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9punkt - Die Debattenrundschau

Dem Lachen ausliefern

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.12.2020. BuzzfeedNews bringt neue Enthüllungen über chinesische Lager in Xinjiang, die praktischer Weise gleich mit Fabrikhallen für Zwangsarbeit ausgestattet sind. Der Journalist Klaus Hartung ist gestorben - die taz gedenkt ihres einst sturmumtosten Kommentators. Der Islam ist nicht reformierbar, sagt Hamed Abdel-Samad in Charlie Hebdo: "Es nützt nichts, die guten Passagen aus dem Koran herauszupicken und die schlechten neu zu interpretieren." Im Tagesspiegel fordert Ferda Ataman eine Migrantenquote.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.12.2020 finden Sie hier

Politik

Urs Wälterlin porträtiert in der taz den Internetcrack Nathan Ruser, 23 Jahre alt, der mit Daten aus Apps und Google Earth, die jedermann zugänglich sind, entscheidend dazu beitrug, chinesische Lager in Xinjiang nachzuweisen. Er beobachtet winzige Details und Veränderungen auf den Bildern: "Neue, große Anlagen mit Wachtürmen seien typisch für Lager. Er und sein Team sichten auch Nachtbilder: Scheinwerfer, die hohe Mauern und Zäune beleuchten, seien ein anderes Indiz. Er glaube zwar Chinas Regierung, wenn sie behauptet, in jüngster Zeit Uiguren aus der Internierung entlassen zu haben. Trotzdem habe er eine Verschärfung festgestellt: 'Leute aus Niedrigsicherheitsgefängnissen sind in Hochsicherheitsanlagen umgesiedelt worden.'"

Dieser Screenshot zeigt Satellitenbilder von Lagern in Xinjiang mit Fabrikhallen (erkennbar am blauen Dach):

Screenshot aus buzzfeed.news

In diesem Artikel, der vielleicht auch einige Nachforschungen deutscher Medien bei deutschen Unternehmen inspirieren sollte, schreiben die Buzzfeed-Reporterinnen Alison Killing und Megha Rajagopalan: "China hat mehr als hundert neue Anlagen in Xinjiang gebaut, wo es nicht nur Menschen einsperren kann, sondern sie auch zwingt, in speziellen Fabrikgebäuden direkt vor Ort zu arbeiten. Dies kann kann BuzzFeed News auf der Grundlage von Regierungsunterlagen, Interviews und Hunderten von Satellitenbildern aufdecken."
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Stichwörter: Xinjiang, Uiguren, China

Europa

In Bosnien müssen Flüchtlinge im Schnee ausharren. Sie hatten gegen die Zustände in ihrem Lager protestiert, indem sie es anzündeten. Es gibt viele Schuldige an dem Desaster, schreibt Erich Rathfelder in der taz: "Man kann sie genau benennen. Das EU-Mitglied Kroatien treibt die Migranten mit Gewalt unter Ignorierung des europäischen Rechts hinter die Grenze zur EU zurück. Vonseiten Brüssels gibt es daran nur laue Kritik, man ist ja froh, dass Kroatien die Drecksarbeit übernommen hat. Kein Land will die Migranten noch aufnehmen."

Die FAZ nimmt auf der Aufmacherseite des Feuilletons Abschied von Großbritannien. Zurück in seiner Insularität muss sich das Land nun nicht mehr widrigen Vergleichen aussetzen, schreibt der Anglist Felix Sprang: "Im Umgang mit dem Coronavirus wird dieses Autostereotyp einmal mehr deutlich: Großbritannien hat im europäischen Vergleich hohe Infektions- und Sterblichkeitsraten. Aber während die Zahlen stiegen, betonte Premierminister Johnson im Frühjahr immer wieder, sein Land führe die meisten Tests in Europa durch, habe die besten Wissenschaftler und werde schnell einen Impfstoff entwickeln. Als das Impfprogramm anlief, behauptete die Leiterin der Impf-Taskforce, Großbritannien sei das am besten vorbereitete Land der Welt, um eine Massenimmunisierung durchzuführen."
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Medien

Der Journalist und Analytiker Klaus Hartung ist gestorben. Der ehemalige 68er, der der K-Gruppen-Dogmatik fern blieb, machte sich vor allem als sturmumtoster taz-Kommentator einen Namen. Manfred Kriener schreibt einen liebevollen Nachruf in der taz und erinnert daran, dass Klaus schon am 3. November 1989, sechs Tage vor dem Rest der Welt bemerkte, dass die Mauer gefallen war - Hartung schloss das aus der Grenzöffnung zwischen DDR und CSSR und CSSR und Bundesrepublik: "Hartung schrieb: 'Man stelle sich vor, ein Traum geht in Erfüllung, und keiner merkt es so richtig: Die Mauer ist gefallen. Seit Freitagnacht kann sich ein DDR-Bürger aus Karl-Marx-Stadt in seinen Trabi setzen und nach München fahren. Einen Personalausweis und Sprit - mehr braucht er nicht. Seit Freitagnacht wird nur noch Mauer gespielt, mit Beton, Stacheldraht, Flutlicht und Patrouille.' Hartungs Klarblick wurde erst viele Jahre später von dem Historiker August Heinrich Winkler gewürdigt, der ihm bescheinigte, als 'einer der wenigen' die Bedeutung der Grenzmaßnahmen erkannt zu haben." In Zeit online schreibt Matthias Geis zum Tod Hartungs.

Wolfgang Kaleck, Gründer des  "European Center for Constitutional and Human Rights" (ECCHR) setzt sich bei Netzpolitik nochmal für Julian Assange ein, dem bei Auslieferung einer Haftstrafe von 175 Jahren droht, und er hofft auf die Symbolkraft des Falls: "Seit sich Edward Snowden (jüngst in einem Tweet: 'Mr. President, if you grant only one act of clemency during your time in office, please: free Julian Assange. You alone can save his life.') und viele prominente Persönlichkeiten aus der ganzen Welt für Assange einsetzen, haben immerhin auch einige Medienvertreter*innen und Journalist*innen, etwa Masha Gessen im New Yorker (hier), realisiert, dass es weniger um die Person von Julian Assange als vielmehr um das Prinzip geht. In Frage steht das Prinzip der Pressefreiheit und das Prinzip, als Journalist und Autor, wenn auch in unkonventionellen neuen Medien, Informationen zu empfangen und weiterzuverarbeiten."
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Religion

Der Islam ist nicht rerfomierbar, fürchtet Hamed Abdel-Samad im Gespräch mit Inna Shevchenko von Charlie Hebdo. "Es nützt nichts, die guten Passagen aus dem Koran herauszupicken und die schlechten neu zu interpretieren. Stattdessen müssen wir die Autoriät dieses Buchs verkleinern. Der Islam braucht keinen Martin Luther, er braucht Charlie Hebdo. Wir müssen diese rigide Ideologie erschüttern, diskutierbar machen, dem Lachen ausliefern, bis das normal wird. Es ist nicht nötig, den Islam zu reformieren, sondern die Haltung zu ihm zu verändern."
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Ideen

Alex Feuerherdt, Co-Autor des Buchs "Die Israel-Boykottbewegung - Alter Hass in neuem Gewand", erklärt im Gespräch mit Elisa Makowski von der Jüdischen Allgemeinen, warum BDS antisemitisch ist und wie die Organisation agiert: "Einen nennenswerten Einfluss hat sie vor allem in Großbritannien. Dort hat man es zum Beispiel als israelischer Wissenschaftler oder israelische Autorin sehr schwer ungestört aufzutreten, weil Veranstaltungen regelmäßig niedergebrüllt werden. Das lässt sich auf die Geschichte Großbritanniens als Kolonialmacht zurückführen. Für die BDS-Bewegung ist Israel auch eine Kolonialmacht - wenn man es also kritisiert und bekämpft, dann wirkt das wie eine Entlastung: 'Nicht nur Großbritannien hat koloniales Unrecht begangen, sondern es gibt auch andere Länder mit einer Kolonialgeschichte!'"
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Gesellschaft

Ein schreckliches Jahr für die Kunst geht zu Ende: das Jahr, in dem sie sich fragen musste, ob und wenn ja wie sehr sie überhaupt gebraucht wird, das Jahr, aus dem manche Akteure nicht ganz so selbstgewiss herausgehen wie sie hineingingen. Reinhard J. Brembeck sucht in der SZ nach tröstenden Gewissheiten: "Sie ist es, die den Menschen erst zum Menschen macht, und die deshalb genauso unverzichtbar ist wie Medizin, Trinken oder Sex." Und daraus schließt er kühn, "dass Kunst, in welcher Emanation auch immer, fürs Überleben der Menschheit eben doch unverzichtbar ist. Eine Komponistin, ein Maler, eine Schriftstellerin, ein Choreograf, eine Komikerin wären damit genauso, aber in ganz anderer Weise wichtig für die Menschheit wie eine Virologin, ein Winzer, eine Fleischhauerin oder ein Schneider." Auch Kia Vahland darf dem Thema den vorletzten großen SZ-Seite-4-Leitartikel des Jahres widmen und verlangt mehr Subventionen.

Aber Kultur braucht auch Öffentlichkeit, sekundiert Roman Bucheli in der NZZ: "Denn eine Gesellschaft ohne öffentlich wirksames und sichtbares Kulturleben verkümmert, weil sie mit einem ihrer wichtigsten Nährböden auch den Schauplatz verliert, wo sie experimentieren, Gedanken vor Publikum erproben und in der Möglichkeitsform reden kann. Wo sie sich also spielerisch wie auch im Gegenwind des Widerspruchs formen und verwandeln kann."

Ferda Ataman von den "Neuen deutschen Medienmacher*innen" sowie "Neuen Deutschen Organisationen" fordert im Tagesspiegel Minderheitenquoten, also eine libanon-ähnliche Besetzung von Posten in Ämtern (und auch Unternehmen?) nach Bevölkerungsgruppen: "Viele Parteien und Arbeitgeber finden Diversität gut, wollen aber nichts dafür tun und schon gar keine Quoten. Dabei spricht vieles dafür. Der eklatante Diversitäts-Gap wird oft mit Qualifikation erklärt: Was gut ist, setze sich durch, ganz unabhängig von Herkunft. Das stimmt aber nicht. Wer oder was sich durchsetzt, hat viel mit Einstellungsgewohnheiten zu tun, und hier haben Frauen, Nichtakademiker, Menschen mit Behinderung oder Migrationshintergrund oft das Nachsehen." Ataman begrüßt deshalb die in Berlin von der Linkspartei geplante Quote "zur Einstellung und Förderung von von Rassismus Betroffenen und Menschen mit Migrationsgeschichte, die zu einer Repräsentanz entsprechend ihrem Berliner Bevölkerungsanteil auf allen Ebenen der Verwaltung führt". Außerdem: Frauen mit Kopftuch haben Angst vor muslimfeindlichen Attacken, besonders nach Terrorattentaten wie denen von Dresden, Paris, Nizza und Wien, schreibt Vinda Gouma, die vor acht Jahren aus Syrien nach Deutschland kam, im Tagesspiegel.

Lehrer klagen über Einfluss konservativer Moscheen und islamistischer Kreise an deutschen Schulen, schreibt Tobias Schrörs in der FAZ und benennt ein Versagen der Migrationsforschung, die sich weigert, das Thema überhaupt wahrzunehmen: "Die Debatte krankt daran, dass es keine einschlägigen Studien zu islamistischer Radikalisierung von Kindern und Jugendlichen gibt. Das bestätigt auch Rauf Ceylan. Der Soziologe lehrt am Institut für Islamische Theologie der Universität in Osnabrück. Es gebe keine Zahlen, sondern nur Erfahrungsberichte, die er sehr ernst nehme, sagt er."

Unter Anthroposophen und Waldorflehrern sind Impfgegnerschaft und Coronaleugnung besonders verbreitet. Da man das offene Internet und die immer misstrauischer beäugten sozialen Medien scheut, zieht man sich in Telegram-Gruppen zurück, berichtet Oliver Rautenberg in seinem Anthroposophie.blog: "Zugang hat nur, wer den Weg in die Gruppen kennt oder von ihr eingeladen wird. Lehrkräfte und Waldorfeltern teilen dort auch höchst bedenkliche Inhalte: Die Ablehnung von Corona-Schutzmaßnahmen, Corona-Leugnung, Impfgegnerschaft, Verschwörungsmythen und Hass auf die angeblich 'gleichgeschalteten' Medien. Am befremdlichsten ist zudem eine häufig zu beobachtende Verharmlosung des Nationalsozialismus und des Holocaust."
Archiv: Gesellschaft