Ob ein
Gedenken in Buchenwald angesichts eines komplett vergifteten Streits um das Vermächtnis überhaupt noch möglich ist, wird sich in den nächsten Wochen erweisen. Nicht nur will dort am 12. April, an dem die jährliche Gedenkfeier zur Befreiung des Lagers geplant ist, eine
Gruppe mit Palästinensertüchern protestieren. Nun wenden sich auch Gruppen wie die "Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora" und die "Lagergemeinschaft Buchenwald" gegen eine Rede
Wolfram Weimers bei der Veranstaltung. Grund: Er hat in einem Aufsatz, der über zehn Jahre eine sarkastische Formulierung
Heinrich Heines - der christliche Taufzettel sei das Entréebillet zur europäischen Kultur - positiv gewendet. Hierüber
berichtet heute Martin Krauss in der
taz - und greift einen
Artikel Gerrit Bartels' im
Tagesspiegel auf. Weimer hatte 2013 im
Schweizer Monat geschrieben: "Der Taufschein ist die Eintrittskarte in die europäische Kultur, wie einst Heinrich Heine - wenngleich polemisch - formulierte. Das Christentum aber wird seit einigen Jahrhunderten relativiert, bekämpft, letztlich aufgegeben."
Bei den Lagergemeinschaften handelt es sich um "
Zusammenschlüsse von Angehörigen ehemaliger politischer Häftlinge des Lagers", informiert
dpa,
hier bei
Zeit online. Weimers Bezug auf Heine, so werden die Gruppen zitiert, "bedeute 'für viele der ehemaligen Häftlinge des Lagers Buchenwald - und
auch uns als Nachkommen und politischen Nachfolgern von Überlebenden, dass wir aus ihrer Sicht nicht zum Bereich der europäischen Kultur gehören'". Ebenfalls
dpa,
hier in der
Jüdischen Allgemeinen, meldet, dass sich der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein und der Zentralrat der Juden hinter Weimer stellen.
Auch Weimers Gebaren gegenüber
linken Buchhandlungen spielt für die Debatte eine Rolle, ergänzt Jörg Häntzschel in der
SZ: "Der dritte (und größere) Hinterbliebenenverband, das 'Internationale Komitee Buchenwald Dora und Kommandos', hat Weimer schon vor einigen Tagen in einer
Presseerklärung für sein Vorgehen beim Buchhandlungspreis kritisiert: 'Die
öffentliche Stigmatisierung von Buchhandlungen oder Verlagen durch staatliche Stellen (…) erinnert an Traditionen von Ausgrenzung und kultureller Kontrolle, deren Folgen verheerend waren', hieß es darin." Welche politische Ausrichtung die Verbände haben und worin sie sich unterscheiden, wird leider nirgends näher beleuchtet.
Der jüdische FU-Student
Lahav Shapira ist mit einer Klage gegen die
FU Berlin gescheitert, der er unzureichende Sicherheitsmaßnahmen vorwarf. Das ändert aber nichts an dem Problem, berichtet Thomas Thiel in der
FAZ, der unter anderem mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Studierendenunion Ron Dekel gesprochen hat: "Es sei heute
unmöglich,
den Campus zu betreten, ohne Antisemitismus zu begegnen, von Hamas-Dreiecken an den Wänden bis zu Schmierereien auf den Toiletten. Dafür macht Dekel auch das Präsidium verantwortlich, das viel zu lange brauche, um antisemitische Slogans zu entfernen. 'Die FU ist innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zu einem Symbol dafür geworden, wie
Antisemismus geduldet und unterstützt wird', sagt er." Shapira war von einem iraelkritischen Kommolitonen krankenhausreif geprügelt worden (unsere
Resümees).
Schon wieder verweigert die Bundesregierung einem linken Projekt, das sie kritisiert, die verdiente Förderung. Konrad Litschko
erzählt om der
taz, dass die
Gruppe "
Radikale Töchter", der es um Demokratie und "Fempowerment" zu tun ist, und die dafür bis Ende des Jahres 286.000 Euro von der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) zugesprochen bekam, plötzlich vom übergeordneten Innenministerium aus der Förderung herausgenommen wurde - trotz Protestes der Bundeszentrale! Die Gruppe hatte unter dem Motto "Wir sind die Töchter" zum Protest gegen die "
Stadtbild"-Äußerung Friedrich Merz' aufgerufen. Das Innenministerium äußert sich nicht zur Streichung der Mittel. "Cesy Leonard von den 'Radikalen Töchtern' glaubt sehr wohl an einen Zusammenhang mit der Merz-Kritik. 'Wenn politisch unliebsame Organisationen wie meine ohne Begründung ihre Förderung verlieren, ist das
ein absoluter Skandal', sagte Leonard der taz. 'Eine starke Demokratie muss Kritik aushalten können, ohne sie abzustrafen.' Leonard sieht dabei ein größeres Muster. 'Wir erleben gerade ein
mutwilliges Demontieren von demokratischem Engagement durch die Bundesregierung.'"
Privatpersonen sind nicht an die
Unschuldsvermutung gebunden, erklärt Martin Niewendick in der
taz mit Blick auf die Vorwürfe gegen
Christian Ulmen (
unser Resümee). Die Presse aber schon! Niewendick zitiert den Pressekodex, Ziffer 13: "Die Berichterstattung über Ermittlungsverfahren, Strafverfahren und sonstige förmliche Verfahren muss
frei von Vorurteilen erfolgen. Der Grundsatz der Unschuldsvermutung gilt auch für die Presse." Das heißt, dass Menschen nur als Täter bezeichnet werden dürfen "wenn sie ein Geständnis abgelegt haben und Beweise gegen sie vorlägen, heißt es weiter, oder wenn sie die Tat unter den Augen der Öffentlichkeit begangen habe. Ziel der Berichterstattung dürfe in einem Rechtsstaat nicht eine '
soziale Zusatzbestrafung' Verurteilter mithilfe eines 'Medienprangers' sein: 'Zwischen Verdacht und erwiesener Schuld ist in der Sprache der Berichterstattung deutlich zu unterscheiden.'"