Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

218 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 22

Magazinrundschau vom 10.09.2019 - Magyar Narancs

Im Interview mit Tibor Legát spricht der Filmregisseur Béla Tarr über Bedingungen künstlerischen Schaffens im heutigen Ungarn: "Ich müsste Kompromisse schließen, weil für meine Tätigkeit grundsätzlich Geld nötig ist. Wir können sehen, dass es in Ungarn für vieles Geld gibt und es ist offensichtlich, dass auch ich Geld bekäme, wenn ich darum bitten würde, doch dafür müsste ich einige Spielregeln akzeptieren, wozu ich allerdings nicht fähig bin. Wenn ich es schaffte, mein bisheriges Leben ohne Kompromisse zu leben, dann soll es auch so bleiben. (...) Selbst wenn die Erfolge - zwei Oscars, sowie der Goldene Bär und die Silbernen Bären - aufgrund des Vajna-Systems entstanden wären, würden sie das antidemokratische System nicht legitimieren; so wie Rubiks Zauberwürfel Kádár und sein Regime nicht legitimierte. Diese Filme sind persönliche Erfolge, sie wurden von talentierten Menschen gemacht, die selbst wissen, welche Kompromisse sie dafür eingegangen sind. Aber es ist ausschließlich ihr Erfolg und nicht der des Systems. Kultur kann nicht zentral gelenkt werden. (...) (Darum) bin ich auch nicht um die ungarische Kultur besorgt, denn sie entsteht autonom und nicht auf Bestellung. Das Petőfi Literaturmuseum kann enthauptet werden, sie können über Esterházy sagen, dass er 'kulturfeindlich' sei, sie werden trotzdem nicht gewinnen. Seit 1978 kenne ich das Kulturleben, seitdem gab es um die 30 Kultusminister und ich weiß gar nicht wie viele 'Zuständige'. Wer erinnert sich an sie? Wir haben uns nicht mal ihren Namen gemerkt. Und mit den jetzigen wird genau dasselbe passieren, während wir uns an Esterházy erinnern werden, solange es ein geschriebenes ungarisches Wort gibt."
Stichwörter: Tarr, Bela, Ungarn

Magazinrundschau vom 17.09.2019 - Magyar Narancs

Der Politologe András Bozóki (CEU) veröffentlichte vor kurzem ein neues Buch über die Rolle der Intellektuellen in Ungarn bei der Wende. (Gördülő rendszerváltás - az értelmiség politikai szerepe Magyarországon, Rollende Systemwende - die politische Rolle der Intelligenzija in Ungarn, L´Harmattan, Budapest 2019, 536 Seiten). Im Interview mit Zoltán Barotányi spricht er u.a. über die letzte Phase der Wende und den Rückzug der Intellektuellen aus dem öffentlichen Leben. "Zwar spielten Intellektuelle bei der ungarischen Wende eine führende Rolle, aber es ging ihnen nicht darum, an die Macht zu kommen. Sie wurden zunächst mangels anderer gesellschaftlichen Akteure (wie eine starke Bourgeoisie oder eine organisierte Arbeiterklasse) durch das entstandene politische Vakuum eingesogen - zu dessen Entstehung sie selbst viel beigetragen hatten. Die Intellektuellen waren die Verkünder der Demokratie, der Marktwirtschaft und der europäischen Integration. Und bis die Kapitalisten tatsächlich angekommen waren, halfen die Intellektuellen das alte System abzubauen, sie gründeten Parteien, verhandelten und schufen die Institutionen des neuen Systems mit. All dies dauerte bis 1994. Am Ende dieser Periode veränderte sich die Rolle der Intellektuellen. Auf jeden Fall gab es in den letzten einhundert Jahren keine Ära, in der Intellektuelle einen so großen Einfluss auf die Politik hatten, wie in dieser Zeit."
Stichwörter: Ungarn, Wende

Magazinrundschau vom 20.08.2019 - Magyar Narancs

Seit der Übernahme des Budapester Nationaltheaters 2013 durch den regierungsnahen Regisseur Attila Vidnyánszky sind die Zuschauerzahlen um über 50 Prozent zurückgegangen. Die staatlichen Fördersummen andererseits haben sich im selben Zeitraum mehr als verdoppelt. Ideologie reicht eben nicht, es braucht auch Professionalismus, ahnt Gergely Miklós Nagy: "Es kommt für ein Theater einem Selbstmord gleich, das gesamte Repertoire hinauszuwerfen, nicht nur weil dies ein riesiges Loch im Produktionsbereich hinterlässt, sondern weil dies auch das bisherige Publikum entfremdet. Theater ist auch Geschäft und aus den laufenden Produktionen muss das Bestmögliche herausgeholt werden. Es darf keine Produktion abgeschrieben werden, in der noch 20, 30 oder mehr Vorstellungen stecken. Wir wissen zudem, dass der Direktor mehrere große Namen bat, im Nationaltheater zu arbeiten, doch abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen haben alle abgesagt. So gibt es kein dominierendes Gesicht, kein Profil auf der großen Bühne, aber auch junge Regisseure werden nicht eingeladen. Es war ebenfalls nicht hilfreich, dass sich der Direktor mit einem bedeutenden Teil der Kritiker zerstritten hat. Das Projekt von Vidnyánszky ist eine Ein-Mann-Show, die sich um die eigene Achse dreht... Die zahlenden Gäste tun inzwischen das, was sie auch bisher taten: sie stimmen mit ihren Füßen ab, denn in Budapest gibt es Alternativen. Die Verluste des Nationaltheater werden dann genauso kompensiert wie leere Fußballstadien: aus Haushaltsmitteln mit Steuergeldern."
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Magazinrundschau vom 13.08.2019 - Magyar Narancs

In einem Interview mit Anita Marko spricht der Schriftsteller Pál Závada anlässlich seines neu erschienen Romans über Kompromisse und Gleichgültigkeit gegenüber der Macht und wehrt sich gegen Angriffe aus dem Regierungslager. "Wir können es erneut aufzählen, damit klarer als sonnenklar wird, was hier läuft, doch all das löst kaum noch Entrüstung aus. Ende des letzten Jahres gab es eine Demonstrationswelle, ein wenig Hoffnung schimmerte auf - dass wir sie abebben ließen, dass erneut Gleichgültigkeit herrscht, das ist unsere gemeinsame Schande. In der Zwischenzeit werden die Räume immer enger. Viele von uns wurden letztes Jahr (…) wiederholt verunglimpft, unter anderem wurde gefragt, was wir im Literaturmuseum täten. Was wohl? Wir versuchten unsere Arbeit zu tun, verabschiedeten trauernd Imre Kertész und Péter Eszterházy. Und auch jetzt stellen die Verluste das größte Problem für unsere Literatur dar, dass János Térey starb, davor Dezső Tandori."

Magazinrundschau vom 27.08.2019 - Magyar Narancs

Im Interview mit Anna Szalai sprechen die Hochschullehrerin Zsófia Csomay (Moholy-Nagy Universität für Kunst und Design) und der Architekt, Designer und Bühnenbildner László Rajk über die Situation der Architektur im heutigen Ungarn. "Die Entscheidungsträger und die Architekten hätten wesentlich wichtigere Aufgaben als das Heraufbeschwören der Geschichte, denn sehr schnell müssen Antworten auf die Probleme des Klimawandels und der Wohnungsnot gefunden werden. Andererseits ist es ein Skandal, dass während wir für unglaublich viel Geld alte Träume reinkarnieren lassen, niemand mit der überraschend homogenen Textur von Budapest etwas anfangen kann. Diese einheitliche Baustruktur konnte bisher erhalten werden, obwohl ihre Zerstörung bereits anfing. (...) Doch ohne Zweifel wendet sich der architektonische Geschmack der geistigen Elite rückwärts. Es ist bezeichnend, dass die Moderne für die Intellektuellen der Gegenwart das Bauhaus ist - ein totales Missverständnis, denn es ist der Abdruck einer hundert Jahre alten Epoche. Wenn jemand 1930 gesagt hätte, dass wir den 1830ern Jahre folgen sollten, dann wäre er ausgelacht worden. Heute ist derjenige verdächtig, der davon Abstand halten möchte. Es ist schwer, die Politik verantwortlich zu machen für mangelnde Risikobereitschaft, fehlende Offenheit und Neugier, wenn die Intellektuellen selbst immer nur zurückblicken. Das Schweigen vereinnahmt die ganze Gesellschaft. (...) Doch ich akzeptiere es nicht, dass der einzige Grund hierfür die Angst sei. Nach der Öffnung in der kurzen Periode nach der Wende, dreht sich das Land nach Innen. Die Elite - die Mehrheit der Architekten inbegriffen - orientiert sich nicht, sie ist an ausländischen Trends nicht interessiert und auch ungarische Ereignisse lassen sie kalt."
Stichwörter: Ungarn, Klimawandel

Magazinrundschau vom 02.07.2019 - Magyar Narancs

Im Zuge der der Wende vor dreißig Jahren wurde auch der hingerichtete Reformkommunist und Ministerpräsidenten der 1956er Revolution Imre Nagy rehabilitiert und umgebettet. Bei den offiziellen Erinnerungsveranstaltungen und Erzählungen wird jedoch Ministerpräsident Orbán, der 1989 als junger Mann eine viel beachtete Rede hielt, nun als Schlüsselfigur, Antreiber und Organisator der Wende inszeniert und dargestellt. Der Historiker András Mink beschreibt Facetten dieser Erinnerungspolitik: "Das Imre-Nagy-Bild der heutigen Regierung ähnelt sehr dem Zerrbild der Kádár-Ära. (...) Imre Nagy und die Reformkommunisten konnten nicht die geistigen und politischen Anführer und Helden der Revolution gewesen sein, lediglich Nebendarsteller mit tragischen Schicksalen, die auf Druck des protestierenden Volkes und der Straße aus Zwang gehandelt hatten, denn sie waren ja Kommunisten. Ihr ungewolltes Märtyrertum verdiene zwar ein wenig Respekt. Doch nicht mehr. (...) Die wahren Helden waren nicht sie, sondern die 'Budapester Jungs'. Diese Interpretation manifestierte sich beim Gedenkjahr für 1956 vor drei Jahren und sie wurde voll entfaltet bei der gestohlenen 30-Jahr-Feier der Umbettung Nagys. Hauptakteure der Geschichte sind nicht mehr Imre Nagy und seine Kameraden, sondern der größte Junge der "Budapester Jungs", Viktor Orbán, der mit seiner Rede die Systemwende einläutete und das kommunistische Regime eigenhändig beendete. Diesen unverschämten, verunglimpfenden Schritt kann nur als zweiter symbolischer Diebstahl an der Imre-Nagy-Gruppe betrachtet werden."

Magazinrundschau vom 23.07.2019 - Magyar Narancs

Im Gespräch mit der Lyrikerin Orsolya Karafiáth kritisiert die Schriftstellerin und Lyrikerin Krisztina Tóth  die Tendenzen und Auswirkungen der Vermarktung im Literaturbetrieb. "Einerseits hat sich ergeben, dass ich erneut ein Kleinkind erziehe und so bleibt mir sehr wenig Privatzeit, die ich mit Schreiben verbringen kann. Andererseits mag ich die gegenwärtig modische Art des Buchmachens nicht, wenn irgendwelche Marketingleute bei den Verlagen verkaufsattraktive Themen aufwerfen und dazu einen Autor suchen. Wir sollten daran glauben, dass Schriftsteller eigene Ideen haben, sie diese auch entwickeln können, sie sollen also in Ruhe gelassen werden! Wir sollten Literatur nicht als Mittel zum Zweck betrachten! Als ich mich vor zwei Jahren dabei ertappte, dass ich mit meinen eigenen Arbeiten wegen der ganzen anderen Aufgaben nicht vorankam, sagte ich: Stop! Heutzutage werden keine Schriftsteller erwartet, sondern formbare junge Wesen, die nach Marktaspekten entwickelt werden können. (…) Ich kann und will diese Tendenz nicht bedienen, bei der der Text eigentlich zweitrangig ist und sich alles zu einer Kampagne auftürmt. Ich mag den Zirkus nicht."

Magazinrundschau vom 11.06.2019 - Magyar Narancs

Die Philosophin Ágnes Heller - Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA) - spricht anlässlich ihres 90. Geburtstages in einem großen Interview über die Zukunft der Akademie. Die MTA soll nach dem Vorhaben der Regierung ihre angegliederten Forschungsinstitute verlieren. Laut Kritiker geht es dabei einerseits um die Einschränkung der Freiheit der Forschung, andererseits um die Kontrolle über die in Aussicht gestellten Fördergelder der EU aus dem Rahmenhaushalt 2021-27 für Forschung und Entwicklung. "In meiner Kindheit lernte ich die Geschichte vom Wolf und Schaf. Es ist eine ewige Wahrheit: das Schaf kann noch so rational argumentieren, der Wolf wird es in jedem Fall fressen. Das wird auch mit den Instituten (der Akademie) passieren, egal wie sehr sie sich widersetzen, egal welche Abmachungen sie treffen. (…) Es gibt an der Akademie wahre Empörung, doch die Menschen werden sich mit der Zeit beruhigen, wenn sie von Kompromissen hören, denn sie sehen nicht, worauf das Spiel abzielt. Ich habe in der Horthy-Ära gelebt, in der Rákosi-Ära, in der Kádár-Ära. Ich weiß, worum es geht. (…) Die Institute werden verstaatlicht und ihr Geld wird für Leute gestohlen werden, die nichts mit Wissenschaft zu tun haben (…) Es werden immer mehr über wissenschaftliche Fragen von Außen entschieden werden, denn sie sind ja große Wissenschaftler, wie auch Stalin ein 'großer' Linguist und Biologe war."

Magazinrundschau vom 07.05.2019 - Magyar Narancs

Der Schriftsteller János Háy denkt über Versuche einer Kanonbildung sowie über die Auswirkung dieser Versuche auf die (Un-)Abhängigkeit der Künstler nach. "Es gibt immer eine zeitgenössische kanonbildende Intention und es ist ersichtlich, wer diesmal dazugehört. In den 90ern und den 2000ern Jahren wurden die Autoren um die Verlage Magvetö und Holmi mit Preisschildern versehen. Jetzt versucht es eine Kraft außerhalb der literarischen Profession mit einer Wiederholung. Im Interesse der Schaffenden steht aber, dass die zeitgenössische Kultur mehrere Zentren hat und die Schriftsteller in die Lage versetzt werden, zwischen ihnen zu manövrieren, damit man nicht in den Arsch der Macht kriechen muss. Wenn du anfängst die Karre einer meinungsbildenden Kraft zu schieben, dann ist zu befürchten, dass du künstlerisch auf die Nase fällst, denn du versuchst freiwillig konform zu sein. Dieser Konformismus hat als offensichtliche Konsequenz, dass eine künstlerische Entstellung eintritt, denn du dienst einem fremden Willen oder besser gesagt einem ästhetischen Paradigma."
Stichwörter: Ungarn, Hay, Janos

Magazinrundschau vom 19.03.2019 - Magyar Narancs



Viktoria Traubs "Meerjungfrauen und Nashörner" ist der erfolgreichste ungarische Animationsfilm der vergangenen Jahre, so lief er u.a beim Animationsfilm-Festival in Annecy, wurde auf Arte gezeigt und kam nun in Ungarn als Vorfilm zusammen mit Christian Petzolds "Transit" in die Kinos. Im Gespräch mit Tamás Soós freut sich Produzentin Polett Dús über den unerwarteten Erfolg, findet es aber auch "traurig, dass viele hervorragende ungarische Animationen die Zuschauer nicht erreichen. So war es von Anfang an unser Ziel, dass unser Film auch in den Kinos gespielt wird. Dafür bedarf es über die pure Absicht hinaus der Filmpreise auf Festivals wie in Annecy. Nach der Nominierung von Annecy kontaktierte uns der deutsch-französische Fernsehsender ARTE, der den Film inzwischen ausgestrahlt hat. (...) Vielleicht ist 'Meerjungfrauen und Nashörner' keine leichte Kost, die der Mensch sofort verdaut, doch er hat eine universelle Botschaft und Qualität, darum konnte es passieren, dass er von Kalifornien bis Bangalore in sehr unterschiedlichen Kulturen ausgezeichnet wurde. Auch der von uns ausgesuchte ungarische Vertreiber mochte den Film, und so war der passende Premierenfilm, der Film von Christian Petzold schnell gefunden, mit dem "Meerjungfrauen und Nashörner" inhaltlich zusammenpasst." (Hintergrund: