25 Jahre Perlentaucher
Durch und durch unmoralisches Kalkül
Von Adam Soboczynski
14.02.2025. "Wichtigkeit suggeriert Status und Relevanz. Auch ein schlechtes Buch kann leider wichtig sein."Adam Soboczynski antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.
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Hier soll es, so möchte es die Umfrage, nicht um die besten oder die schönsten Bücher der deutschsprachigen Literatur gehen, sondern um die wichtigsten. Die Wichtigkeit ist nicht zwingend ein ästhetisches Kriterium. Wichtigkeit suggeriert Status und Relevanz, einen machtvollen Einfluss auf die Nachwelt. Auch ein schlechtes Buch kann leider wichtig sein. Jeder, der angefragt wurde, soll die fünf wichtigsten Bücher benennen. Das ist unmöglich, ich habe mir etwa fünfzehn notiert, und ich kann mich unmöglich festlegen. Aber Spielregeln sind Spielregeln. Daher versuchsweise dieses Ergebnis:
1. Günter Grass' autobiographisches Werk "Beim Häuten der Zwiebel" (2006) ist erzählerisch missglückt, die Flut an Metaphern nerven, sie camouflieren umständlich statt zu erhellen, was den Mann in die Waffen-SS trieb. Die Debatte um das Buch aber zählte zu den wichtigsten literarischen Großereignissen des noch jungen Jahrhunderts: Eine moralische Instanz, ein Nobelpreisträger, hatte sich zu seiner Lebensschande bekannt, leider so spät, dass man es als durch und durch unmoralisches Kalkül werten musste.
2. Juli Zehs "Spieltrieb" (2001) ist ein sadistisches Feuerwerk, ein Adoleszenz- und Schülerroman, der die Gattung revolutionierte: Die Gewalt geht hier nicht von einem korrupten System und seiner derb-autoritären Lehrerschaft aus, sondern von den kaltblütigen Schützlingen selbst.
3. Daniel Kehlmann hat mit "Tyll" (2017) den besten historischen Roman der letzten 25 Jahre geschrieben (der zweitbeste heißt "Die Vermessung der Welt") - unsere Gegenwart wird uns fremd, indem uns während der Lektüre vollständig andere Bewusstseinslagen und Logiken vertraut werden. Das kann man magisch nennen.
4. Was es heißt, 1947 aus dem Exil zurückzukehren, kann man aus Ursula Krechels Roman "Landgericht" (2012) erfahren. Literatur muss nicht zwingend etwas erfinden, sie kann auch dokumentieren, kühl und lyrisch zugleich. Ich kenne keinen Roman, der die dunkle deutsche Nachkriegszeit so greifbar macht.
5. Christian Kracht erzählt in "1979" (2001) von zwei Freunden, die durch Teheran irren. Die fröhliche Dekadenz, der sie anhängen, kippt schnell ins Autoritäre. Und Glück gibt es nur noch im Arbeitslager. Es gibt einen Grad an Unterdrückung, der als Freiheit empfunden wird, sagte einmal Heiner Müller. Krachts Roman spielt diese Gedankenfigur bis ans grausame Ende durch. Sehr hellsichtig, der Zeit voraus, ein herrlich böse funkelnder Roman.
(Und leider sind fünf Bücher zu wenige. Aus sehr unterschiedlichen Gründen sind unter anderem Ralf Rothmanns "Im Frühling sterben", Jenny Erpenbecks "Kairos", Wolfgang Herrndorfs "Sand", Monika Helfers "Vati" und Uwe Tellkamps "Der Turm" sehr, sehr wichtig.)
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Hier soll es, so möchte es die Umfrage, nicht um die besten oder die schönsten Bücher der deutschsprachigen Literatur gehen, sondern um die wichtigsten. Die Wichtigkeit ist nicht zwingend ein ästhetisches Kriterium. Wichtigkeit suggeriert Status und Relevanz, einen machtvollen Einfluss auf die Nachwelt. Auch ein schlechtes Buch kann leider wichtig sein. Jeder, der angefragt wurde, soll die fünf wichtigsten Bücher benennen. Das ist unmöglich, ich habe mir etwa fünfzehn notiert, und ich kann mich unmöglich festlegen. Aber Spielregeln sind Spielregeln. Daher versuchsweise dieses Ergebnis:
1. Günter Grass' autobiographisches Werk "Beim Häuten der Zwiebel" (2006) ist erzählerisch missglückt, die Flut an Metaphern nerven, sie camouflieren umständlich statt zu erhellen, was den Mann in die Waffen-SS trieb. Die Debatte um das Buch aber zählte zu den wichtigsten literarischen Großereignissen des noch jungen Jahrhunderts: Eine moralische Instanz, ein Nobelpreisträger, hatte sich zu seiner Lebensschande bekannt, leider so spät, dass man es als durch und durch unmoralisches Kalkül werten musste.
2. Juli Zehs "Spieltrieb" (2001) ist ein sadistisches Feuerwerk, ein Adoleszenz- und Schülerroman, der die Gattung revolutionierte: Die Gewalt geht hier nicht von einem korrupten System und seiner derb-autoritären Lehrerschaft aus, sondern von den kaltblütigen Schützlingen selbst.
3. Daniel Kehlmann hat mit "Tyll" (2017) den besten historischen Roman der letzten 25 Jahre geschrieben (der zweitbeste heißt "Die Vermessung der Welt") - unsere Gegenwart wird uns fremd, indem uns während der Lektüre vollständig andere Bewusstseinslagen und Logiken vertraut werden. Das kann man magisch nennen.
4. Was es heißt, 1947 aus dem Exil zurückzukehren, kann man aus Ursula Krechels Roman "Landgericht" (2012) erfahren. Literatur muss nicht zwingend etwas erfinden, sie kann auch dokumentieren, kühl und lyrisch zugleich. Ich kenne keinen Roman, der die dunkle deutsche Nachkriegszeit so greifbar macht.
5. Christian Kracht erzählt in "1979" (2001) von zwei Freunden, die durch Teheran irren. Die fröhliche Dekadenz, der sie anhängen, kippt schnell ins Autoritäre. Und Glück gibt es nur noch im Arbeitslager. Es gibt einen Grad an Unterdrückung, der als Freiheit empfunden wird, sagte einmal Heiner Müller. Krachts Roman spielt diese Gedankenfigur bis ans grausame Ende durch. Sehr hellsichtig, der Zeit voraus, ein herrlich böse funkelnder Roman. (Und leider sind fünf Bücher zu wenige. Aus sehr unterschiedlichen Gründen sind unter anderem Ralf Rothmanns "Im Frühling sterben", Jenny Erpenbecks "Kairos", Wolfgang Herrndorfs "Sand", Monika Helfers "Vati" und Uwe Tellkamps "Der Turm" sehr, sehr wichtig.)
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