
Ein weiteres Beben erschüttert Italien, aber diesmal ist es ein journalistisches.
Michele Santoro moderiert "Annozero", ein wöchentliches Magazin auf dem Staatssender
RAI 2. Jetzt hat er Ärger bekommen, weil er kritische Fragen zu den Schutzmaßnahmen vor und den Hilfsmaßnahmen nach dem Erdbebens stellte, das die Gegend um L'Aquila am 6. April traf. Auch den Kollegen
Vauro Senesi traf deshalb der Bannstrahl des Intendanten. Die heldenhaften Rettungskräfte zu kritisieren, das ist in Italien derzeit verboten. Auch viele Medien brandmarken die Kollegen als "Nestbeschmutzer". Am Dienstag nach Ostern titelte die Tageszeitung
Il Giornale: "Santoro steht jetzt mit dem Rücken zur Wand". MicroMega aber leistet den Bedrängten Schützenhilfe, zum Beispiel
in Gestalt von Giovanni Perazzoli. "Die Bestrafung von Santoro diente einzig und allein dem Zweck, zu zeigen, wer das Sagen hat. Santoro wird in einer der nächsten Sendungen Abbitte leisten müssen, und Vauro wird suspendiert, für eine Sendung. Das ist keine Retourkutsche innerhalb der Rai. Was zählt, ist der Öffentlichkeit zu zeigen, dass der Chef die Hosen anhat. Es gibt einen
Freundeskreis im Hintergrund, so die Botschaft, der alles im Griff hat. Selbst, wenn das Unrecht zum Himmel schreit. Je deutlicher es sich manifestiert, desto stärker erscheint der Chef, wenn er die
sinnwidrige Bestrafung ausspricht. Darüber regt sich dann maximal die eine oder andere Edelfeder auf - das Spiel ist gewonnen, die Würfel gefallen. Italien ist wieder ein bisschen weniger demokratisch."