Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

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Magazinrundschau vom 30.06.2020 - Magyar Narancs

Der Schriftsteller László Márton übersetzte unter anderem Goethes "Faust" und das gesamte literarische Werk von Walther von der Vogelweide. Zuletzt übertrug er das Nibelungenlied ins Ungarisch. Im Interview mit Anita Markó spricht Márton über seine Arbeit: Die mittelalterliche deutsche Literatur interessiert mich besonders, weil ich ein modernes schriftstellerisches Problem hinter der Aufgabe der Übersetzung sehe und weil ich das zu übersetzende Werk für einen Vorläufer eines modernen Genres halte. Bei Walther von der Vogelweide zum Beispiel musste neben der Übersetzung des gesamten erhaltenen lyrischen Lebenswerks auch die Figur des Dichters konstruiert werden, was weit über die Übersetzungstätigkeit hinaus läuft ... Das Ziel ist, dass der Text als literarisches Werk auf Ungarisch erklingt. Es soll als Teil der lebendigen Literatur sein und kein Museumsobjekt. Das kann nur dann gelingen, wenn wir das Konzept und Gedankengang des Autors rekonstruieren können, wenn wir mit ihm in Dialog treten können und wir all dies auch in dem ungarischen Text erscheinen lassen können."
Stichwörter: Marton, Laszlo

Magazinrundschau vom 16.06.2020 - Magyar Narancs

Der Theaterregisseur Róbert Alföldi unterhält sich mit der Lyrikerin Orsolya Karafiáth u.a. über die sich in Krisenzeiten ändernde Haltung vieler ehemals kritischen Künstler gegenüber der Macht: "Die existentielle Unsicherheit hat jetzt auch jene erreicht, die bisher erfolgreich ihren Kopf über Wasser hielten", sagt Karafiáth. "Wir sprechen viel von persönlicher Verantwortung, doch auch hier fehlen wie so oft die Abstufungen. Und nein, die Mehrheit steht nicht hinter den Mutigen. Wer sich nicht hinlegt, der muss erleben, dass er langsam als einziger seinen Mund aufmacht und die Anderen - die sich leise ihre Unterstützung sichern - in der Öffentlichkeit stumm bleiben. Die existentielle Angst ist eine sehr ernste Angelegenheit, doch ich habe ein größeres Problem mit jenen, die es nicht nötig haben und sich trotzdem ergeben. Selbstzensur und Vorsicht. 'Spring nicht herum, lerne unter solchen Umständen zu funktionieren' - das haben sie gelernt, das kennen sie, in dieser Welt sind die meisten von ihnen zu Hause. Der Ungar hat schon immer einen Retter gebraucht!"
Stichwörter: Ungarn, Karafiath, Orsolya

Magazinrundschau vom 09.06.2020 - Magyar Narancs

Der Animationsfilm "Düne" des Grafikers, Bildhauers und Animationsfilmemachers Gábor Ulrich wird bei der diesjährigen Online-Ausgabe des renommierten Annecy Festivals gezeigt. Im Interview mit Anita Marko sieht Ulrich jedoch nur noch sehr begrenzte Möglichkeiten für den Animationsfilm im heutigen Ungarn: "Seitdem das jetzige System der Filmausschreibungen etabliert wurde, sind zwar auch gute Filme entstanden, aber die negativen Seiten haben sich nicht geändert. In der dritten Runde braucht es die Zusage einer Medienanstalt oder eines Senders, den Film ohne weitere Bedingungen zu zeigen, damit die aus Steuermitteln entstandenen Werke nicht in der Schublade landen. Das wäre soweit in Ordnung, doch wenn wir mit den Filmplänen bei den Sendern anklopfen, werden wir in über achtzig Prozent der Fälle abgelehnt. Einer der vielen staatlichen Sender könnte diese Werke sehr wohl zeigen, aber dies ist aus irgendeinem Grund nicht Teil des Systems geworden. Das jetzige System für Animationsfilme möchte in erster Linie Fernsehinhalte produzieren, überwiegend Kinderfilme. Die große Tradition des Autorenanimationsfilms in Ungarn spielt keine Rolle mehr, die in erster Linie für Festivals entstandenen Werke sind in den Hintergrund gedrängt worden."
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Magazinrundschau vom 26.05.2020 - Magyar Narancs

Der bildende Künstler Attila Szűcs berichtet über sich eventuell veränderte Arbeitsweisen und Auffassungen in seiner Kunst aufgrund der vergangenen Wochen der Pandemie: "Wie zeigt sich die Veränderung in der Arbeit in der Galerie? Malereiprogramme haben seit Langem eine sich wiederholende Komponente, nämlich die Projektion von dystopischer Zukunft. Jetzt wird der Ton noch apokalyptischer. Dabei würde ich nicht behaupten, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Werk und der Entstehungszeit und dem Entstehungsort gibt. Die Effekte erscheinen indirekt, in Zeit verschoben, oft mit großen Sprüngen. Darüber hinaus kann es in der Kunst vorkommen, so unglaublich das auch klingen mag, dass die Ursachen hinter der Wirkung schlendern."
Stichwörter: Szücs, Attila, Pandemie

Magazinrundschau vom 21.04.2020 - Magyar Narancs

Der Schriftsteller und Sprachwissenschaftler Dénes Krusovszky unterhält sich mit dem schwedischen Übersetzer (der ungarischen Literatur, Krasznahorkai, Bartis, Tóth Kriszta u.a.) und Schriftsteller Daniel Gustafsson über ungarische Literatur, Übersetzungen und die Aussage des Direktors des Budapester Literaturmuseums, wonach sogenannte "Exportschriftsteller" - Schriftsteller, die auf Ungarisch schreiben, aber vor allem im Ausland erfolgreich sind - keinerlei staatliche Unterstützung verdienten, denn ihre Loyalität zu Ungarn sei fraglich. "Die Aussage über die 'Exportliteratur' scheint großer Blödsinn zu sein", meint Gustafsson. "Was wären denn Exportthemen? Der Wert eines literarischen Werkes bemisst sich in erster Linie an dem universellen Charakter der Themen sowie an dem sprachlichen Niveau der Texte. Freilich gibt es auf dem literarischen Weltmarkt aktuelle Trends, zum Beispiel das "Exportgut" skandinavischer Krimi. Was ist deren Geheimnis? Dass die Werke - zumindest am Anfang - etwas zeigen konnten, was dem Genre bis dahin fremd war, nämlich soziale Sensibilität. Diejenigen, die jetzt in Ungarn als 'Exportschriftsteller' bezeichnet werden, sind von Anfang bis Ende niveauvolle Autoren. Sie sind sehr unterschiedlich, wenn wir nur an Laszlo Krasznahorkai oder an Krisztina Tóth denken. Doch auch diese Qualitätsliteratur bedarf staatlicher Unterstützung, damit sie im Ausland erfolgreich sein kann, denn die kleinen Sprachen sind enorm im Nachteil gegenüber der dominanten angelsächsischen Literatur. Wenn wir versuchen würden nach irgendwelchen ideologischen Inhalten 'zu exportieren', würde das in einem riesigen Flopp enden." (Hintergrund:  )

Magazinrundschau vom 19.05.2020 - Magyar Narancs

In einem redaktionellen Beitrag versucht die Wochenzeitschrift Magyar Narancs Hintergründe einer Entscheidung aus der Pandemiezeit nachzuvollziehen, wonach den Mitarbeitern staatlicher Kulturinstitutionen wie Archiven, Bibliotheken, Museen usw. (mit Ausnahme des umstrittenen Veritas Instituts) der Angestelltenstatus entzogen wurde: "Etwas ist im Kopfe Orbáns entstanden - vielleicht dass in seiner 'Workfare-Gesellschaft' kein Arbeitsplatz eine soziale Absicherung verdient, denn jeder kann sich für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen anmelden, und so kann der öffentliche Angestelltenstatus aufgehoben werden - und seine Untertanen versuchen passend hierzu einen rechtlichen Rahmen zu fabrizieren."

Magazinrundschau vom 31.03.2020 - Magyar Narancs

Im Interview mit Máté Pálos denkt der Schriftsteller Ferenc Barnás über die Bedeutung der Sprache bei der Beobachtung psychischer Vorgänge nach. "Die vielleicht wichtigste Erfahrung meines Erwachsenendaseins ist, dass eine minimale, kaum wahrnehmbare psychische Veränderung das Ergebnis von unglaublich viel Arbeit ist. Für mich ist es auch eine große Erkenntnis, dass Entwicklung überhaupt möglich ist. Ich bin ein notorischer, krankhafter Selbstbeobachter und ich bin der Ansicht, dass kleinkindliche Traumata uns für Jahrzehnte in unsere Schicksale einsperren. Ich halte mich für einen privilegierten Menschen, denn das Leben erlaubte mir, dass ich mit solchen Zuständen arbeiten konnte. Ich traue der Psychologie und den professionellen Helfern nicht. Und ich schreibe nicht, weil ich irgendjemandem helfen möchte. Aber aus diesen extremen Bewusstseinszuständen erfahre ich vielleicht ein klein wenig mehr über die Welt, und ich kann dazu beitragen zu erkennen, warum wir so sind, wie wir sind. Die wirklich bedeutenden Verschiebungen entstehen aus winzig kleinen Veränderungen. Die große Leistungen der Literatur handeln zum Teil davon, dass die Schriftsteller der Funktion des Hirns eine eigene Sprache zuweisen."

Magazinrundschau vom 28.04.2020 - Magyar Narancs

Der Regisseur Árpád Schilling denkt über seine Aussichten in der Coronakrise nach. Sehr rosig erscheinen sie ihm nicht: "Wenn ich mich nicht bewege, kann ich dem Virus entkommen, doch das System wird mich früher oder später finden. Zuerst die Rechnungen, dann die Mahnungen, dann die Anrufe, die Mitarbeiter der Unternehmen, die Vollstreckung, die Polizei… Dem kann ich selbst dann nicht entgehen, wenn ich nicht auf die Straße gehe. Im Gegenteil: genau dann kann ich dem nicht entgehen, wenn ich zu Hause bleibe. Wenn ich die Schutzmaßnahmen einhalte, kann ich meine Arbeit verlieren, ich kann meinen Lohn verlieren und wie soll ich dann für mein Leben bezahlen? Ich bin nicht alleine. Ich stehe nicht schlechter da als viele Millionen andere Menschen, die von Projekt zu Projekt, von Gelegenheit zu Gelegenheit leben. Von den Millionen gar nicht zu sprechen, die bisher dachten, dass sie sichere Arbeit hätten und plötzlich doch alles verloren. Alles bedeutet in diesem Falle, dass hunderttausende Familien in den totalen Zusammenbruch fallen. Hysterie. Stop! Sie werden doch nicht zulassen, dass es soweit kommt! Jene, da oben! Etwas müssen sie doch tun. Oder müssen wir etwas tun?"

Magazinrundschau vom 07.04.2020 - Magyar Narancs

Der Musiker, Autor und Romologe an der Universität Pécs, Zoltán Beck, spricht im Interview mit Tamás Sodos unter adnerem über die Stellung von Roma-Intellektuellen in der ungarischen Öffentlichkeit und eine fehlende kritische Selbstreflexion sowohl in der Minderheiten- als auch in der Mehrheitsgesellschaft. "Die Roma-Intellektuellen melden sich glücklicherweise in vielen Fällen im Diskurs um Sinti und Roma zu Wort. Doch mit der bequemen Delegierung der Verantwortung kann diese Frage nicht abgehakt werden. Es wäre eine joviale Geste zu sagen, dass die Roma jetzt über sich sprechen dürften, denn Freiheit bedeutet nicht, dass ich über mich selbst sprechen kann; Freiheit bedeutet, dass ich, dass wir über alles sprechen können. Und die Gesellschaft ist jene Gemeinschaft von Menschen, die ihre Angelegenheiten zusammen und verantwortungsbewusst besprechen. Die Roma-Intellektuellen äußern sich zu vielen Themen. Man kann damit übereinstimmen oder darüber diskutieren, was großartig ist oder ermutigend oder nicht wirklich relevant. Doch wenn die Nicht-Roma nur jene Stimmen hören möchten, die Echos ihrer eigenen Vorurteile sind, dann werden dadurch andere aus der Öffentlichkeit ausgegrenzt. Damit gehen sie der Selbstkonfrontation mit den eigenen Vorurteilen und Machtpraktiken aus dem Wege. Im Endeffekt ist es so für sie sicherer: denn ansonsten würde es sich noch herausstellen, dass die Roma anders sind, als sie es sich vorgestellt haben und dann wären sie selbst nicht, was sie bis dahin glaubten zu sein."

Magazinrundschau vom 17.03.2020 - Magyar Narancs

Vor kurzem wurde ein neues Curriculum für Bildungseinrichtungen von der Grundschule bis zum Gymnasium vorgestellt. Insbesondere die Teile "ungarische Literatur" und "Geschichte" lösten viel Kritik sowohl seitens von Pädagogen als auch seitens von Wissenschaftlern aus: Einerseits sei der Lehrplan vollkommen überdimensioniert und würde das Lesen bei Kindern und Jugendlichen eher unbeliebt machen, andererseits sei die politische Ausrichtung der zwei Fächer unübersehbar, so die Vorwürfe, zumal einige Autoren und Werke aufgenommen wurden, die zwar qualitativ nicht hineingehörten, deren politische Überzeugung der heutigen Regierung jedoch genehm sind. Der Literaturhistoriker und Mitverfasser früherer nationaler Lehrpläne, András Veres, kommentiert das neue Curriculum in der Wochenzeitschrift Magyar Narancs. "Ich habe den Eindruck, dass das neue nationale Curriculum über keine einheitliche Konzeption verfügt, sondern versucht, den aktuellen durchweg mit traditionellen Werten gefüllten Lehrplan aufzuweichen, indem es hier und da einen überhaupt nicht dahin passenden Autor platziert. Die hoffnungslose Fülle entsteht genau hieraus: man traut sich nicht wirklich die anerkannten Autoren anzufassen, also werden jene, die den eigenen Ansichten näher sind, einfach hinzugefügt. Das Ergebnis ist tragikomisch."