Die russische
Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja kritisiert unter der Überschrift "Christentum ohne Barmherzigkeit?"
Alexander Solschenizyns Demontage seines verstorbenen früheren Mitarbeiters, Vertrauten und
Weggefährten Vadim Borissov. In seinen Memoiren unterstellt Solschenizyn ihm "Unzuverlässigkeit und Machtmissbrauch", weil Borissov sich seinerzeit gezwungen sah, Solschenizyns Bücher ohne Rücksprache bei einem Verlag veröffentlichen zu lassen. Ulitzkaja hält jede Art von "Solschenizyn-Kult" für übertrieben, auch wenn der Regimegegner Jahre der Verbannung in Arbeitslagern und in Sibirien überlebt hat: "Wem hat Solschenizyn mit Büchern wie 'Archipel Gulag' ? denn die
Augen geöffnet? Bestimmt nicht denen, die
im Gulag saßen (die eine Hälfte der Bevölkerung) und auch nicht denen, die die Gulags verteidigt haben (die andere Hälfte der Bevölkerung). ? Nur der Westen hat ihm Gehör geschenkt. Und zwar nicht, weil er der erste war, der aus dem Lager berichtete. Sondern weil er
ein Held war, der siegreich aus der Schlacht zurückgekehrt war." Auch wenn Solschenizyn in den letzten Jahren in erster Linie durch Realitätsverlust, Antisemitismus und Verleumdungen auf sich aufmerksam gemacht hat, erinnert Ulitzkaja an seine einstmals guten Absichten: "Jahrzehntelang dachte ich, die Russen hätten seine Botschaft verstanden, aber das bezweifle ich heute. Wenn sie wirklich auf ihn gehört hätten, hätten sie nicht dreißig Jahre später mit überwältigender Mehrheit einen
Ex-KGB-Oberstleutnant zum Präsidenten gewählt."