25 Jahre Perlentaucher

Wache Zweifel

Von Marie Schmidt
16.02.2025. "Sich an der zauberhaften Praxis zu orientieren, seitlich an etwas vorbei zu gehen." Marie Schmidt antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.
25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.

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Max Goldt, "Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens", Rowohlt 2005. Das ist womöglich nicht das für mich wichtigste Goldt-Buch, aber jedenfalls mein Lieblingstitel, dicht gefolgt von "Wenn man einen weißen Anzug anhat": sich an der zauberhaften Praxis zu orientieren, seitlich an etwas vorbei zu gehen (vor dem andere stehen bleiben und sich aufregen müssen) hilft im Leben oft. Ich fand auch, dass die Zeile Goldts Methode gut wiedergibt, der Welt und der allgemeinen Aufregung durch Digression nahe zu bleiben. Zu erkennen bis in seine dramaturgische Inversion von Satzteilen, die das Sprachtempo freundlich verlangsamt. Aus den Neunzigerjahren besitze ich einen Kolumnenband aus dem Zweitausendeins-Verlag, der hieß "Okay Mutter, ich mache die Aschenbechergymnastik in der Mittagsmachine". Und ich habe wahrscheinlich wenig so sehr imitiert, wie diese Texte.

Clemens J. Setz: "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes", Suhrkamp 2011. In Setz' Büchern gibt es eine für mich völlig neue Wahrnehmung der Welt und der Wahrnehmung selbst. Wahrscheinlich viel zu genau und sensibel für das brutal durch unser aller Gehirne rotierende Internetzeitalter, aber genau damit, mit merkwürdig codierten, unterschiedlich durchlässigen Mensch-Mensch- und Mensch-Maschinen-Schnittstellen immer beschäftigt. Wenn ich sagen müsste, wer der oder die ultimative Schriftsteller:in meiner Generation ist, wäre es Setz.

Angelika Klüssendorf: "Das Mädchen", Kiepenheuer & Witsch 2011. Es gibt diesen kleinen Kanon der Schriftstellerinnen, die ziemlich solitär schreiben, aber etwas gemeinsam haben: das reduzierte, besonders genaue Erzählen in schmalen Büchern von Ulrike Edschmid, Monika Helfer, Katja Lange-Müller oder Christine Wunnicke. Angelika Klüssendorfs Trilogie "Das Mädchen", "April" und "Jahre später" und die auf eine Art dazugehörenden Erzählungen, die in "Risse" wieder aufgelegt sind, kommen mir besonders paradigmatisch vor in dieser enorm bewundernswürdigen Disziplin.

Jonas Lüscher: "Frühling der Barbaren", C. H. Beck 2013. Lüschers Literatur ist großzügig, intellektuell, ambiguitätsverliebt und kosmopolitisch, sie ist aus existenzieller Anerkennung dessen gemacht, was das Erzählen kann, und von immer wachen Zweifeln gegenüber allzu selbstsicheren Formen durchdrungen. Damit dehnt er das, was in der deutschsprachigen Literatur allem Augenschein nach sonst als möglich erachtet wird, mit aller Kraft aus. An die Finanzkrisen-Novelle "Der Frühling der Barbaren" musste ich oft denken, wenn in den letzten Jahren nach Katastrophen, Zusammenbrüchen, Unvordenklichem weitergemacht wurde, nicht eben wie zuvor, aber doch so merkwürdig folgerichtig.

Emine Sevgi Özdamar: "Ein von Schatten begrenzter Raum", Suhrkamp 2021. Die für die Gegenwart wesentlichste Literatur ist einfach die, die man unschön "Migrationsliteratur" nennt, also die, in der das Deutsche (erstmal als Sprache, aber auch als Zustand) ein Außen bekommt oder das Außen von etwas Anderem ist. Jedenfalls etwas, aus dem man raus und in das man rein kann. Özdamars Bücher sind womöglich eine Art Matrize dafür, aber vollkommen eigen in ihren Sprach- und Erzählwegen. Ihre Bücher tragen einen großartigen polyglotten Kanon von Literatur, Theater, Musik in sich, worin hörbar auch die Sprachanarchos meiner eigenen bayrischen Herkunft eine kleine Rolle spielen, die Achternbuschs und Konsorten, die mir inzwischen sehr fehlen.