutter die Hilfe eine Schweizer Organisation beanspruchte und bekam, obwohl sie körperlich nicht krank war. Von ihm erwartete sie, dass er sie begleite, was er nicht über sich brachte: Mit diesem Wunsch "hat mich meine Mutter in ihr Vorhaben hineingezogen. Je mehr Zeit verging, desto weniger war ich fähig, ihr die Hilfe zu geben, die sie verlangte. Zugleich konnte ich dem Drama nicht einfach zuschauen, ohne etwas zu tun. Meine Verzweiflung war so groß, dass sie mir die Kraft gab, etwas zu tun, was ich mir nie vorstellen konnte. Ich habe an einen Richter geschrieben, damit er meine Mutter eine psychiatrische Behandlung auferlegt." Aber seine Mutter konnte ihren Plan verwirklichen - und die Familie schnitt ihn wegen seiner angeblich mangelnden Solidarität.
Stichwörter: Mutter

Magazinrundschau vom 07.09.2010 - Liberation

Während Deutschland strikt mit seinen eigenen Debatten um die Immigration und die Muslime befasst ist, geht in Frankreich die maßgeblich von Bernard-Henri Levy befeuerte Kampagne gegen die geplante Steinigung der Iranerin Sakineh Ashtiani weiter. Für Liberation interviewt Levy per Mobiltelefon den Sohn Ashtianis, Sajjad, einen Busschaffner, der von neuen Schikanen gegen seine Mutter berichtet. Und dann folgt diese Passage:
"Sajjad: Meiner Mutter, die nichts getan hat, droht Steinigung. Während der wirkliche Mörder, Taheri [er soll den Ehemann Ashtianis ermordet haben, mehr hier], frei herumläuft...
Levy: Weil Sie ihm verziehen haben...
Sajjad: Ja. Er ist Vater einer kleinen Tochter von drei Jahren. Er hat im Gespräch mit uns viel geweint. Meine Schwester und ich wollten nicht schuld sein an seiner Hinrichtung." Der Vollzug der Hinrichtung Ashtianis ist vorerst ausgesetzt. Gleichzeitig meldet Liberation aber, dass Ashtiani zusätzlich zu 99 Peitschenhieben verurteilt worden sei.

Levys Blog La regle du jeu setzt unterdes seine Kampagne mit Briefen Prominenter an Ashtiani fort. Geschrieben haben unter anderem Isabelle Huppert und Roberto Saviano.

Magazinrundschau vom 04.08.2009 - Liberation

Die französische Regierung erwägt eine Gesetz gegen die Burka und andere Formen der Ganzkörperverschleierung, sieht sich aber durch eine Studie verunsichert, die ergeben hat, dass in Frankreich überhaupt nur 367 Frauen in derartigen Kostümen herumlaufen. Die Sozialisten plädieren nun gegen das Gesetz. Liberation hat ein ganzes Online-Dossier zusammengestellt, in dem man die Diskussion verfolgen kann. Zuletzt warnte die Rechtsprofessorin Jamil Sayah aus Grenoble davor, bei der Diskussion über Burka und Schleier in die "religiöse Falle" zu tappen: "Eine solche Positionierung der Debatte würde uns zwingen, endlose Mäander der Scharia nachzuvollziehen um Aussagen zu finden, die das Tragen solcher Kleidungsstücke verbieten oder erlauben. Nichts ist zerstörerischer für die Laizität. Gleichheit, Freiheit, die öffentliche Ordnung und die Vernunft verurteilen das Tragen solcher Uniformen mit allem Nachdruck. Es ist unnütz, sich auf solche Erklärungen zu stützen."
Stichwörter: Burka, Scharia, Schleier, Laizität

Magazinrundschau vom 12.02.2008 - Liberation

Liberation dokumentiert einen an Nicolas Sarkozy gerichteten Aufruf Bernard-Henri Levys, der Ayaan Hirsi Ali die französische Staatsbürgerschaft geben und sie unter europäischen Schutz stellen will, nachdem sie von den niederländischen Sicherheitsbehörden im Stich gelassen wurde: "Es ist schwierig, heute jemanden zu nenen der europäischer ist als Ayaan Hirsi Ali. Es ist noch schwieriger sich vorzustellen, dass diese Europäerin von ihrer geistigen Heimat verleugnet wird. Zu sehen, dass diese Europäerin, die in Europa ihren Kampf für die Grundwerte Europas fortsetzen will, gezwungen wird, Europa zu verlassen und sich für immer ins amerikanische Exil zu begeben, wäre mehr als paradox, es wäre absurd, und mehr als absurd - es wäre ein sehr schlechtes Zeichen."

Magazinrundschau vom 04.07.2006 - Liberation

Nach 33 Jahren verlässt der charismatische Herausgeber Serge July die von ihm mitbegründete Zeitung Liberation. In seinem letzten Artikel für die Zeitung erklärt er, warum er diesen Schritt tut. Hintergrund ist ein Streit mit Edouard de Rothschild, der inzwischen einen großen Teil der Holding besitzt. July denkt in seinem Artikel auch über die Internetrevolution nach und macht sich Sorgen über die französischen Zeitungen insgesamt: "Die überregionale Informationspresse ist seit Jahren das fragilste aller Medien. Keine einzige Qualitätszeitung macht zur Zeit Gewinne. Dabei ist dieses Medium für das demokratische Leben unverzichtbar, ja, häufig ist es das Medium, aus dem sich all anderen Medien nähren, die Werkstatt der Reflexion und nationalen Debatte. Aber in seiner bisherigen Form ist es ökonomisch nicht mehr haltbar: Es muss finanziell durch externe profitable Aktivitäten gestützt werden."