25 Jahre Perlentaucher

Panoptikum der Brecher und Macher

Von Thekla Dannenberg
12.02.2025. "Der lässige Sound, der europäische Horizont und der Wille, politische Freiräume zu verteidigen, scheinen heute weit weg."Thekla Dannenberg antwortet auf die Kritikerumfrage
25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.

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Angelika Klüssendorf: "Das Mädchen"

Ein zutiefst verstörendes Buch: Angelika Klüssendorf erzählt in ihrem Roman "Das Mädchen" von einer Kindheit den siebziger Jahren der DDR, doch die Geschichte hätte sich genauso im Westen zutragen können. Ein namenloses Mädchen wächst in sozialem Elend auf, unter den Schikanen einer Mutter, deren Grausamkeit einem das Herz stocken lässt. Die Grobheit und Härte, die das Mädchen erfährt, teilt sie an Schwächere aus. Der Skandal der Armut ist bei Klüssendorf nicht der Mangel an Mitteln, sondern an feineren Gefühlen, an Empathie, an Fantasie. Bevor Didier Eribon und Annie Ernaux in Deutschland Furore machten, schrieb Klüssendorf ihren Roman, mit weniger Aplomb, ganz und gar unglamourös, in einer Prosa so mager und sehnig wie das nach Leben hungernde Mädchen.

Rainald Goetz: "Johann Holtrop"

Rainald Goetz ist der scharfsinnigste Gegenwartsreporter der deutschen Literatur. In seinem Roman "Johann Holtrop" seziert er Irrsinn und Gier der New Economy, sein Johann Holtrop ist ein kaum kaschiertes Porträt des hysterisch-monomanischen Bertelsmann-Managers Thomas Middelhoff, der zur Jahrtausendwende Wirtschaft und Politik berauschte, bis er nach etlichen Pleiten und Skandalen im Gefängnis landete. In seiner unverkennbaren, flirrend-nervösen Prosa evoziert Goetz den Fanatismus der Effizienz, die brutalen Machtkämpfe in den Führungsetagen und den westfälischen Provinzhorror. Johann Holtrop schwirrt durch ein Panoptikum der Brecher und Macher, voller Verachtung für die Welt, überzeugt von der eigenen Künstlerseele: "Was ist, ist. Das langweilt mich." Aufregende Literatur, die sich intellektuell etwas abverlangt und die Gegenwart in den Blick nimmt.

Emine Sevgi Özdamar: "Ein von Schatten begrenzter Raum"

Kaum eine Schriftstellerin hat die deutsche Literatur so bereichert wie Emine Sevgi Özdamar mit ihrer melodischen und bildreichen Sprache. Seit fast dreißig Jahren erzählt sie von ihrem deutsch-türkischen Leben als Schauspielerin und politischer Aktivistin, ein Leben in der Revolte und der Kunst, zwischen den Welten wandernd: von Istanbul nach West-Berlin über Paris nach Ost-Berlin. Özdamars Roman "Ein von Schatten begrenzter Raum" ist ein Meisterwerk sprachlicher Opulenz und Schönheit, voller Fantasie und Klugheit. Ihre Heldin ist getrieben von der Liebe zu Brecht und Pasolini und dem unbedingten Willen, ein poetisches Leben zu führen. Beim Lesen entfesselt der Roman einen Sturm der Gefühle, auch das Bedauern, vom Reichtum und von der Wärme des türkischen Lebens in Berlin nicht mehr mitbekommen zu haben.

Ulrich Peltzer: "Teil der Lösung"

Ein berührender Liebesroman, ein wunderbares Berlin-Porträt und eine kluge Reflexion über politische Utopien, das alles ist Ulrich Peltzers Roman "Teil der Lösung" aus dem Jahr 2007, einer Zeit, in der man die Gegenwart trotz allem auch irgendwie gut finden konnte. Peltzers Held, ein freier Kulturjournalist, gehört zum berühmten akademischen Prekariat, das in den Nullerjahren den Prenzlauer Berg bevölkerte, verbrachte seine Abende im Schwarzsauer und las am Dienstagmorgen zuallererst die Magazinrundschau im Perlentaucher. Wer könnte sich nicht darin wiedererkennen? Der lässige Sound, der europäische Horizont und der Wille, politische Freiräume zu verteidigen, scheinen heute weit weg. Erledigt haben sie sich nicht. Vielleicht hilft ein bisschen Romantik ja doch gegen die Tristesse der Gegenwart.

Sasa Stanisic: "Wolf"

Nach mehreren Romanen hat Sasa Stanisic mit "Wolf" ein wunderbares Jugendbuch verfasst. Es geht um zwei Jungen, die in einem Ferienlager die Außenseiter geben und es trotz aller Verpeiltheit irgendwann doch schaffen, eine Freundschaft füreinander zu entwickeln, die mehr ist als nur eine Notgemeinschaft. Der menschenfreundliche Witz, die literarische Intelligenz und die wunderbaren Illustrationen von Regina Kehn locken auch die größten Lesemuffel aus der Reserve.