In der tazberichtet Daniel Bax über den Streit um die Einladung der palästinensischen Künstlerin Basma al-Sharif an die Düsseldorfer Kunstadakemie (unsere Resümees). Dies war kritisiert worden, weil al-Sharif in Instagramposts das Existenzrecht Israels in Frage gestellt habe. Rektorin Donatella Fioretti hat die Veranstaltung dennoch durchgezogen - unter Ausschluss der Öffentlichkeit, um sie möglichst "ruhig" durchführen zu können. "'Für uns sind zwei Dinge entscheidend'", sagt Fioretti zu Bax: "'Erstens: Wir wollen unsere Hochschule als Ort des Dialogs erhalten, weil es zu unserem institutionellen Auftrag gehört, künstlerische Positionen zu zeigen, die komplex sind und Widerspruch und Kritik auslösen können. Wir müssen die Positionen nicht teilen.' Eine Kunstakademie sei ein Ort der Auseinandersetzung. 'Zweitens: Wir verstehen unsere Hochschule als Ort des komplexen Denkens. Wir diskutieren über die Arbeit einer Künstlerin nicht anhand von Instagram-Posts, sondern indem wir uns ihre Werke anschauen.' Das habe man auch in diesem Fall getan." Nächstes mal dann ein israelischer Künstler?
Das Internet wird derzeit von KI-generierten Holocaustbildern überflutet, berichtet Vanessa Fatho in der FAZ. Dabei werden oft entweder die Verbrechen der Nazis verharmlost oder die Situation der aufgehübschten Opfer romantisiert, um mit starker Emotionalisierung viele Klicks zu erzeugen. Die größte Gefahr dabei ist, "dass die Authentizität echter Holocaustaufnahmen angezweifelt wird", erklärt Mykola Makhortykh von der Universität Bern Fatho. Zwar müssen nach einer KI-Verordnung der EU "Plattformbetreiber vom 2. August dieses Jahres an alle KI-generierten Texte, Fotos und Videos kenntlich machen. In der Theorie klingt das einfach, in der Realität ist es das nicht. Studien zeigen, dass viele Social-Media-Plattformen nicht alle Inhalte zuverlässig kennzeichnen oder entfernen. Mitunter gingen blockierte Kanäle wieder online. Wie die Aufsichtsbehörden solche Verstöße kontrollieren und sanktionieren, wird sich zeigen."
Nach fast 56 Jahren scheint der Täter des Brandanschlags auf ein jüdisches Altenheim in München identifiziert zu sein, berichtet Dominik Baur in der taz. Bei dem Anschlag waren sieben Bewohner des Heims, Holocaustüberlebende, ums Leben gekommen. Der Täter hatte das Treppenhaus in Brand gesetzt. Auch Wolfgang Kraushaar hatte zu dem Fall recherchiert, Spuren schienen zu den Tupamaros um Dieter Kunzelmann und Fritz Teufel zu weisen. Dieser Verdacht bestätigt sich nicht. "Wie der Spiegel berichtet, deutet mittlerweile alles daraufhin, dass der damals 26-jährige Bernd V., ein Münchner Krimineller und 'glühender Antisemit', hinter dem Anschlag steckt. Den Mann hatte bei früheren Ermittlungen offenbar niemand auf dem Radar. Laut Spiegel war ihm von Bekannten ein 'Hitler-Tick' attestiert worden; vor Gericht habe er einmal angegeben, er sei von einem Onkel, der eine starke Bezugsperson gewesen sei, in 'Liebe zum Führer' erzogen worden." Der Täter ist im Jahr 2020 gestorben, die Polizei hatte ältere Hinweise auf seine Tat nicht verfolgt.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der religionskritische Autor Hamed Abdel-Samad hat bekanntlich zusammen mit dem Journalisten Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, ein hitziges Streitgespräch als Buch veröffentlicht. Das Buch sollte gerade in Ägypten veröffentlicht werden und wurde dann verboten. Abdel-Samad vermutet im Interview mit Nicholas Potter von der taz, dass das gar nicht an dem Buch liegt sondern an einem Video, in dem er den ägyptischen Diktator Sisi direkt kritisierte. Samad verficht die Idee, dass Israel im Gazastreifen einen Genozid begehe. Diesen Vorwurf erläutert er gegenüber Potter nochmal: "Im Buch unterscheide ich zwischen einerseits der legalistischen Dimension, was ein Genozid ist - das müssen andere beurteilen, nämlich der internationale Gerichtshof, die Vereinten Nationen und Genozidforscher. Viele sind bereits der Meinung, es handele sich hier um einen Genozid, andere bestreiten das und benötigen weitere Beweise. Und andererseits dem Begriff 'Genozid' als Warnung und Hilferuf. Man hat nicht vom Holocaust gesprochen, bis er vorbei war - und das war ein Fehler."
Friedrich Merz schießt mit seinen Wutreden gegen die Work-Life-Balance vor allem gegen Frauen, konstatiert die Schriftstellerin Lea Streisand in der SZ. "Glaubt Friedrich Merz wirklich, die Leute würden aus Faulheit zuhause bleiben? Ähnliches suggerierte er schon mit seinem Vorstoß zur telefonischen Krankschreibung. Die Leute sollten weniger blau machen auf Kosten der Wirtschaftsleistung, sich zusammenreißen und das Bruttosozialprodukt steigern, forderte er. Dem Kanzler muss doch klar sein, auf wen er da eindrischt. Wer arbeitet denn in Teilzeit in Deutschland? Und wer muss sich häufig krankschreiben lassen, weil die Kinder krank sind? Richtig: Mütter!"
Der Technikoptimismus darf nicht den Tech-Bros überlassen werden, warnt der Politikwissenschaftler und ehemalige Grünen-Politiker Reinhard Loske, der an der anthroposophisch geprägten Universität Witten-Herdecke lehrt, im FR-Interview mit Joachim Wille. "Wir haben heute eher zu wenig als zu viele Technikfreaks. Aber die Technik muss ökologisch wie gesellschaftlich eingebettet sein und darf nicht zur Demokratieerosion führen." Bei den grünen Zukunftsvisionen sei Technik immer auch mit Teilhabe und einer Stärkung der gesellschaftlichen Mitbestimmung verbunden. "Zur traurigen Gegenwart gehört aber leider auch, dass visionäres Denken in der Umweltbewegung selbst heute nicht mehr sonderlich angesagt ist. Man hat für jedes einzelne Umweltproblem fünf bis zehn hochkompetente Fachreferentinnen oder -referenten, aber kaum einladende Zukunftsideen. Stattdessen arbeitet man sich an Gesetzentwürfen aus den diversen Ministerien ab und glaubt, durch den ständigen Dialog mit Politik und Verbänden gewinne man politischen Einfluss."
Sarah Maria Sander ist Schauspielerin, aber auch Journalistin und Ko-Autorin eines Drehbuchs für einen Film, in dem sie selbst die Hauptrolle spielen sollte. Ihr Ko-Autor ist Rainer Begoihn, der ebenfalls in dem Film mitspielt. Der Film wird zur Zeit gedreht - aber Sander wurde aus der Produktion herausgeschmissen, außerdem wurde das Drehbuch verändert. Sander prozessiert. Sie vermutet, dass der Produktionsfirma ihr proisraelisches Engagement nicht behagt - denn Sander hatte im letzten Jahr in einem vielbeachteten Video einen israelkritischen deutschen Künstlerbrief kritisiert. Die Feuilletons berichten bisher nicht - nur in der Bild-Zeitung kann man die Geschichte nachlesen: "Die Filmschaffenden von Soilfilms Media weisen alle Anschuldigungen zurück. Über ihren Anwalt ließen sie erklären, die Umbesetzung habe keine politischen Gründe gehabt. Sie sei wegen Besetzungsproblemen, Risiken für Förderung und Festivals sowie Sanders mangelnder Verfügbarkeit erfolgt." Hier spricht Henryk Broder bei welt.tv über diese Geschichte.
Jannis Holl versucht in der FAS zu erklären, wer die "Antideutschen" sind. Anlass sind die Scharmützel zwischen proisraelischen und "propalästinensischen" Aktivisten in Leipzig, wo die "Antideutschen" eine lange Tradition haben. Entstanden seien sie in der Gegnerschaft zur Wiedervereinigung, als die späteren "Antideutschen" fürchteten, Deutschland werde sich zum Faschismus zurückentwickeln. Das "Der Schoß ist fruchtbar noch" wurde zu ihrem Leitgedanken (der sie, wie Holl nicht erwähnt, in den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien auch vehement proserbisch machte). "Innerhalb der westlichen Linken nehmen sie so eine Sonderstellung ein: Nur in Deutschland und Österreich hat sich eine eigenständige linke Strömung herausgebildet, die Israelsolidarität ausdrücklich zum Kern ihres politischen Selbstverständnisses machte. In den meisten anderen Ländern gilt eine solche Positionierung als unvereinbar mit linker Identität."
Die Amerikanistin Heike Paul analysiert das Erscheinungsbild der Frauen in Trumps Regierung mit den Instrumenten der Gendertheorie. Mit kennerhaft taxierendem Blick auf Ministerinnen wie Kristi Noem oder Pam Bondi stellt sie im Gespräch mit Melanie Mühl von der FAZ fest: "Diese Frauen kleiden sich in der Regel stark figurbetont, sind auffällig geschminkt und tragen ihr Haar in einem sehr spezifischen Stil." Eine weitere Botschaft dieses Erscheinungsbilds laute: "Es gibt nur 'richtige' Frauen und 'richtige' Männer, dazwischen existiert nichts. Diese Regierung ist bekannt für ihre Transfeindlichkeit. Das ungewollt Kuriose ist: Gerade diese operierten und gespritzten Frauen stellen die Künstlichkeit von Geschlecht offen zur Schau und eben nicht jene Natürlichkeit, auf die sich die entsprechenden Diskurse sonst gerne berufen. Die Auftritte der Mar-a-Lago-Gesichter muten mitunter unfreiwillig komisch an - und wurden auch schon mit Drag Shows verglichen."
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, erklärte vor Kurzem, dass viele Jüdinnen und Juden unter eine AfD-Regierung erwägen würden, auszuwandern, schreibt Richard C. Schneider in der NZZ. So wird die AfD nicht direkt den Rechtsstaat abschaffen (können), doch durch die schrittweise Verschiebung und den Abbau von Minderheitenrechten für ein immer gefährlicheres Umfeld sorgen. "Die Verunsicherung entsteht genau in diesem Dazwischen. Die AfD könnte regieren und scheitern. Sie könnte sich entzaubern, an Koalitionen, Gerichten und Verwaltung zerschellen. Objektiv betrachtet könnte 'nichts passieren'. Man könnte, scheinbar, aufatmen. Und doch wäre selbst dieses Nichts nicht nichts. Denn Macht wirkt auch symbolisch. Sie verändert den Ton. Sie entscheidet darüber, wer sich ermutigt fühlt, lauter zu werden. Und wer beginnt, sich zurückzunehmen. Antisemitismus braucht keine neuen Gesetze."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Vertrauensbereitschaft in der Bevölkerung nimmt ab, in Folge entstehen Misstrauensgemeinschaften, meint der Soziologe Aladin El Mafaalani im SZ-Gespräch. Davon profitieren populistische Parteien wie die AfD: "Denn in diesen Gemeinschaften wird ja Misstrauen prämiert, auch wenn sie es vielleicht nicht so nennen, sondern 'Kritik am Mainstream' oder am 'System', an den 'Systemparteien', den 'Medien' und den 'Zahlendrehern in der Wissenschaft'. Letztlich findet Vergemeinschaftung über Misstrauen statt, was wiederum zu Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit führt. Ein wichtiger, enorm stabilisierender Faktor. Misstrauensstrukturen haben sich übrigens längst nicht nur in der Politik gebildet, sondern auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen. In der Medienwelt etablieren sich alternative Medien, in der Finanzwelt mit den Kryptowährungen alternatives Geld, bei dem ja sogar die zentrale Idee ist, bei Geldgeschäften nicht mehr vertrauen zu müssen." Er rät unter anderem dazu, "dass die Expansion der Dokumentationspflichten zurückgefahren wird."
Morgen ist Holocaust-Gedenktag. In der tazhalten Tom David Uhlig und Nikolas Lelle an einer spezifischen, auf den Holocaust bezogenen Erinnerungsarbeit fest, gegen die zwei Stränge der Kritik, die sie daran ausmachen: Da sei "erstens der Vorwurf des ritualisierten Gedenkens, also der Verdacht, Erinnerungsgesten seien vorrangig sinnentleerte nationalistische Selbstversicherungen. Und zweitens die Vorstellung, Erinnerung an die Shoah sei von Konkurrenzen gegenüber anderem Gedenken geprägt und müsse anderen, insbesondere postkolonialen Perspektiven geöffnet werden." Aber Erinnerungsarbeit ist Arbeit, so die beiden Autoren, und sie hört nie auf: "Dass die erkämpfte Erinnerung auch nach ihrer Institutionalisierung prekär bleibt, zeigt das Berliner Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma. Seit Jahren setzen sich Menschen dagegen ein, dass das erst wenige Jahre zuvor eröffnete Denkmal durch den Bau eines S-Bahn-Tunnels gesperrt oder abgebaut wird."
Magdalena Saryusz-Wolska, Direktorin des Deutschen Historischen Instituts Warschau, erinnert in der FAZ daran, dass der Holocaust verschiedene Dimensionen hatte. In die Vernichtungslager wurden Juden aus dem Ausland transportiert, aber polnische und andere osteuropäische Juden wurden oft "vor Ort" ermordet. Ein solches Massaker sah so aus, erzählt die Historikerin am Beispiel eines kleinen Orts in Polen: "Einen Tag zuvor mussten polnische Zwangsarbeiter im Wald hinter dem Priesterseminar eine Grube ausheben. Zwei Meter breit und zehn Meter lang soll sie gewesen sein. Einer der Zwangsarbeiter, die das Verbrechen beobachteten, erzählte den Seminaristen später: 'Auf der Lichtung im Wald wurden (die Opfer) vollständig entkleidet. Danach musste sich jeder, einer nach dem anderen, auf den Boden legen. Er kroch bis zum Rand der Grube auf die quer darauf liegenden Bretter, erhob sich, bis er kniete, und wurde von hinten erschossen oder erstochen. Die Kinder wurden durch einen Hieb mit der Brechstange auf den Kopf erschlagen. Die sich noch bewegenden Leichenschichten wurden mit Chlorkalk bestreut.'" Ein Drittel der Holocaust-Opfer wurden so ermordet, so Saryusz-Wolska unter Bezug auf den Historiker Stephan Lehnstaedt.
In Berlin fand am Wochenende ein Kongress israelfeindlicher Gruppen statt, die einen Boykott israelischer Hochschulen durch deutsche Institutionen forderte. Gerald Wagner berichtet für die FAZ über die nur teilweise presseöffentliche Konferenz, die zeigt, dass demokratische Parteien wohl nicht nur gegenüber der AfD, sondern auch zur Linkspartei eine "Brandmauer" werden aufbauen müssen. Zu dem Bündnis, das die Konferenz organisierte, "zählen mehr als zwanzig Organisationen, darunter das Vereinigte Palästinensische Nationalkomitee (VPNK), verschiedene Unterorganisationen der Linkspartei und BDS Berlin. Der Berliner Senat nennt das VPNK eine Gruppierung, die verfassungsfeindliche Bestrebungen verfolge, weil hier Anhänger der Hamas und der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) eng zusammenarbeiteten. Als 'Ko-Organisatoren' des Kongresses traten hauptsächlich die 'Students for Palestine'-Gruppen zahlreicher deutscher Universitäten auf."
Ach, Israel mobilisiert doch so viel besser als der Iran! "Ausverkauft" meldet die Website der "Akademischer Boykott Konferenz", die ab heute an einem noch unbekannten Ort in Berlin stattfinden soll und einen Israelboykott im Sinne von BDS an Berliner Unis fordert. Auch für Infostände ist kein Platz mehr. In der taz hatte Jonas Wahmkow servicemäßig die Konferenz angekündigt. Heute wird immerhin Joel Ben-Joseph von der Hochschulgruppe "Tacheles" zur Konferenz befragt. Dass sich die Veranstaltung nicht gegen Juden richte, sondern nur gegen Israel, bestreitet er im Gespräch mit Uta Schleiermacher: "Dass sich der Boykott nicht gegen Personen richtet, ist ein Scheinargument. Diese Gruppen reden nur mit Jüdinnen und Juden, wenn sie antizionistisch sind, sie fordern also bestimmte Distanzierungen ein. Man kann davon ausgehen, dass solche Gedanken am Ende dazu führen, dass dann doch etwa in einem Seminar ein Austauschstudent aus Israel oder ein jüdischer Student ausgeschlossen wird, nur weil er jüdisch oder israelisch ist." Auch an anderen deutschen Hochschulen scheint sich die Idee des Israelboykotts duchzusetzen: Mehr in Efeu.
Gestern hatte sich schon der Tagesspiegel mit einem schnell zusammengeschusterten Programm der Berliner CDU zur Antisemitismusbekämpfung beschäftigt (Uffa Jensen vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung und Anhänger eines sehr liberalen Antisemitismusbegriffs hatte die Geldervergabe dort sehr kritisiert). Heute meldet sich Peter Laudenbach mit "bemerkenswerten Fakten aus von der SZ exklusiv ausgewerteten Akten". Der Topf wurde nach dem Schock über die euphorischen Neuköllner Demos am 7. Oktober und folgende beschlossen, was Laudenbach zu erwähnen vergisst. Vergeben wurden die Gelder offenbar an gute Bekannte: "Zu den Geförderten zählen zum Beispiel der Immobilienentwickler Fablhaft GmbH&Co.KG (39.000 Euro), das erst im Dezember 2024 gegründete 'Zera Institut' einer CDU-Parteifreundin (390.000 Euro), ein 'interkultureller Thinktank zur Erforschung und Bekämpfung von Antisemitismus' ohne erkennbare wissenschaftliche Expertise. Oder die 'First Music Production GmbH & Co.KG', die für eine Ausstellung 1,4 Millionen Euro bekommen hat." Bei der Ausstellung handelte es sich um die "Nova Festival Exhibition", die in der Presse ein weithin positives Echo gefunden hat.
Angehörige von Terrorismusopfern fühlen sich von der Politik allein gelassen. Das war in Hanau so, und Michael Kyrath, dessen Tochter in einem Zug in Schleswig-Holstein von einem Asylbewerber erstochen wurde, geht es genauso. Er kritisiert die Integrationspolitik in Deutschland. Im Gespräch mit Sebastian Eder von der FAZ sagt er: "Es rennen Menschen in diesem Land herum, von denen wir gar nicht wissen, woher sie kommen. Wir wissen nicht, ob sie bereit sind, unsere Art zu leben zu akzeptieren. Und dann stopfen wir sie in irgendwelche Containerdörfer, drücken ihnen jeden Monat das Bürgergeld in die Hand und meinen, das wäre Integration. Das hat weder mit Christlichkeit noch mit Integration zu tun, sondern befriedigt einzig und allein das moralische Selbstwertgefühl einer wohlstandsverwahrlosten, ideologisch geprägten und weltfremden Kaste. Wir müssen uns um die Menschen kümmern, die wir einladen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Gerade ist der Africacup zu Ende gegangen: Senegal gewann im Endspiel gegen Marokko, was dort zu einer Welle des Rassismus führte, berichtet in der NZZ Kacem El Ghazzali. Grund dafür sei, argumentiert er mit dem marokkanischen Historiker Chouki El Hamel, "dass Marokko seine Geschichte der Sklaverei nie aufgearbeitet habe". Die Folgen heute nach dem verlorenen Spiel: "In den sozialen Netzwerken wird der Begriff der 'Remigration', jener Chiffre der neuen Rechten für Vertreibung, inzwischen offen gegen Migranten aus Subsahara-Afrika gewendet. Ein Blick in die 'Page Transparency'-Daten von Facebook zeigt zudem, dass einige der aggressivsten rassistischen Seiten von Algerien aus gesteuert werden. Doch marokkanische Intellektuelle warnen davor, die Schuld nur im Ausland zu suchen. Der Essayist Ahmed Assid geißelte die Kampagne in einer Videobotschaft als 'absolut inakzeptabel'. Gegenüber der NZZ erklärt er: 'In Marokko gibt es vier Arten von Rassismus - Farbe, Religion, Sprache, Abstammung -, die alle auf eine fehlgeleitete Erziehung zurückzuführen sind.' Auf die Frage nach der Rolle des Staates antwortete Assid klar: 'Ja, die Verantwortung des Staates ist unbestreitbar. Er muss klare Gesetze erlassen und schulische Inhalte ändern.'" Chouki El Hamels Buch zum Thema, "Black Morocco", von 2013 kann man übrigens hier lesen.
Sabine Schwedt, alleinerziehende Mutter, die ihr Einkommen mit Bürgergeld aufbessern muss, weiß es zu schätzen, dass viele Menschen Ärmeren helfen wollen, aber sie fühlt sich dabei auch oft unbehaglich, erzählt sie in der taz: "Bei der Tafel anzustehen, nichts anfassen zu dürfen, das Lego-Set mit der Bitte überreicht zu bekommen, dass meine Kinder als Dankeschön ein Bild für die Spender malen sollen, löst ein großes Unbehagen in mir aus. Ebenso wenn der Pfarrer immer wieder von 'bedürftigen Kindern' redet. Meine Kinder bedürftig? Ja, sie gelten als arm. Doch diese Kluft, das distanzierende Wir-sie-Denken - wir, denen es gut geht, und sie, denen es schlecht geht - ist ein Gefälle, das auch Projektionsfläche für das gute Gefühl von Ehrenamtlichen darstellt. Auf dieser Ebene wird Armut ausgelagert. Sie findet quasi nicht statt beziehungsweise nur an bestimmten Orten: in der Arche, in der Schlange bei der Tafel, unter der Brücke. Dass in der Schulklasse, in der Spenden für Kinder der Berliner Tafel gesammelt werden, selber ein Teil als arm gilt, wird kaum wahrgenommen."
"Weich wie Schneeflocken, zart wie Kaschmir, scheu wie ein Häschen": Die Menschen werden heute von einem fürsorglichen Staat allzusehr in Watte gepackt, meint in der FAS Jochen Buchsteiner, mit schlimmen Folgen: "Vier von zehn deutschen Studenten streben mittlerweile eine Anstellung im öffentlichen Dienst an, auch weil dort niemand von ihnen verlangt, Risiken einzugehen. Ein wachsender Teil des akademischen Nachwuchses will nicht mehr Träume verwirklichen, sich ausprobieren, das Land mit Ideen oder Erfindungen voranbringen, sondern drängt in die Komfortzone der Verwaltung. Und verwalten heißt allzu oft: der schrumpfenden Zahl derer, die sich noch in der freien Wirtschaft abmühen, das Leben mit weiteren Regeln zu erschweren."
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