9punkt - Die Debattenrundschau

Überdosis an Pathos

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.12.2020. In Norwegen gibt's Streit über die (vielleicht doch nicht so) heroische Rolle des Landes im Zweiten Weltkrieg, berichtet die taz. In der Welt erklärt Zeitungslobbyist Thomas Düffert, warum er für eine Unfallmeldung auf dem Onlineportal des Göttinger Tageblatts den selben Schutz will wie für ein Gedicht. Allerdings entwickelt Facebook schon eine Software, die Presseartikel resümieren kann, ohne das Urheberrecht zu verletzen, berichtet die taz. Die NZZ erzählt, wie Julie Burchill der Cancel Culture zum Opfer fiel. Russland hat seine Corona-Opferzahlen dreimal niedriger angegeben als sie sind, berichtet AFP.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.12.2020 finden Sie hier

Europa

Auch Julie Burchills neues Buch "Welcome to the Woke Trials" ist gecancelt worden, berichtet Marion von Löhndorf in der NZZ. Die muslimische Bloggerin und Corbyn-Unterstützerin Ash Sarkar hat sich über Burchill aufgeregt und sie der "Islamophobie" beschuldigt. Sarkar hatte einen Text des Spectator-Kolumnisten Rod Liddle ausgegraben, der im Scherz erklärt hatte, er hätte nie Lehrer sein können, weil er seine Schülerinnen verführt hätte, worüber sich Sarkar acht Jahre später aufregte und Lidell als Pädophilen brandmarkte. Burchill fragte sie in einem darauf folgenden Twitter-Schlagabtausch "welches Alter denn die erste Frau des Propheten Mohammed gehabt habe? Sie selbst, so fügte Burchill hinzu, bete keinen Pädophilen an - anders als die Muslimin Ash Sarkar." Burchills Verlag fand das unakzeptabel und kündigte ihren Buchvertrag: "Sie habe in Bezug auf 'Rasse und Religion' eine Grenze überschritten, und ihr angekündigtes Werk werde mit diesen Ansichten untrennbar in Verbindung gesetzt. Dabei bezog sich der Verlag ausschließlich auf den Schlagabtausch der Journalistin auf Twitter, als ob Kritik an einem Religionsgründer rassistisch wäre."
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Ideen

Eigentlich sollte man über Nietzsche mal eine Biogeografie schreiben, überlegt der Philosoph Wilhelm Schmid in der NZZ, "die sein Leben und Denken in Landschaften beschriebe". Vor allem Sils gäbe da einiges her. Aber auch einige Orte in Italien: "In seiner physischen Existenz unterlag er dennoch den Jahreszeiten, die seine Korrespondenz als Dauerthema begleiteten. Da sich der Winter in Sils lange hinzog, entfloh Nietzsche ihm Jahr für Jahr voller Sehnsucht nach einem heiteren Himmel gen Süden. Auf dem Umweg über Nizza fand er zuletzt eine Wahlheimat für sich in Turin, das ihm 'auf eine unbeschreibliche Weise sympathisch' erschien, wie er am 10. April 1888 an Overbeck schrieb. Der Charakter der Stadt ist auch im 21. Jahrhundert noch so, wie Nietzsche ihn schilderte: ruhig, 'honnett', mit prächtigen Arkadengängen, die die Straßen flankieren und zum Flanieren einladen, mit Cafés, so 'großartig und glänzend, wie man keine Vorstellung bei Euch hat'." Ach.
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Urheberrecht

In der Welt trommelt Thomas Düffert, Vorsitzender der Konzerngeschäftsführung der Madsack Mediengruppe und Vizepräsident des Bundesverbandes Digitalpublisher (sehr witzig) und Zeitungsverleger für eine Umsetzung des neuen Urheberrechts ohne Zitatrechte für andere. Um zu zeigen, wie lang tausend Zeichen sind (die soll man derzeit nach dem Vorschlag des Bundesjustizministeriums maximal zitieren dürfen), druckt die Welt den Erlkönig, der "netto" etwa diese Länge habe. Was Düffert dabei allerdings vergisst ist, dass das Urheberrecht in erster Linie künstlerische und wissenschaftliche Werke schützen soll, die ein Mindestmaß an sprachlicher Originalität aufbringen oder gar Ausdruck der inneren Persönlichkeit ihres Schöpfers sind. Goethes Erlkönig möchte man beides nicht absprechen. Aber gilt das wirklich auch für jede "Unfallmeldung auf dem Onlineportal des Göttinger Tageblatts, eine politische Nachricht der  Frankfurter Allgemeinen oder eine exklusive Information aus dem Berliner Büro der Rheinischen Post", wie Düffert behauptet?
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Stichwörter: Zitatrecht, Urheberrecht

Geschichte

Könnte es sein, dass auch die Norweger sich im Zweiten Weltkrieg nicht ganz so heldenhaft betragen haben, wie es auch die dortige Geschichtsschreibung offenbar gern behauptet? Anders als die Dänen haben die Norweger ihre Juden nicht gerettet, über 700 Juden wurden deportiert. Fabian Wolff berichtet in der taz über das Buch "Hva visste hjemmefronten?" ("Was wusste die Heimatfront?") der Journalistin Marte Michelet: "Die etablierte Erzählung lautete bislang: Eine landesweite Verhaftungsaktion der Gestapo im November 1942 und die anschließende Massendeportation seien in Norwegen wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen. Die Heimatfront habe alles in ihrer Macht stehende getan, um wenigstens Teile der jüdischen Bevölkerung zu retten. Was Michelet in 'Hva visste hjemmefronten?' aufgrund neuer Dokumente grundsätzlich in Frage stellt. Ihre Behauptung: Die Gestapo-Aktion sei zentralen Personen der 'Heimatfront' drei Wochen zuvor bekannt geworden, aber Antisemitismus sei bei diesen ebenso wie in Norwegen insgesamt recht verbreitet gewesen. Das Schicksal der jüdischen MitbürgerInnen sei ihnen deshalb relativ gleichgültig gewesen."
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Internet

Facebook entwickelt eine Software, die Presseartikel resümieren kann, berichtet Daniél Kretschmar in der taz: "Facebook wird nicht einmal mehr zitieren müssen, und mit seinen Exzerpten nebenbei dem endlosen Urheberrechtsstreit mit den Verlagen eine nette neue Wendung geben. Viel faszinierender jedoch ist, dass keine noch so minimale menschliche kuratorische Leistung mehr hinter der Nachrichtendiät stehen würde, nur der neutrale, alles durchdringende Algorithmus. Vor dem sind alle gleich - und genau deshalb sehr unterschiedlich. "
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Religion

Die Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AWIG) hat eine Umfrage unter den 2.500 Studierenden islamischer Theologie gemacht, deren Berufswünsche noch ziemlich unklar zu sein scheinen. Für die taz spricht Ralf Pauli mit einigen Autoren der Studie, denen der Wunsch der Politik, dass die künftligen Islamlehrerinnen (es sind viele Frauen unter ihnen) zur Integration beitragen, als Anspruchsdenken erscheint. Der Pädagogikprofessor Constantin Wagner beklagt, dass die Politik einerseits davon ausgehe, "dass antidemokratische Tendenzen in der muslimischen Community dominieren würden, andererseits überfrachtet sie die Absolvent:innen mit einer doppelten Erwartung. Muslime, die beispielsweise als Religionslehrer:innen arbeiten, sollen nicht nur ihren Fachunterricht gestalten und (religiöses) Wissen vermitteln, sondern auch noch für die gesellschaftliche Integration zuständig sein. Geht man davon aus, dass Muslime durch den Religionsunterricht integriert werden sollen, werden sie als bisher außerhalb der Gesellschaft stehend imaginiert." Einen reibungslosen bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht beobachtet Wagner nur in einigen Bundsländern und warnt: "Nur in einigen Bundesländern läuft der bekenntnisorientierte islamische Religionsunterricht reibungslos. Die Politik sollte aufpassen, dass sie junge Muslime, die sich in die Gesellschaft einbringen möchten, nicht ausbremst."

Bremen ist eine Hochburg der Evangelikalen in Deutschland, schreibt Herbert Thomsen bei hpd.de: "Innerhalb des Kirchenparlaments stellen die Evangelikalen etwa 15 Prozent der Delegierten. In Bremen ist die größte evangelikale Schule und das größte evangelikale Sozialwerk Deutschlands angesiedelt. Die Hälfte der sonntäglichen GottesdienstbesucherInnen lauschen in den evangelikalen Gemeinden. In vielen anderen 'normalen' Gemeinden kommen neben Grauhaarigen noch einige KonfirmandInnen. Je eine Abgeordnete der SPD, der FDP und der CDU im Bremischen Landesparlament sind engagierte Evangelikale, außderdem gibt es zwei AnhängerInnen des politischen Islam."
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Politik

Die Bloggerin Zhang Zhan wurde vom Xi-Regime zu vier Jahren Haft verurteilt - sie hatte zu Beginn der Pandemie aus Wuhan berichtet. Sie soll im Hungerstreik sein und per Magensonde ernährt werden. Sven Hansen kommentiert in  der taz: "Für Peking ging es nie nur um die Kontrolle der Pandemie, sondern mindestens ebenso um die Kontrolle des damit verbundenen Narrativs. Also das Verschweigen anfänglicher Vertuschung wie die Verhinderung einer kritischen Durchleuchtung bis hin zur Infragestellung einzelner Maßnahmen." Im politischen Teil der taz erklärt Peking-Korrespondent Fabian Kretschmer die Hintergründe: "Die Staatsführung hat den 'Sieg über Covid' zur Heldengeschichte unter Führung von Parteichef Xi Jinping erklärt. In Wuhan lässt sich dies in einem Messezentrum besichtigen. Selbstreflexion oder das Eingeständnis von Fehlern gibt es dort nicht, dafür eine Überdosis an Pathos und Nationalstolz. Kritik wie die von Zhang passt nicht ins Bild." Kretschmer nennt andere Fälle wie den des Bloggers Fang Bin, der seit Februar verschwunden ist.

Dazu passt ein AFP-Bericht im Guardian, wonach Russland zugeben musste, dass es dreimal so viele Coronatote hat wie bisher offiziell mitgeteilt. Offenbar ließ sich die statistische Übersterblichkeit nicht mehr verschweigen. "'Mehr als 81 Prozent dieses Anstiegs der Sterblichkeit in diesem Zeitraum ist auf Covid zurückzuführen', sagte die stellvertretende Ministerpräsidentin, Tatjana Golikowa, was bedeutet, dass mehr als 186.000 Russen an Covid-19 gestorben sind. Russische Gesundheitsbeamte haben seit Beginn der Pandemie mehr als 3 Millionen Infektionen registriert, womit die Fallzahl des Landes die vierthöchste der Welt ist."
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Kulturpolitik

Chemnitz ist zur Kulturhauptstadt 2025 auserkoren worden. Die SZ hatte in mehreren Berichtetn allerdings Zweifel am Auswahlverfahren angemeldet (unsere Resümees). Nun droht Bayern, das Votum der Jury für Chemnitz auch in der Kultusministerkonferenz nicht zu bestätigen, berichtet Stefan Locke in der FAZ. Dabei habe die SZ überhaupt keine Belege für ihre Behauptungen geliefert. "Die Verantwortlichen in Chemnitz sind ob der unerwarteten Entwicklung schwer enttäuscht, aber nicht entmutigt. 'Die Vorwürfe sind schon makaber', sagt der Leiter der Chemnitzer Bewerbung, Ferenc Csák, der FAZ. 'Es gibt ein Reglement, das alle Bewerber kennen, daran haben wir uns jederzeit gehalten.'"