Magazinrundschau - Archiv

6 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 11.05.2021 - Republik

Die Mbembe-Debatte ist nicht zuende. Der Kunsthistoriker Jörg Heiser, ehemals Redakteur bei Frieze, positioniert sich in einem sehr ausführlichen Essay auf der postkolonialen Seite, beschönigt die Äußerungen Mbembes aber alles in allem weniger als seine üblichen Anhänger. Wie immer bei den postkolonialen Schulen muss man sich fragen, warum es so wichtig ist, auf der (von niemandem bestrittenen) Möglichkeit des Vergleichs zu bestehen, als sei da was zu holen. Aber Heisers eigentliche Lösung für die Denksportaufgabe, Kontinuität mit dem Kolonialismus und Singularität des Holocaust zugleich zu haben, findet er in der Idee der "Inversion", für die er sich auf die Kulturtheoretikerin Iris Därmann bezieht. Die Denker des Kolonialismus, darunter Aufklärer wie John Locke, hätten die Kolonisierten als das "Andere" schlechthin aufgefasst, als eine Barbarei, die zu unterwerfen sei. Die Denker des Nationalsozialimus hätten sich in totaler Umkehrung selbst zu Barbaren aufschwingen wollen, um die in den Juden verkörperte Zivilisation zu eliminieren. In diesem Bruch liege eine Kontinuität qua Negation. Das Problem ist damit für Heiser gelöst: "Wenn man der These einer nationalsozialistischen Inversion der Kolonialideologie vor diesem Hintergrund mal einen Moment folgt, führt sie geradewegs aus der Sackgasse einer falschen Wahl zwischen 'Kausalität, ergo Relativierung' und 'Singularität'. Denn sie zeigt auf, wie Kolonialismus und Nationalsozialismus untergründig verbunden sind- und der Holocaust dennoch ein singuläres Menschheitsverbrechen bleibt."

Magazinrundschau vom 15.12.2020 - Republik

Ach, solche Leute muss es doch auch geben, die Sätze sagen wie: "Wenn ich arbeite, habe ich das Gefühl, meine Zeit zu vergeuden." Es handelt sich dabei um Saskia Landshoff, eine Nichte der Ellermanns, die auch ein hübsches Haus auf Ibiza hat: "Beim Farbkonzept ließ sie sich von ihren Kindheitsaufenthalten auf dem väterlichen Anwesen in der Karibik inspirieren." Die Ellermanns gehören zum Clan der Coninx, eine der reicheren Familien in der Schweiz, weit verzweigt: sie besitzen den Medienkonzern Tamedia, zu denen der Tages-Anzeiger gehört (die linksliberale Alternative zu NZZ und Ringier), und sie alle kriegen Jahr für Jahr einen schönen Batzen aus den 39 Millionen Franken Dividende, die der Konzern ausschüttet. Marc Guéniat begibt sich auf die Spur des Clans: "Um die Zügel auf jeden Fall in der Hand zu behalten, sorgte die Familie mit einem zweckmäßigen Instrument dafür, dass die Inhaber des Aktienkapitals unter sich bleiben: mit einem sogenannten 'Aktionärsbindungsvertrag'. Dieser Bindungsvertrag, der ausnahmslos Familienmitgliedern vorbehalten bleibt, bildet heute das Herzstück der Corporate Governance des Konzerns, der eine Milliarde Franken Umsatz erwirtschaftet, über 3.700 Mitarbeiter beschäftigt und mehr als 50 Marken umfasst." Im zweiten Teil der Serie geht es weniger idyllisch zu: Dort wird erzählt, wie gnadenlos der Konzern in der Westschweiz die renommierte Zeitung Le Matin abwickelte. Und hier die Einleitung zur Serie, wo man erfährt, dass der Tages-Anzeiger mal die exorbitante Auflage von 250.000 hatte.

Magazinrundschau vom 08.12.2020 - Republik

Zwei interessante Reportagen bietet das Schweizer Magazin. Paul Hildebrandt, Birte Mensing und Kiki Mordi recherchieren zu jenem anderen religiösen Fundamentalismus, der viel zu selten thematisiert wird - der von Putin und der radikalen Rechten in den USA tatkräftig gestützten Internationale der Evangelikalen. In Nigeria haben ihre Interventionen zusammen mit Partnern wie dem "Verein katholischer Anwälte", der "Islamischen Plattform" und der nigerianische "Liga für das Leben" den Druck auf Frauen erhöht, die abtreiben wollen - und auf Organisationen wie "Marie Stopes International", die sich für die reproduktiven Rechte der Frauen einsetzen. Dabei ist die Lage für die Nigerianerinnen jetzt schon düster: "Obwohl es für nigerianische Frauen beinahe keinen legalen Weg gibt, um abzutreiben, tun das in Nigeria jährlich zwischen 1,8 und 2,7 Millionen Frauen. Mehr als die Hälfte dieser Abbrüche gelten als unsicher. Das schätzt eine Studie aus dem Jahr 2018. Tatsächlich verhindern die strengen Gesetze keine Abtreibungen. Sie treiben die Frauen stattdessen an unsichere Orte: in Apotheken ohne Lizenzen, wo sie für wenige Dollar Abtreibungsmedikamente bekommen, und in sogenannte Quack Clinics - private Kliniken, in denen oft Laien die illegalen Abtreibungen durchführen."

Sehr im Trend ist Zement - allerdings mit negativen Schlagzeilen. 4 bis 7 Prozent des weltweiten Ausstoßes von Treibhausgasen gehen auf das Konto von Zement, schreibt Norbert Raabe. Das ist weit mehr als etwa der viel häufiger gescholtene Luftverkehr, der bei knapp 3 Prozent verbucht wird. Raabe untersucht in einer angenehm unideologischen und informationsreichen Reportage, wie sich die Schweizer und internationale Zementindustrie auf dies ungeheure Problem einstellt. Man sucht nach Alternativen, die man vielleicht in dem Mineral Olivin findet: "Das Besondere an Olivin ist: Es bindet Kohlendioxid aus der Atmosphäre. Normalerweise geht dieser Prozess sehr langsam vor sich. Doch er lässt sich beschleunigen, in einem luftdichten Metallbehälter unter Druck und großer Hitze. Aus dem Rohmaterial plus CO2 entsteht so eine Substanz, die später für den Zement gebrannt wird. Bei diesem Vorgang tritt dann zwar Kohlendioxid aus - aber weniger, als zuvor chemisch gebunden wurde. Ein CO2-negativer Zement!" Allerdings noch längst nicht so funktionsfähig wie der klassische Zement! Die andere immer wieder zitierte Aternative heißt Holz, so Raabe.
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Magazinrundschau vom 11.08.2020 - Republik

Die Medien stecken nicht nur in einer ökonomischen Krise. Weltweit ist auch die Pressefreiheit immer mehr in Gefahr, stellt Simon Schmid fest, nachdem er zwei über mehrere Jahrzehnte geführte Untersuchungsreihen der "Reporter ohne Grenzen" und des "Freedom House" studiert hat, die trotz völlig unterschiedlicher Methoden zu fast parallelen Ergebnissen und Entwicklungslinien kommen. Die übelsten Länder sind China, die Türkei, Ägypten und Saudi Arabien (man wundert sich über das Fehlen des Irans, aber vielleicht ließ sich die Situation da in den letzten dreißig Jahren nicht mehr verschlechtern). Aber auch jenseits davon verdüstert sich die Lage auch in Ländern, wo man es nicht immer gleich vermutet, zum Beispiel "in Indien (minus 4 Punkte), wo die Angriffe auf Journalisten unter Premierminister Narendra Modi spürbar zugenommen haben und Journalistinnen, die nicht der hindu-nationalistischen Linie folgen, der 'Aufwiegelung' bezichtigt werden; - oder in Polen (minus 16 Punkte), wo die Partei PiS, die seit 2015 regiert, die öffentlichen TV- und Radiosender zu Propagandamaschinen umfunktioniert hat und unabhängige Zeitungen juristisch drangsaliert; - und selbst in Österreich (minus 6 Punkte), wo die rechtspopulistische FPÖ Attacken gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen ritt und versuchte, kritische Medien vom Informationsfluss ihrer Ministerien abzuschneiden."

Magazinrundschau vom 04.09.2018 - Republik

"Borderland" - In einem sehr lesenswerten Text resümiert Michi Strausfeld gleich sieben neue Publikationen zum Thema amerikanisch-mexikanische Grenzregion: "Das Grenzgebiet zwischen dem armen Süden und dem reichen Norden ist schon lang eine lebensgefährliche Konfliktzone. Doch die 'Null-Toleranz-Politik' des amerikanischen Präsidenten Donald Trump hat die Lage noch einmal verschärft. Wir erinnern uns: Ein Aufschrei ging durch die Welt, als im Frühjahr 2018 mehr als 2500 Kinder illegaler Immigranten aus Mexiko und Mittelamerika gewaltsam von ihren Eltern getrennt und in Auffanglagern und anderen Einrichtungen untergebracht wurden. Ende Juli, nach Ablauf der Frist, die ein Bundesrichter aus San Diego der Regierung gesetzt hatte, um alle Familien wieder zu vereinen, warteten noch immer 711 Kinder zwischen fünf und siebzehn darauf, ihre Eltern zu finden. Doch viele von ihnen sind längst abgeschoben worden und unauffindbar, manche harren vermutlich irgendwo in Grenznähe aus und hoffen auf mehr Glück bei einer erneuten illegalen Einwanderung. Alle werden sie es noch einmal oder noch mehrere Male versuchen, denn der Weg zurück in die Heimat bedeutet Elend, Verfolgung oder Tod. Jedes einzelne Schicksal ist eine Tragödie."

Magazinrundschau vom 19.06.2018 - Republik

Putinismus sei "Gefolgschaft plus Korruption", hatte der 2015 ermordete Oppositionspolitiker Boris Nemzow einst erklärt und für die Olympischen Winterspielen von Sotschi ausgerechnet, dass sie mit 51 Milliarden Dollar die teuersten aller Zeiten waren. Für die WM gibt es keine zuverlässigen Zahlen, der Kreml spricht von 11,8 Milliarden Dollar, aber weder Transparency International noch russische NGOs trauen dieser Zahl. Grit Hartmann hat in einem tollen, hervorragend recherchierten Report festgehalten, wer von der Weltmeisterschaft am meisten profitiert: "Der FC Kreml. Bestehend aus zehn Oligarchen und einem Minister. Auf der Ersatzbank: etliche weitere Spieler. Aber das hier sind die wichtigsten. 1. Linker Verteidiger: Gennadi Timtschenko. Er ist ein alter Freund aus St. Petersburger Tagen, spielt mit Putin Eishockey und steht der nationalen Eishockey-Liga KHL vor. Auf knapp 17 Milliarden Dollar wird sein Vermögen aktuell taxiert, damit ist er der fünftreichste Mensch in Russland. Sein Aufstieg begann mit einer Lizenz zum Ölexport, von Putin erteilt. Und einem damit verbundenen Betrug, der aufflog, aber nie geahndet wurde. 2014 verkaufte Timtschenko seine Anteile an Gunvor, den damals zweitgrößten Ölhändler der Welt, mit Zentrale in Genf. Einen Tag später stand Timtschenko auf der Sanktionsliste, mit der der Westen auf die Krim-Annexion reagierte. Glück gehabt! Putin halte verdeckt Anteile an Gunvor, lautete damals die Begründung des US-Finanzministeriums - die Männerfreunde bestritten, selbstverständlich. Jetzt durfte Timtschenko zwei Fußballstadien bauen, in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, und Nischni Nowgorod, 400 Kilometer östlich von Moskau. Die tatsächlichen Kosten für die Stadien, der Aufschlag unter Freunden? Unbekannt."