Magazinrundschau

Wie ein schnarchender Roboter

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
05.04.2022. Putin und Dugin erinnern Magdalena Platzová in iLiteratura.cz an all jene verkrachten Gestalten, "die seit je mit alkoholvernebeltem Kopf oder in religiöser Verwirrung oder beidem durch die russische Literatur wanken". Atlantic besucht die neuen Engelmacherinnen in den USA und testet ihre Maschinen. In La Vie des Idées macht Militärhistoriker Bruno Cabanes klar, dass eine Geschichte des Kriegs eine Kulturgeschichte sein muss. Magyar Narancs hofft, dass sich die EU mit Orban keinen Taschen-Putin züchtet.

iLiteratura (Tschechien), 01.04.2022

Die tschechische Schriftstellerin Magdalena Platzová fragt sich in einem Essay, was Russland den Bewohnern eines neuen, großrussischen Eurasien denn anzubieten hätte: "Russland hat keine Philosophie, auch keine Küche wie China. Es hat nicht Yoga. Nicht Zen. Weder Manga noch Sushi. Es hat auch kein Hollywood. Keine Pizza. Russland hat überhaupt nichts, womit es ein breiteres Publikum verlocken könnte, nichts, was in der gegenwärtigen Welt relevant wäre. Die vom Staat korrumpierte orthodoxe Kirche interessiert keinen außer die Serben, und auch das nur, weil sie keine Wahl haben." Putin und sein Hofeinflüsterer Dugin stellten sich ihr Reich wohl wie eine Matrjoschka vor: "Ein Großrussland, in das die anderen Länder hübsch ordentlich nach Größe eingeordnet werden: Armenier, Georgier, Ukrainer, Kasachen, Litauer, Esten und andere. Und wenn sich die große Puppe leert, ist sie hohl wie ein Fass. Ein großes Nichts. Das man am besten mit Vodka runterspült. (…) Das die Ukraine angreifende Russland ist wie ein Betrunkener, der aus Verzweiflung über sein gescheitertes Leben seine Frau erwürgt und dabei weint: 'Ach, ich Armer, warum hast du mich dazu gezwungen, wir hätten doch so schön miteinander leben können, das hast du jetzt davon!' Das Selbstmitleid des Mörders, die abstoßendste psychologische Volte, wie sie genial von Dostojewski beschrieben wurde. Übrigens wird dieses ganze russische Unglück, dessen Zeugen wir in Direktübertragung sind, auch bei Bunin, Gogol, Tschechow, Tolstoi, Puschkin, Bulgakow und anderen geschildert. Aus den Äußerungen von Putins strategischem Berater für Auslandspolitik, dem bekennenden Faschisten, Satanisten, Okkultisten und Misogynen Alexander Dugin können wir das betrunkene Gelalle all dieser verkrachten, selbstzerstörerischen Gestalten hören, die seit je mit alkoholvernebeltem Kopf oder in religiöser Verwirrung oder beidem durch die russische Literatur wanken und die meistens, ehe sie selbst zugrunde gehen, noch möglichst viele Menschen in den Abgrund reißen."
Archiv: iLiteratura

Merkur (Deutschland), 01.04.2022

Das Bundesverfassungsgericht hat schon immer auch politische Entscheidungen gefällt, räumt Uwe Volkmann ein, aber mit Blick auf das Urteil zur Klimagerechtigkeit für künftige Generationen sieht er eine neue Stufe erreicht. In der enormen Politisierung dieses Verfahrens sieht Volkmann das Ergebnis einer Moralisierung des Rechts, die den Kampf für die gerechte Sache vor gerichten austragen will: "Damit fügt es sich in eine Form der Prozessführung, die in den letzten Jahren immer weiter professionalisiert worden ist und sich mittlerweile ihrerseits zu einem eigenen Typus verfestigt hat, der 'strategic litigation' genannt wird: als, wie es auf einer einschlägigen Internetseite heißt, Versuch, 'weitreichende gesellschaftliche Veränderungen über die Einzelklage hinaus zu bewirken'. Auch zahlreiche andere Fälle vor dem Bundesverfassungsgericht der jüngeren Zeit lassen sich ihm zuordnen: Hinter den Klagen gegen Verschärfungen der Polizei- und Sicherheitsgesetze stand und steht regelmäßig die 'Gesellschaft für Freiheitsrechte e.V.', die gerade zu diesem Zweck gegründet wurde und ein 'Besseres Recht durch strategische Klagen' zu ihrem Vereinsmotto hat; die Klage zur Anerkennung eines dritten Geschlechts im Personenstandsrecht war betrieben von einer 'Kampagne für eine dritte Option', die sich mittlerweile offenbar aufgelöst hat, nachdem sie ihre Ziele durch das Urteil erreicht sah."

Elena Meilicke erliegt der schauerlichen Faszination der Mommy Media: "Ich sehe den gesponsorten Content, die kaum verhüllten Werbe- und Verkaufsabsichten, ich sehe den Konservatismus und Klassismus in diesen Darstellungen erfolgreicher Mutterschaft. Ich sehe, wie eng abgesteckt das Feld dessen ist, was als 'gute' und erstrebenswerte Mutterschaft angepriesen wird: Geld muss sie haben, einen Mann muss sie haben, Geschmack und Stil, und natürlich Kinder muss sie haben, viele, je mehr desto besser. Ich sehe das alles, und dennoch üben diese Seiten eine unwiderstehliche Faszination auf mich aus. Gierig sauge ich die Bilder von einem schönen, hellen, strahlenden Familienleben ein, die so frei sind von Sorgen, Nöten, schlechten Gefühlen und beengten Verhältnissen, von Selbstzweifeln und Eintönigkeit."
Archiv: Merkur

New Yorker (USA), 05.04.2022

Rebecca Belmore: "ishkode (fire), 2021

Kaum Malerei, viele Videoarbeiten und Installationen entdeckt Peter Schjedahl auf der Whitney Biennale für amerikanische Gegenwartskunst und erkennt nicht nur eine Emazipation vom Kunstmarkt, wie er im New Yorker schreibt, sondern auch einen Trend weg vom persönlichen Gefühl hin zu einer gemeinsamen Erfahrung: "Erwarte nur niemand, auf den ersten Blick viel zu verstehen. Im Mittelpunkt der Arbeit 'ishkode (fire)' von Rebecca Belmore, einer Anishinaabe-Künstlerin aus Kanada, steht die Darstellung eines in Ton gegossenen Schlafsacks, der sich aufgenscheinlich um eine stehende Figur hüllt, die selbst nicht zu sehen ist. Um sie herum auf dem Boden liegen Tausende von kleinkalibrigen Patronenhülsen, vermischt mit Kupferdraht. Die Arbeit ist wunderschön, bevor man darüber spekuliert, was sie beabsichtigt, aber auch danach. Die Arbeit zeichnet sich durch eine sorgfältige Gestaltung aus, die für zahlreiche Werke der Ausstellung typisch ist. Ich kann mir vorstellen, dass die pandemische Isolation, die Künstler gleichzeitig ihrer Karriezwänge beraubt und befreit hat, eine einsame Kultivierung von Perfektion begünstigt hat."
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Archiv: New Yorker

En attendant Nadeau (Frankreich), 04.04.2022

Als sehr nützlich erweist sich ein Kompendium, das eine ganze Reihe von Historikern gegen Eric Zemmours Geschichtsklitterei zusammengestellt hat und viele der von Zemmour verbreiteten Geschichtslügen von König Chlodwig über den "Genozid" in der gegenrevolutionären Vendée bis hin zu Pétain so gern verbreitet. Solène Minier stellt es vor. Was sie über Zemmours Bild von Algerien schreibt, erinnert an Putins Klitterungen über die Ukraine: "Algerien sei 1830 von Frankreich als Eroberer aus dem Nichts geschaffen worden. Die Algerier ihrerseits hätten ihre Unabhängigkeit nur durch die Nachsicht eines barmherzigen de Gaulle erlangt."

Gallimard vertreibt den schmalen Sammelband für nur 3,90 Euro, auch als Ebook. Die Historiker äußern sich auch in einem Video, in dem sie sich an ein großes Publikum wenden:

New York Times (USA), 31.03.2022

Wer um 2000 nach New York reiste und sich für Film interessierte, hat wahrscheinlich mehrere Stunden in der legendären, mehrstöckigen Videothek "Kim's Video" verbracht, wo es gefühlt sogar das gab, was es nicht gibt. 2009 musste der Laden schließen - die gigantische Filmsammlung wurde (unter Tränen der New Yorker Cinephilie) nach Italien verschifft, wo sie den Grundstock eines Kulturzentrums bilden sollte, das sich jedoch nie materialisiert hat. Nun ist sie nach New York zurückgekehrt, berichtet Gabe Cohn in einer an skurrilen Anekdoten nicht armen Reportage: Die ursprünglich in Austin gegründete (und wie "Kim's Video" ähnlich legendäre) Kinokette Alamo Drafthouse hat sich die 550 Kartons umfassende Sammlung unter den Nagel gerissen, um damit ihre Dependance in Manhattan um eine Videothek zu erweitern. Dahinter steckt "eine Langzeitstrategie, um die Alamo-Kinos zu Orten umzugestalten, an denen man länger verweilt, die eine physischere Erfahrung bieten als ein Streamingdienst. Schon ursprünglich grenzte sich die Kette von ihren Mitbewerbern mit ähnlichen Formen gehobenen Geektums ab - inklusive Gourmetburgern, loungigen Kipp-Sesseln und Lobbys voller Erinnerungsstücke. Doch nun, da der Gang ins Kino sich in einen Streamingkrieg verwandelt hat, bei dem tausende Filme nur einen Klick weit entfernt liegen - worin könnte da die Bedeutung einer Videothek im Jahr 2022 bestehen? ... Für Skip Elsheimer, der das Videoprojekt von Alamo leitet, besteht der fundamentale Aspekt eines Besuchs in einem Videoladen vielleicht gerade darin, die Cover durchzusehen, deren Gestaltung eingehend zu betrachten und die Texte auf der Rückseite zu lesen. 'Wenn die Leute diese Erfahrung machen und damit die Erfahrung, wie es damals war, zu Kim's zu gehen, dann ist das schon ein Erfolg', sagt er. 'Wenn sie was ausleihen, dann ist das großartig. Wenn sie ein Kim's-T-Shirt oder einen Aufkleber mitnehmen, ebenso.' Aber bei der Videothek im Alamo-Kino in Raleigh fangen die meisten Gäste mit dem Stöbern an und belassen es auch dabei. 'Die schnappen sich ein Bier und klappern einfach die Regale ab', sagt er. 'Irgendwas daran fühlt sich einfach irre gut an. Es kitzelt das Gehirn.' Bei Alamo soll das Verleihgeschäft Teil einer Erfahrung sein, der größeren des Kinobesuchs. Und nun, da die meisten Videotheken verschwunden sind (...) ist dies vielleicht tatsächlich die Art, wie ein moderneres Publikum von heute Videotheken auffassen könnte, insbesondere was jüngere Generationen betrifft, die solche Läden nie selbst besucht haben."

La vie des idees (Frankreich), 28.03.2022

Kriege wie Putins Angriffskrieg auf die Ukraine sind getrieben von einer kulturellen Vision, und darum braucht es eine Kulturgeschichte des Kriegs, sagt der in Ohio lehrende Militärhistoriker Bruno Cabanes in einem luziden Gespräch mit Florent Guénard: "Man kämpft immer mit dem, was man ist: Das ist es, was uns ein halbes Jahrhundert Arbeit an der Kulturgeschichte des Krieges gelehrt hat. Was sich in Konflikten abspielt, ist tief in der kollektiven Vorstellungswelt vergraben. Wie sonst ließe sich erklären, dass beispielsweise die von Serbien eingeleitete Kampagne der ethnischen Säuberung in einer wortreichen Rede angekündigt wurde, die der nationalistische Führer Slobodan Milosevic am 28. Juni 1989 zum 600. Jahrestag eines Ereignisses hielt, das im übrigen Europa so gut wie unbekannt war: die Schlacht auf dem Amselfeld? Die Aufgabe der Historiker besteht nun darin, die Fäden zu entwirren, die diese Episode der Militärgeschichte des 14. Jahrhunderts mit den Gräueltaten, die Ende des 20. Jahrhunderts begangen wurden, verknüpfen." Auch durch die Form der Gewalt gegen Städte und Zivilisten, sinsd Putins Kriege mit denen im ehemaligen Jugoslawien verbunden, sagt Cabanes.

In Frankreich kursiert mehr noch als in Deutschland der Topos, dass rechte Literaten die besseren Stilisten seien. Vincent Berthelier geht diesem Topos in einem sehr kenntnisreichen Essay auf den Grund. Zu den Autoren, die dieses Märchen verbreiteten, gehörten in Frankreich nach dem Krieg die "Husaren", eine Gruppe reaktionärer Dandys, auf die sich auch die Nouvelle Vague bezog. Die politische Funktion dieses Diskurss war es für Berthelier, "das Engagement der literarischen Rechten für Vichy und Hitler während der Besatzungszeit zu minimieren und die älteren Kollegen (Louis-Ferdinand Céline, Paul Morand, Jacques Chardonne, Pierre Drieu La Rochelle und so weiter) zu rehabilitieren, indem sie diese als Stilisten darstellen." Die meisten dieser Autoren sind heute nur mehr für Literaturwissenschaftler interessant, aber bei Céline wirkt der Topos des Stilisten bis heute fort. Über ihn schreibt Berthelier: "Mit der Entwicklung eines Stils, der von der gesprochenen Sprache inspiriert ist, strebt Céline nicht nur nach Authentizität: Er will das Volk als ethnisch gesundes und homogenes Element ansprechen, die 'weiße Bauernrasse' wachrütteln. In der Zeit der Pamphlete (und vielleicht sogar schon vorher) wurde Célines Stil also von seinem Autor als rassistisch, nationalistisch und mobilisierend konzipiert. Erst in der Nachkriegszeit entpolitisierte Céline aus taktischen Erwägungen seinen Diskurs über den Stil und betonte die formale Dimension seines Werks."

The Atlantic (USA), 01.05.2022

In den USA sind Schwangerschaftsabbrüche bisher grundsätzlich legal, das regelt das Urteil Roe vs. Wade, das 1973 zu Gunsten des Selbstbestimmungsrechts von Frauen entschied. Viele fürchten jetzt um den Bestand dieser Freiheit, die schon jetzt von etlichen Bundesstaaten beschränkt wird. Sie erschweren Frauen den Zugang zu Informationen, treiben die Kosten in die Höhe oder schließen Kliniken, die Abtreibungen durchführen. Jessica Bruder besucht für ihre umfangreiche Reportage Frauen, die sich im Untergrund organisieren, um sich auf risikoarme Abtreibungen unabhängig von öffentlich Institutionen vorzubereiten. Neben Medikamenten, die einen Schwangerschaftsabbruch einleiten, stellt die Reporterin auch den Del-Em vor, ein Gerät das den Fötus durch Unterdruck absaugt und aus handelsüblichen Materialien einfach selbst hergestellt werden kann. Es wurde bereits 1971 von Lorraine Rothman entwickelt und als "Absauger von Menstruationsblut" getarnt: "Spät im Januar besuchte ich drei Frauen einer Gruppe von der Westküste, die sich mit den 'Absaugern' beschäftigten. Sie wurde 2017 von einer Sexualerzieherin, ich nenne sie Noah, auf einer 'Anti-Roe'-Plattform gegründet, die damit auf die Präsidentschaftswahl Donald Trumps reagierte. Wir vier saßen in einem Bungalow, aßen Käse und Cracker, während auf einem Bildschirm an der Wand ein Lagerfeuer knisterte. Die Gruppenmitglieder sprachen über den Zugang zu Abtreibungen - von dem sie hofften, dass er sich verbesserte, indem sie Aktivist*innen in stark regulierten Bundesstaaten das 'Absaugen' beibrachten. Sie hatten bereits Besucher*innen aus Kentucky und Texas geschult und planten, einige aus Ohio aufzunehmen. Nachdem wir fast zwei Stunden lang sprachen, reihten wir uns in einem Schlafzimmer für eine praktische Demonstration ein. Eine Frau, ich nenne sie Kira, schloss einen Del-Em an eine rosa Spectra-S2-Brustpumpe an. Nachdem sie angestellt wurde, begann die Maschine in regelmäßigen Intervallen zu surren und zu klicken, es klang wie ein schnarchender Roboter. Norah, die zwar nicht schwanger war, aber gerade menstruierte, zog sich von der Hüfte abwärts aus und legte sich aufs Bett. Gekonnt führte sie das Spekulum in ihren Vaginalkanal ein, um direkten Zugang zu ihrem Muttermund herzustellen. Kira begann, die Kanüle einzuführen. 'Ich bin an deinem Eingang' sagte sie und meinte die Öffnung des Muttermunds. 'Ist es in Ordnung einzudringen?' 'Leg los', antwortete Norah. Um die Zeit rumzubringen, begann die Gruppe zu plaudern - warum gibt es noch Fax? - bis Blut in dem Aquariumsschlauch erschien. Nach fünfzehn Minuten des Absaugens, verstopfte ein kleiner Klumpen, nichts Ungewöhnliches, die Kanüle. Weil das hier nur eine Übung war und Norah begann, Krämpfe zu bekommen, beschlossen sie aufzuhören. Kira entfernte die Kanüle und ließ sie in das Einwegglas abtropfen, in dem sich der Inhalt sammelte: 2,5 cm Blut. Und dann war es vorbei."
Archiv: The Atlantic

Magyar Narancs (Ungarn), 05.04.2022

In einem Editorial positionierte sich Magyar Narancs noch vor den Parlamentswahlen, bei der die Partei des amtierenden Ministerpräsidenten Viktor Orbán erneute eine weitere Zweidrittel-Mehrheit erlangte. "Nehmen wir also an, dass die Orbán-Regierung ihre 'Arbeit' unter den bekannten Bedingungen fortsetzt. (...) Internationale Isolierung wird es geben, aber kaum Geld - denn hoffen wir, dass es der Europäischen Union nicht einfällt, der Orbán-Regierung Zugang zum Wiederaufbaufonds zu gewähren. Eigentlich müssten selbst die Auszahlungen und Transferleistungen aus dem gewöhnlichen Haushalt verweigert werden. Es gab Wahlbetrug, und die Union will ja keinen Taschen-Putin finanzieren."

Elet es Irodalom (Ungarn), 05.04.2022

Der aus der Vojvodina stammende Soziologe György Szerbhorváth fühlt sich in Élet és Irodalom durch den Ukraine-Krieg nicht nur an die Belagerung von Sarajewo vor dreißig Jahren erinnert. "Entgegen einer weit verbreiteten Meinung denke ich, dass der Krieg in der Ukraine nicht der erste nach 1945 in Europa ist. Es ist kennzeichnend für die Erinnerungskultur, dass 1956, die erste sowjetische 'besondere Militäroperation' verdrängt wird, genauso wie die Belagerung der Tschechoslowakei von 1968. Als wären sie nie passiert. Auch die südslawischen Kriege werden bemäntelt, obwohl der internationale Strafgerichtshof in Den Haag die Haupttäter zur Rechenschaft zog - die kleineren Kriegsverbrecher wurden jedoch laufen gelassen. Dies gilt besonders für die serbischen Kräfte, die an der Belagerung Sarajewos beteiligt waren. Die bizarrsten dabei sind vielleicht die Fälle jener Gastarbeiter im Westen, die an den Wochenenden in die Berge am Rand der Städte fuhren, um als Scharfschützen die dortigen Einwohner zu terrorisieren. (…) Man ließ sie laufen, so wie die russischen Verantwortlichen des gegenwärtigen Krieges entkommen werden, im Zeichen eines noch scheinheiligeren Weltfriedens."
Stichwörter: Erinnerungskultur

Pitchfork (USA), 31.03.2022

Mehr noch als in Deutschland könnte man beim Blick in die USA den Eindruck gewinnen, dass die Pandemie geschlagen sei. Insbesondere die Musik- und Konzertbranche schwenkt zielstrebig in den Status quo Ante zurück, berichtet Nina Corcoran. Doch insbesondere im Independent-Segment mehren sich die Stimmen von Künstlern, die ihre Fans inständig darum bitten, auf Konzerten weiterhin Maske zu tragen - dies auch im Zuge des SXSW-Festivals in Austin, einem Großereignis der US-Musikszene, das sich Mitte März zum Superspreader ausgewachsen hat, nach dem zahlreiche Festivalarbeiter und Musiker über eine Covid-Erkrankung klagten. "Auch Künstler wie Mitski und Justin Bieber hatten kürzlich positive Tests in ihrem Tour-Team. Verschobene Konzerte und die mögliche Aussicht auf Tourausfälle waren die rasche Folge. Für einen Künstler mit einer langen Karriere und anhaltendem Ruhm wie Bieber sind Ausfälle verkraftbar. Für aufstrebende Bands und unabhängige Musiker aber sind Touren absolut unverzichtbar, um eine Karriere aufzubauen. Oft bilden sie auch die zentrale Säule ihres Einkommens. Wenn diese Musiker sich Covid-19 einfangen, gehen potenziell hunderte, wenn nicht tausende Dollar den Bach runter." Doch "wie schwierig ist es für Musiker, Maskenauflagen auf eigene Faust durchzusetzen, wenn ein Veranstaltungsort nicht willens ist, dies einen Abend lang auf die eigene Schulter zu nehmen? In einer idealen Welt könnte die Musikbranche von der Filmindustrie lernen. Für Fernseh- und Filmsets haben die Firmen Leute angestellt, die darauf achten, dass die für eine sichere Arbeitsumgebung nötigen Covid-Regeln beachtet werden - dazu zählen unter anderem Tests, Symptomkontrolle und Vorsichtsmaßnahmen mit Masken. Im letzten Sommer erzählte Eric Frankhouser, der langjährige Tourmanager der Band Wilco, dass er unabhängige Leute angestellt hat, die bei den großen Outdoor-Shows mit Sleater-Kinney 'den Backstage-Bereich überprüfen und sicherstellen, dass alle Maske tragen'. Bands wie die beiden, die auch größere Hallen füllen, können es sich leisten, diese Art professionellen Sicherheitsmanagements anzuheuern. Bands und Künstler, die ohne Agent auf eigene Faust touren, können dies typischerweise nicht."
Archiv: Pitchfork