Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

254 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 26

Magazinrundschau vom 24.11.2020 - Magyar Narancs

Das Violinkonzert von Beethoven ist am schwierigsten, behaupten im Interview mit Judit Rácz die beiden als Ausnahmentalente geltenden Violinisten Kristóf Baráti und Barnabás Kelemen, "denn es braucht sowohl musikalischen Überblick, als auch technisches Können auf höchstem Niveau", sagt Kristóf Baráti. "Viele sagen, und ich stimme ihnen zu, dass niemand ein komplizierteres Konzertstück schrieb. Ich kann mir vorstellen, dass ein Violinist hervorragend Tschaikowsky, Schumann, Bartok, Prokofjew oder sonst jemand spielen kann und doch scheitert mit Beethovens Violinkonzert."  Hier ein kleiner Eindruck von Baratis Beethoven.

Magazinrundschau vom 03.11.2020 - Magyar Narancs

Anita Markó schreibt unter Bezugnahme auf den Literaturhistoriker István Margócsy über die Erscheinungsformen und Sprache der Armut in der zeitgenössischen ungarischen Prosa, die zur Zeit der Wende vom 20. zum 21. Jahrhunderts neue Darstellungsformen gefunden habe: "Romane von László Krasznahorkai (1985), Ádám Bodor (1992), Szilárd Borbély, László Szilasi und Tibor Noé Kiss (je 2014) gehen prinzipiell von der Unerlösbarkeit der Welt der Armut und von der Armut der Welt aus und stoßen wiederholt an diese Unerlösbarkeit. Diese Bücher zeigen die Armut nicht als positive, zusammenhaltende und die Gemeinschaft der Armut erhaltende Kraft, sondern im Gegenteil: sie behaupten, dass diese Welt jeden mit Zwang gefangen hält, der einmal mit ihr in Berührung kam. Doch es ist sehr wichtig zu betonen, dass es keine bestimmbare oder vorstellbare Form der Sprache über Armut gibt. Die Bücher über Armut der letzten Jahre unterscheiden sich literarisch und rhetorisch enorm voneinander, so sind sie auch kaum vergleichbar, denn außer der thematischen Berührung, gibt es zwischen ihnen keine literaturhistorische Beziehung. (...) Ebenfalls ist es aber auch wichtig zu sehen, dass Schriftsteller aus Ungarn über die Armut in Ungarn schreiben, während diese ein weltweites Phänomen ist und es ist absolut relativ, wo jenes existentielle Niveau in welchem Land liegt, das von der jeweiligen Gesellschaft für arm gehalten wird bzw. wie die Armen selbst dies erleben."

Magazinrundschau vom 06.10.2020 - Magyar Narancs

In einem detaillierten Rundblick zeigt Máté Pálos, wie unabhängige literarische oder Kunstzeitschriften in den vergangenen zehn Jahren in Ungarn immer mehr staatliche Unterstützung verloren haben. Die Strategie dahinter: Zuerst wurde das zuständige Vergabegremium des Nationalen Kulturfonds (NKA) mit regierungsnahen Vertretern besetzt und dann dieses auch finanziell dem Ministerium für Humanressourcen untergeordnet. Im Gespräch mit Pálos erklärt Gergely Nagy, Chefredakteur von Artportal, einem Online-Portal für bildende Künste: "Nachdem der Nationale Kulturfonds (NKA) seine institutionelle Selbständigkeit verloren hatte, wurden politische Entscheidungskriterien maßgeblich, die fachlichen Aspekte verschwanden. Artportal gehört zu den wenigen kulturellen Sites, die sich regelmäßig auch mit Kulturpolitik beschäftigen. Seit 2018 bekommen wir kein Geld mehr vom NKA, was kein Problem ist, aber wir wissen halt nicht wieso. Es ist egal, ob du ein zuverlässiger und korrekter Akteur eines kulturellen Zweigs bist, das zählt nicht. Das NKA ist keine innovative Organisation, die das Teilen des Wissens fördert oder die Selbstorganisation der Szenen unterstützt , sondern eine Untereinheit des Ministeriums, die nach unbekannten Kriterien Summen von hier nach da verschiebt."
Anzeige

Magazinrundschau vom 27.10.2020 - Magyar Narancs

Der in Berlin lebende österreichische Soziologe Gerald Knaus (European Stability Initiative) spricht im Interview mit Krisztián B. Simon über die politische Lage in Ungarn und über sinnvolle und sinnlose Kritik an der Orbán-Regierung: "Aussagen, die nicht in der Lage sind, das Problem zu benennen, verdienen in der Tat Spott. Ungarn erwies der Welt einen großen Dienst, als es zeigte, dass feige Redensart sinnlos sind. Wenn die Mitgliedsstaaten besorgt sind, dann sollten sie keine Angst haben zu sagen, warum das so ist. Denn Orbán spricht auch nicht durch die Blume, wenn er die EU angreift. Innerhalb der EVP ist Orbán ein meisterhafter Taktiker. Er schickt die Leute seiner Fraktion in das Europäische Parlament, die an die alte moderat-rechte, EU-freundliche FIDESZ erinnern, während man seine eigenen Reden nicht mehr von der Rhetorik der AfD oder von Marine Le Pen oder von der rechten Identitären Bewegung unterscheiden kann. (…) Die Kritik an der ungarischen Regierung ist nicht auf Geschmacksunterschiede in der Politik zurückzuführen. In Ungarn greift die in kurzfristigen Interessen denkende, von Ideologien gelenkte Regierung jenes Rahmensystem an, in dem auch sie prosperierte. Gleichzeitig unterminiert sie die demokratischen Institutionen. Dies ist eine Gefahr, die viele in der Parteienfamilie von Orbán, der EVP nicht erkannt haben."
Stichwörter: Knaus, Gerald, Ungarn, AfD

Magazinrundschau vom 20.10.2020 - Magyar Narancs

Die Dichterin und Kinderbuchautorin Zsuzsa Tamás hat vor kurzem ihren ersten Roman mit dem Titel "Tövismozaik" (Stachelmosaik) veröffentlicht. Im Interview mit Dénes Krusovszky spricht sie über das Postulat und Kanonisierungspotential von "Frauenliteratur": "Sie scheint immer noch ein zweitrangiges Thema zu sein, denn neben und nach den kanonisierten großen Väterromanen wurde die Sprache über Mütter noch nicht durchschlagend rezipiert. Das hängt auch mit der Ansicht zusammen, dass jenes 'Ding', das die Kritik als Frauenprosa identifiziert, immer noch nicht gleichrangig behandelt wird mit den großen 'Männerthemen'. (…) Wir könnten das langsam mal überwinden. Auch ich musste befürchten, dass mein Buch mit dem Attribut 'Frauenprosa' belegt wird. Aber im Moment scheint mir das befreiend zu sein, so dass ich mit hocherhobenen Hauptes sagen kann: Ja, so ist es!"

Magazinrundschau vom 22.09.2020 - Magyar Narancs

Anlässlich des Beethoven-Jahres spricht der Pianist András Schiff im Interview mit Judit Rácz u.a. über die entschwundene Klangvielfalt: "Wir verzerren die Stücke zwar nicht, doch dadurch, dass heutzutage jeder auf einem Steinway spielt, wird das Klangbild verengt. Die Menschen haben die Freude an der Vielfältigkeit verloren. In den Zeiten von Beethoven gab es allein in Wien um die einhundert Klavierbauer, was zu sehr vielfältigen Klavierklängen führte. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde viel auf Bösendorfer, Bechstein und Pleyel gespielt, doch nach dem Kriege erlangte Steinway fast eine Monopolstellung. (...) (Der Steinway) kann fast alles, aber es fällt ihm zum Beispiel in der Kammermusik schwer, sich unter die anderen Instrumenten oder die Gesangstimme zu mischen. (...) Ich habe vor kurzem Chopin auf einem Pleyel-Piano gespielt, auf dem Chopin komponierte. Auf dem ist Chopin ein ganz anderer Komponist als auf einem Steinway. Der Steinway ist ein Elefant. Wären doch die Pianisten ein bisschen neugieriger und würden sie doch auf alten Klavieren spielen, damit sie erfahren, wie die Stücke damals geklungen haben mögen, dann würden sie auch auf dem Steinway anders spielen."

Magazinrundschau vom 29.09.2020 - Magyar Narancs

Dóra Péczely ist Redakteurin beim Verlag Pagony, mit einer Reihe von Büchern, die insbesondere Jugendliche über 12 Jahren anspricht (Tilos az Á Bücher). Im Gespräch mit Dorka Czenkli erklärt sie, was ihrer Meinung nach das Ziel des Literaturunterrichts in der Schule sein sollte: "Es ist richtig, dass wir die literarischen Traditionen weitertragen sollen und es ist ebenfalls wichtig, das Textverstehen weiterzuentwickeln sowie die Herausbildung des ästhetischen Gechmacks und die tieferen Kenntnisse der Sprache zu fördern. Doch das Wichtigste wäre vielleicht doch, dass die Kinder zu lesenden Menschen heranwachsen. Dass die Literatur, das Theater als Quelle der Freude in ihrem Leben präsent sind. Ich denke überhaupt nicht, dass wir die Texte der Klassiker weglassen müssen, aber ich denke wohl, dass alles im geeigneten Alter gelesen werden soll. Mit etwa 16 Jahren kommt die Zeit, in der sich herausstellt, ob sich jemand für Literatur interessiert oder eben weniger. Das Ziel wäre, dass derjenige, der zur letzteren Gruppe gehört trotzdem gerne lesen soll, und derjenige der in die erste Gruppe gehört, auch die Geheimnisse der Werke von Péter Estehrázy, Virginia Woolf oder Karl Ove Knausgård etnschlüssel kann."

Magazinrundschau vom 18.08.2020 - Magyar Narancs

In Magyar Narancs sprechen mehrere Literaturschaffende, so auch der Libri-Literaturpreisträger von 2020, der im siebenbürgischen Szatmárnémeti (Satu Mare / Sathmar) geborene Schriftsteller Zsolt Láng, über die Beziehung von Mathematik und Literatur, auch in seinem letzten Roman über den Mathematiker Wolfgang Bolyai. "Die Beziehung zwischen Musik und Mathematik ist wesentlich eindeutiger als die zwischen Mathematik und Literatur. Denn Tonreihen können durch Zahlenverhältnisse niedergeschrieben werden, dafür gibt es Formeln. Die Literatur hat aber keine ausgearbeitete Mathematik, obwohl es Versuche gab, angefangen mit den antiken Griechen über Goethe bis Solomon Marcus. Die Beziehung betrifft am meisten die Sprache: wie soll ich das Zeichensystem erschaffen, mit dessen Hilfe ich etwas so eindeutig wie möglich formulieren kann. Es lohnt sich ebenfalls daran zu denken, dass auch die Mathematik - von dem Endlichen ausgehend - das Unendliche untersucht. Aus dem Konkreten das Allgemeine. (...) Die Kapitel können durch Primzahlen gekennzeichnet werden, denn die Erzählung ist lückenhaft, aus den linearen Ereignissen fallen dieses und jenes heraus, manchmal viele Jahre. Andererseits ist die Positionierung der Primzahlen in der Reihe der natürlichen Zahlen als eine Art DNA-Spirale, als Haltesäulen der Welt vorstellbar. (...) Auf der Ebene der Narrative ist dies ein Zeichen, dass Ereignisse nicht in und an sich passieren, sondern in weiten gegenseitigen Wirkungen."

Magazinrundschau vom 15.09.2020 - Magyar Narancs

Im Interview mit Dénes Krusovszky spricht der Schriftsteller György Spiró u.a. über die Möglichkeit von öffentlichen Debatten in Ungarn, sowie über die Aufgaben moderner Nationalstaaten. "Damit es Qualitätsdebatten gibt, bedarf es verbreiteter Zeitschriften, populärer Blätter, Veröffentlichungen und anerkannter Institutionen; das Großteil von diesen wurde aber aufgelöst, zugesperrt oder von anderen Organen einverleibt. Das geistige Leben braucht eine Infrastruktur, doch es blieben nur vereinzelte geistige Werkstätte übrig. Die Grundlage der Infrastruktur ist, dass die Schulpflicht ausgebaut und entwickelt wird, hier wird sie aber abgebaut. Wenn den Schülern die Lust zum Lesen frühzeitig genommen wird, gibt es nichts und niemanden, der über etwas debattieren könnte. Ein Gedankenaustausch findet nur noch in den durch die Älteren etablierten kleinen Informationsblasen statt, während die überwiegende Mehrheit der Staatsbürger keinen Zugang zu Qualitätsinformationen hat und nicht einmal weiß, was sie lesen sollte.(...) Das moderne nationalstaatliche Dasein ist mit Pflichten verbunden: die Wahrnehmung von Aufgaben im Bereich Soziales, Gesundheitswesen, Bildung und Kultur. Wenn der Staat diese Grundaufgaben an Stiftungen oder Kirchen outsourct, untergräbt er damit selbst den laizistisch-weltlichen Staat. Es wird zerstört, was seit dem 19. Jahrhundert durch zahlreiche Generationen mühsam aufgebaut wurde. Die Kulturen der kleinen Nationen müssen durch den Staat erhalten werden, denn wenn sie privatisiert werden, werden sie zugrunde gehen."

Magazinrundschau vom 28.07.2020 - Magyar Narancs

Die stellvertretende Rektorin der Budapester Universität für Film- und Schauspielkunst Eszter Novák spricht im Interview mit Szilvia Artner über die möglichen Auswirkungen der staatlich verordneten Umwandlung der Universität unter einem von der Regierung bestimmten Kuratorium. "Wir übergaben unsere Vorschläge und werden sehen, was passiert, ob sie mit uns sondieren. Laut der Regierung soll kein Ministerium mehr als als Betreiber der Universität fungieren, sondern ein professionelles Gremium, welches das Wachstum der unterschiedlichen Zweige vor Augen hat. Die Vorstellung ist in der optimistischen Variante großartig, in der Wirklichkeit besorgniserregend. Zeitlich und fachlich ist die Rechtskompetenz des Kuratoriums unbegrenzt, doch unsere finanziellen und infrastrukturellen Probleme werden hierdurch nicht gelöst werden (…). Sichtbar wird, dass die Regierung eine Art Privatisierung haben möchte, nach der die ideologische Kontrolle jedoch noch größer werden kann. Daraus kann aber auch folgen, dass mehr Gelder in die Lehre fließen. Es geht hier um das alte intellektuelle Dilemma der nichtdemokratischen Systeme: man muss zwischen der geistigen Unabhängigkeit und dem Wohlstand wählen."