Magazinrundschau

Verbannt das Grün!

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
19.07.2022. Der New Yorker schippert auf einer Superjacht über die Untiefen des faustischen Kapitalismus. In Lidove noviny blickt Miloš Urban auf das von der russischen Highsociety verlassene Karlsbad. Republik erzählt die Geschichte der russischen Suchmaschine Yandex. In Elet es Irodalom fragt sich Gáspár Miklós Tamás, von welcher Plattform wir heute noch auf Kapitalismus blicken können.  Die LRB erzählt, wie der Lockdown an den Nerven der Shanghaier zehrte. Und Filmdienst würdigt den Filmemacher Shinji Aoyama, der sich konsequent Japans Schönheit verweigerte.

New Yorker (USA), 25.07.2022

Als Jacht gilt jedes Boot mit einer Crew an Bord, die Klassifizierungen für Super-, Mega- und Gigajachten variieren allerdings, lernt Evan Osnos in seinem großen Bericht aus der Welt der Superreichen. 2021 wurden 187 Superjachten verkauft, ein Rekord, zweimal mehr als im Jahr davor. Ihre Beliebtheit resultiert aber nicht nur daraus, lernt Osnos, dass sie einfach das Allerteuerste sind, was man derzeit kaufen kann (an Land kann man für ein Anwesen nicht mehr als 250 Millionen Dollar hinlegen), oder daraus, dass sie meist an den Behörden vorbei offshore registriert werden oder dass sie ein Symbol für den "faustischen Kapitalismus" geworden sind, der die Werte der Demokratie gegen kurzfristige Profite verhökert: "Für die Jachtbesitzer  und ihre Gäste bietet ein 'weißes Boot' einen diskreten Marktplatz für den Austausch von Vertrauen, Gunst und Anerkennung. Wie genau die Mechanismen dieses Handels funktionieren - die Regeln und Ängste, Strategien und Beleidigungen - ließ ich mir von Brendan O'Shannassy erklären, einem altgedienten Kapitän und eine Art Kurator für Jachtwissen. O'Shannassy wuchs in Westaustralien auf, ging als junger Mann zur Marine und fand schließlich seinen Weg als Skipper auf einigen der größten Jachten der Welt. Er arbeitete für Paul Allen, den verstorbenen Mitbegründer von Microsoft, sowie für einige andere Milliardäre, deren Namen er nicht nennen möchte. Jetzt, Anfang fünfzig, mit geduldigen grünen Augen und lockigem braunen Haar, hat O'Shannassy einen guten Überblick auf den gesellschaftlichen Verkehr: 'Es ist geht sehr liebenswürdig zu, jeder küsst jeden', sagt er, 'aber im Hintergrund spielt sich eine Menge ab'. O'Shannassy hat einmal für einen Jachtbesitzer gearbeitet, der die Anzahl der Zeitungen an Bord begrenzte, damit er seine Gäste beim Warten und sich Winden beobachten konnte. 'Es war ein Spiel unter Milliardären. Es gab sechs Paare und drei Zeitungen', sagte er und fügte hinzu: 'Sie haben ständig ihre Positionen bewertet.' Auf einigen Schiffen hat O'Shannassy in den unangenehmen Minuten nach der Ankunft der Gäste selbst den Gastgeber gespielt. 'Viele von ihnen sind genial, aber einige sind sehr unsozial", sagt er. 'Sie brauchen jemanden, der für sie das gesellschaftliche übernimmt. Sobald sich alle eingewöhnt haben, so hat es O'Shannassy erlebt, gibt es oft eine subtile Veränderung, wenn ein Mogul, ein Politiker oder ein Popstar anfängt, sich auf eine Art zu entspannen, wie es an Land kaum möglich wäre. 'Die Vorsicht lässt nach', sagt er. 'Man muss sich keine Sorgen wegen der Paparazzi machen. Man hat also all diesen Freiraum, sowohl physisch, aber auch mental.'"

Alice Gregory stellt das Kunstkollektiv Congolese Plantation Workers Art League vor, das mit Schokoladenskulpturen daran arbeitet, die Stadt Lusanga vom ausbeuterischen Erbe der Palmöl-Plantagen zu emanzipieren.
Archiv: New Yorker

Lidove noviny (Tschechien), 15.07.2022

Der Schriftsteller Miloš Urban, dessen neuer Roman "Továrna na maso" ("Die Fleischfabrik") im Prag der Zwanzigerjahre spielt und in einer schwarzen Groteske um den Holešovicer Schlachthof kreist, spricht im Interview auch über seine ursprüngliche Heimat Karlovy Vary, das einstige Karlsbad: "Als ich dort aufwuchs, wurde man ständig daran erinnert, dass es ein 'Kurbad von Weltrang' sei. Auf gewisse Weise stimmte das, in den siebziger Jahren versammelten sich dort ähnliche Nationalitäten wie heute - Russen, Deutsche, Schweizer, die Highsociety des Ostblocks. Die Stadt erschien einem bunt und lebendig. Nach der Samtenen Revolution haben Russen allerdings die halbe Stadt aufgekauft und dann in der Folge festgestellt, dass sie es wieder loswerden müssen - und das lange vor der Invasion in die Ukraine. Und daher kommen jetzt die riesigen Probleme der Stadt, angefangen mit den verfallenden Hotels und endend mit einem generellen Ohnmachtsgefühl. In der Umgebung konnte zwar einiges restauriert werden - es gibt jetzt zum Beispiel eine schöne Bibliothek, aber das liegt alles am Stadtrand, außerhalb des historischen Zentrums. Ich bin froh, dass Karlovy Vary jetzt zusammen mit Mariánské Lázně (Marienbad) und Františkovy Lázně (Franzensbad) ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen wurde, aber wie viel das helfen wird, weiß ich nicht. Wer es fertigbringt, diese Stadt zu erhalten, sollte irgendeinen Staatspreis bekommen."
Archiv: Lidove noviny