Der Bundestag gedenkt zum heutigen Tag der Befreiung von Auschwitz zum ersten Mal
verfolgter queerer Menschen,
berichten Klaus Hillenbrand und Nicole Opitz in der
taz. Was genau "queer" zur Nazizeit war, ist dabei nicht immer ganz leicht zu umreißen. Bekannt ist, das
15.000 homosexuelle Männer umgebracht und 80.000 Männer aktenkundig wurden: "Tatsächlich, so die neuere Forschung, sind aber
auch Lesben verfolgt worden. Ihre sexuelle Präferenz galt als 'verwerflich' und entsprach nicht dem 'gesunden Volksempfinden', sagt die Historikerin
Claudia Schoppmann. Ebenso wie schwule wurden lesbische Treffpunkte nach 1933 geschlossen oder polizeilich überwacht. Bei der Gestapo gingen Denunziationen wegen lesbischem Verhaltens ein, doch die Geheimpolizei musste
bedauernd feststellen, dass eine strafrechtliche Verfolgung dieser Beziehungen nicht vorgesehen war. Freiräume verschwanden. Die Angst ging um. Lesben ließen sich plötzlich die Haare länger wachsen, um weniger aufzufallen. Viele von ihnen heirateten einen Mann. Die große Mehrzahl von ihnen konnte die NS-Zeit so möglichst
unauffällig überstehen - im Gegensatz zu Jüd:innen. Das gilt auch für homosexuelle Männer."
In einem Kommentar
schreibt der
taz-Autor Lutz van Dijk, auf den die Initiative zum Gedenken im Bundestag zurückgeht: "Unter Historiker*innen setzt sich die Kontroverse darüber fort,
wer als NS-Verfolgter anzuerkennen sei, zumal das Wort queer damals noch nicht gebräuchlich war. Es sollte jedoch niemals um eine Hierarchisierung der Opfer gehen, sondern darum, die
unterschiedlichen Verfolgungskriterien der Nazis zu demaskieren, um konkrete Schicksale überhaupt erst zu erkennen."
In einem
Statement von
Ferda Ataman, der "unabhängigen Bundesbeauftragten für Antidiskriminierung" zum Auschwitz-Gedenktag liest sich das so: "Vor allem homo- und bisexuelle Männer wurden unter dem Unrechtsparagrafen 175 vom NS-Regime verfolgt und ins Gefängnis gesteckt. Lesbische und bisexuelle Frauen wurden als 'Asoziale' verhaftet. Sie alle landeten auch in Konzentrationslagern, Tausende starben dort."
In einem
aufsehenerregenden Text für
Zeit online widmet sich die Autorin und Dramaturgin
Stella Leder am heutigen Auschwitz-Gedenktag der Verfolgung von Juden
in der frühen DDR - also einem Kapitel, das außer wenigen Spezialisten bisher kaum jemand bekannt war. Die Verfolgungen geschahen im Kontext der
Prager Slansky-Prozesse und des Stalinschen "Weißkittel"-Wahns, der allerdings maßgeblich einige bis heute wirksame Muster des
linken Antisemitismus etablierte. "In der DDR mehren sich um den Jahreswechsel 1952/53 - nicht nur durch die Verhaftung (jüdischen SED-Parteifunktionär Paul) Merker - sondern auch durch den Druck, dem der jüdische SED-Abgeordnete Julius Meyer ausgesetzt ist, die Zeichen, dass hier
ähnliche Dinge geschehen könnten. Es folgt, vor ziemlich genau siebzig Jahren, die
größte jüdische Fluchtbewegung aus Deutschland nach 1945. Etwa 500 Jüdinnen und Juden verlassen zwischen Januar und Februar 1953 die DDR." Leder wundert sich auch sehr über
das Schweigen, das diese Geschichte bis heute umgibt: "Zwar gibt es einige Wissenschaftler:innen, Bücher und Projekte, die sich mit jüdischer Geschichte in der DDR oder auch mit Antisemitismus in der DDR befassen. Aber selbst in einem Jahr, in dem die Flucht von 1953 einen runden Jahrestag hat, gibt es
keine öffentlichen Veranstaltungen hierzu."
Die weithin gerühmte
deutsche Vergangenheitsbewältigung ist reichlich selektiv,
konstatieren die Osteuropahistorikerinnen
Katja Makhotina und
Franziska Davies im
Tagesspiegel. Vor allem verblasst neben Auschwitz der "Holocaust durch Kugeln", der kaum Zeitzeugen übrig ließ und die peinliche
Mittäterschaft der Wehrmacht implizierte. "Die Selbstwahrnehmung Deutschlands als 'Meister der Erinnerung' steht im Widerspruch zu den
vielen Wissenslücken über den Raub- und Versklavungskrieg im Osten. Bis heute haben viele in Deutschland noch nie von Orten der Massenvernichtung wie Malyj Trostenez, Salaspils, Kaunas Neuntes Fort, Babyn Jar, Berditschiw, Chatyn oder Korjukivka gehört."
In der
taz erinnert Rodothea Seralidou an den vor hundert Jahren beschlossenen "
Bevölkerungsaustausch" zwischen osmanischen Griechen und griechischen Muslimen, der bis heute Bitternis in den betroffenen Bevölkerungsgruppen hinterlässt. Durch die In Lausanne verhandelte "Konvention zum Bevölkerungsaustausch", wird "rückwirkend die längst vollzogene Vertreibung von rund
1,5 Millionen Griechinnen und Griechen aus Anatolien legitimiert. Fast
400.000 Muslime aus Griechenland schickt man in die Türkei."
Außerdem: In der
NZZ weist der Historiker
Volker Reinhardt darauf hin, dass die Debatte zwischen "
Moralisten" und "
Staatsräsonisten", die gerade zum Ukrainekrieg tobt, schon eine jahrhundertelange
Vorgeschichte hat.