Magazinrundschau - Archiv

MicroMega

67 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 7

Magazinrundschau vom 07.06.2011 - MicroMega

Die Biennale in Venedig war von Politik durchdrungen, meint Mariasole Garacci. "Es gibt das Bedürfnis, Position zu beziehen, es ist in den Kunstwerken spürbar, aber auch bei den Leuten. Eine der Fragestellungen, mit denen sich die Künstler beschäftigen, ist jene, ob es so etwas wie eine Nation der Künstler gibt. Die Antworten sind unterschiedlich, aber sicher ist, dass diese Künstlernation über ihre eigenen Mythen und ihre eigenen Helden verfügt. Einer davon ist in diesen Tagen Ai Weiwei. Der Präsident der Biennale, Paloa Baratta, hat die Hoffnung ausgedrückt - der chinesische Pavillon ist direkt neben dem italienischen - dass das Land bald 'etwas Positives' über den Künstler verlauten lässt, der am 2. April verhaftet wurde. Das unerlässliche Statussymbol in diesen Tagen ist ohnehin die Leinentasche mit dem Aufdruck 'Free Ai Weiwei'."
Stichwörter: Ai Weiwei, Venedig

Magazinrundschau vom 12.04.2011 - MicroMega

Micromega druckt einen Streit zwischen den Philosophen Jean-Luc Nancy, der noch im März zur Intervention in Libyen aufrief, und Alain Badiou, der eine ganz eigene Theorie zu den Ereignissen entwickelt. Er hält die Aufstände in Libyen für eine Inszenierung der jetzt intervenierenden Länder: "Wusstest du denn nicht, dass die französischen und englischen Geheimdienste schon im vergangenen Herbst versuchten, den Sturz Gaddafis zu organisieren? Ist dir nicht aufgefallen, dass in Libyen, anders als in den anderen Ländern, Waffen unbekannter Herkunft aufgetaucht sind?... Ist dir nicht zu Bewusstsein gekommen, dass in keinem anderen Land der Westen zu Hilfe gerufen wurde? Dass Leute wie Sarkozy und Cameron, deren Ziele bekanntermaßen düster sind, mit Applaus gefeiert wurden? Und du hast ihnen sogleich deine Untetstützung gegeben!"

Außerdem auf MicroMega: Zygmunt Baumann versucht, sich den Erfolg von Facebook zu erklären.

Magazinrundschau vom 15.03.2011 - MicroMega

Geradezu martin-luther-king-haft psalmodierend, ergreifend und traurig klingt die bei MicroMega abgedruckte Rede des Kulturhistorikers Angelo d'Orsi gegen das Berlusconi-Regime und die Abspaltungstendenzen der Lega Nord. Er greift zurück auf einen Ausspruch Alberto Moravias nach dem Mord an Per Paolo Pasolini: Was ist das für ein Land, das seine Dichter umbringt? "Aber was für ein Land ist das heute? Ein Land, in dem man vielleicht keine Dichter mehr umbringt, aber jeden Tag den Bürgersinn, die Erinnerung und die eigene Geschichte, deren Sinn verdreht wird. Ein Land, in dem man ein Zusammengehörigkeitsgefühl und eine über Jahrzehnte gebaute Gemeinschaft zerstören will. Diese Gemeinschaft bedeutete einen Glauben an gemeinsame Prinzipien und Werte, nicht an Blut und Boden. Die Gemeinschaft der Italiener wurde nicht von jenen gebildet, die auf dem Boden des Landes geboren wurden, sondern von jenen, die aus eigenem Entschluss dort leben wollten, die Sprache des Landes lernen, seine Identität konstruieren, seine tausendjährige Geschichte kennen wollten, um die einst die ganze Welt das Land beneidete und die uns heute, angesichts des täglichen Spektakels der Ineffizienz und Arroganz unserer Regierung, angesichts der Performance unseres Regierungschefs, ins Gesicht geschlagen wird - mit den Worten: 'Wie habt ihr so tief fallen können? Wie seid ihr von Cavour zu Berlusconi gekommen?'"

Magazinrundschau vom 21.02.2011 - MicroMega

Der Opposition zu Berlusconi wird nicht erst in den vergangenen Wochen eine gewisse Hysterie nachgesagt, die berechtigte Kritik zu diskreditieren droht. Diesem Vorwurf muss sich auch Marco Alloni stellen, der den wankenden Cavaliere vom Tiber flugs mit dem gestürzten Pharao vom Nil vergleicht. Berlusconi und Mubarak haben einiges gemeinsam, schreibt Alloni, zum Beispiel das Ausschalten jeglicher Konkurrenz. "Neben der Monopolstellung und in enger Verbindung zu ihr findet sich das Vermögen. Sowohl für Mubarak als auch für Berlusconi stellt das Vermögen keine Erscheinung des täglichen Regierungsgeschäfts dar, sondern dient als Instrument, um in der Politik eine grundsätzliche Zustimmung zu generieren. Mubarak, der über ein Familienvemögen von rund 70 Milliarden Dollar verfügt, konnte sich den Gehorsam von Ministern und unteren Chargen einfach erkaufen. Berlusconi - der im Rahmen der Simonie denkt - hat genau das Gleiche getan und tut es immer noch, mit dem einzigen lachhaften Unterschied, dass er seine unaufhörliche diesbezügliche Einkaufstour als 'Geschenke machen' bezeichnet."
Stichwörter: Tibet, Hysterie

Magazinrundschau vom 09.11.2010 - MicroMega

"Unheimlich" (und sie gebraucht das deutsche Wort) scheint Giona A. Nazzaro, der Filmkritikerin von MicroMega das, was sie als eine fast unsichtbare und doch grundsätzlich neue Erzählweise in David Finchers Film "The Social Network" empfindet: "Einerseits scheint er alle Zeichen des einstigen Kinos bewahren zu wollen, andererseits schafft er eine neue Modalität des Blicks und der Identifikation innerhalb der Grenzen der Erzählung. Der einzige Moment, in dem sich Finchers Herangehensweise in aller Drastik zeigt, ist das Ruderrennen, das mit meisterlicher 'kubistischer' Evidenz in Szene gesetzt wird. Und doch ist, was wir sehen, nicht ein Ruderrennen und nicht Kino, wie wir es kannten. 'The Social Network' will nicht nur die Schnelligkeit des Netzes nachahmen, sondern sucht eine neue Erzählform für das Kino, dessen Urszene nicht mehr in der Einfahrt des Zugs in den Bahnhof liegt, wie bei den Brüdern Lumiere, sondern in den Bewegungen eines Egoshooters in einem Onlinespiel."

Magazinrundschau vom 28.09.2010 - MicroMega

Das italienische Kino erwacht! Zumindest für den kurzen Augenblick, in dem Mario Martones "Noi credevamo" noch gezeigt wird. Der Film spielt während der glorreichen Zeit der italienischen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert, dem Risorgimento. Giona A. Nazzaro ist begeistert und empfiehlt, zusammen mit Marco Bellocchios ähnlich gelagertem "Vincere", den sofortigen Konsum. "So wie 'Vincere' - trotz aller Aufmerksamkeit bei internationaler Kritik und dem italienischen Publikum - als anspruchsvoller und anstrengender Film aufgenommen wurde, etwas, das man schnell hinter sich bringt, genauso könnte auch 'Noi credevamo' in die Falle tappen und abgelehnt werden. Das darf auf keinen Fall passieren. 'Noi credevamo' ist wahrscheinlich der beste italienische Film der vergangenen Jahrzehnte. Eine der wenigen Zuckungen an Würde und Vitalität, der - um Domenico Starnone aus der Film-Almanach Ausgabe von MicroMega im Juni zu zitieren - 'einen Wettbewerb demokratischer Aufgewecktheit' auslösen könnte. Unser Kino braucht so etwas dringend. Denn - immer noch Starnone - wir riskieren in einem Land zu leben, in dem man sich 'draußen' und 'neu' fühlt, in Wirklichkeit aber bis über den Hals 'drin' ist. Dass wir mal herauskommen, dass schaffen Filme wie 'Pietro' von Daniele Gaglianone, 'Tony Scott' von Franco Maresco und eben 'Noi credevamo'. Sie provozieren einen Abbruch des Bestehenden, und das tun sie mit luzider Rigorosität und Leidenschaft. Für ein 'Draußen', das wirklich draußen ist."

Magazinrundschau vom 24.08.2010 - MicroMega

Naomi Klein hat mit "Shock Economy" ein Buch geschrieben, das offenbar in Italien besonders genau studiert wurde. Jetzt hat es einen nationalen Ableger bekommen:" Cricca Economy. Potere e corruzione nella crisi italiana" von Manuele Bonaccorsi, Angelo Venti und Daniele Nalbone, in der Edition Alegre. MicroMega bringt einen Auszug. Dort wird das Paradebeispiel der neoliberalen Krisengewinnler verhandelt, das Erdbeben von Aquila 2009. "Aquila wurde die größte Baustelle Italiens. 4.500 Wohnungen waren in wenigen Monaten hochzuziehen. Nur 15 Prozent der Arbeiten wurden von Unternehmen aus den Abruzzen erledigt, einige tausend eingewanderte Arbeiter, Rumänen, Albaner, Nordafrikaner, strömten in der Stadt des Erdbebens zusammen. Kein Bewohner von Aquila hat sie je gesehen. Sie lebten weit vom Zeltlager und der Stadt selbst, in Lagerhallen, die mit Containern vollgestellt wurden. In drei Schichten, von Sonnenaufgang bis zwei Uhr in der Nacht, errichteten sie das Denkmal der Shock-Economy nach italienischer Art. Am Ende reicht die neue Stadt vorne und hinten nicht, ein Jahr nach dem Erdbeben bleiben immer noch 45.000 Aquilaner ohne Wohnung. Und der Plan C.a.s.e. zieht wichtige Ressourcen vom eigentlichen Aufbau der vom Erdbeben zerstörten Häuser ab. Nicht ein Euro wird darauf verwendet, das Wirtschaftsleben der Stadt wiederzubeleben. Aber das große Ding läuft. Es ist auch ein Medienereignis, Der Premier verpasst keine einzige Einweihung. Verfolgt von den allgegenwärtigen Kameras der nationalen Nachrichtensendungen."
Stichwörter: Erdbeben, Klein, Naomi, Der Plan

Magazinrundschau vom 06.07.2010 - MicroMega

Die Opposition Italiens mobilisiert ihre Anhänger gerade gegen einen Gesetzesentwurf der Regierung Berlusconi, der das Abhören von Telefonaten beschränken und die Veröffentlichung von Material aus abgehörten Telefonaten unter Strafe stellen soll (hier unter anderem ein Video mit dem Auftritt des Schriftstellers Roberto Saviano auf der zentralen Kundgebung auf Roms Piazza Navona am 1. Juli). Giovanni Perazzoli protestiert auch, geht aber einen Schritt weiter und fordert, nicht immer nur die neueste Unverschämtheit zu bekritteln, sondern sich mal Gedanken über das System Silvio selbst zu machen. "Während die Demokratie und ihre freien Wahlen auf der ganzen Welt als unabdingabre Voraussetzung für eine legitime Machtausübung gesehen werden, hat sich ihr realer Inhalt verflüchtigt. Ohne liberale Zutaten - Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Verteidigung der Meinungsfreiheit und der Presse - werden die freien (oder ziemlich beschränkten) Wahlen nur zum Deckmäntelchen für die Regime. Interessanterweise hat das Gianni Riotta schon im Jahr 1998 im Corriere della sera beschrieben, in einer Besprechung der Theorien von Robert Kaplan und Fareed Zakaria. In einem jüngeren Buch, "The Future of Freedom. Illiberal Democracy at Home and Abroad" (2003), hat Fareed Zakaria dann erläutert, wie sich ein neues politisches Monstrum auf dem Planeten ausbreitet, die illiberale Demokratie: ein System, das sich wunderbar mit Wahlen und mit den dazugehörigen Institutionen legitimiert, aber in Wirklichkeit die liberalen Prinzipien der Meinungsfreiheit und der Gleichheit vor dem Gesetz aufgibt, um so eine neue Art von Herrschaft zu definieren."

Magazinrundschau vom 01.06.2010 - MicroMega

Roberto Saviano, Autor des Buchs "Gomorra", der seit Jahren unter Polizeischutz leben muss, soll ein "Papierheld" sein? So behauptet es der Soziologe Alessandro di Lago in seinem Buch "Helden aus Papier". Paolo Flores d'Arcais, der Doyen der intellektuellen Berlusconi-Gegner fasst sich an den Kopf: "Um es vorweg zu sagen - man kann kritisieren, wen man will, von Jesus bis Mohammed. Man kann Bücher von Saviano oder Rushdie in der Luft zerreißen. Di Lago schreibt allerdings nicht als Literaturkritiker. Er ist ein Soziologe, einer unserer besten. Er will ein mythisches Buch und einen Autor, der ein Symbol ist, aus soziologischen Motiven demolieren. Warum? Worin besteht in einer geköpften und gedemütigten Demokratie wie der unseren, die in einen postmodernen Faschismus abzugleiten droht, die von Saviano verkörperte Gefahr? Was rechtfertigt den Aufwand an Zeit und Intelligenz, um ausgerechnet ein Buch gegen Saviano zu schreiben?"

Magazinrundschau vom 18.05.2010 - MicroMega

Der Direktor von MicroMega, Paolo Flores d'Arcais, führt seinen Kampf gegen den Vatikan weiter. Diesmal antwortet er auf einen Brief des ehemaligen Sprechers von Johannes Paul II., Joaquin Navarro-Valls, der in der Tageszeitung Repubblica der Religion eine unverzichtbare Rolle im heutigen Italien zugeschrieben hatte. "Italien ist für Navarro-Valls offenbar das gelobte Land, um hier mit dem hierarchischen Katholizismus zu experimentieren, den er sich als Leitstern gewählt hat: 'Eine Demokratie muss den Wert der Wahrhaftigkeit der menschlichen Religiosität anerkennen. Sie soll als allgemeines Recht gelten, auf das man also für das Gemeinwohl nicht verzichten kann.' Wirklich sehr päpstlich. Mit dieser Logik allerdings werden der Atheist, der Skeptiker, der Nichtgläubige, also jene Bürger, die sich nicht in einer Religion wiedererkennen, ausgeschlossen und als Bürger zweiter Klasse geführt. Der Atheismus hätte nicht nur keinen Platz in diesem gemeinsamen Recht, sondern würde implizit auch als ein Verhinderer des Gemeinwohls betrachtet werden. Um seine Botschaft auch zweifelsfrei rüberzubringen, ergänzt Navarro Valls noch, 'dass es also praktisch nicht möglich ist, den politischen und sozialen Wert der Religion außen vor zu lassen, ohne gleichzeitig die Rechtmäßigkeit der staatlichen Gesetze in Frage zu stellen.' Ach ja?"