9punkt - Die Debattenrundschau

Eine schon schwer abgepellte Dramaturgie

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.10.2020. Heute ist der "Europäische Tag gegen die Todesstrafe": 86 Prozent der weltweit bekannten Hinrichtungen finden in nur vier Ländern statt: Iran, Saudi-Arabien, Irak und Ägypten. Das liegt aber nur daran, dass die Zahlen aus China nicht bekannt sind, erfahren wir bei hpd.de. Die New York Times setzt ihre Enthüllungen über Donald Trumps Steuergebaren fort: 2016 war er so knapp bei Kasse, dass ihm selbst die Deutsche Bank kein Geld mehr lieh - er musste sich Anteile an einem Hotel in bar auszahlen lassen. In der FAZ beleuchtet Marie-Luise Knott einen Brief Hannah Arendts an Ralph Ellison zum Thema Rassismus.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2020 finden Sie hier

Politik

Die New York Times setzt ihre Enthüllungen über Trumps Steuergebaren fort. Es stellt sich heraus, dass er sich 2016 aus Anteilen an einem Hotel in Las Vegas 21 Millionen Dollar in bar auszahlen ließ, offenbar um sie in den Wahlkampf zu stecken. Seine Lage war damals so prekär, schreibt das Reporterteam, dass ihm selbst die Deutsche Bank keine Kredite mehr geben wollte: "Die Hunderte Millionen Dollar, die er mit seiner TV-Show 'The Apprentice' verdient hatte, hatten seine Business-Karriere gerettet, aber diese Reichtümer und die Marketing-Power seiner Trump-Marke ließen nach, als er 2016 seine Kandidatur verkündete."

Dorothea Hahn von der taz unterhält sich mit Eddie Glaude, Professor am Institut für African American Studies in Princeton, dessen Buch "Begin Again" eine Hommage auf James Baldwin ist. Auf die Frage, was nötig sei, um die Konfrontationen zwischen Schwarz und Weiß zu beenden, antwortet er eher pessimistisch: "Die abstrakte Antwort ist, dass das Land erwachsen werden muss. Es muss seine Windeln abstreifen. Es muss sich selbst eine bessere Geschichte darüber erzählen, was es getan hat und weiterhin tut. Aber die direkte Antwort ist vermutlich, dass jene von uns, die ein gerechteres Amerika wollen, alles riskieren müssen. Wir müssen aufhören, eine Generation nach der anderen zu verlieren. Jetzt sieht mein Sohn, wie schwarze und braune Kids von der Polizei getötet worden. Ich musste da durch. Mein Vater musste da durch. Sein Vater musste da durch. Ich möchte nicht, dass eine weitere Generation von schwarzen und braunen Kids mit dieser schrecklichen Erfahrung dieses Rituals von Erleben und Leiden aufwächst."

Heute ist der "Europäische Tag gegen die Todesstrafe", den der Medienmacher Helmut Ortner bei hpd.de begeht. Die offiziell bekannte Zahl der Hinrichtungen nimmt ab, immer mehr weniger Staaten praktizieren die Todesstrafe, ein Sieg der Humanität, so Ornter. Aber "das wahre Ausmaß der weltweiten Anwendung bleibt unbekannt. Es ist davon auszugehen, dass die mit Abstand meisten Hinrichtungen in China stattfanden. Zahlen gibt es keine, da diese Informationen als Staatsgeheimnis behandelt werden. China unberücksichtigt, fanden 86 Prozent der weltweiten Hinrichtungen in nur vier Ländern statt: Iran, Saudi-Arabien, Irak und Ägypten."
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Europa

Bei all der Aufregung um Corona und um Trump ist der Brexit völlig aus der Aufmerksamkeit verdrängt. Aber noch immer steht eine Menge auf der Kippe. Boris Johnson möchte aus dem Köngreich den Weltmarktführer in Windenergie machen, berichtet Bettina Schulz in Zeit online. Aber dem steht nun das Hindernis entgegen, dass Britanniens Rolle in der "Nordsee-Energiekooperation" in Frage gestellt ist: "Dies ist ein Zusammenschluss von EU-Ländern, die mit der EU-Kommission den Ausbau der Offshore-Windenergie und die Netzinfrastruktur auf See koordinieren. Dazu gehört die Organisation von Netzanbindungsleitungen, die Versorgungssicherheit und Zugang zu Fördermitteln. Mit dem Brexit ist Großbritannien dort nicht mehr Mitglied. Zudem fehlen den Windparks jetzt schon immer mehr Ingenieure aus der EU."
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Stichwörter: Brexit, Corona, Johnson, Boris

Gesellschaft

Die Kunsthochschule Berlin Weißensee veranstaltet eine Seminarreihe unter dem Titel "Unlearning Zionisms", berichtet die Jüdische Allgemeine: "Viele der Referenten, so die Kritik, sind bekannt für ihre Nähe zur antisemitischen und israelfeindlichen Boykott-Kampagne BDS (Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen). Die BDS-Bewegung ruft immer wieder zu allumfassenden Boykott-Aktionen gegen den jüdischen Staat auf." Die Hochschule wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert - was ein Problem darstellt, weil BDS-Veranstaltungen laut einem Bundestagsbeschluss nicht subventioniert werden sollen. Die Website der Reihe war heute morgen nciht erreichbar.
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Medien

Hilmar Klute trifft für die SZ den Kolumnisten Jan Fleischhauer, der sich beim Boeuf Tartare im Café des Münchner Literaturhauses als "einen der letzten Mainstream-Journalisten" darstellt. Klutes Porträt ist nicht ohne Sympathie geschrieben, aber er beschreibt auch treffend den Zustand der Öffentlichkeit, wo die Protagonisten ihre Haltung wie eine streng durchgestylte Marke vor sich hertragen: "Der eine ist linksliberal, der andere reaktionär, die journalistische Familienaufstellung ist eine schon schwer abgepellte Dramaturgie im Gewerbe, und wie oft denkt man, dass auch Anne Will selbst doch grad irre gelangweilt den Handpuppen in ihrer Sendung lauscht?"

In der NZZ vergleicht Felix Graf, CEO der NZZ-Mediengruppe und Physiker, Auseinandersetzungen in der theoretischen Physik mit jenen im Journalismus, konstatiert allseits "ein Aussterben des Ideen-Wettbewerbs nicht nur in der Forschung, sondern auch überall, wo es um Lösungsvorschläge für die vielfältigen Herausforderungen unserer Zeit geht", und behauptet, die NZZ sei das Medium , das "Querdenker" zulasse. Der Text flankiert die neueste Werbekampagne der NZZ, die mit dem recht einfachen Slogan "Journalismus." auch auf den deutschen Markt zielt (mehr hier).

Die Berliner Zeitung engagiert offenbar den Condé-Nast-Manager Bernd Runge als CEO oder anderweitigen Spitzenmanager, meldet Matthias Oden in Meedia (allerdings noch nicht betonfest, Meedia nennt es ein Gerücht). "Pikant an der Sache ist, dass der Berliner Verlag mit Runge zwar einen ausgewiesenen Medienfachmann bekäme - aber auch einen mit Stasivergangenheit. Nachdem bereits Verleger Friedrich mit einem verheimlichten Stasi-Kapitel in seiner Biografie für eine schwere Belastung sorgte, wäre Runge in dieser Hinsicht eine weitere Hypothek."
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Ideen

FAZ-Autorin Marie-Luise Knott liest in der Hanna-Arendt-Ausstellung in Berlin einen Brief Arendts an den Autor Ralph W. Ellison, in dem Arendt zugibt, eine Episode im Kampf der Schwarzen gegen die Segregation in den Südstaaten in einem Zeitungsartikel falsch verstanden zu haben. In dem Artikel hatte sie kritisiert, dass die Bürgerrechtsbewegung Schuldkinder gegen einen Mob wütender Weiße in eine Schule geschickt hatten, um für Gleichstellung zu protestieren: "Aus der Geschichte der Juden in Deutschland hatte Arendt in den dreißiger Jahren die Lehre gezogen, dass es strikt auf rechtliche/politische Gleichheit ankam, nicht auf die Abschaffung von Unterscheidungen und Vorurteilen. Denn vor Vorurteilen - das hatte sie am eigenen Leibe erfahren - war man 'nur auf dem Monde' sicher; soziale Unterscheidung ('discrimination') entsprach ihrer Ansicht nach einem zutiefst menschlichen Bedürfnis, dem man nicht mit Gesetzen beikommen könne."

Wir leben in einer Zeit des Ekels, der von Corona nur noch verschärft wird, schreibt der Philosoph Philipp Tingler in der NZZ. Seinen eigentlichen Ursprung lokalisiert er in der Identitätspolitik von rechts (etwa bei Trump), aber auch von links (etwa in der "Heuschrecken"-Metapher): "Spätmoderne Identitätspolitik, von rechts oder links, ruht regelmäßig auf zwei gleichermaßen fragwürdigen Prämissen: einerseits der Idee vom Selbst als Substrat, als fester Entität und Essenz. Andererseits auf einer tendenziell angewiderten Fixierung auf das vermeintlich Andere, das als wesensmäßig, also essenziell verschieden begriffen wird, und 'verschieden' fungiert hier gerne als Euphemismus für unsauber, barbarisch und daher auch moralisch verwerflich."
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