Magazinrundschau - Archiv

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67 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 7

Magazinrundschau vom 20.04.2010 - MicroMega

Die Italiener nennen ihre Heimat selbst "Bel Paese". Dass das Land gar nicht mehr so schön ist, zumindest aus wirtschaftlicher Sicht, quält einige Beobachter schon länger. In der Tageszeitung Il Fatto Quotidiano, dem 2009 gegründeten und damit jüngsten Blatt in Italien, beklagt Pierfranco Pellizzetti in einem Auszug, dass Italiener nur noch auf drei Gebieten konkurrenzfähig sind, und das auch nicht mehr lange. "Wie sieht es aus mit den Unternehmen in Italien? In Sachen technologischer Innovation schlechter als schlecht. Auch weil die öffentliche Forschung nicht gerade brilliert und - das ist noch weitaus schlimmer - keiner auch nur so tut, als gäbe es zwischen diesem Fakt und der allgemeinen Entwicklung des Landes einen Zusammenhang: die Truppe der Wissenschaftler und die Gruppe der Unternehmen verharren gemeinsam in einem Zustand der Nichtkommunikation. Völlig anders als in den USA oder den wettbewerbsfähigeren europäischen Staaten. Fazit: Seit Jahrzehnten haben wir kein selbst entwickeltes Produkt mehr auf den Markt gebracht. Genauso abgründig ist die Situation auf dem organisatorischen Sektor. Nehmen wir nur drei Sektoren in denen wir eigentlich gut sind: Tourismus, Essen und Logistik. Auch hier verlieren wir immer mehr an Boden."
Stichwörter: Belem, Tourismus

Magazinrundschau vom 07.07.2009 - MicroMega

In Italien ist ein Gesetz vom Parlament gebilligt worden, das aus illegalen Immigranten Verbrecher macht (mehr hier). Eine Reihe von italienischen Intellektuellen - darunter Andrea Camilleri, Antonio Tabucchi, Dario Fo und seine Frau Franca Rame - protestiert heftig gegen die neue Bestimmung, die hoffentlich einen europaweiten Skandal auslösen wird: "Frauen, die sich illegal im Land aufhalten, dürfen ihre Kinder nach der Geburt nicht ins Geburtsregister eintragen lassen. So werden die Kinder von 'nicht angemeldeten' ausländischen Frauen nach dem Willen einer vorübergehenden Mehrheit ihr ganzes Leben lang zu Kindern unbekannter Eltern abgestempelt. Sie können demnach bei der Geburt von ihren eigenen Müttern getrennt und unter die Aufsicht des Staates gestellt werden. Nicht einmal der Faschismus ist so weit gegangen! Die Rassengesetze, die das Regime 1938 einführte, haben Kinder nicht von ihren jüdischen Eltern getrennt, noch haben sie Mütter zur Abtreibung veranlasst, damit die ihnen die Kinder nicht vom Staat weggenommen werden können. Wir würden uns nicht an die europäische Öffentlichkeit wenden, wenn die Angelegenheit nicht die Landesgrenzen überschreiten würde. All jene, die an die Menschlichkeit glauben, müssen ihre Stimme erheben. Europa kann nicht akzeptieren, dass einer ihrer Gründerstaaten zur primitivsten Stufe sozialer Organisation zurückkehrt und damit gegen internationales Recht und die ureigenen Prinzipien der Europäischen Union verstößt." Bisher haben mehr als zehntausend Menschen die Petition im Internet unterschrieben.

Magazinrundschau vom 16.06.2009 - MicroMega

Narren, alles Narren, im Parlament und in der Regierung: Furio Colombo hält den pompösen italienischen Staatsempfang für den libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi (komplett mit Zelt im Garten der Villa Doria Pamphili) für eine traurige Posse: "Was feiern wir in diesen Tagen in Italien, im Palazzo Chigi und im Senat, in den römischen Empfängen, im dummen und barbarischen Ritual der 1000 Frauen, die sich der blutrünstige libysche Clown erbeten und die ihm der feierlustige italienische Clown gewährt hat, während er sich wie ein gealterter James Bond mit hundert Frauen seines speziellen Geheimdienstes umgibt? Das ist der traurige Kern der römischen Gelage: Wir feiern gleich zweimal das Blutvergießen Unschuldiger: einmal das der Opfer terroristischer Anschläge wie Lockerbie (niemand kennt oder hat jemals die komplette Liste der terroristischen Aktivitäten Gaddafis veröffentlicht), andererseits das Schicksal jener Migranten, die in der Wüste, auf dem Meer, in den libyschen Camps getötet werden - für einen hohen Preis (5 Milliarden Dollar) und im Namen und auf Rechnung des Italiens von Maroni, Bossi und Berlusconi."

Magazinrundschau vom 28.04.2009 - MicroMega

Davide Nota, Journalist und Dichter, betreibt einen Blog über Politik und Poesie. Dort hat er ein interessantes Gespräch mit einem großen alten Mann des italienischen Journalismus geführt, Furio Colombo. MicroMega hat das Gespräch übernommen, in dem es um die aus Sicht Colombos zunehmend gleichgeschaltete Medienlandschaft in Italien geht. Das jüngste Beispiel war die Bestrafung des Fernsehjournalisten Michele Santoro (siehe letzte Magazinrundschau), der sich kritisch über die Maßnahmen vor und nach dem das Erdbeben von L'Aquila geäußert hatte. "Ignoriert den Riesenskandal und ihr werdet in den Kreis der journalistisch Geweihten zugelassen. Ignoriert ihn nicht und ihr werdet einer neuen Kategorie zugeschlagen, die ich als untere Schublade bezeichnen würde. Der Kreis der Geweihten zeichnet sich dadurch aus, dass seine Mitglieder zitiert, interviewt und wie Wallfahrts-Madonnen im Fernsehen herumgereicht werden. Steckt man in der untren Schublade, wird man nie zitiert, sogar wenn man Abgeordneter ist und Reden hält, die von den Medien nicht einfach zu umgehen sind... Aber in die Fernsehnachrichten schafft man es damit trotzdem nicht."
Stichwörter: Erdbeben, L'Aquila

Magazinrundschau vom 21.04.2009 - MicroMega

Ein weiteres Beben erschüttert Italien, aber diesmal ist es ein journalistisches. Michele Santoro moderiert "Annozero", ein wöchentliches Magazin auf dem Staatssender RAI 2. Jetzt hat er Ärger bekommen, weil er kritische Fragen zu den Schutzmaßnahmen vor und den Hilfsmaßnahmen nach dem Erdbebens stellte, das die Gegend um L'Aquila am 6. April traf. Auch den Kollegen Vauro Senesi traf deshalb der Bannstrahl des Intendanten. Die heldenhaften Rettungskräfte zu kritisieren, das ist in Italien derzeit verboten. Auch viele Medien brandmarken die Kollegen als "Nestbeschmutzer". Am Dienstag nach Ostern titelte die Tageszeitung Il Giornale: "Santoro steht jetzt mit dem Rücken zur Wand". MicroMega aber leistet den Bedrängten Schützenhilfe, zum Beispiel in Gestalt von Giovanni Perazzoli. "Die Bestrafung von Santoro diente einzig und allein dem Zweck, zu zeigen, wer das Sagen hat. Santoro wird in einer der nächsten Sendungen Abbitte leisten müssen, und Vauro wird suspendiert, für eine Sendung. Das ist keine Retourkutsche innerhalb der Rai. Was zählt, ist der Öffentlichkeit zu zeigen, dass der Chef die Hosen anhat. Es gibt einen Freundeskreis im Hintergrund, so die Botschaft, der alles im Griff hat. Selbst, wenn das Unrecht zum Himmel schreit. Je deutlicher es sich manifestiert, desto stärker erscheint der Chef, wenn er die sinnwidrige Bestrafung ausspricht. Darüber regt sich dann maximal die eine oder andere Edelfeder auf - das Spiel ist gewonnen, die Würfel gefallen. Italien ist wieder ein bisschen weniger demokratisch."
Stichwörter: Erdbeben, L'Aquila

Magazinrundschau vom 10.03.2009 - MicroMega

In Turin trafen sich kürzlich Wissenschaftler und Intellektuelle, um den "Fall Italien" zu verhandeln. Es ist alles ganz furchtbar, musste Angelo d'Orsi erfahren. "Auch Luciano Gallino hielt in seinem großartigen Vortrag nicht hinter dem Berg. Er zeichnete das Bild eines verrotteten Landes, von Umweltkatastrophen verheert, von der organisierten Kriminalität geführt (die mittlerweile ein Drittel des nationalen Territoriums kontrolliert), ein Land, in dem die Schwarzarbeit floriert (mehr als 18 Prozent, sagen manche, andere schätzen die Quote auf 30 Prozent) und damit eine entsprechend hohe Rate an Steuerflucht produziert, ein Land der Flüchtigen und der Schwarzbauten, ein Land, das sich jeder Regelung widersetzt, ein Land, in dem es dreierlei Gesetze gibt: unnütze (die meisten), schädliche (sie werden angewendet) und nützliche wie wertvolle (die aufgrund des allgemeinen Desinteresses ständig missachtet werden). In erster Linie fällt mir da die Verfassung unserer Republik ein, die in vielen wichtigen Teilen immer noch nicht verwirklicht worden ist, und die nicht erst seit heute unter Beschuss steht, vor allem ihres demokratischen und fortschrittlichen Charakters wegen."

Magazinrundschau vom 10.02.2009 - MicroMega

Die Herrschaft Berlusconis ist absolut, die Linke liegt darnieder. Zu Recht, schäumt Andrea Scanzi. Zu weich, zu wurschtig, zu harmonisch, zu sehr Walter Veltroni sei die Linke. Einer der schlimmsten Veltronisten ist für Scanzi der Fernsehmoderator Fabio Fazio, der in diesem köstlichen Essay das Opfer einer ebenso leidenschaftlich-bedächtigen wie kultiviert-entfesselten Hinrichtung wird. Auf hiesige Verhältnisse übertragen ist der nette Fazio nämlich eine Mischung aus der Duzmaschine Waldemar Hartmann und dem Allesversteher Johannes Baptist Kerner. Scanzi bekreuzigt sich da beinahe. "Das Gesetz des 'Fabiofazio' ist das Nicht-Interview. Er stellt nicht die erste Frage, und auch nicht die zweite, er gibt sich mit einer philosophisch-intensiven Hinwendung zufriden. Er ist ein Interviewer ohne Interviews, ein Frager ohne Fragen, ein Plauderer ohne Gespräch. Ein so bizarres wie einträgliches Oymoron (...) Fabio Fazio ist kein Journalist, er ist ein Sakrament."
Stichwörter: Hinrichtungen