Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 30.08.2004 - Plus - Minus

"Anfang der Siebziger war ich so ein kleiner Revisionist, der die Werke von Kolakowski studierte, Koestler las, etwas zu begreifen versuchte und weiterhin glaubte, dass man das auch von innen heraus reparieren könnte". Im Magazin der Rzeczpospolita erzählt der Schriftsteller Adam Zagajewski in einem Interview, wie der kommunistische Geheimdienst Mitte der Siebziger ungestüm versuchte, ihn anzuwerben. "Wir waren alle auf eine nebulöse Art und Weise links und deshalb betrachtete man uns als 'verirrte Brüder', denen man helfen und die Augen öffnen sollte." Die klassische Anwerbetaktik: Locken - "Gut gemeinter Rat" - Erpressen brachte aber keinen Erfolg. "Wir, die nicht in der Partei waren, hatten den Ruf von Künstlern, dem wir eine gewisse Immunität verdankten", berichtet Zagajewski.

Ryszard Terlecki vom Institut für Nationales Gedenken (offizielle Webseite) setzt sich kritisch mit dem historischen Bewusstsein der Polen auseinander und kommt zu der Feststellung, dass sich nach der Befreiung vom Kommunismus die Ignoranz gegenüber der eigenen Vergangenheit noch verstärkt hat, derweil "die Nachbarn Polens überlegt und konsequent am Image der eigenen Vergangenheit arbeiten". So werden die Deutschen "nicht nur als Verursacher des geschehenen Übels und nicht nur als seine Opfer dargestellt, sondern immer öfter auch als diejenigen, die am Kampf gegen die Tyrannei teilgenommen und geholfen haben, die Folgen des Krieges zu überwinden". Diese im Grunde positiven Tendenzen bleiben in Polen unbemerkt, und gleichzeitig "rufen Pläne zur Errichtungen eines Zentrums gegen Vertreibungen hysterische Reaktionen hervor". Aber "wo ist unser Zentrum gegen Vertreibungen", fragt Terlecki, "das nicht irgendeiner Entschädigung wegen errichtet wird, sondern um der Menschen zu gedenken, die in dem Teil Polens lebten, der aufgrund des Diktats von Jalta aufgegeben werden musste?"

Magazinrundschau vom 23.08.2004 - Plus - Minus

Einen wunderbaren Nachruf auf Czeslaw Milosz hat der Schriftsteller Stefan Chwin für die Wochenendausgabe der polnischen Rzeczpospolita verfasst. Milosz gehörte zur Generation der "ungezähmten Verzweiflung", schreibt Chwin. "Für uns sind der Holocaust, die Ermordung einer Million Menschen in Ruanda oder Kambodscha, die ethnischen Säuberungen auf dem Balkan oder das Massaker an Tausenden irakischen Soldaten in der Wüste vor Bagdad 'normale Sachen', aus denen sich die Welt zusammensetzt, auch wenn wir von Zeit zu Zeit die Alarmglocke schlagen, um demonstrativ den edlen Ritualen der 'zivilisierten Seele' gerecht zu werden, dank derer wir glauben können, dass die Kontinuität der westlichen Kultur bewahrt wird. Für ihn war das Grauen des Zweiten Weltkriegs eine axiologische Herausforderung. Für uns waren und sind es nackte Tatsachen." Chwin erläutert auch die Ambivalenz der politischen Interpretation von Milosz' "Das verführte Denken": "Was viele für ein politisches Pamphlet auf die sowjetisierten Schriftsteller hielten, ist in Wahrheit eine philosophische Auseinandersetzung mit den Paradoxien der menschlichen Existenz in der Geschichte. Nur haben wir seine in den 1950-er Jahren formulierte Diagnose mit einem ironischen Lächeln als 'Hegelschen Biss' abgetan, als ob es sich um eine schamhafte Krankheit handeln würde, eine Art HIV-Infektion, mit der wir, die Sauberen, nichts zu tun hätten".

Magazinrundschau vom 09.08.2004 - Plus - Minus

"Verdanken wir Erika Steinbach wirklich so viel?" fragt sich in einem lesenswerten Artikel Dariusz Karlowicz in der Wochenendausgabe der Rzeczpospolita. Auf den Jahrestag des Warschauer Aufstandes zurück blickend, stellt er Überlegungen zum Stand der Erinnerungskultur in Polen an. Der Autor macht vor allem zwei Gründe aus, warum auch liberale Medien sich zunehmend dieses Themas annehmen: Zum einen hänge das mit der innerpolnischen Debatte um das der Dritten Republik zugrunde liegende Modell der nationalen Versöhnung ("schizophrene Identität") zusammen. Andererseits wurde die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen zu "einem Symbol der Lektion, dass wir keine einsame Insel sind, dass die polnischen Abrechnungen mit der Vergangenheit auch ihr internationales Auditorium haben. (...) Auch die weniger Gescheiten haben begriffen, dass Geschichtspolitik ein ungemein wichtiges Element der internationalen Politik ist", schließt der Publizist.

In einem Vorabdruck eines bald erscheinenden Buches des Mitte Juni verstorbenen Jacek Kuron (mehr hier), macht sich der frühere Dissident Gedanken über die Globalisierung und ihre Folgen für die Demokratie in Polen und der Welt. Die polnischen Erfahrungen haben gezeigt, "dass wir Demokratie nicht können. (...) Heute sieht man deutlich, dass die Bürger der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Deutschlands und anderer Länder der alten Demokratie" es auch nicht können. Jeder Versuch von "'Neuauflagen', die sich entweder auf den Kapitalismus oder den bürokratischen Sozialismus berufen, führt nur zu Pattsituationen. Wir müssen nach neuen Lösungen suchen".

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Adam Zagajewski erinnert in einem wunderbaren, langen Porträt an den vor hundert Jahren geborenen Schriftsteller Witold Gombrowicz (mehr hier und hier). Der Text stand letzte Woche in der NZZ: hier.

Magazinrundschau vom 02.08.2004 - Plus - Minus

"Ich habe den Eindruck, Stalin wusste nicht, was in Warschau passiert und was die Heimatarmee in Wirklichkeit ist", erklärt anlässlich des 60. Jahrestags des Warschauer Aufstandes der britische Historiker Norman Davies in einem Interview für Plus-Minus, die Wochenendausgabe der polnischen Zeitung Rzeczpospolita. Davies kritisiert die Alliierten, weil sie keinen der für die brutale Niederschlagung des Aufstandes verantwortlichen deutschen Offiziere nach dem Krieg vor Gericht gestellt haben: "Erich von dem Bach trat als Zeuge der Anklage (!) in Nürnberg auf ..." Der für das Gemetzel an 40.000 unschuldigen Zivilisten im Stadtteil Wola verantwortliche "Reinefarth war nach dem Krieg sogar Bürgermeister auf der Insel Sylt, spielte den Widerstandskämpfer und beteuerte, nie in der SS gewesen zu sein". Was das Zentrum gegen Vertreibungen angeht, schlägt Davies eine wissenschaftliche Konferenz zu den Verbrechen der Roten Armee vor - daran könnten sich Ukrainer, Balten, Polen, Ungarn und Deutsche beteiligen. Beunruhigend an den Plänen des BdV und seiner Vorsitzenden Erika Steinbach "ist die Darstellung dieser Tragödie in ethnischen und nationalen Kategorien. Als ob die Vertreibungen nur Deutsche betroffen hätten. Sie sollte sich mit den Vertriebenen aus Lemberg treffen - so wie die Familie meiner Frau - und hören, was diese erlebt und verloren haben", meint Davies.