Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

259 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 26

Magazinrundschau vom 02.02.2021 - Magyar Narancs

In der vergangenen Woche wurde entschieden, dass die drei wichtigsten Universitäten Ungarns außerhalb der Hauptstadt (Debrecen, Szeged, Pécs) ebenfalls in private Stiftungsuniversitäten umgewandelt werden, wobei die bereits bekannten Kuratoriumsmitglieder Politikerinnen und Politiker der Regierungspartei Fidesz oder regierungsnahe Geschäftsleute sind, die ihre Position alle auf Lebenszeit erhalten sollen. Neben dem Verlust der Autonomie der Universitäten, ist die Qualität der Forschung und Lehre ebenfalls ernsthaft gefährdet. Im Gegenteil zu den anderen Universitäten gab es an der Universität Szeged eine abstimmende Senatssitzung, wobei sie skandalös verlief, denn einerseits durften antragstellende Senatoren (Professoren) ihre Änderungsanträge nicht begründen, andererseits stimmten einige Professoren mit Fidesz-Parteibuch entgegen der Weisungen ihrer Fakultäten, welche die Umwandlung ablehnten. Der Universitätsprofessor Mihály Szajbély (Universität Szeged), der selbst einen Änderungsantrag stellte, erklärt im Interview mit György Bányai: "Was man uns angeboten hat, ist eine große Schüssel Linsen, wie der Rektor der Universität es in einer früheren Senatssitzung bezeichnete. Es gibt leider welche, die aus Naivität oder aus Pragmatismus unbedingt das Angebot wahrnehmen wollten. Damit machten sie aber die Universität zum Gegenstand eines Hasardspiels: wenn wir Glück haben und ein gutes Kuratorium und ein gutes Gründungsdokument bekommen, welches die Autonomie der Universität garantieren, dann könnte die ganze Geschichte auch gut ausgehen. Doch wenn es anders kommt, dann können wir alles verlieren."

Magazinrundschau vom 09.02.2021 - Magyar Narancs

Vor kurzem erschien der erste Band über das Lebenswerk des Regisseurs und Schauspielers Tamás Fodor, der ab den 1960er Jahren ein Gründungsmitglied und prägende Figur des ungarischen Underground-Theaters war. Fodor zieht in der Wochenzeitschrift Magyar Narancs Parallelen zwischen den Zeiten damals und den Ereignissen an den Hochschulen heute in einer Situation, in der die gegenwärtige Regierung die Autonomie der ungarischen Universitäten abwickelt: "Die Situation damals war auch nicht anders: man konnte wissen, dass sich die Macht mit allen erdenklichen Mitteln eine unabhängige Institution, eine autonome Form stemmen würde. Und trotzdem mussten wir für die entsprechenden Aktivitäten Verantwortung übernehmen. Später musste man dann auch politisch Farbe bekennen, denn wir mussten anerkennen, dass es nicht ausreicht, aus dem Sessel heraus für die Freiheit die Daumen zu drücken, man musste dafür auch etwas tun. Dies ist auch die große Frage der heutigen Generation: bleibt sie 'zivil' oder findet sie jene Aktionsformen, die sich nicht nur mit partikularen Angelegenheiten befassen. (...) Auch im Falle der Schauspieluni sehe ich, dass es ausgehend von einer technisch-spezifischen Forderung doch um die essentiellste und immanenteste politische Frage geht, nämlich um Unabhängigkeit und Autonomie. Jene Studenten und Hochschullehrer die sich hier zu Wort gemeldet haben, versuchten zunächst im Eigeninteresse aufzustehen und sich aufzurichten."

Magazinrundschau vom 22.12.2020 - Magyar Narancs

Der ältere Sohn des 2016 verstorbenen Schriftstellers Péter Esterházy, Marcell Esterházy spricht im Interview mit Dénes Krusovszky u.a. über die Gründe und Motive, warum sich die Erben von Péter Esterházy dafür entschieden haben, den Nachlass des Schriftstellers in der Berliner Akademie der Künste bewahren zu lassen. Damit ist Esterházy neben Imre Kertész und György Konrád der dritte bedeutende ungarische Schriftsteller, dessen Nachlass in Berlin liegt: "Es würde sich lohnen darüber nachzudenken, warum die bedeutendsten Autoren der letzten Jahrzehnte oder ihre Erben dachten, dass das Lebenswerk am besten im Ausland aufgehoben ist. Es hängt mit dem Misstrauen gegenüber den ungarischen Institutionen sowie der Instabilität der Gesellschaft und des Staates zusammen. Wir mussten dafür sorgen, dass der Nachlass an einen Ort kommt, wo er in Sicherheit ist, wo er geschätzt wird und wo man sich damit beschäftigt. Dass dies nicht in Ungarn geschehen kann, ist die Realität, die wir akzeptieren müssen. Ich sehe diese Lebenswerke, das von meinem Vater, von Kertész, von Konrád so, dass sie zwar auf Ungarisch entstanden waren, doch Teil einer gemeinsamen europäischen Kultur sind. Aus dieser Perspektive sind sie sehr wohl dort, wo sie hingehören, in Berlin, wo sie als Teil der europäischen Kultur betrachtet werden."
Anzeige

Magazinrundschau vom 01.12.2020 - Magyar Narancs

Szilárd Demeter, Direktor des Budapester Petőfi Literaturmuseums und Regierungsbeauftragter für das Landesarchiv, behauptete anlässlich des angekündigten polnischen und ungarischen Vetos im Haushaltsstreit der EU (aufgrund der Verknüpfung der Auszahlung von EU-Fördermitteln mit Rechtsstaatlichkeit) in einem Artikel für das regierungsnahe Internet-Portal origo.hu, dass Europa die 'Gaskammer' des liberalen 'Führers' George Soros sei und aus der Kapsel der multikulturellen offenen Gesellschaft Gift herausströme, das für die europäische Lebensweise tödlich sei. Die 'Liberalen' wollten die Polen und die Ungarn aus jener politischen Gemeinschaft ausschließen in der sie noch Rechte hätten. Sie - die Ungarn und die Polen - seien die neuen Juden (mehr dazu in der Presse). Jüdische Organisationen und die Botschaft Israels protestierten gegen den offen antisemitischen und geschichtsrelativierenden Artikel, mehrere tausend Menschen fordern den Rücktritt oder die Ablösung von Demeter. In der Online-Ausgabe der Wochenzeitschrift Magyar Narancs reagiert der Schriftsteller Dénes Krusovszky auf den Eklat. Ihm stößt besonders übel auf, dass Demeter sich - in klassischer Täter-Opfer-Umkehr - mit Zitaten von Imre Kertész über den "selbstmörderischen Liberalismus"  und von Hannah Arendt schmückt: "Das Zitieren von Kertész zeigt, welche Rolle die Regierung für den Nobelpreisträger vorsieht. Auch aus ihm wurde eine Vorlage gefertigt, die jederzeit benutzt werden kann. Denn für solche Sätze hat sich die Regierung Kertész - bzw. seinen Nachlass, seinen Namen, seine Marke - angeeignet (mehr hier und hier). Das überaus zusammengesetzte Lebenswerk, die Beziehungen der Texte zueinander, der Bogen des schriftstellerischen Wirkens, die Persönlichkeit des Autors, seine Wahrheiten, seine Irrtümer, seine Verletzungen und Beleidigungen, die Gesamtheit seiner Sätze, die Tiefe seiner Worte, all das interessiert sie nicht. Es geht um ein, zwei Zitate und um das Prestige des Nobelpreises, ein alles in allem nicht sehr teuer erkauftes Copyright und schon kann man bis zum Ultimo Wendungen nutzen wie 'selbstmörderischer Liberalismus', 'dumme Demokratie', 'Europa flutende Muslime' etc. In diesem Diskurs muss Kertész nicht verstanden oder gelesen werden, man will nur einige Zeilen von ihm kopieren und einfügen."

Magazinrundschau vom 24.11.2020 - Magyar Narancs

Das Violinkonzert von Beethoven ist am schwierigsten, behaupten im Interview mit Judit Rácz die beiden als Ausnahmentalente geltenden Violinisten Kristóf Baráti und Barnabás Kelemen, "denn es braucht sowohl musikalischen Überblick, als auch technisches Können auf höchstem Niveau", sagt Kristóf Baráti. "Viele sagen, und ich stimme ihnen zu, dass niemand ein komplizierteres Konzertstück schrieb. Ich kann mir vorstellen, dass ein Violinist hervorragend Tschaikowsky, Schumann, Bartok, Prokofjew oder sonst jemand spielen kann und doch scheitert mit Beethovens Violinkonzert."  Hier ein kleiner Eindruck von Baratis Beethoven.

Magazinrundschau vom 08.12.2020 - Magyar Narancs

Die Schriftstellerin und Dramatikerin Borbála Szabó beschreibt in einem Gespräch mit der Schriftstellerin Orsolya Karafiáth die Chancen des zeitgenössischen Dramas im Jugendtheater. "Ich mag es, zusammen mit den Kindern mit den Augen zu zwinkern oder Erwartungen außer Acht zu lassen - in diesem Genre darf ich das tun. Ich kann in einer Art Märchensprache sprechen, in einer von mir konstruierten Welt. Freilich ist das nur ein Werkzeug, denn ich kann alles, was mir wichtig ist, in dieser Sprache sagen, nur hat meine Botschaft eine Tarnkleidung. Und das befreit. (…) Ich hatte eine Kolumnenreihe bei einer Frauenzeitschrift, bei der ich über den Partner meiner Mutter, der ein Alkoholiker war, schrieb, über elende Augenblicke, was sicherlich nicht für Kinder bestimmt war. Doch sehr schnell wurde ich mit dem Welttrend konfrontiert, dass nach zeitgenössischen Dramen kaum gefragt wird, es werden eher Tschechow oder Shakespeare zum vierzigsten Mal neu inszeniert. Doch die Bühne für Jugendliche braucht neue Materialien, da sind wir noch gefragt und so sind die meisten Dramatiker dort zu finden."

Magazinrundschau vom 03.11.2020 - Magyar Narancs

Anita Markó schreibt unter Bezugnahme auf den Literaturhistoriker István Margócsy über die Erscheinungsformen und Sprache der Armut in der zeitgenössischen ungarischen Prosa, die zur Zeit der Wende vom 20. zum 21. Jahrhunderts neue Darstellungsformen gefunden habe: "Romane von László Krasznahorkai (1985), Ádám Bodor (1992), Szilárd Borbély, László Szilasi und Tibor Noé Kiss (je 2014) gehen prinzipiell von der Unerlösbarkeit der Welt der Armut und von der Armut der Welt aus und stoßen wiederholt an diese Unerlösbarkeit. Diese Bücher zeigen die Armut nicht als positive, zusammenhaltende und die Gemeinschaft der Armut erhaltende Kraft, sondern im Gegenteil: sie behaupten, dass diese Welt jeden mit Zwang gefangen hält, der einmal mit ihr in Berührung kam. Doch es ist sehr wichtig zu betonen, dass es keine bestimmbare oder vorstellbare Form der Sprache über Armut gibt. Die Bücher über Armut der letzten Jahre unterscheiden sich literarisch und rhetorisch enorm voneinander, so sind sie auch kaum vergleichbar, denn außer der thematischen Berührung, gibt es zwischen ihnen keine literaturhistorische Beziehung. (...) Ebenfalls ist es aber auch wichtig zu sehen, dass Schriftsteller aus Ungarn über die Armut in Ungarn schreiben, während diese ein weltweites Phänomen ist und es ist absolut relativ, wo jenes existentielle Niveau in welchem Land liegt, das von der jeweiligen Gesellschaft für arm gehalten wird bzw. wie die Armen selbst dies erleben."

Magazinrundschau vom 06.10.2020 - Magyar Narancs

In einem detaillierten Rundblick zeigt Máté Pálos, wie unabhängige literarische oder Kunstzeitschriften in den vergangenen zehn Jahren in Ungarn immer mehr staatliche Unterstützung verloren haben. Die Strategie dahinter: Zuerst wurde das zuständige Vergabegremium des Nationalen Kulturfonds (NKA) mit regierungsnahen Vertretern besetzt und dann dieses auch finanziell dem Ministerium für Humanressourcen untergeordnet. Im Gespräch mit Pálos erklärt Gergely Nagy, Chefredakteur von Artportal, einem Online-Portal für bildende Künste: "Nachdem der Nationale Kulturfonds (NKA) seine institutionelle Selbständigkeit verloren hatte, wurden politische Entscheidungskriterien maßgeblich, die fachlichen Aspekte verschwanden. Artportal gehört zu den wenigen kulturellen Sites, die sich regelmäßig auch mit Kulturpolitik beschäftigen. Seit 2018 bekommen wir kein Geld mehr vom NKA, was kein Problem ist, aber wir wissen halt nicht wieso. Es ist egal, ob du ein zuverlässiger und korrekter Akteur eines kulturellen Zweigs bist, das zählt nicht. Das NKA ist keine innovative Organisation, die das Teilen des Wissens fördert oder die Selbstorganisation der Szenen unterstützt , sondern eine Untereinheit des Ministeriums, die nach unbekannten Kriterien Summen von hier nach da verschiebt."

Magazinrundschau vom 27.10.2020 - Magyar Narancs

Der in Berlin lebende österreichische Soziologe Gerald Knaus (European Stability Initiative) spricht im Interview mit Krisztián B. Simon über die politische Lage in Ungarn und über sinnvolle und sinnlose Kritik an der Orbán-Regierung: "Aussagen, die nicht in der Lage sind, das Problem zu benennen, verdienen in der Tat Spott. Ungarn erwies der Welt einen großen Dienst, als es zeigte, dass feige Redensart sinnlos sind. Wenn die Mitgliedsstaaten besorgt sind, dann sollten sie keine Angst haben zu sagen, warum das so ist. Denn Orbán spricht auch nicht durch die Blume, wenn er die EU angreift. Innerhalb der EVP ist Orbán ein meisterhafter Taktiker. Er schickt die Leute seiner Fraktion in das Europäische Parlament, die an die alte moderat-rechte, EU-freundliche FIDESZ erinnern, während man seine eigenen Reden nicht mehr von der Rhetorik der AfD oder von Marine Le Pen oder von der rechten Identitären Bewegung unterscheiden kann. (…) Die Kritik an der ungarischen Regierung ist nicht auf Geschmacksunterschiede in der Politik zurückzuführen. In Ungarn greift die in kurzfristigen Interessen denkende, von Ideologien gelenkte Regierung jenes Rahmensystem an, in dem auch sie prosperierte. Gleichzeitig unterminiert sie die demokratischen Institutionen. Dies ist eine Gefahr, die viele in der Parteienfamilie von Orbán, der EVP nicht erkannt haben."
Stichwörter: Knaus, Gerald, Ungarn, AfD

Magazinrundschau vom 20.10.2020 - Magyar Narancs

Die Dichterin und Kinderbuchautorin Zsuzsa Tamás hat vor kurzem ihren ersten Roman mit dem Titel "Tövismozaik" (Stachelmosaik) veröffentlicht. Im Interview mit Dénes Krusovszky spricht sie über das Postulat und Kanonisierungspotential von "Frauenliteratur": "Sie scheint immer noch ein zweitrangiges Thema zu sein, denn neben und nach den kanonisierten großen Väterromanen wurde die Sprache über Mütter noch nicht durchschlagend rezipiert. Das hängt auch mit der Ansicht zusammen, dass jenes 'Ding', das die Kritik als Frauenprosa identifiziert, immer noch nicht gleichrangig behandelt wird mit den großen 'Männerthemen'. (…) Wir könnten das langsam mal überwinden. Auch ich musste befürchten, dass mein Buch mit dem Attribut 'Frauenprosa' belegt wird. Aber im Moment scheint mir das befreiend zu sein, so dass ich mit hocherhobenen Hauptes sagen kann: Ja, so ist es!"