25 Jahre Perlentaucher
Die Wörter geschüttelt und gerührt
Von Meike Feßmann
24.02.2025. "Die seltsame Kombination der bis in die Romantik zurückreichenden Tradition des bösen Blicks mit einer fulminanten Freundlichkeit." Meike Feßmann antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.
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Friederike Mayröcker: Und ich schüttelte einen Liebling. Suhrkamp. 2005
Die Sprache, die Blumen, das Alter, der Verlust, das Spiegelbild, der schmerzlich vermisste Lebensgefährte Ernst Jandl: Die 2021 verstorbene Lyrikerin war die vielleicht freieste Prosa-Autorin, die man sich vorstellen kann. Sie hat die Wörter geschüttelt und gerührt und neu zusammengesetzt. Sie hat ihre legendären Zettel geschichtet und verloren und wiedergefunden. Das war bei aller Melancholie immer heiter, lebenszugewandt, einfallsreich. Rhythmus und Wiederholung gerieten niemals zum Leerlauf. Man kann nach wie vor alles von ihr lesen.
Katja Lange-Müller: Böse Schafe. Kiepenheuer & Witsch. 2007
Der beste Roman über West-Berlin, kondensierte Zeitstimmung der 1980er Jahre, und zugleich der Roman, in dem alle Qualitäten dieser Autorin mit größter Kraft versammelt sind: ihre zupackend ruppige Sprache, die seltsamen Momente von Zärtlichkeit und Sehnsucht, das komplette Aneinander-Vorbeilieben der beiden Hauptfiguren. Es stimmt einfach, dass Katja Lange-Müllers Bücher nur von ihr geschrieben werden können.
Thomas Lehr: Schlafende Sonne. Hanser. 2017
Wie ein Spiralnebel ist dieser Roman gebaut, mit Kurven und Überschneidungen, Rotationen und Verwirbelungen. Man kann ihn einen Eheroman nennen, eine familiäre Zerreißprobe in der "Trennstadt Berlin", einen Künstler-, Epochen- und Wissenschaftsroman, einen Roman über die deutsche Teilung und ihre Vorgeschichte. Seine Sprache ist so beweglich wie zurzeit keine andere intellektuelle epische Prosa, sie hat ungeheuren Witz, eine Sinnenfreudigkeit quer durch alle Register, eine Lust an Erotik und sexueller Eindeutigkeit. Milena Sonntag, eine Künstlerin, die 2011 ihre erste große Retrospektive bekommt, will das Jahrhundert begreifen, seine Spaltungen und Gewaltexzesse, die Schlachtfelder, Kriege, Aussonderungen. Der erste Band einer Trilogie spielt zwischen Göttingen und Berlin, Freiburg, Dresden und Tel Aviv. Ein Epos auf der Höhe der Zeit, sprachgewaltig und gedankenstark, sonnentrunken und riskant.
Clemens J. Setz: Der Trost runder Dinge. Suhrkamp. 2019
Trostbedürftig sind sie alle, die Menschen, von denen Clemens Setz in den zwanzig Geschichten erzählt. Das Leben setzt ihnen zu, sie haben es wirklich schwer. Doch sie finden bizarre Wege, mit ihren Ängsten und Versehrungen umzugehen. Sie tricksen das Schicksal aus, verdrehen es zu ihren Gunsten. Angst, Paranoia, Einsamkeit und Abscheu überfallen die Figuren aus meist ohnehin schon verhangenem Himmel. Manche helfen sich mit Mitteln der Beschwichtigung, andere mit Techniken der Übersteigerung. Setz schreibt einen Realismus, der mitunter beinahe unbemerkt vom Weg abbiegt, in surrealistische, futuristische, imaginäre Szenerien. Was ihn auszeichnet, ist die seltsame Kombination der bis in die Romantik zurückreichenden Tradition des bösen Blicks mit einer fulminanten Freundlichkeit. Clemens Setz will seine Figuren heimlich retten - und er gibt ihnen dafür die verrücktesten Mittel an die Hand.
Judith Hermann: Wir hätten uns alles gesagt. S. Fischer. 2023
Die drei Vorlesungen zur Frankfurter Poetikdozentur lesen sich wie ein autobiografischer Roman. Judith Hermann bewegt sich in die Geschichte hinein, wie man nachts über eine Straße schlendert, und dann entsteht ein so eigensinniges Erzählgebäude, dass man sich vorkommt wie in einem Traum. Es ist ein Gedächtnis-Archiv, entstanden in der begrüßten Isolation der Pandemie, und es stellt eine für die Autorin selbst überraschende Verbindung zwischen ihrer "Geheimniskrämerei" und den "verdunkelten Zimmern" ihrer Kindheit her. "Wir hätten uns alles gesagt" zeugt von einer ruhigen, erwachsenen Selbstgewissheit und ist Judith Hermanns bisher bestes Buch.
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Friederike Mayröcker: Und ich schüttelte einen Liebling. Suhrkamp. 2005Die Sprache, die Blumen, das Alter, der Verlust, das Spiegelbild, der schmerzlich vermisste Lebensgefährte Ernst Jandl: Die 2021 verstorbene Lyrikerin war die vielleicht freieste Prosa-Autorin, die man sich vorstellen kann. Sie hat die Wörter geschüttelt und gerührt und neu zusammengesetzt. Sie hat ihre legendären Zettel geschichtet und verloren und wiedergefunden. Das war bei aller Melancholie immer heiter, lebenszugewandt, einfallsreich. Rhythmus und Wiederholung gerieten niemals zum Leerlauf. Man kann nach wie vor alles von ihr lesen.
Katja Lange-Müller: Böse Schafe. Kiepenheuer & Witsch. 2007Der beste Roman über West-Berlin, kondensierte Zeitstimmung der 1980er Jahre, und zugleich der Roman, in dem alle Qualitäten dieser Autorin mit größter Kraft versammelt sind: ihre zupackend ruppige Sprache, die seltsamen Momente von Zärtlichkeit und Sehnsucht, das komplette Aneinander-Vorbeilieben der beiden Hauptfiguren. Es stimmt einfach, dass Katja Lange-Müllers Bücher nur von ihr geschrieben werden können.
Thomas Lehr: Schlafende Sonne. Hanser. 2017Wie ein Spiralnebel ist dieser Roman gebaut, mit Kurven und Überschneidungen, Rotationen und Verwirbelungen. Man kann ihn einen Eheroman nennen, eine familiäre Zerreißprobe in der "Trennstadt Berlin", einen Künstler-, Epochen- und Wissenschaftsroman, einen Roman über die deutsche Teilung und ihre Vorgeschichte. Seine Sprache ist so beweglich wie zurzeit keine andere intellektuelle epische Prosa, sie hat ungeheuren Witz, eine Sinnenfreudigkeit quer durch alle Register, eine Lust an Erotik und sexueller Eindeutigkeit. Milena Sonntag, eine Künstlerin, die 2011 ihre erste große Retrospektive bekommt, will das Jahrhundert begreifen, seine Spaltungen und Gewaltexzesse, die Schlachtfelder, Kriege, Aussonderungen. Der erste Band einer Trilogie spielt zwischen Göttingen und Berlin, Freiburg, Dresden und Tel Aviv. Ein Epos auf der Höhe der Zeit, sprachgewaltig und gedankenstark, sonnentrunken und riskant.
Clemens J. Setz: Der Trost runder Dinge. Suhrkamp. 2019Trostbedürftig sind sie alle, die Menschen, von denen Clemens Setz in den zwanzig Geschichten erzählt. Das Leben setzt ihnen zu, sie haben es wirklich schwer. Doch sie finden bizarre Wege, mit ihren Ängsten und Versehrungen umzugehen. Sie tricksen das Schicksal aus, verdrehen es zu ihren Gunsten. Angst, Paranoia, Einsamkeit und Abscheu überfallen die Figuren aus meist ohnehin schon verhangenem Himmel. Manche helfen sich mit Mitteln der Beschwichtigung, andere mit Techniken der Übersteigerung. Setz schreibt einen Realismus, der mitunter beinahe unbemerkt vom Weg abbiegt, in surrealistische, futuristische, imaginäre Szenerien. Was ihn auszeichnet, ist die seltsame Kombination der bis in die Romantik zurückreichenden Tradition des bösen Blicks mit einer fulminanten Freundlichkeit. Clemens Setz will seine Figuren heimlich retten - und er gibt ihnen dafür die verrücktesten Mittel an die Hand.
Judith Hermann: Wir hätten uns alles gesagt. S. Fischer. 2023Die drei Vorlesungen zur Frankfurter Poetikdozentur lesen sich wie ein autobiografischer Roman. Judith Hermann bewegt sich in die Geschichte hinein, wie man nachts über eine Straße schlendert, und dann entsteht ein so eigensinniges Erzählgebäude, dass man sich vorkommt wie in einem Traum. Es ist ein Gedächtnis-Archiv, entstanden in der begrüßten Isolation der Pandemie, und es stellt eine für die Autorin selbst überraschende Verbindung zwischen ihrer "Geheimniskrämerei" und den "verdunkelten Zimmern" ihrer Kindheit her. "Wir hätten uns alles gesagt" zeugt von einer ruhigen, erwachsenen Selbstgewissheit und ist Judith Hermanns bisher bestes Buch.
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