Magazinrundschau - Archiv

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54 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 6

Magazinrundschau vom 07.12.2004 - Plus - Minus

Obwohl es viele polnische Politiker gerne so sehen möchten, "kann man die Situation in der Ukraine nicht mit der in Polen im August 1980 (Gründung der "Solidarnosc") oder im Juni 1989 (erste freie Wahlen) vergleichen", meint im Magazin der Rzeczpospolita der Mittel- und Osteuropa-Experte Klaus Bachmann. Juschtschenko und Janukowitsch kommen beide aus dem Machtapparat, das Drama (Bachmann interpretiert es als klassisches "Gesellschaftliches Drama") spiele sich daher innerhalb der politischen Elite ab. "Wir haben es hier nicht mit einer Revolution oder einem Umbruch zu tun, sondern lediglich mit einem Machtpoker, der hinter den Kulissen geführt wird, wobei sich beide Antagonisten der sozialen Mobilisierung bedienen. Das kann ein weiterer Schritt in Richtung Demokratisierung der Ukaine sein - muss es aber nicht."

Andrzej Stasiuk sieht das anders: "Es geschehen große Dinge im Osten", schwärmt der Schriftsteller. Er appelliert auch an das Gewissen Europas, denn "es ist ein einsamer Kampf", den die Ukrainer da ausfechten. "Wir in Polen kennen das aus eigener Erfahrung: Wenn man Russland als Nachbarn hat, ist der Mensch doppelt so einsam. Vielleicht ist deshalb unser früherer Präsident Lech Walesa nach Kiew geflogen, und sie haben ihn empfangen wie einen Garibaldi. Meines Erachtens sollten alle dorthin fliegen: Schröder, Blair, Chirac. Leider werden sie das nicht tun. Sie fliegen nur nach Moskau, weil 'Russland in den demokratischen Veränderungen in der ersten Reihe schreitet', wie es Frankreichs Präsident vor kurzem bewusst formuliert hat." Der Text erschien vor einer Woche auf der Internetseite von Stasiuks Verlag und in der Süddeutschen (da kostet er, hier die Zusammenfassung aus unserer Feuilletonrundschau).

Magazinrundschau vom 23.11.2004 - Plus - Minus

Das Thema der ukrainischen Präsidentschaftswahlen beschäftigt weiterhin die polnische Presse. Bohdan Osadczuk berichtet im Magazin der polnischen Rzeczpospolita aus Kiew über die neue Mobilisation im Land: "Auf dem Platz der Unabängigkeit blieb eine Menschenmenge zurück, die wie im Londoner Hyde Park bis zum Umfallen diskutierte. Und hier wurde die Veränderung in der bislang eingeschüchterten und faulen ukrainischen Gesellschaft sichtbar. Die Menschen, wenigstens in Kiew, haben keine Angst mehr. In ihren Augen sah man Mut. Der homo sovieticus verschwand." Angesichts dieser positiven Entwicklungen ist die Reaktion und das Interesse des Westens enttäuschend. "Außer der Hilfe aus Polen können die ukrainischen Demokraten nur auf sich selbst zählen. Kein westlicher Staatsmann, keine Partei im Westen, nicht mal in den USA haben einen Finger gekrümmt, als Putins Russland durch sein einseitiges Engagement für den regimetreuen Kandidaten die Souveränität der Ukraine angetastet hat."

Gibt es einen modernen Patriotismus? Ja, doch, sagt der Publizist Marcin Krol. "Es ist das Recht, andere in mein Haus zu lassen, und das Recht, sie nicht reinzulassen, auch wenn sie dieses Recht reklamieren. Natürlich muss ich jenes Recht auch anderen zuerkennen, die mich je nach Belieben reinlassen können oder nicht. Es gibt nicht mehr die eine Interpretation des Polnisch-Seins (als ob es sie je gegeben hätte!) und es gibt nicht mehr die eine Gruppe, die eine Ideologie, die eine politische Haltung oder die eine Religion, die zu dieser ausschließlichen Auslegung berechtigen würde. Der moderne Patriotismus ist somit unausweichlich pluralistisch, was nicht heißt, dass alle Werte und alle Interpretationen identisch und gleichwertig sind".

Magazinrundschau vom 16.11.2004 - Plus - Minus

Die Magazinausgabe der Rzeczpospolita widmet sich mal wieder ganz großen Fragen. Tomasz Lubienski denkt über Rolle und Zukunft des Patriotismus in Polen nach. In Bezug auf die Identität stiftende Überzeugung vom "außerordentlich außerordentlichen" Charakter der polnischen Geschichte, plädiert er für einen gelasseneren Umgang mit den eigenen Mythen: "Selbstverständlich haben wir das Recht auf Mythen und Legenden. Nur sollten wir uns nicht wundern, empören oder beleidigen, wenn andere sich von ihnen nicht überzeugen lassen. Legenden werden gebraucht und gerne gehört. Aber diese Art von Geschichte, in Liedern besungen, auf Briefmarken verewigt, muss von einer Geschichte nur für Erwachsene begleitet werden, in der es keine einfachen Antworten gibt, und in der man auch für die richtige Wahl teuer bezahlen muss." Für Lubienski ist es an der Zeit, die polnische Geschichte stärker im europäischen Kontext zu sehen und darzustellen. "Diese neue Heimat, Europa, müssen wir gar nicht lieben. Es reicht, dass wir uns mit ihr wohl fühlen, und das hängt davon ab, wie wir uns in ihr einrichten werden."

Hundert Jahre nach Max Webers "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" stellt Slawomir Sowinski die Frage nach der kulturellen Adaption der Marktwirtschaft in Osteuropa. "Der Erfolg des Kapitalismus an Weichsel, Dnjepr oder Newa hängt nicht von der Zahl der Geldautomaten oder Einkaufszentren ab, sondern von den mentalen Prädisposition der Polen, Ukrainer oder Russen." Und obwohl der Kapitalismus in Polen immer noch über keine Traditionen und positive Vorbilder verfügt, scheint der Katholizismus, auch der polnische, sich mit der Marktwirtschaft nicht mehr so schwer zu tun wie zu Webers Zeiten, schließt Sowinski.

Magazinrundschau vom 08.11.2004 - Plus - Minus

Das Magazin der polnischen Tageszeitung Rzeczpospolita spricht mit drei jungen Politikwissenschaftlern über die Lage nach den Wahlen in der Ukraine, über die imperiale Politik Russlands und das Verhältnis des Westens gegenüber den osteuropäischen Staaten. "Seit dem Beitritt Polens zur NATO lebten wir in der bequemen Überzeugung, dass Russland keine reale Bedrohung mehr darstellt. Das, was heute in und um die Ukraine passiert, zeigt, dass es vollkommen anders ist. Das Imperium schlägt zurück. Die Mittel sind anders, aber die Ziele die gleichen. Russland ist sehr daran interessiert, sich so fest wie möglich an Mittelosteuropa festzukrallen. Die inkohärente Politik der EU gegenüber Moskau lässt vermuten, dass wenigstens einige Länder diese Politik dulden werden. George W. Bush hinterfragt sie auch nicht", meint Marek Cichocki. Allerdings: "Der Ort, wo es zu spektakulären amerikanisch-russischen Spannungen kommen kann, ist der Iran. Die Ukraine und Weißrussland sind für die USA, strategisch gesehen, zweit- oder gar drittrangig".

Zum polnischen Kinostart von "Der Untergang" sorgt sich die Filmkritikerin Barbara Hollender, ob das junge, geschichtsunkundige Publikum in Polen und anderswo in der Lage sein wird, den Film richtig einzuordnen. Obwohl ihr der Film persönlich gut gefallen hat, würde sie dafür plädieren, im nächsten Schritt die Entstehungsgeschichte der Tyrannei zu verfilmen, zu zeigen, wie "Hitler den Deutschen passieren konnte".

Magazinrundschau vom 01.11.2004 - Plus - Minus

"Es sind dreizehn Jahre vergangen seit dem Zerfall der UdSSR, und Russland hat keinen demokratischen Staat aufgebaut, sondern ein System des feudalen Kapitalismus. Die Gesellschaft versteht nicht, dass der Staat keine imperiale Politik führen kann, die Bürger interessieren sich nicht für die Politik, die Politik interessiert sich nicht für die Bürger". Der polnische Russland-Kenner und Chefredakteur der Zeitschrift "Novaja Polscha", Jerzy Pomianowski, spricht im Interview mit dem polnischen Magazin Rzeczpospolita über Russlands Dilemma: "Sowohl diejenigen, die den Russen nur nachsichtig mit einem Ohr zuhören, als auch diejenigen, die nach jedem Wort in Entzückung geraten, wollen nicht wahrnehmen, dass ein Großteil der Konzepte, die in Russlands Gedankenwelten herum geistern, von außen herein geschleppt wurde. Nachdem die hiesige Marxismus-Atrappe das Feld räumen musste, blieb eine Brache zurück, die an eine radioaktive Müllhalde erinnert".

In einem gemeinsamen Artikel plädieren Kai-Olaf Lang von der "Stiftung Wissenschaft und Politik" und Mateusz Falkowski vom "Insitut für öffentliche Angelegenheiten" für eine aktivere, von Deutschland und Polen gestaltete Politik der EU gegenüber der Ukraine. Trotz der Meinungsunterschiede, was die Position des Landes in Europa, seine Beitrittsperspektiven und die Rolle Russlands angeht, könne eine deutsch-polnische Initiative für die Ukraine für alle Seiten Gewinn bringend sein. Schließlich sei sie "das einzige Land auf postsowjetischem Gebiet, in dem ein paar Tage vor der Präsidenschaftswahl der Sieger noch nicht fest steht".

Magazinrundschau vom 25.10.2004 - Plus - Minus

Das Magazin der polnischen Tageszeitung Rzeczpospolita widmet sich zwei großen Dichtern des 20. Jahrhunderts: Czeslaw Milosz und Zbigniew Herbert.

Ireneusz Krzeminski macht sich Gedanken über die gesellschaftliche Rezeption des kürzlich verstorbenen Nobelpreisträgers Milosz. Er widerspricht der Meinung des Schriftstellers Stefan Chwin, der behauptet hatte, dass der Dichter und Philosoph nicht verstanden und zu einem bloßen Symbol der antikommunistischen Opposition reduziert wurde. "Manchmal macht das kollektive Bewusstsein aus jemanden einen symbolischen Anführer, gar eine moralische Autorität, ohne dass es mit seinem Werk oder seinen wirklichen Verdiensten in einer Relation stünde. Aber bei Milosz ist das eher nicht der Fall." Krzeminski unterstreicht die Bedeutung von Milosz' Werk für die Debatte um einen humanen, von der christlichen Ethik inspirierten Sozialismus, und seine unnachgiebige Haltung gegenüber jeder Form von Nationalismus und Xenophobie. "Er suchte nach einer Vision des Polentums, die sowohl religiös engagiert, patriotisch, aber gleichzeitig offen, tolerant, liberal eben war - und dadurch formulierte er eine wesentliche weltanschauliche Alternative. Und es sollte nicht verwundern, dass jetzt, in Zeiten der Freiheit, die wiederbelebten, nationalistischen Geister anlässlich seiner Beerdigung ihre Stimme erhoben. Milosz schaute manchmal ganz tief in die Abgründe der Seele des katholischen Polens."

"Er sprach von unseren Träumen vom heroischen Leben, vom rebellischen Leben, in dem es nicht nur Determination, Selbstbewusstsein und überzeugende Standpunkte gibt, sondern auch Anstand und Würde", schreibt Krzysztof Maslon über Zbigniew Herbert, der am 29. Oktober achtzig Jahre alt geworden wäre. Der Dichter und Publizist, der mit seiner Gestalt des Herrn Cogito ein Symbol des moralischen Aufbegehrens gegen die kommunistische Herrschaft schuf, galt lange als der konservative, moralistische Widersacher von Milosz.. Sein viel schärfer als bei Milosz formulierter Antikommunismus soll nicht darüber hinweg täuschen, dass für ihn "nicht der Kommunismus die größte 'Bedrohung der Seele' war - wie es diejenigen wollten, die den Schöpfer des Herrn Cogito auf ihre, politische Art interpretieren wollten -, sondern der Nihilismus".

Magazinrundschau vom 11.10.2004 - Plus - Minus

Polen im Nikifor-Fieber! Die Gestalt des halbstummen, illiteraten, für verrückt und genial gehaltenen Künstlers "Nikifor Krynicki" (kurze Info), der Zeit seines Lebens im Kurort Krynica für Touristen für naiv gehaltene Bilder malte, kehrt in diesem Jahr als Filmfigur zurück (offizielle Seite), mit zwei Ausstellungen in Gdingen und Warschau sowie mehreren Buchveröffentlichungen. Und in einem Interview mit seinem letzten Freund und Betreuer, dem Maler Marian Wlosinski. Er erzählt, wie der obdachlose, ewig tuberkulöse Nikifor 1960 sein Haus betrat, sich umschaute und feststellte: "Hier wird sie malen" (er hatte Sprachprobleme wegen einer mit dem Mund zusammengewachsenen Zunge und der Grammatik war er ebenfalls nicht mächtig). "Nikifor suchte sich einen bequemen Platz am Fenster aus, setzte sich an den Tisch, breitete seine Behälter aus, seine Farben, Pinsel, und ohne etwas zu sagen, fing er an zu malen." Obwohl ihm einer Pariser Ausstellung großen Ruhm brachte, wurden viele seiner Bilder verbrannt, nachdem bekannt wurde, dass er beim Malen statt Wasser Speichel benutze (Tuberkulosegefahr!). Die Wahrheit ist noch interessanter: "Als er mit einer Farbe fertig war, steckte er den Pinsel in seinen Mund und schluckte den Rest der Farbe. Die Farben auf seinen Bildern sind wirklich sehr intensiv, weil er den Pinsel selten ins Wasser tauchte".

Außerdem in der Wochenendausgabe der Rzeczpospolita: Jerzy Jastrzebski macht sich über stereotype Ansichten zur Fremdwahrnehmung der Polen lustig. Wir erfahren, dass schon Marx und Engels nach anfänglicher Polen-Euphorie zu den größten Polen-Hassern gehörten, bis sie von Himmler und Hitler abgelöst wurden. Stalin selbst soll festgestellt haben: "Der Kommunismus passt zu Polen wie ein Sattel zu einer Kuh". Die andere Seite ging aber auch nicht besser mit der armen Nation um: "Innerhalb eines Monats - seit dem Überfall des (Dritten) Reichs auf Frankreich bis zum Fall Paris im Juni 1940 - sank der Dow Jones Index katastrophal um 23 Prozent. Interpretation: Die bisherige Ordnung in Europa bricht zusammen, diese verrückten Europäer werden jetzt versuchen, die USA in ihren Krieg mit einzuziehen. Nach dem Angriff auf Polen bis zu dem Fall Warschaus kletterte der DJ Index munter um 13,9 Prozent. Interpretation: endlich kehrt Ruhe ein in diesem verrückten Europa, das große Deutschland wird wie üblich die Beute und die Einflusssphären mit dem großen Russland aufteilen, und man kann endlich mit beiden Seiten Geschäfte treiben".

Magazinrundschau vom 04.10.2004 - Plus - Minus

Die Wochenendausgabe der Rzeczpospolita befasst sich diesmal mit dem neuen Buch des berühmten Reporters, Schriftstellers und Weltenbummlers Ryszard Kapuscinski (mehr hier), "Podroze z Herodotem" (Reisen mit Herodot). In einer umfangreichen Rezension beschreibt Krzysztof Maslon die unvergesslichen Momente des Buches, z.B. die Totenstille bei einem Louis-Armstrong-Konzert in Khartum oder das Eingeständnis Kapuscinskis, dass er Englisch während seiner ersten Auslandsreise nach Indien lernte, anhand von Hemingways "Wem die Stunde schlägt". Ein kurzer Ausschnitt aus der Rezension: "Und dann öffnet sich der Autor. Er blickt vierzig, fünfzig Jahre zurück. Und so, wie er die Gegenwart für uns offen legte, so zeigt er uns die Vergangenheit. Eine sonderbare Vergangenheit, aber er wundert sich mit uns. Er stellt die selben Fragen: so war das also, so hat das damals ausgesehen? So habe ich damals ausgesehen, als ich das erste Mal in diese andere Welt fuhr? Benommen, voller Angst, schlecht angezogen. 'Man musste keinen Pass bei sich tragen', sagt er, 'schon von weitem konnte man sehen, wer von welcher Seite des Eisernen Vorhangs kommt'"

Im Interview erzählt Kapuscinski, wie der antike Geschichtsschreiber Herodot sein Weggefährte während der Reisen in den Nahen und Mittleren Osten war, und dass er den West-Ost-Konflikt genauso wie den Aufstieg und Fall von Imperien auf eine bis heute beeindruckenden Art und Weise analysiert hat. "Herodot zeigt uns den Mechanismus, wie ein Imperium entsteht, was einen grenzenlosen Drang, eine Notwendigkeit zur Dominanz und Beherrschung zur Folge hat." Und zur eigenen Arbeitsweise: "Wissen Sie, dass ich meine Texte immer geglättet habe, weil ich dachte: wenn ich es so beschreibe, wie es wirklich war, wird man mir es nicht glauben und sagen 'das ist erfunden'? Ich habe gezielt Adjektive gestrichen, die Beschreibung getönt. Dabei war die Wirklichkeit viel dramatischer, furchtbarer...".

Magazinrundschau vom 20.09.2004 - Plus - Minus

Im Magazin der Rzeczpospolita befasst sich der an der Universität in Bremen lehrende polnische Philosoph Zdzislaw Krasnodebski mit Geschichtspolitik. Nach einer eingehenden Analyse der polnischen Gedenkfeiern in den letzten Wochen, stellt Krasnodebski die Diagnose: "Die Missverständnisse zwischen Deutschen und Polen sind Konsequenz einer Ungleichzeitigkeit - wir leben quasi in anderen Epochen. In Polen ging der Zweite Weltkrieg in Wirklichkeit erst 1989 zu Ende. Erst jetzt fangen freie Debatten über die Geschichte an, erst jetzt kehren wir nach Europa zurück und müssen um unseren Platz kämpfen. In Deutschland wurden Fragen der eigenen Schuld schon oft durchgekaut und man stellte fest, dass die Zeit der Erlösung gekommen ist. Und obwohl große Bereiche, insbesondere solche, die Polen betreffen, noch nicht kritisch reflektiert wurden, glauben die Deutschen, dass in Sachen Schuld alles schon gesagt wurde". Der Autor kritisiert auch, dass bei den Feiern in der Normandie, wo eine "Wertegemeinschaft ex post" zum Leben erweckt wurde, Präsident Putin eingeladen worden war: "Es ist offensichtlich, dass weder die damals gegen Nazi-Deutschland kämpfende Sowjetunion noch das heutige Russland diese Werte repräsentieren".

Magazinrundschau vom 06.09.2004 - Plus - Minus

In einem Interview mit dem Magazin der Rzeczpospolita erinnert sich die Soziologin Jadwiga Staniszkis an die Ereignisse auf der Danziger Lenin-Werft vor 24 Jahren: "Es war ein vor-politisches Moment. Die Menschen fühlten, dass sie etwas hatten, das sie verteidigen wollten. Sie wollten, dass diese neu entdeckte Würde und die Fähigkeit, Nein zu sagen, anerkannt werden. Es entstand eine Sprache des Kampfes zwischen Gut und Böse, und sie, die Arbeiter, fühlten sich auf der Seite des Guten." Staniszki, die damals dabei war, erinnert sich auch daran, wie allgegenwärtig das Gefühl war, alles aufs Spiel zu setzen, bevor am 31. August 1980 durch das Abkommen über die Anerkennung der unabhängigen Gewerkschaft "Solidarnosc" ein Wendepunkt in der Nachkriegsgeschichte markiert wurde, und wie dankbar die Arbeiter dafür waren, dass Staniszki sich aus Anlass dieses feierlichen Ereignisses fein angezogen hatte.

In der monatlichen Literaturbeilage spricht die Schriftstellerin Olga Tokarczuk (mehr hier und hier), über ihr neues Buch "Letzte Geschichten" und versucht zu erklären, warum es für die Schriftsteller von heute so schwer ist, Realität zu beschreiben: "Ich habe oft das Gefühl, dass die Wirklichkeit zu derb, überzeichnet ist, ja, gar von schlechtem Geschmack zeugt, da sie arrogant und unkontrolliert daher kommt. Wenn Schriftsteller sie erschaffen würden, wäre sie viel balancierter und vorhersehbarer."