Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

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Magazinrundschau vom 07.01.2020 - Magyar Narancs

Der Opernregisseur Balázs Kovalik inszeniert im Budapester Örkény Theater das letzte Drama des im vergangenen Jahr tragisch verstorbenen János Térey. Im Interview mit Jozsef Kling spricht er über den gesellschaftlichen Auftrag des Theaters, dessen Begrenzung er auch in politisch unruhigen Zeiten deutlich sieht: "Man kann nicht alles vom Theaten erwarten, denn es wird nur von einer schmalen Schicht der Gesellschaft besucht, vor allem von jenen, die bereits eine Alternative zur Massenkultur suchen. Die gegenwärtige Formsprache des Theaters sowie die Themenwahl spiegeln den Bedarf dieser Schichten. Das verantwortungsvolle Theater kann lediglich soviel tun, indem es anspruchsvoll und auf hohem Niveau seinen Standpunkt formuliert. Wenn es damit das Interesse der Massen weckt, wird der Bedarf steigen, andernfalls besuchen es nur einige hundert Menschen Abend für Abend."

Magazinrundschau vom 14.01.2020 - Magyar Narancs

Das Jahr 2020 wird in Ungarn als "Jahr des nationalen Zusammenhalts" begangen und im Wesentlichen an die Friedensverträge von Versailles erinnern, im Falle Ungarns die Verträge von Trianon vor 100 Jahren, bei denen Ungarn Zweidrittel seines Territoriums und ein Drittel seiner Bevölkerung an die Nachfolgerstaaten der Monarchie von Österreich-Ungarn verlor. So wird ein "Mahnmal des nationalen Zusammenhalts" in der Budapester Innenstadt erbaut und eingeweiht, das zunehmend als "revisionistisch" kritisiert wird. Der Historiker Krisztián Ungváry meint über das geplante Mahnmal: "Ich habe die Pläne gesehen und grundsätzlich halte ich die Idee nicht für verwerflich. Es ist eine legitime Sache, dass es ein solches Mahnmal gibt - und ich warne davor, die Idee sofort und grundsätzlich zu verwerfen. Und auch die Verwirklichung wäre unproblematisch, wenn auch der einfache Besucher gleich verstehen würde, warum es schmerzt (...) Wenn die ungarische Erinnerungspolitik ehrlich wäre, würde sie klarstellen, dass der Zerfall des historischen Ungarns unaufhaltsam war, sein Weiterbestehen mit dem nationalen Selbstbestimmungsrecht der Völker unvereinbar gewesen wäre. Auch unsere Nationwerdung beruht auf dem nationalen Selbstbestimmungsrecht. (...) In diesem Falle würde der Besucher begreifen, dass diese Geschichte gewissermaßen notwendig war, obwohl wir die Art und Weise, wie sie damals vonstatten ging, emotional nicht akzeptieren können. So wäre ein Mahnmal nicht revisionistisch! In seiner jetzigen Form ist es aber sehr einseitig, und darum sollten wir uns auch nicht über die politischen Antworten wundern, die wir bekommen werden - nebenbei bemerkt ist dies exakt im Interesse der ungarischen Regierungspartei, denn je nationalistischer die Antworten der Nachfolgestaaten zum Mahnmal ausfallen, desto stärker wird das Opferarrativ und damit die ungarische Regierungspolitik für viele Wähler bestätigt."

Magazinrundschau vom 10.12.2019 - Magyar Narancs

Der Dichter und Literaturwissenschaftler Dániel Varró spricht im Interview mit Orsolya Karafiáth u.a. über die Herausforderung für Intellektuelle, sich bei Fragen zu positionieren, die beinahe ausschließlich nach der politischen Zugehörigkeit beantwortet werden. "Ich habe immer mehr das Gefühl, dass man der Frage nach der politischen Einstellung nicht mehr ausweichen kann. Die eingestellten oder existentiell bedrohten Zeitschriften, die Theater, all dies betrifft mich unmittelbar. Viele meiner Freunde und Bekannte haben ihre Jobs verloren oder bekamen Arbeiten und Aufträge nicht, weil sie öffentlich Position bezogen haben. Ich spüre, dass dies wie ein Schirm immer mehr unser ganzes Leben überdeckt. Es vergiftet auch vollkommen unschuldige Situationen. Sagen wir mal, ich werde gefragt - und ich werde oft gefragt - nach meinem zeitgenössischen Lieblingsdichter, dann antworte ich auf diese offensichtliche Frage mit zunehmend schlechtem Geschmack im Mund. Denn meine zwei Lieblingsdichter sind - wie ich es in einem Interview las - dieselben, wie die von János Dénes Orbán (der Beauftragte der gegenwärtigen Regierung für Literatur - Anm. d. Red.): Lajos Parti Nagy und Géza Szőcs. Soll ich künftig nur den einen nennen?"
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Stichwörter: Varro, Daniel, Ungarn

Magazinrundschau vom 19.11.2019 - Magyar Narancs

Im Interview mit Tamas Soos setzt der Filmemacher und Theaterregisseur Szabolcs Hajdu ("Bibliotheque Pascal", 2010 und "It's not the time of my life", 2016) keine Hoffnungen mehr in das Filmfinanzierungssystem Ungarns: "Ohne Konsultation, arrogant zwang man uns ein System auf, so wie es gegenwärtig in allen Bereichen des Lebens hierzulande passiert. Später wollte sich der Filmfonds mäßigen, doch die Zerstörung der Autonomie der Branche und damit der Verlust der Würde der Mitwirkenden war irreparabel. (...) Es gab große Debatten, ob Gegenwehr eine Chance hätte. Ich denke, dass sie am Anfang sinnvoll gewesen wäre, denn es gab noch kein System, es gab eine Gemeinschaft, eine Art Kraft und eine kritische Masse, doch das drehte sich ziemlich schnell und alles zerstreute sich. Die meisten glitten wie Metallspäne zum Magnet. Heute denke ich, dass es vollkommen sinnlos ist, mit den Vertretern der Macht Armdrücken zu veranstalten. ... Wenn es keine Partner gibt, dann muss man es alleine machen. So sieht es jetzt aus. Wir machen unabhängigen Film und unabhängiges Theater."

Magazinrundschau vom 17.12.2019 - Magyar Narancs

Stefano Bottoni, ein Historiker mit italienischen und ungarischen Vorfahren, war bis Mitte des Jahres wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA). Nach der Ausgliederung der kritischen wissenschaftlichen Kollegien der Akademie durch die Regierung nahm Bottoni einen Ruf der Universität Florenz in Italien an. Dort erschien vor kurzem seine historisch-soziologische Abhandlung über die Entstehung von Viktor Orbans sogenanntem "System der nationalen Kooperation": "Orbán - Un despota in Europa" (mehr hier). Im Gespräch mit Ferenc M. László sagt er: "Wenn wir anerkennen, dass wir es mit einem regionalen Phänomen nach 1990 zu tun haben, dann wurde in gewisser Hinsicht tatsächlich die Idee aufgegeben, dass Ungarns Platz im Westen ist. ... Orban hat verstanden, wie er gleichzeitig drinnen und draußen sein kann. Er weiß, dass die ungarische Gesellschaft westliche Sehnsüchte und Attitüden hat und er erkannte frühzeitig - was man im Westen jetzt erst langsam begreift -, dass er sein System ohne EU-Gelder nicht aufrechterhalten kann. Darauf baut das ganze wirtschaftliche Hinterland seiner Partei. Pfauentanz, könnten wir sagen. Aber es wäre ein Fehler zu glauben, dass dies die Essenz seines Systems sei: die Unterordnung der Prinzipien unter die Interessen. Es wird immer öfter darüber gesprochen, dass die Ungarn ein halb-asiatisches Volk seien. Auf der Ebene der Rhetorik entfernen wir uns immer weiter vom Westen."

Magazinrundschau vom 12.11.2019 - Magyar Narancs

Der Schriftsteller László Krasznahorkai spricht im Interview mit Imre Körizs u.a. über das Schreiben als zwanghafter Schaffungsprozess. "Dass durch Ausblendung ein Charakter stärker wird, ist eine sehr alte Wahrheit und wenn ich Züge weglasse, egal ob ich visueller Künstler bin oder mit Wörtern arbeite, dann übergebe ich diese Lücke in jenem Augenblick dem Zuschauer und er füllt sie dann aus. Diese Gegenseitigkeit ist das, was die künstlerische Distanz in einem Punkt verdichtet. (…) Ich habe gar nicht die Absicht zu schreiben. Ich spüre keinen romantischen Zwang. Es ist eher so, dass Figuren erscheinen und sich Ereignisse ereignen in Bereichen, die von der realen Welt unberührt sind, von deren Existenz ich aber überzeugt bin, weil ich sie erfahre. Ich verstehe das nicht so wie jemand, der mit der Stimme eines Wahnsinnigen spricht, oder das ganze mystifizieren will, aber das Festhalten dieser Wesen und ihrer Geschichten, ihre Einbettung in einen wirklichen Raum, was in meiner Situation ein fiktiver Raum ist, wird nach einer gewissen Zeit unausweichlich. (…) Ich kann nichts machen (...) denn diese mich erdrückenden oder stärkenden Gestalten, mit ihren Schicksalen sind nicht in der Lage durch musikalische Töne oder mathematische Formeln in der Wirklichkeit zu erscheinen; sie brauchen meine Worte. Ich bin gefangen."

Magazinrundschau vom 22.10.2019 - Magyar Narancs

Der Musiker, Musikwissenschaftler und Hochschullehrer Csaba Hajnóczy organisierte an der Kunstuniversität Moholy-Nagy in Budapest die Gründungskonferenz des Central European Network for Sonic Ecologies. Im Interview erklärt Hajnóczy, auch Gründungsmitglied von "Kontroll Csoport", einer legendären Band der alternativen ungarischen Underground-Szene der 80er Jahre, was es mit diesem Netzwerk für akustische Ökologie auf sich hat: "Meine Vorstellung war, dass man diejenigen in dieser Region, die an akustischer Ökologie und an der Untersuchung von Klanglandschaften interessiert sind, zusammenbringen könnte. Die Mehrheit der Teilnehmer waren Künstler, die sich mit Klängen beschäftigen, aber es gab auch Wissenschaftler von Feldern jenseits der Künste. (…) Lautstärke kann an sich schon störend, ja gar gesundheitszerstörend sein. Trotzdem ist das Geräusch kein einfacher Begriff, denn seine wahre Wirkung kann schlecht in Ziffern ausgedrückt werden. Der 'nicht gewünschte Ton' bedeutet nicht unbedingt eine hohe Dezibel-Zahl. Eine psychoakustische Wirkung kann auch ohne Betäubung ausgesprochen negativ sein. Eine weitere negative Wirkung von Geräuschen ist, dass es andere wichtige, mit Informationen gefüllte Töne verdeckt. (…) Es wäre sehr wichtig mit so vielen Experten zusammenzuwirken, wie nur möglich; mit Städtebauern, mit Nationalparkbetreibern, mit Biologen, die nicht aus dem Bereich der Musik kommen, sondern aus der sozialen Sphäre oder aus der Natur."

Magazinrundschau vom 05.11.2019 - Magyar Narancs

Nachdem die bisherige Opposition die Kommunalwahlen in Budapest gewonnen hat, denkt Viktória Rozgonyi-Kulcsár, geschäftsführende Direktorin des unabhängigen Theaters Jurányi, über eine gerechte Kulturförderung nach: "Ich glaube daran, dass man selbstversorgend, nicht profitorientiert, aber doch rentabel funktionieren muss und nicht nur mit dem Geld wirtschaften darf, was wir vom Staat bekommen. In dieser Hinsicht stehen wir ganz gut da, wir können die staatlichen Gelder vervielfachen. Doch ganz ohne staatliches Geld gibt es keine Kultur. (…) Ich würde auch das schwerer rezipierbare Experimentaltheater fördern, das kleinere Zielgruppen erreicht, weil es ein ganz wichtiger Teil der Theaterkultur und im Bereich der unabhängigen Theater unerlässlich ist. Aber man sollte auch jene nicht bestrafen, die jeden Abend für 600 Menschen spielen. Das ist schwierig, weil es einer strengen, fachlich-professionellen Kontrolle bedürfte. Das ganze Fördersystem kann nur dann funktionieren, wenn wir neben der Kontrolle seriöse, fachliche Informationen haben: Wer bekommt wie viel, warum und wofür, welche Vorgaben müssen erfüllt werden. Gerne gebe ich hier Einblick in unsere Dokumente, mich stören die Kontrollen nicht, obwohl sie unglaublich viel Zeit, Papier und Geld in Anspruch nehmen. Es soll ein starkes Monitoring geben, wenn dies im Einklang mit fachlichen Entscheidungen steht und ersichtlich ist, dass diese konsequent sind."

Magazinrundschau vom 28.10.2019 - Magyar Narancs

Im Interview mit Szilárd Teczár spricht der Philosoph Gáspár Miklós Tamás u.a. über die innere Dynamik des seit 2010 entstanden Regimes in Ungarn sowie über ihre politische Rezeption außerhalb des Landes. "Das Orbán-System ist das Flaggschiff der europäischen Rechtsradikalen. Es braucht keine Gewalt oder totalitäre Methoden, wir sitzen nicht im Gefängnis, unter anderem deshalb nicht, weil es keinen Widerstand gibt. Das System ist populär, aber nicht so, wie anfänglich faschistische Systeme populär waren, die auf riesige Massenbewegungen, Begeisterung, Charisma und kollektiven Wahnsinn fußten. In Ungarn gibt es keinerlei Massenbewegung, Viktor Orbán selbst löste die Partei Fidesz mit den Bürgerkreisen vor einigen Jahren auf. Anstatt von charismatischer Herrschaft und Übermobilisierung gibt es Demobilisierung und Atomisierung. Entgegen der geltenden Ordnung hält die Regierung das Gefühl der äußeren Bedrohung aufrecht: Flüchtlinge, NGOs, 'Genderfaschisten', 'Klimakommunisten', der Soros-Papst, jüdische und arabische Weltverschwörung, europäische Föderalisten, Verfassungsverteidiger, Migranten-Beförderer, 'Feminazis' und Illuminaten. Diese Themen garantieren die Popularität des Regimes, obwohl selbst die Orbán-Wähler wissen, in welch miserablen Zustand der öffentliche Nahverkehr, das Gesundheitswesen oder die ganze öffentliche Verwaltung sind. Doch die Menschen halten diese nicht für entscheidend, sondern ob sie vor den gefürchteten biopolitischen Konkurrenten, vor den 'Zigeunern', vor Arabern, vor 'Negern', vor Homosexuellen oder vor selbstbewussten, emanzipierten, Gleichheit einfordernden Frauen beschützt werden. Diese Politik ist ein donnernder Erfolg auf der ganzen Welt, nur dass Viktor Orbán es geschickter macht als die anderen."

Magazinrundschau vom 15.10.2019 - Magyar Narancs

In seinem Nachruf auf die im Juli verstorbene Ágnes Heller ließ der Philosoph (und Weggefährte von Heller) Mihály Vajda die Frage offen, warum Vertreter der Budapester Schule (zu der auch er gehörte) um den Philosophen György Lukács zunächst Marxisten waren, sich dann kritisch gegenüber dem Marxismus positionierten, bis sie sich gänzlich vom Marxismus lossagten. Einige Wochen später nur geht er dieser Frage nach. "Ich wollte nicht darüber sprechen, ob wir Marxisten waren oder nicht, sondern darüber, warum wir Marxisten waren. Und hier kann auch ich den Zusammenhang mit unserem Jüdischsein nicht ignorieren. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wollten die meisten jüdischen Jugendlichen - auch solche Kinder wie ich - daran glauben, dass sich etwas wie der Holocaust nicht wiederholen würde. Dass es nie wieder möglich sein sollte, dass die Gesellschaft den ANDEREN ausschließt: den Juden, den Zigeuner, den mit körperlicher oder geistiger Behinderung Lebenden etc. So suchten wir eine Ideologie, die eine Welt versprach, in der so etwas nicht mehr möglich sein würde. Und der Marxismus mit seiner Utopie versprach genau dies. (…) Dass die Kommunisten nicht wirklich eine solche Welt aufbauten, haben wir früh erkannt. Aber zu verstehen, dass nicht einfach nur der Versuch schlecht umgesetzt wurde, sondern dass der ganze Plan unverwirklichbar ist, das war ein ziemlich langer Prozess: Zu verstehen, dass der Plan nicht für Menschen, sondern für Engel gefertigt war. Der Marxismus hatte den Menschen vergessen."