25 Jahre Perlentaucher
Diese literarische Zumutung
Von Frank Hertweck
22.02.2025. "Dass Romane immer gleich gelesen werden, kann niemand ernsthaft behaupten"Frank Hertweck antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.
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Prägende Bücher seit dem Jahrgang 2000 sind gar nicht so leicht zu bestimmen, wenn das klassische Prägealter doch etwas zurückliegt und gerade diese Jahre ab 2000 auch bestimmt waren vom Gift der Routine und des Lesedrucks, das manchem Titel sicher unrecht tat. Meine eigentliche Prägezeit liegt ohnehin etwas zurück, am meisten Spuren hat "Irre" von Rainald Goetz hinterlassen, womit ich sicher in einer bestimmten Alterskohorte nicht alleine stehe. Goetz hat eine wilde Denkkraft in die Literatur eingeführt, was aber immer auch sein Gestaltungsvermögen bedroht hat bis hin zur Formanarchie. Diese Spannung hat ihn dazu gebracht, sich mehr oder weniger erfolgreich Formen "auszuleihen", um das Denken zu bändigen, sei es das Fernsehen, das Internet, das Tanzritual usw. In den Perlentaucher-Zeitraum fällt der Roman "Johann Holtrop", den man gerne toll gefunden hätte, aber für das Format des klassischen Romans war Goetz zu ungeduldig, zu wenig fantasiebegabt, Zeitungslesen alleine genügt nicht, auch nicht, wenn es den Wirtschaftsteil der F.A.Z. betrifft.
Darum also weniger die prägenden als die mich überraschenden Text von 2000 bis heute. Was nicht auf der Liste steht: Friederike Mayröckers lyrisches Tagebuch "ètudes" aus dem Jahr 2013 inklusive der Folgebände "cahier" (2024) und "fleurs" (2016). Nun ist das eine nachgeholte Entdeckung und ich in diesem Fall ein Spätzünder, aber die Verbindung der konkretesten Tag- und Nachtbeschreibungen mit einem avantgardistischen Gestus, der gerade diese Sprechhaltung zum Selbstverständlichsten macht, als könne nur so und genau so über das Leben geschrieben werden, das ist wirklich bis ins letzte Differential Denken in Poesie, für mich als Leser eine Offenbarung, deren Einlösung bis heute nicht vollendet ist.
Dann eine weiter Überraschung, aber der anderen Art: "Der Turm" von Uwe Tellkamp. Es erschien damals, 2008, eine Lesexemplar mit den ersten vielleicht 200 Seiten, die ich für komplett misslungen hielt - mit leblosen Figuren, die mit einer sprachen wie niemand miteinander spricht. Das war sozusagen der bürgerliche Teil des Romans. Die eigentliche Überraschung folgte dann mit dem gesamten Roman, ein Aufbrechen der Form in Satire, Apokalyptik, Hyperrealismus, Irrsinn, Paranoia, Poesie. Ein Buch, das Fahrt aufnimmt, wie die Geschichte, von dem es erzählt, gelobt selbst von Maxim Biller. Und keiner sah den ideologischen Glutkern, den überschäumenden Patriotismus. Dass Romane immer gleich gelesen werden, kann niemand ernsthaft behaupten, heute hat sich die politische Radikalisierung des Autors vor die ästhetische Rezeption geschoben. Damals galt er noch emphatisch als Dichter.
Wie man mit Romantik und Avantgarde trotzdem freier, spielerischer und humorvoller umgehen kann, beweist schon 2004 Brigitte Kronauer mit "Verlangen nach Musik und Gebirge", ein Roman, der brillant Begehren und Verfolgungswahn wirklich durchbuchstabiert, präziser als Brigitte Kronauer läßt sich kaum schreiben. Seit diesem auch Künstlerroman sieht man Ostenende und James Ensor neu.
Dann Wolf Haas, "Der Brenner und der liebe Gott" (2009). "Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen." So beginnt die Wiederauferstehung des genialen Haas-Erzählers, der einen unerhörten neuen Ton in die deutsche Literatur eingeführt hat, ich wiederhole mich, siehe oben: frei, spielerisch, humorvoll, dabei von unbändiger sprachlicher Innovationskraft. Wer erfindet schon einen neuen Sound?
Und zuletzt, wirklich alle überfordernd, vielleicht sogar den Autor selber: Maxim Biller, "Biografie" (2016), ein monströses Buch, das auch die Grenzen sprengt, die Billers andere Romane akzeptiert haben. Wenn man heute die Rezensionen von damals nachliest, spürt man die unschönen Ressentiments, die diese literarische Zumutung erzeugt hat: Ein wildes, aber auch verzweifeltes Gerede über Sex in jedem nur erdenklichen Jargon, ein Roman, der Freud widerlegen will, es ist nicht die Sexualität, die verdrängt wird, sondern das uferlose und unkontrollierte Sprechen über Sexualität verdrängt das eigentliche Trauma, das das Leben der Romanfiguren bestimmt: den Holocaust.
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Prägende Bücher seit dem Jahrgang 2000 sind gar nicht so leicht zu bestimmen, wenn das klassische Prägealter doch etwas zurückliegt und gerade diese Jahre ab 2000 auch bestimmt waren vom Gift der Routine und des Lesedrucks, das manchem Titel sicher unrecht tat. Meine eigentliche Prägezeit liegt ohnehin etwas zurück, am meisten Spuren hat "Irre" von Rainald Goetz hinterlassen, womit ich sicher in einer bestimmten Alterskohorte nicht alleine stehe. Goetz hat eine wilde Denkkraft in die Literatur eingeführt, was aber immer auch sein Gestaltungsvermögen bedroht hat bis hin zur Formanarchie. Diese Spannung hat ihn dazu gebracht, sich mehr oder weniger erfolgreich Formen "auszuleihen", um das Denken zu bändigen, sei es das Fernsehen, das Internet, das Tanzritual usw. In den Perlentaucher-Zeitraum fällt der Roman "Johann Holtrop", den man gerne toll gefunden hätte, aber für das Format des klassischen Romans war Goetz zu ungeduldig, zu wenig fantasiebegabt, Zeitungslesen alleine genügt nicht, auch nicht, wenn es den Wirtschaftsteil der F.A.Z. betrifft.
Darum also weniger die prägenden als die mich überraschenden Text von 2000 bis heute. Was nicht auf der Liste steht: Friederike Mayröckers lyrisches Tagebuch "ètudes" aus dem Jahr 2013 inklusive der Folgebände "cahier" (2024) und "fleurs" (2016). Nun ist das eine nachgeholte Entdeckung und ich in diesem Fall ein Spätzünder, aber die Verbindung der konkretesten Tag- und Nachtbeschreibungen mit einem avantgardistischen Gestus, der gerade diese Sprechhaltung zum Selbstverständlichsten macht, als könne nur so und genau so über das Leben geschrieben werden, das ist wirklich bis ins letzte Differential Denken in Poesie, für mich als Leser eine Offenbarung, deren Einlösung bis heute nicht vollendet ist.
Dann eine weiter Überraschung, aber der anderen Art: "Der Turm" von Uwe Tellkamp. Es erschien damals, 2008, eine Lesexemplar mit den ersten vielleicht 200 Seiten, die ich für komplett misslungen hielt - mit leblosen Figuren, die mit einer sprachen wie niemand miteinander spricht. Das war sozusagen der bürgerliche Teil des Romans. Die eigentliche Überraschung folgte dann mit dem gesamten Roman, ein Aufbrechen der Form in Satire, Apokalyptik, Hyperrealismus, Irrsinn, Paranoia, Poesie. Ein Buch, das Fahrt aufnimmt, wie die Geschichte, von dem es erzählt, gelobt selbst von Maxim Biller. Und keiner sah den ideologischen Glutkern, den überschäumenden Patriotismus. Dass Romane immer gleich gelesen werden, kann niemand ernsthaft behaupten, heute hat sich die politische Radikalisierung des Autors vor die ästhetische Rezeption geschoben. Damals galt er noch emphatisch als Dichter.
Wie man mit Romantik und Avantgarde trotzdem freier, spielerischer und humorvoller umgehen kann, beweist schon 2004 Brigitte Kronauer mit "Verlangen nach Musik und Gebirge", ein Roman, der brillant Begehren und Verfolgungswahn wirklich durchbuchstabiert, präziser als Brigitte Kronauer läßt sich kaum schreiben. Seit diesem auch Künstlerroman sieht man Ostenende und James Ensor neu.
Dann Wolf Haas, "Der Brenner und der liebe Gott" (2009). "Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen." So beginnt die Wiederauferstehung des genialen Haas-Erzählers, der einen unerhörten neuen Ton in die deutsche Literatur eingeführt hat, ich wiederhole mich, siehe oben: frei, spielerisch, humorvoll, dabei von unbändiger sprachlicher Innovationskraft. Wer erfindet schon einen neuen Sound?
Und zuletzt, wirklich alle überfordernd, vielleicht sogar den Autor selber: Maxim Biller, "Biografie" (2016), ein monströses Buch, das auch die Grenzen sprengt, die Billers andere Romane akzeptiert haben. Wenn man heute die Rezensionen von damals nachliest, spürt man die unschönen Ressentiments, die diese literarische Zumutung erzeugt hat: Ein wildes, aber auch verzweifeltes Gerede über Sex in jedem nur erdenklichen Jargon, ein Roman, der Freud widerlegen will, es ist nicht die Sexualität, die verdrängt wird, sondern das uferlose und unkontrollierte Sprechen über Sexualität verdrängt das eigentliche Trauma, das das Leben der Romanfiguren bestimmt: den Holocaust.
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