9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2023 - Geschichte

Wahre Freundschaft herrschte nie zwischen Russland und China, schreibt der in Taipeh lebende Schriftsteller Stephan Thome, der in der SZ die lange gemeinsame Geschichte beider Reiche seit den ersten Verhandlungen über die gemeinsame Grenze im Jahr 1689 nachzeichnet. Auch nach der Gründung der Volksrepublik China herrschte keine Eintracht zwischen den beiden kommunistischen Ländern: "Als Mao 1949 zum Antrittsbesuch nach Moskau reiste, wurde er von Stalin schwer gedemütigt. Stolz hatte Mao bei der Staatsgründung verkündet, das chinesische Volk sei aufgestanden, wirtschaftlich aber lag das vom Krieg zerrüttete Land am Boden und brauchte dringend Kredite aus Moskau. Stalin zögerte und taktierte. Wochenlang ließ er den Gast in einer Datscha am Stadtrand warten und plante mit Kim Il-sung den nordkoreanischen Überfall auf Südkorea. Mao wurde erst eingeweiht, als der Plan stand. Auf Drängen Stalins versprach er den koreanischen Genossen, was Moskau ihnen ausdrücklich versagte: Im Bedarfsfall mit eigenen Truppen zu helfen. Als der Koreakrieg ausbrach und die USA intervenierten, sah der Mann im Kreml die Chance, Amerikas Aufmerksamkeit von Europa abzulenken und gleichzeitig Chinas Abhängigkeit von Moskau zu erhöhen - ohne eigenes militärisches Risiko. Mao hingegen musste Soldaten schicken, die eigentlich Taiwan hätten 'befreien' sollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2023 - Geschichte

Zur Zeit der Märzrevolution 1848 war Berlin ein Brennpunkt, die Anzahl der Menschen hatte sich in knapp dreißig Jahren mehr als verdoppelt, erinnert im Tagesspiegel der Historiker Rüdiger Hachtmann. Aber im Revolutionsjahr begann auch Berlins Entwicklung hin zu einer europäischen Metropole, schreibt er: "Mit der Vertreibung des französischen 'Bürgerkönigs' Louis Philippe und der Ausrufung der Republik am 24. Februar 1848 wurde den Zeitgenossen bewusst, dass nun die Revolution einen Siegeszug durch ganz Europa angetreten hatte. Nachdem am 13. März die Wiener den lange Zeit allmächtigen Fürsten Metternich in die Flucht getrieben hatten, war mit dem Sieg der Berliner Bevölkerung über das preußische Militär am 18./19. März klar: Auf dem ganzen europäischen Kontinent hatten (mit Ausnahme des zaristischen Russlands) die alten Obrigkeitsstaaten abgedankt - allerdings nur vorübergehend, wie sich zeigen sollte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2023 - Geschichte

In der SZ zeichnet der Historiker Hans Günter Hockerts minutiös die vier Tage zwischen der Verhaftung und der Hinrichtung der Geschwister Scholl nach und legt die Gründe für das willkürlich und eilig getroffene drastische Urteil dar: "Die Richter machten sich zu Handlangern des NS-Terrors, und das Urteil nennt auch einen Grund dafür: 'Wenn solches Handeln anders als mit dem Tode bestraft würde, wäre der Anfang einer Entwicklungskette gebildet, deren Ende einst - 1918 war.' Hier wird erkennbar, wie tief die Furcht saß, die 'Heimatfront' könne genauso wie am Ende des Ersten Weltkriegs ins Wanken geraten und in eine revolutionäre Bewegung münden. Die Katastrophe von Stalingrad hatte die latente Furcht soeben dramatisch verstärkt: Die erste schwere Niederlage der Wehrmacht wirkte auf die Bevölkerung wie ein Schock und versetzte den Repressionsapparat in höchsten Alarm. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2023 - Geschichte

Eine Gruppe von Autoren fordert in der Berliner Zeitung einen "Black History Month" auch in Deutschland. Da könne man sich etwa mit rassistischen Passagen in Werken von Hegel und anderen auseinandersetzen - oder mit kultureller Aneignung, denn es gebe "auch wesentlich positivere Verflechtungen zwischen der Geistesgeschichte der globalen afrikanischen Diaspora und der deutschen Geistesgeschichte. Der Black History Month ist ein guter Anlass, ihnen gleichermaßen nachzugehen. Immerhin: Zahlreiche schwarze Denker:innen haben sich intensiv mit deutschsprachigen Geistesgrößen auseinandergesetzt. So studierte der Soziologe und Philosoph W.E.B. Du Bois etwa von 1892 bis 1894 an der heutigen Humboldt-Universität in Berlin, wo ihm 1958 die Ehrendoktorwürde verliehen wurde. Seit vergangenem Jahr erinnert eine Gedenktafel an seine Studienzeit in Berlin. Denker wie Herder und Hegel sind wichtige Bezugsfiguren für Du Bois' späteres Œuvre."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2023 - Geschichte

Was Widerstand in dem Moment heißt, in dem man ihn leistet, lange vor der keineswegs garantierten posthumen Heroisierung, versteht man, wenn man Dominik Baurs taz-Interview mit Wolfgang Huber liest. Sein Vater Kurt Huber gehörte zur "Weißen Rose", hatte Flugblätter geschrieben und wurde von den Nazis hingerichtet. Anerkennung gab es dafür nicht. In seinem Abschiedsbrief hatte er an seine Frau, seinen Sohn und seiner Tochter geschrieben, sie sollten sich seiner nicht schämen: "Damals galt er als Vaterlandsverräter. Selbst ein Teil meiner Familie - interessanterweise ausgerechnet der väterlicherseits - sah das so. Onkel Richard beispielsweise, sein Bruder, war in der SA. Mein Vater war das schwarze Schaf in der Familie. Da war seine Sorge schon nachvollziehbar, dass sein damals vierjähriger Sohn auch mit einem solchen Bild aufwachsen könnte. Übrigens hat sich dieses Bild des Hochverräters nach dem Krieg keineswegs sofort geändert."
Stichwörter: Weiße Rose, Huber, Kurt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2023 - Geschichte

"Die Aufarbeitung protestantischer Mittäterschaft im 'Dritten Reich' ist auch neunzig Jahre nach der 'Machtergreifung' nicht beendet", schreibt der Historiker Manfred Gailus im Tagesspiegel - er legt gerade das Buch "Im Bann des Nationalsozialismus - Das protestantische Berlin im Dritten Reich" vor. Mit den Nazis etablierten sich die "Deutschen Christen" und forsteten eifrig die Kirchenbücher nach Nichtariern durch. "Erst zeitverzögert formierte sich gegen diese völkische Welle eine Opposition - nicht gegen das NS-Regime als solches, sondern gegen die Herrschaft der DC in der Kirche. Diese Opposition konstituierte sich im Laufe des Jahres 1934 als Bekennende Kirche (BK). Fortan lähmte die Hauptstadtkirche ein 'Bruderkampf im eigenen Haus': über die Hälfte aller Gemeinden war gespalten, dort tobte verbissener Streit zwischen DC und BK; ein Viertel war vollständig nazifiziert und nur wenige Gemeinden wie Dahlem widerstanden dem Vormarsch völkischer Christen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2023 - Geschichte

Bei der Berliner Konferenz "The Politics of Memory as a Weapon: Perspectives on Russia's War against Ukraine" wird aktuell darüber diskutiert, ob der Krieg gegen die Ukraine hätte verhindert werden können. Die Berliner Zeitung hat mit den Organisatoren der Konferenz gesprochen, darunter Rafal Rogulski vom polnischen European Network Remembrance and Solidarity. Er verweist auf die Teilung Polens am Ende des 18. Jahrhunderts durch Preußen, Russland und Österreich, ein polnisches Trauma, und natürlich auf den Hitler-Stalin-Pakt. "Noch tiefer wurde Polen durch die russische Aristokratie in zaristischen Zeiten geprägt, die weitgehend deutscher Herkunft war, Katharina die II. war selbst Deutsche. Die DDR entstand aus der sowjetischen Besatzungszone des Verlierers Deutschland heraus, der gleichzeitig durch die Sowjets befreit wurde - die Sowjetunion bestimmte also weitgehend die Beziehungen. Dann kam noch Gorbatschow der Held, der die deutsche Einheit ermöglichte. In Polen wurden die Russen und die Sowjets immer meistens als diejenigen gesehen, die uns unsere Freiheit genommen haben und die es jetzt gerne wieder tun würden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2023 - Geschichte

Jürg Altwegg besucht in Paris für die FAZ den Historiker Stéphane Courtois, Herausgeber des "Schwarzbuchs des Kommunismus" und jetzt des "Schwarzbuchs Putin", für eine Plauderei: "Courtois unterstreicht Stalins Popularität und Prestige im Nachkriegsfrankeich, als die Kommunisten die stärkste Partei waren. Die Geschichtsschreibung wurde von marxistischen Historikern beherrscht, sie zogen eine direkte Linie von der Französischen zur Russischen Revolution. Mit ihrem Katechismus brach erst François Furet. Doch von der Organisation der Zweihundertjahrfeiern 1989 wurde er 'ausgeschlossen': 'Ich sage immer: Wir bleiben das letzte kommunistische Land'", verrät ihm Courtois.

In der NZZ zeichnet Herfried Münkler nochmal ausführlich nach, wie Putin den "Großen Vaterländischen Krieg" geschichtspolitisch verklärt und instrumentalisiert, um den Krieg gegen die Ukraine zu legitimieren: "Was die jüngsten russischen Feiern zum 'Großen Vaterländischen Krieg' und zu der Schlacht von Stalingrad anbetrifft, so gibt es zwei eklatante Auslassungen: den Umstand, dass es nicht nur Russen waren, von denen die Stadt an der Wolga verteidigt und der Gegenangriff zur Einkesselung der Angreifer vorgetragen wurde, sondern dass daran auch Ukrainer beteiligt waren, die obendrein in diesem Krieg den höchsten Blutzoll entrichtet hatten. Und des Weiteren den Umstand, dass Hitler und Stalin von 1939 bis 1941 Spießgesellen gewesen waren, die Polen unter sich aufgeteilt und das Baltikum der Sowjetunion zugesprochen hatten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2023 - Geschichte

Gezielt bestückte Bücherregale im Hintergrund sind nicht erst ein Thema, seit es Videokonferenzen gibt, erzählt Milos Vec in der FAZ, während er auf Jan van Belkamps Triptychon von 1646 blickt, das Lady Anne Clifford in drei Lebensabschnitten zeigt: "Forscher haben sensationelle 8000 Wörter auf der Leinwand gezählt, die dem Bild einen mehrfachen Subtext und Raum für Interpretation geben. Die adlige Dame, Tochter und Gattin von Grafen und Baronin eigenen Rechts, lebte in einem Jahrhundert voller politischer Kämpfe um Publizieren, Lesen und Zensieren; zugleich wuchs die durchschnittliche Anzahl der Bände in englischen Privatbibliotheken um 162 Prozent auf durchschnittlich 3400. Eine Frau, die im öffentlichen Leben jener Zeit kaum Möglichkeiten der Artikulation hatte, illustrierte durch die Ausstaffierung ihres Porträts mit Büchern, deren Rückentitel entzifferbar waren, ihre gesellschaftliche Position".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2023 - Geschichte

Der Historiker Thomas Weber hat gerade den Sammelband "Als die Demokratie starb" vorgelegt, der neunzig Jahre danach Hitlers Aufstieg beleuchtet. Im Gespräch mit Peter Riesbeck erinnert er - ausgerechnet in der FR - an die Wichtigkeit konservativer Parteien für den Erhalt von Demokratie. Das Beispiel der Niederlande habe das gezeigt. Weber bezieht sich dabei auf einen Beitrag des Harvard-Politikwissenschaftler Daniel Ziblatt in seinem Buch: "Starke konservative Parteien bieten radikalen Parteien weniger Chancen, im Zentrum zu wachsen. Zudem müssen sie das Gefühl haben, in der Demokratie gibt es für Parteieliten und eigene Wählerschaft etwas zu holen. Daniel Ziblatt hat das in seinem Buch 'Konservative Parteien und die Geburt der Demokratie' auch gezeigt, etwa am Beispiel der britischen Konservativen. Es geht weniger um eine Liebesbeziehung zur Demokratie. Ziblatt spricht von einem 'buy in' - einem sich Einkaufen in die neue Ordnung: dem sehr berechnenden Kalkül, dass die Demokratie sich langfristig auszahlen könnte."

Auch der Politologe Ulrich Schlie betrachtet Hitlers Aufstieg in der NZZ im europäischen Kontext, denn manche Voraussetzungen waren in vielen Ländern ähnlich, und sie rutschten dennoch nicht in eine ähnliche Katastrophe. "Hitlers Aufstieg war nicht nur der Schwäche der Weimarer Republik geschuldet, sondern auch der Stärke des Nationalsozialismus. Ohne den revolutionären Schwung der nationalsozialistischen Bewegung wäre die Machtübernahme Hitlers nicht möglich gewesen."

Außerdem: In der SZ bewältigt Robert Probst in einem nützlichen Überblick die Flut der Bücher zum Jahr 1923.