9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2023 - Geschichte

Der Bundestag gedenkt zum heutigen Tag der Befreiung von Auschwitz zum ersten Mal verfolgter queerer Menschen, berichten Klaus Hillenbrand und Nicole Opitz in der taz. Was genau "queer" zur Nazizeit war, ist dabei nicht immer ganz leicht zu umreißen. Bekannt ist, das 15.000 homosexuelle Männer umgebracht und 80.000 Männer aktenkundig wurden: "Tatsächlich, so die neuere Forschung, sind aber auch Lesben verfolgt worden. Ihre sexuelle Präferenz galt als 'verwerflich' und entsprach nicht dem 'gesunden Volksempfinden', sagt die Historikerin Claudia Schoppmann. Ebenso wie schwule wurden lesbische Treffpunkte nach 1933 geschlossen oder polizeilich überwacht. Bei der Gestapo gingen Denunziationen wegen lesbischem Verhaltens ein, doch die Geheimpolizei musste bedauernd feststellen, dass eine strafrechtliche Verfolgung dieser Beziehungen nicht vorgesehen war. Freiräume verschwanden. Die Angst ging um. Lesben ließen sich plötzlich die Haare länger wachsen, um weniger aufzufallen. Viele von ihnen heirateten einen Mann. Die große Mehrzahl von ihnen konnte die NS-Zeit so möglichst unauffällig überstehen - im Gegensatz zu Jüd:innen. Das gilt auch für homosexuelle Männer."

In einem Kommentar schreibt der taz-Autor Lutz van Dijk, auf den die Initiative zum Gedenken im Bundestag zurückgeht: "Unter Historiker*innen setzt sich die Kontroverse darüber fort, wer als NS-Verfolgter anzuerkennen sei, zumal das Wort queer damals noch nicht gebräuchlich war. Es sollte jedoch niemals um eine Hierarchisierung der Opfer gehen, sondern darum, die unterschiedlichen Verfolgungskriterien der Nazis zu demaskieren, um konkrete Schicksale überhaupt erst zu erkennen."

In einem Statement von Ferda Ataman, der "unabhängigen Bundesbeauftragten für Antidiskriminierung" zum Auschwitz-Gedenktag liest sich das so: "Vor allem homo- und bisexuelle Männer wurden unter dem Unrechtsparagrafen 175 vom NS-Regime verfolgt und ins Gefängnis gesteckt. Lesbische und bisexuelle Frauen wurden als 'Asoziale' verhaftet. Sie alle landeten auch in Konzentrationslagern, Tausende starben dort."

In einem aufsehenerregenden Text für Zeit online widmet sich die Autorin und Dramaturgin Stella Leder am heutigen Auschwitz-Gedenktag der Verfolgung von Juden in der frühen DDR - also einem Kapitel, das außer wenigen Spezialisten bisher kaum jemand bekannt war. Die Verfolgungen geschahen  im Kontext der Prager Slansky-Prozesse und des Stalinschen "Weißkittel"-Wahns, der allerdings maßgeblich einige bis heute wirksame Muster des linken Antisemitismus etablierte. "In der DDR mehren sich um den Jahreswechsel 1952/53 - nicht nur durch die Verhaftung (jüdischen SED-Parteifunktionär Paul) Merker - sondern auch durch den Druck, dem der jüdische SED-Abgeordnete Julius Meyer ausgesetzt ist, die Zeichen, dass hier ähnliche Dinge geschehen könnten. Es folgt, vor ziemlich genau siebzig Jahren, die größte jüdische Fluchtbewegung aus Deutschland nach 1945. Etwa 500 Jüdinnen und Juden verlassen zwischen Januar und Februar 1953 die DDR." Leder wundert sich auch sehr über das Schweigen, das diese Geschichte bis heute umgibt: "Zwar gibt es einige Wissenschaftler:innen, Bücher und Projekte, die sich mit jüdischer Geschichte in der DDR oder auch mit Antisemitismus in der DDR befassen. Aber selbst in einem Jahr, in dem die Flucht von 1953 einen runden Jahrestag hat, gibt es keine öffentlichen Veranstaltungen hierzu."

Die weithin gerühmte deutsche Vergangenheitsbewältigung ist reichlich selektiv, konstatieren die Osteuropahistorikerinnen Katja Makhotina und Franziska Davies im Tagesspiegel. Vor allem verblasst neben Auschwitz der "Holocaust durch Kugeln", der kaum Zeitzeugen übrig ließ und die peinliche Mittäterschaft der Wehrmacht implizierte. "Die Selbstwahrnehmung Deutschlands als 'Meister der Erinnerung' steht im Widerspruch zu den vielen Wissenslücken über den Raub- und Versklavungskrieg im Osten. Bis heute haben viele in Deutschland noch nie von Orten der Massenvernichtung wie Malyj Trostenez, Salaspils, Kaunas Neuntes Fort, Babyn Jar, Berditschiw, Chatyn oder Korjukivka gehört."

In der taz erinnert Rodothea Seralidou an den vor hundert Jahren beschlossenen "Bevölkerungsaustausch" zwischen osmanischen Griechen und griechischen Muslimen, der bis heute Bitternis in den betroffenen Bevölkerungsgruppen hinterlässt. Durch die In Lausanne verhandelte "Konvention zum Bevölkerungsaustausch", wird "rückwirkend die längst vollzogene Vertreibung von rund 1,5 Millionen Griechinnen und Griechen aus Anatolien legitimiert. Fast 400.000 Muslime aus Griechenland schickt man in die Türkei."

Außerdem: In der NZZ weist der Historiker Volker Reinhardt darauf hin, dass die Debatte zwischen "Moralisten" und "Staatsräsonisten", die gerade zum Ukrainekrieg tobt, schon eine jahrhundertelange Vorgeschichte hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.01.2023 - Geschichte

Vor hundert Jahren beschloss die internationale Diplomatie einen Austausch von türkischen Griechen und griechischen Muslimen, die zu Hunderttausenden ihrer jahrhundertelangen Heimaten entrissen wurden. Es war der Auftakt für eine fatale Serie ethnischer Säuberungen im ganzen 20. Jahrhundert. "Die Diplomaten von Lausanne glaubten, sie hätten mit ihrem Vertrag eine Lösung gefunden, die den Frieden sichert", schreibt der Historiker Andreas Kossert in der Zeit. "Die ethnische Homogenität, von der sie träumten, aber war ein gefährliches Konstrukt. Es ignorierte gewachsene regionale Identitäten und Selbstzuschreibungen, die gerade in den historischen Grenzregionen Europas und Kleinasiens komplex waren. Die vermeintliche Befriedung eines Konflikts durch einen 'Bevölkerungsaustausch' etablierte damit endgültig den fatalen Gedanken, dass ethnisch gemischte Regionen per se ein Problem darstellten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2023 - Geschichte

In der FAZ würdigt Maram Stern, Geschäftsführender Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses, dass Deutschland den Holocaust in den Mittelpunkt seiner Erinnerungskultur gestellt hat. Doch nach über 80 Jahren stellt sich ihm die Frage, wie man die "andauernde Relevanz" dieser Erinnerung heute noch vermittelt: "Der von Bundespräsident Theodor Heuss geprägte Begriff 'Kollektivscham' hat sich über die Generationen abgenutzt. Während Heuss' Zeitgenossen (er hielt seine Rede im Dezember 1949) die Scham auf ihr eigenes Verhalten im Dritten Reich beziehen konnten, unabhängig davon, ob sie aktiv an NS-Verbrechen beteiligt waren oder nur von ihnen wussten, verschob sich das Gefühl zwei Jahrzehnte später auf die Eltern, dann auf die Großeltern." Die Kollektivscham vergeht langsam, die Relevanz des Themas könne sich aber "aus der Monstrosität der Tat ergeben. Es erscheint mir schwer vorstellbar, dass irgendjemand in Kenntnis der NS-Verbrechen die Beschäftigung mit ihnen für irrelevant erklärte. Das gilt insbesondere dann, wenn diese Kenntnis ergänzt wird durch Berichte von Einzelschicksalen oder die künstlerische Darstellung derselben." Stern wünscht sich deshalb "ein zentrales Holocaustmuseum" in Deutschland, "das die Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung umfassend von den Anfängen bis zum Massenmord darstellt... Die Gedenkstätten können dies schon deshalb nicht auffangen, weil die Orte der Massenvernichtung außerhalb der deutschen Grenzen lagen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2023 - Geschichte

In der taz blickt Klaus Hillenbrand auf eine interessante Wende der Arolsen Archives, die etwa etwa 30 Millionen Akten über Vertreibung, Folter und Mord in Nazi-Deutschland verwalten. "Über Jahrzehnte verschlossen wie eine Auster", hat man sich jetzt geöffnet und produziert sogar kurze Videos für Tiktok und Facebook. "Dazu nutzen die Arolsen Archives den eigenen wertvollen Fundus. Da werden kleine Geschichten erzählt, die um ein Objekt kreisen, das dort archiviert ist. Das ist etwa der Ehering von Karl Bruckmann, der dort verwahrt wird. Er musste bei seiner Einlieferung ins KZ Sachsenhausen den Ring abgeben. Viermal hat Bruckmann versucht, aus der Haft auszubrechen, beim letzten Mal gelang es ihm. Doch was aus ihm geworden ist, weiß man nicht, trotz der fünf Kinder in seiner Familie. Jetzt bittet eine weibliche Stimme die Jugendlichen darum, doch dabei zu helfen, Nachkommen des Verfolgten zu finden, damit der Ring an sie gegeben werden kann. Es sind Geschichten wie diese, die eine lange zurückliegende Zeit lebendig und greifbar machen können, auch wenn das Video nur eine Minute und 25 Sekunden dauert. Das Interesse am Thema sei bei den jungen Leuten hoch, sagt Münster, man müsse es aber auf eine andere als die gewohnte Weise bedienen."

Nun also wieder eine Preußen-Debatte, weil mehr über den Namen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gestritten wird als über die dringende Strukturreform. Gustav Seibt erinnert in der SZ an die Preußen-Debatten der alten Bundesrepublik, die Protagonisten wie Sebstian Haffner, Hans-Ulrich Wehler und Joachim Fest hatten. Und er findet einen Satz von Fest, den er als Leitschnur empfiehlt: "Anders als viele meinen, besteht die Vergangenheit überwiegend nicht aus Trümmern, auf denen Botschaften an die Nachwelt verzeichnet sind; mitunter sind es einfach nur Trümmer." So empfiehlt Seibt, auch den Namen der Stiftung verwittern zu lassen: "Ist das nebenbei nicht auch eine schöne Rechtfertigung für den Namen 'Preußischer Kulturbesitz'? Hier wurde das materielle kulturelle Erbe eines untergegangenen Staates, seine Trümmer also, zusammengefasst. Der Name dafür ist ein wenig nostalgisch, aber vor allem ein Hinweis auf die Provenienz. Dass Namen historisch altern können und dabei ihre ursprüngliche Bedeutung verlieren, ist kein unüblicher Prozess."

Werner J. Marti erzählt in der NZZ in einem nützlichen Hintergrundartikel die chaotische Zeitgeschichte Brasiliens, das 1964 von einem linkspopulistischen Regime in eine brutale Militärdiktatur stolperte, das zunächst aber wirtschaftliche Erfolge (wenn auch auf Kosten der Armen) hatte: "Mit der wirtschaftlichen Krise verlor das Militärregime zunehmend auch in jenen gesellschaftlichen Kreisen den Rückhalt, die es bisher noch unterstützt hatten. Das Militär versuchte, mit einer beschränkten Liberalisierung dem gesellschaftlichen Druck entgegenzuwirken. Doch es konnte die wachsende Opposition aus dem Bürgertum und der Arbeiterklasse nicht mehr aufhalten. 1978 wurden neue Parteien zugelassen - unter anderem auch die linke Arbeiterpartei von Lula da Silva, der dann 2003 das Präsidentenamt erobern sollte. Zur Absicherung erließ das Regime 1979 ein Amnestiegesetz, welches seine Exponenten vor späterer Strafverfolgung schützte." Das Militär scheint seine fatale Rolle weiter spielen zu wollen, wie jüngste Meldungen zeigen: "Lula entlässt vierzig Soldaten aus Präsidentenresidenz", meldet unter anderem Spiegel online. Die Sicherheitsleute haben beim Putschversuch vor einigen Tagen dem Mob die Türen geöffnet.

Claus-Peter Clostermeyer, langjähriger Leiter der Vertretung des Landes Baden-Württemberg in Berlin, plädiert in der NZZ dafür, den 175. Jahrestag der gescheiterten Revoilution von 1848 zum Anlass zu nehmen, dass sich Deutschland auf seine demokratischen Impulse auch vor dem Ersten Weltkrieg besinnt - etwa mit einem Feiertag am 18. März. "Bemerkenswert ist, dass das historische Ereignis bislang in erster Linie von politischen Kräften rechts außen in Anspruch genommen wird. Ein solcher Gedenktag sollte indes die ganze Gesellschaft verbinden. 1848 bedeutet mehr als den deutschen Nationalstaat, die Revolution steht zugleich für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2023 - Geschichte

Marko Martin bespricht in der Welt den von Anne Hartmann und Reinhard Müller herausgegebenen Band "Tribunale als Trauma - Die Deutsche Sektion des Sowjetischen Schriftstellerverbandes", der die Zeit der stalinistischen Säuberungen unter deutschen Exilkommunisten in Moskau aufarbeitet, eines der düstersten Kapitel der deutschen Geschichte: "Viele der damals am Beschuldigungs-Veitstanz Beteiligten - wie eben Willi Bredel, Erich Weinert oder der nachmalige SEDKulturfunktionär Alfred Kurella - mögen heute nur noch Experten bekannt sein. Das mag als ausgleichende Gerechtigkeit trösten, doch bildeten diese Gestalten in der DDR eine Art mentalen Humus und prägten in ihrer gesinnungstreuen Gesinnungslosigkeit die Institutionen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2023 - Geschichte

Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv
Vor hundert Jahren besetzten belgische und französische Truppen das Ruhrgebiet, unter anderem um Zugriff auf die Kohle zu bekommen und Reparationsleistungen einzufordern. Das Ruhr Museum Essen widmet dieser Episode eine Ausstellung, Max Florian Kühlem berichtet für die taz: "Die deutsche Bevölkerung war sich damals allerdings vor allem in einem einig: dass sie den Besatzern Widerstand leisten mussten. Das geschah vor allem passiv, zum Beispiel durch Arbeitsniederlegungen. Zeitungsbilder von 1923 zeigen. wie Deutsch-Nationale, Kommunisten, Arbeiter und Industrielle mit Zylinder beim größten Leichenzug der Essener Stadtgeschichte zusammenkamen. Beerdigt wurden 13 Menschen, die bei einem blutigen Zwischenfall in den Essener Krupp-Werken am Ostersamstag 1923 von französischen Soldaten getötet wurden. Sie hatten diese daran hindern wollen, sich an der Ausstattung des Werks zu bedienen. Insgesamt ging die Ruhrbesetzung allerdings ziemlich unblutig vonstatten, rund 130 Menschen kamen dabei zu Tode, teilweise bei Unfällen."

Ebenfalls in der taz berichtet Klaus Hillenbrand über eine Initiative des emeritierte Pädagogen Frank Nonnenmacher, der einen Ort zum Gedenken an von Nazis verfolgte "Arbeitsscheue" schaffen will. "Das Unterfangen ist schwierig. 'Es gibt kein Amt und keine Gedenkstätte, die ich fragen könnte', sagt er. Viele der Opfer und ihrer Familien haben lange aus Scham geschwiegen. 'sechzig, siebzig haben sich gemeldet', sagt Nonnenmacher. Dabei sind vermutlich etwa 70.000 Menschen in deutschen KZ inhaftiert, gequält und ein großer Teil von ihnen ermordet worden, weil es Unangepasste waren, die nicht den Normen der 'Volksgemeinschaft' entsprachen."

In der Welt erinnert Thomas Schmid an die erbitterte Debatte, die noch vor der Wende über Helmut Kohls Projekt eines "Deutschen Historischen Museums" geführt wurde. Sie hat sich in Luft aufgelöst: "Was immer man über das DHM sagen mag - ein Hort des Neonationalismus, der Glorifizierung deutscher Geschichte und des Beschweigens oder Verschweigens der NS-Geschichte ist es gerade nicht geworden. Dank Christoph Stölzl."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2023 - Geschichte

Der überwältigende Einfluss für die Entstehung des Westens ging vom Christentum aus, sagt der britische Historiker Tom Holland, der ein Buch zum Thema geschrieben hat, im FR-Gespräch mit Michael Hesse: "Der Grund dafür ist der, dass der Westen in den vergangenen 200, 300 Jahren die größte hegemoniale zivilisatorische Kraft gewesen ist, das Christentum konnte so rund um die Welt exportiert werden. Vieles, was die Menschen im Westen als universell ansehen oder als menschliche Natur, sind in Wirklichkeit kulturelle Spannungsfelder, die durch spezifisch christliche Begriffe verbreitet wurden. Die Genialität des Abendlandes bestand darin, diese kulturell beschwerten Begriffen so einzurahmen, als hätten sie nichts zu tun mit dem kulturellen Aufstieg des Westens und damit des Christentums. Deshalb denke ich auch, dass der Rückzug der westlichen Politik, Ökonomie oder des Militärs einen Rückzug der kulturellen Macht darstellt, von Kategorien wie die Menschenrechte oder dem Begriff des Säkularen. Die Menschen im Westen denken immer, dass sie universal gültig wären, das sind sie aber nicht, wie es der Aufstieg der post-christlichen Welt nun demonstriert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2023 - Geschichte

Die eigenen Soldaten zu verheizen, hat Tradition in Russland, sagt der Historiker Martin Schulze Wessel im Gespräch mit Konrad Schuller von der FAS. Ein besonders eklatantes Beispiel sei die Niederlage von Zar Nikolaus im Krimkrieg gewesen. "Damals allerdings hat die Niederlage nach dem Tod des Zaren Reformen in Militär und Gesellschaft angestoßen. Das Land hat den Schock damals positiv verarbeitet. Für heute heißt das: Nur eine Niederlage Russlands kann zu einer Umkehr führen, die dann auch für die Russen selbst, für die russische Gesellschaft, positive Folgen hat."

Percy Carpenter, View of Singapore from Mount Wallich, 1856. Collection of National Museum of Singapore


Wenn die Chinesen sich jetzt mit Hilfe ihrer Staatsreederei Cosco überall auf der Welt Seehäfen sichern (oder zumindest Anteile daran), dann haben sie dafür ein historisches Vorbild: Das britische Empire, dem sehr bewusst war, wie wichtig Inseln und Hafenstädte für die Beherrschung des Meeres waren, erklärt der Historiker Benedikt Stuchtey in der FAZ und verweist dabei auf die "spektakuläre" Ausstellung "Port Cities: Multicultural Emporiums of Asia, 1500-1900", die 2016/2017 im Asian Civilisations Museum in Singapur zeigte, welche Bedeutung Hafenstädte für den Kolonialismus hatten (mehr zur Ausstellung hier). In dieser Hinsicht hat sich wenig geändert, meint Stuchtey: "Auch an der Obsession, Märkte zu 'öffnen', notfalls mit Gewalt, und an dem Glauben an die Freihandelsideen von Adam Smith und den Utilitarismus von Jeremy Bentham wird festgehalten in der Überzeugung, Hafenstädte nährten sich so davon wie der Manchesterliberalismus von den Ideen von Richard Cobden und John Bright. Man wird freilich nicht von der Hand weisen können, dass und wie Sehnsuchtsorte wie Odessa und die von Cosco beherrschten Containerterminals als Drohkulisse der 'gunboat diplomacy' dienen, ganz so, als sei eine feste Größe des Imperialismus, nämlich Gewalt, noch tiefer in die Architektur der Port Cities eingeschrieben als die eigentlichen kolonialen Erinnerungsorte selbst. Die Niederschlagung der Demokratiebewegung in Hongkong mahnt daran."

Sabine Weier hat für die taz das neue Mannheimer NS-Dokumentationszentrum besucht: "Auch gewöhnliche Leute ebneten den Weg für den Holocaust", lernt sie in der Multimedia-Dauerausstellung. "Von den brutalen Übergriffen der Novemberpogrome in Mannheim im Jahr 1938 sind zwar Berichte überliefert, aber keine Fotografien. Ausgewählte Szenen hat der kanadische Künstler Kevin Myers als Graphic Novel inszeniert. Etwa die Verhaftung eines jüdischen Mannes, die Zerstörung eines Geschäfts, die Verbrennung von Büchern und Thorarollen in der Innenstadt, das Zerstören von Synagogen. An einer Hörstation werden die Szenen kontextualisiert. Gründlich räumt die Ausstellung mit dem Narrativ vom widerständigen Mannheim auf, das in der jungen Bundesrepublik lanciert wurde. Die Stadt sei gleichermaßen eine 'rote' wie 'braune Hochburg' gewesen, steht in einem der begleitenden Texte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2023 - Geschichte

Oh nee, jetzt nicht noch eine Debatte über Bismarck. Es fing damit an, dass Annalena Baerbock aus postkolonialen Rücksichten das Bismarck-Zimmer im Auswärtigen Amt umbenannt hatte. Eckart Conze konnte daran wenig Falsches finden, die deutsche Politik seit 45 sei kaum von Bismarck geprägt (unser Resümee). Aber Bismarck habe unter den damaligen Zeitumständen das Verdienst, für lange Zeit Frieden geschaffen zu haben, antwortet heute der Historiker Hans-Christof Kraus: "Im Übrigen ist Bismarck, gerade was sein Verhältnis zum 1871 besiegten einstigen Gegner Frankreich anbetrifft, später immer wieder auf die Pariser Regierung zugegangen. Er hat sich - die ausführlichen französischen Diplomatenberichte aus den Achtzigerjahren belegen es vielfach - intensiv um eine erneute Verständigung mit Deutschlands westlichem Nachbarn bemüht."
Stichwörter: Baerbock, Annalena

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2023 - Geschichte

Annalena Baerbock hat das Bismarck-Zimmer im Auswärtigen Amt umbenannt, das dazugehörige Birmarck-Porträt wird womöglich in eine Bonner Dépendance abgeschoben. Die Entscheidung hat Kritik auf sich gezogen. Aber der Historiker Eckart Conze kann die Aufregung in der FAZ nicht nachvollziehen. Der Bezug zu Bismarck sei schon in der Bonner Republik distanziert gewesen. Baerbock hat das Zimmer jetzt wohl aus postkolonialen Rücksichten umbenannt - unter Bismack entstand der deutsche Kolonialismus -, aber Conze plädiert auch für einen  kritischen Blick auf Bismarcks Europa-Politik. Die viel gelobte Bündnispolitik nach 1871 sei kein "europäisches Sicherheitssystem, das diesen Namen verdient hätte". Vor allem war da die Ursünde der Reichsgründung durch den deutsch-französischen Krieg: "Ein stabiler, von allen Seiten akzeptierter europäischer Frieden war unter diesen Bedingungen nicht möglich. Was phasenweise wie Frieden aussah, war nie mehr als ein stets prekärer Nichtkrieg unter dem Grundvorbehalt der deutsch-französischen Feindschaft."