9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2748 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 275

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2026 - Gesellschaft

Es hat sich schon einiges geändert im Umgang mit Vergewaltigung, aber nicht genug, meint Gisèle Pelicot im Interview mit der Zeit, wenn sie auf einen Prozess im Jahr 1978 zurückblickt: "Zwei junge Frauen, die in Südfrankreich im Urlaub waren, wurden vergewaltigt: ein lesbisches Paar, die Täter waren drei Männer. Auch diese beiden Frauen haben eine öffentliche Verhandlung erzwungen. Aber zu welchem Preis! Als sie beim Gericht ankamen, wurden sie bespuckt und ausgepfiffen. Ich dagegen wurde mit Applaus empfangen. Allerdings: Was dann drinnen im Saal passiert - das hat sich nicht geändert. Ich habe Demütigungen erfahren. Man hat mir gesagt, ich sei Komplizin meines Mannes, ich hätte allem zugestimmt, ich hätte doch die gynäkologischen Probleme bemerken müssen. All das habe ich erklärt. Übrigens hat Gisèle Halimi, die Anwältin der beiden Frauen von damals, diesen Satz zuerst gesagt: 'Die Scham muss die Seite wechseln.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2026 - Gesellschaft

Der Sprecher der Berliner Gewerkschaft der Polizei, Benjamin Jendro, reagierte scharf auf das Vorhaben der Berliner Grünen, im öffentlichen Dienst das Kopftuch zuzulassen, meldet Alexander Fröhlich im Tagesspiegel (unser Resümee). Jendro sagt: "Es wird mit uns als GdP in der Hauptstadt keine Polizistinnen mit Kopftuch im Dienst geben. Unsere Kolleginnen und Kollegen unterliegen der Neutralitätspflicht. Sie werden auch nicht mit sichtbarem Kruzifix oder Kippa durch die Sonnenallee laufen. Wer da von diskriminierender Beschränkung und Verlust der eigenen Identität spricht, verkennt die Bedeutung der Polizei im Rechtsstaat."

In der taz wünscht sich Georg Seeßlen einen sorgfältigeren Umgang mit Sprache: Zum Beispiel bei der Bezeichnung "Lifestyle-Linke" oder beim Vorwurf des Faschismus: "Die Notwendigkeit des komplexen Denkens bedeutet: Auch das Wort 'Faschismus' darf nicht zum simplen Kampfbegriff werden. Die Aufgabe, den Faschismus, Faschisierungen und Partialfaschismen kritisch zu verstehen, ist mit dem Auftrag verbunden, ihn als dominante politische Bewegung zu verhindern. Antifaschismus ist immer auch eine Arbeit an der Sprache, in der Sprache und mit der Sprache. Es wäre ein guter Beginn, wenn man Worte wieder daraufhin prüfte, was sie bedeuten, statt sie dem Recht der Stärkeren und Lauteren zu überlassen."

Eine seit Jahrzehnten marode hässliche Hochstraße aus der DDR-Zeit, die den historischen Landschaftspark des Leipziger Verleger Paul Herfurth durchschneidet, soll duch exakt das gleiche Modell ersetzt werden, um ein langwieriges Planfeststellungsverfahren zu vermeiden. Bund und Land haben Alternativvorschläge wie einen Tunnel jahrelang ignoriert. In der FAZ ist Arnold Bartetzky entsetzt: "Seit dem Jahr 2008 sieht ein denkmalpflegerisches Zielkonzept eine Tieferlegung der Straße als Tunnel vor. Damit könnten die Blickbeziehungen wiederhergestellt und die zwei Hälften des Parks wieder vereint werden, der Verkehrslärm wäre stark gemindert. Seit 2012 setzt sich die mitgliederstarke Bürgerinitiative Pro agra-Park für dieses Ziel ein. Die Aussichten dafür schienen gut, nachdem die sächsische Landesregierung und das Bundesverkehrsministerium wiederholt Unterstützung zugesichert hatten. Noch 2021 bekräftigten der Bund und der Freistaat Sachsen, dass eine Tunnellösung wünschenswert ist", doch dann war doch kein Geld dafür da. So kann man demokratisches Engagement auch entmutigen, denkt sich Bartetzky.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2026 - Gesellschaft

Dirk Engelmann, Professor für Volkswirtschaftslehre, sucht in der taz einen Weg, um mit dem hakeligen Problem Erbschaftssteuer umzugehen: "Erbschaften sind sinnvollerweise als Einkommen zu betrachten, da sie Zuflüsse zum Vermögen sind. Die Besteuerung der Erbschaften sollte sich dabei an der Situation der Erbenden orientieren. Denn wer erbt, kann über das Erbe zukünftig verfügen und profitiert davon. Einkommen durch Erbschaften statt durch Arbeit zu erlangen, ist ein erheblicher Vorteil. Eine zusätzliche steuerliche Bevorzugung von Einkommen aus Erbschaften gegenüber Arbeitseinkommen erscheint keinesfalls gerechtfertigt, daher sollten Erbschaften in der persönlichen Einkommenssteuererklärung angegeben und zusammen mit sonstigem Einkommen versteuert werden."

Eine Berliner Meldung vom Wochenende bricht sich in den Medien langsam Bahn: "Sieben Monate vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus bekräftigten die Berliner Grünen auf einem Parteitag in Neukölln ihre Forderung zur Abschaffung des Neutralitätsgesetzes", berichtet etwa Nicole Dolif, in der Morgenpost. Auch Polizistinnen oder Richterinnen könnten dann Kopftuch tragen. "Der von der Landesarbeitsgemeinschaft 'Säkulare Grüne Berlin' eingebrachte Antrag mit der Forderung, dass das Neutralitätsgesetz für den öffentlichen Dienst 'so weit wie rechtlich möglich erhalten' bleiben solle, wurde mit großer Mehrheit abgelehnt... Gerade mal ein Dutzend der insgesamt 182 Delegierten stimmten für den Antrag." Außerdem zu den Berliner Grünen: In der taz berichtet Marina Mai über den Grünen-Abgeordnete Jian Omar, der sich für religiöse Minderheiten in Syrien einsetzt und deshalb von Islamisten massive Hassmails bekommt.

Das staatlich geförderte Berliner Kino Babylon plant Ende März zwei Veranstaltungen mit der UN-Sonderberichterstatterin für die palästinensischen Gebiete Francesca Albanese, berichtet Imanuel Marcus in der Jüdischen Allgemeinen. Albanese verteidigt die Hamas und sieht Israel als eine treibende Kraft hinter einem "System", das ein Feind der Menschheit sei (unsere Resümees). Jüdische Organisationen protestieren gegen die geplante Veranstaltung. "Auf eine Anfrage der Jüdischen Allgemeinen, warum das Babylon-Kino eine Diskussionsrunde mit Francesca Albanese abhält, antwortet Betreiber Timothy Grossman nicht. Stattdessen teilt er mit: 'Die Meinungsforschung in Deutschland zum Gazakrieg (ab Oktober 2023) zeigt ein komplexes Bild, das durch tiefe Besorgnis, eine differenzierte Bewertung der Kriegsparteien und wachsenden Druck auf die Bundesregierung gekennzeichnet ist, humanitäre Aspekte stärker zu berücksichtigen.'"

Auch jene Fraktion, die im Sinne des "Weltoffen"-Papiers befürwortet, dass man eine Abschaffung Israels fordern darf, ohne staatliche Subventionen zu verlieren, ist weiter aktiv. Mitte März planen Protagonisten wie Emily Dische-Becker, Hanno Hauenstein oder Ralf Michaels ein Symposion "zur Kritik der Freiheit und ihrer Repression in liberalen Demokratien". Stattfinden soll es im Württembergischen Kunstverein Stuttgart. Auf der Website der Veranstaltung heißt es: "Ausgangspunkt des Symposiums ist das Erleben einer zunehmenden politischen und staatlichen Einflussnahme auf die Inhalte, Programme und Positionen von öffentlich geförderten Organisationen und Institutionen - insbesondere der Künste und Wissenschaften. Im Fokus stehen dabei eine Reihe von strukturellen Entwicklungen in Deutschland - allen voran jene politischen Eingriffe, die sich auf das diffuse Konstrukt einer Deutschen Staatsräson und einer Definition von Antisemitismus berufen, die für die gesamte Gesellschaft geltend gemacht werden sollen."

Es gibt überproportional viele junge Männer mit Migrationshintergrund, oft Flüchtlinge, die gewalttätig werden. Was tun, fragt Karin Truscheit im Leitartikel der FAZ. Die Risiken müssen frühzeitig wahrgenommen werden, fordert sie, "wenn Personen 'auffällig' werden, randalieren, pöbeln. Sie müssen sofort in den Fokus von Polizei, Sozialarbeit und psychologischer Betreuung rücken. Ähnlich vernetzt funktioniert in Nordrhein-Westfalen das Programm Periskop, um potenzielle Amoktäter herauszufiltern. Die Landesärztekammer Baden-Württemberg hat erst vor Kurzem die völlig unzureichende therapeutische Unterstützung von traumatisierten Migranten beklagt. Die Behandlung kann demnach das Risiko für 'aggressive Handlungen gegen andere' senken."

Der deutsche, in den USA forschende KI-Experte Joscha Bach gehörte zu den wenigen Deutschen, die Jeffrey Epstein glamourös genug waren, um engere Beziehungen zu unterhalten. In der Zeit gab es neulich ein Interview mit ihm, das heute von Frauke Steffens in der FAZ scharf kritisiert wird - weil es zu nett war. Es gibt keine Hinweise, dass Bach Strafwürdiges getan hat, aber Epstein unterstützte Bach finanziell, und "Epstein übernahm die Schulgebühren für Bachs Kinder, Miete, Reisen. Wenn Bach in New York war, stellte Epstein ihm ein Apartment zur Verfügung, einmal besuchte er den Multimillionär auf dessen Privatinsel. Beide tauschten sich über Bachs Forschungsinteressen aus: Künstliche Intelligenz, Kognitionsforschung, Machine Learning." Die Interviewfragen der Zeit waren aber viel zu brav, findet Steffens: "Wenn ein Interview mit Bach mehr hätte sein sollen als eine Gefälligkeit, dann gäbe es viele Fragen, die man hätte stellen können. Wie sieht Bach seine damaligen Einlassungen heute? Falls er seine Ansichten geändert hat, wie kam es dazu? Wie schätzt er die Verbreitung sozialdarwinistischer und eugenischer Gedanken im Techsektor ein?" Ebenfalls in der FAZ erzählen Othmara Glas und Niklas Zimmermann, wie sich Epstein seinen Zustrom junger Mädchen aus osteuropäischen Ländern organisierte.

Islamismus kann in Deutschland auch gemeinnützig sein, dabei kann es sich um Vereine, Stiftungen oder gGmbHs handeln, erklärt Sigrid Herrmann bei hpd und schlüsselt die einzelnen Finanzierungsmethoden auf. Der Staat muss also aufpassen, an wen das Geld geht. "Für das Ergebnis der Fehlverwendung öffentlicher Mittel bleibt es gleich, ob sie durch Korruption, Unterwanderung oder Ignoranz verursacht ist. Doch die Gemeinnützigkeit hat weitere Folgen: Spender werden eher geneigt sein, großzügiger zu sein. Zudem wird bei einer angenommenen Gemeinnützigkeit eher von Seriosität und einer geprüften Verwendung ausgegangen, auch dann, wenn das tatsächlich nicht der Wahrheit entspricht. Die Annahme der Gemeinnützigkeit bei islamistischen Strukturen bewirkt also nicht nur finanziellen Schaden für das Gemeinwesen, sondern bietet auch ein Einfallstor für Legalisten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.02.2026 - Gesellschaft

Großer Reichtum verführt zu Kriminalität, legt der Soziologe Grégory Salle im Zeit Online-Gespräch dar. Superreiche, wie Bezos, Musk oder Epstein, machen die Erfahrung, dass die Grenzen und Gesetze, die für andere Menschen gelten, für sie leicht zu umgehen sind. Das schadet auch der Demokratie: "Gefängnisse zeigen die volle Macht des Staates - doch bei Milliardären greift sie kaum. Epstein ist ein Beispiel: Schon 2008 wurde er wegen Anstiftung zur Prostitution Minderjähriger verurteilt, ein schweres Verbrechen. Trotzdem hatte er täglich zwölf Stunden Freigang und war nach 13 Monaten wieder frei. Dafür sorgte ein Team von einflussreichen Topanwälten, die Tausende Dollar am Tag verdienen. Nach seiner kurzen Haft mischte er sich ungestört unter die High Society, als wäre nichts geschehen. Oder schauen Sie auf Ex-Präsident Nicolas Sarkozy: In der Libyen-Affäre wurde er wegen Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung verurteilt, dazu war er schon vorbestraft. Jetzt wartet er in der eigenen Villa auf seine Berufung, verdient aber mit selbstmitleidigen Memoiren aus der Gefängniszelle ein Vermögen. Und währenddessen sitzen andere Vorbestrafte schon fürs Schwarzfahren im Gefängnis. Diese Kluft zerstört Vertrauen in die Demokratie."

Auch in der Schweiz nimmt der Antisemitismus zu, berichet Nicolas Freund in der SZ: "Laut dem Antisemitismusbericht der israelitischen Kultusgemeinde von 2024 haben sich die Übergriffe in der Schweiz vervielfacht, von 57 im Jahr 2022 auf 221 im Jahr 2024." Neben konkreten politischen Maßnahmen, um dem entgegenzusteuern, muss sich die Schweiz auch mit ihrer Rolle im Nationalsozialismus auseinandersetzen, meint Freund. Dass viele fliehende Juden an der Grenze abgewiesen wurden oder zur Weiterreise gedrängt wurden, die oft in den Tod führte, wird immer noch verdrängt: "Eine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus (...) gibt es in der Schweiz (...) nicht. Das soll sich ändern." Am Grenzübergang in Diepoldsau soll im ehemaligen Zollamt "voraussichtlich von 2030 an in einem Teil des Gebäudes ein Dokumentationszentrum entstehen. Dazu ist in Bern in unmittelbarer Nähe des Bundeshauses ein Memorial für die Opfer des Nationalsozialismus geplant."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2026 - Gesellschaft

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Mit Blick auf eine neue Dunkelfeldstudie der Bundesregierung zu sexueller Gewalt, erinnert Sandra Kegel im Leitartikel der FAZ an Gisèle Pelicots heroischen Akt, ihrem Prozess so viel Öffentlichkeit wie möglich zu geben - obwohl der Prozess gegen ihren Ex-Mann, der sie betäubte, von anderen Männern vergewaltigen ließ und dabei filmte, auch ohne Öffentlichkeit hätte stattfinden können. "Öffentlichkeit ist riskant. Sie kann in Voyeurismus kippen, in schmutzige Details, in als Transparenz getarnte Unterhaltung. Gisèle Pelicot nahm sogar in Kauf, dass Videoausschnitte der Vergewaltigungen im Gerichtssaal gezeigt wurden. Darin liegt die Provokation ihres Handelns. Sie erinnerte die Institutionen an ihre eigenen Maßstäbe. Und indem sie ihren Namen sagte, hat sie auch die Frage gestellt, warum so viele andere ihn nicht sagen können. Damit hat sie die Perspektive verschoben. Aus diffuser Gewalt wurde ein konkretes Geschehen, das in keiner Dunkelfeldstudie verschwindet." Pelicots Buch "Eine Hymne an das Leben" erscheint am Montag auch auf deutsch.

Bestellen Sie bei eichendorff21!
In seinem neuen Buch "Situation und Konstellation" beklagt der bekannte Soziologe Hartmut Rosa das Verschwinden des individuellen Spielraums in einer überregulierten Moderne. Im SZ-Gespräch mit Jens-Christian Rabe versucht er zu erklären, was er meint. "Denken Sie an das Fotografieren bei Taufen, Hochzeiten oder Geburtstagen. Da bin ich Teil des Fests, womöglich sogar emotional ergriffen - aber in dem Moment, in dem ich auch nur den Gedanken habe, ich könnte das alles doch mal in einem Foto festhalten, merkt man fast buchstäblich, wie man raustritt aus der Situation und sie konstellativ festhält. Meine zeitdiagnostische These lautet, dass wir als Menschen verstärkt vom Handeln zum Vollziehen übergehen."
Stichwörter: Pelicot, Gisele

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2026 - Gesellschaft

Die UN-Sonderberichterstatterin für Meinungsfreiheit, Irene Khan, sah kürzlich die Meinungsvielfalt in Deutschland als gefährdet an. Im Interview mit der SZ findet der amerikanische Jurist David Kaye, von 2014 bis 2020 ebenfalls UN-Sonderberichterstatter für Meinungsfreiheit, das nachvollziehbar. Dass vereinzelte deutsche Gerichte die Demo-Parole "From the river to the sea, Palestine will be free" als terrorverherrlichend einstuften, behagt auch ihm nicht: "Ich will es so sagen: Ich bin nicht dafür, dass Regierungen Äußerungen verfolgen, nur weil angeblich Hass in diesen steckt. Hass ist relativ. Das ist Ansichtssache. Es muss stattdessen immer um die konkrete Frage gehen, ob zur Gewalt aufgestachelt wird. Wenn dem so ist, dann ist es völlig richtig, wenn der Staat einschreitet. Denn das sind Äußerungen, die bezwecken, andere Menschen zum Schweigen zu bringen." Und auch die verschärfte Sanktionierung von Beleidungen gegen Politiker findet er zu weit gehend: "Ein demokratischer Diskurs setzt eine gewisse Robustheit seiner Teilnehmer voraus, sonst kann man gar nicht atmen. Ich habe von einem Fall gelesen, in dem ein Bürger die deutsche Außenministerin als die 'dümmste Außenministerin der Welt' bezeichnete und dafür eine Strafe bekam. ... Ich lebe in den USA, wo wir gerade ziemlich oft sagen, dass wir den 'schlechtesten' oder 'dümmsten' Präsidenten aller Zeiten hätten."

Alles ist beige geworden. Die Farbe Beige, einst die Langeweile selbst, gilt heute als Anzeichen einer luxuriösen Nachhaltigkeit, beobachtet Niklas Maak in einer FAZ-Glosse. "Aber der Widerstand wächst: Für die Influencerinnen, die auf Instagram Bilder von komplett beige eingerichteten Kinderzimmern posten, hat die Satirikerin Hayley DeRoche den Begriff 'Sad Beige Moms' geprägt und eine Diskussion losgetreten, ob das Fehlen von kräftiger Farbe Kindern schade."

Frauen können Täter sein, lernt FAZ-Autorin Melanie Mühl aus dem Fall Ghislaine Maxwell aber auch aus anderen Fällen weiblicher Mittäterschaft, aber es gibt eine Erklärung dafür, die ihr die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh liefert. "Wenn Frauen sich aktiv an der Zuführung von anderen Mädchen oder Frauen als potenzielle Opfer von Sexual- oder Gewalttaten beteiligen, dann ist es durchaus möglich, dass die Frauen sich selbst schützen wollen, aber vor allem ist es eine Ebene von Macht und Kontrolle über die Sexualität ihres Partners."
Stichwörter: Meinungsfreiheit, Kaye, David

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2026 - Gesellschaft

Warum ließ sich auch jemand wie Noam Chomsky, ein kapitalismuskritischer Linguist, der viel von Moral sprach, auf Jeffrey Epstein ein? In der FAZ versucht Christian Geyer sich das aus Chomskys Sprachtheorie zu erklären: "2019 bat Epstein Chomsky um Rat, wie auf den öffentlichen Druck über ein Jahrzehnt nach seiner Verurteilung und Strafabbüßung zu reagieren sei. Chomsky riet, gar nicht erst in Kommunikation mit den Vorhaltungen zu treten, die mediale Kritik zu ignorieren, vorderhand um die Angriffsfläche nicht zu vergrößern, womöglich aber auch aus tieferliegenden Gründen eines opaken Sprachverständnisses, wie es aus Chomskys Beschwörung des 'Geheimnis'-Charakters von Sprache spricht, die zuallerletzt ein Mittel der Kommunikation sei... Wenn Sprache sowieso nicht so recht zur Kommunikation taugt, kann ich ihre Wortgestalten auch ignorieren. Das gelte, so schrieb Chomsky 2019 in der zitierten Beratung Epsteins, 'insbesondere jetzt, wo eine Hysterie um den Missbrauch von Frauen entstanden ist, die so weit gegangen ist, dass schon das Infragestellen einer Anschuldigung ein Verbrechen ist, das schlimmer ist als Mord'." Für Geyer nutzt Chomsky so zum Wohle Epsteins "den Lückencharakter von Sprache, um eine mysteriöse Realität aufzuspannen, in der die Missbrauchten ein weiteres Mal Opfer werden".

Epstein, Weinstein oder P. Diddy sind Symptom für den Backlash, den der Feminismus in den letzten Jahrzehnten erlitten hat, meint Andrea Böhm in der Zeit. "Feministinnen werden heute gern und erfolgreich als hysterisch denunziert, Politikerinnen zum Ziel sexistischer Shitstorms. Rechte Influencer propagieren Vergewaltigung als männliches Vorrecht, ein Politiker wie Donald Trump gewinnt mit offener Frauenverachtung Wahlen, und ein Machthaber wie Wladimir Putin präsentiert toxische Männlichkeit als geostrategische Tugend." Was tun? Viel Hoffnungen macht sich Böhm nicht, "aber es wäre ja schon hilfreich, wenn auch mehr Männer den Feminismus öffentlich als das bezeichneten, was er ist: eine Menschenrechtsbewegung. Wenn mehr Männer - Parteiführer, Künstler, Sportstars - öffentlich erklärten, dass Frauenhass in ihrer Gesellschaft keinen Platz haben darf."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2026 - Gesellschaft

In Österreich tritt demnächst ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren an Schulen in Geltung. Lisa Nimmervoll begrüßt es im Wiener Standard: Der Schritt sei "kein Angriff auf Religion oder Religionsfreiheit, sondern ein Schutzraum für Kinder. Es begrenzt die Einflusssphäre des Religiösen dort, wo junge Menschen besonders formbar und verletzlich sind. Es zieht eine wichtige Grenze: In der Schule gilt keine frühe Festlegung auf eine religiöse Geschlechterordnung, die nur den Mädchenkörper als Träger des "wahren Glaubens" markiert."

In Berlin trat erstmals Hatun Sürücüs Sohn Can öffentlich auf - in einer Veranstaltung, die an seine Mutter erinnerte, das Opfer eines berühmten Berliner Ehrenmordfalls vor 21 Jahren. Die Veranstaltung war von der Neuköllner Integrationsbeauftragten Güner Balci organisiert, berichtet Ninve Ermagan in der FAZ. Und man erfährt etwas über die Geschichte eines Sohns, der seine Mutter im Alter von sechs Jahren verlor: "Can Sürücü verschwand aus der Öffentlichkeit und erhielt eine neue Identität, einen neuen Namen, wuchs fern von Berlin bei Adoptiveltern in Reutlingen auf. Aus Sicherheitsgründen blieb sein Aufenthaltsort lange geheim, auch um ihn vor Zugriffen aus der eigenen Herkunftsfamilie zu schützen. Erst mit 14 Jahren wurde ihm erklärt, was mit seiner Mutter geschehen war."

Wir müssen einfach nur weniger essen, konsumieren, reisen, schon ist das Problem mit dem Klimawandel gelöst, schreibt der Politikwissenschaftler Udo Kords in der taz in einer Art Adresse an die Weltbevölkerung. "Stattdessen setzen wir auf Technik als Erlösungsversprechen. Kreislaufwirtschaft, CO2-Speicherung, KI: All das kann sinnvoll sein und ist teilweise unverzichtbar. Doch es dient oft als Beruhigungsmittel. Es nährt die Hoffnung, wir könnten so weiterleben wie bisher."

Ralf Balke hat in Berlin ein Gespräch zwischen Freitag-Verleger Jakob Augstein und Verleger Holger Friedrich, Berliner Zeitung und Weltbühne, verfolgt. Da legte Friedrich ein recht eigenwilliges Geschichtsverständnis an den Tag, schreibt Ralf Balke in der Jüdischen Allgemeinen. Er wünsche sich sowieso nichts sehnlicher herbei als einen "Frieden zwischen Ost- und Westdeutschland". Aber der Osten hatte es so schwer. Erst die Reparationsleistungen an die (an sich von Friedrich geschätzten) Russen, und "die Jewish Claims Conference hatte dann auch noch ein paar offene Rechnungen, die durchgemanagt wurden", so Friedrich. Balke fasst es so zusammen: "Die Tatsache, dass er Reparationszahlungen und die Privatisierung der ehemaligen DDR-Wirtschaft in einem Atemzug mit den Entschädigungsansprüchen ihres Eigentums durch die Nazis beraubter Juden nennt, zeugt von einer Wahrnehmung der Ostdeutschen als Opfer, in der historische Kontexte gezielt ausgeblendet oder umgedeutet werden - und zwar in einer Art und Weise, wie man es vor allem bei Rechts- und manchmal auch Linksaußen beobachten kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2026 - Gesellschaft

Unfassbar findet Helena Wittlich im Tagesspiegel den Umgang der amerikanischen Behörden mit den Epstein-Akten: Gerade wurde ein ganzes Konvolut veröffentlicht, in dem die Namen der Opfer ungeschwärzt sind: "Viele der Frauen, die gegen Epstein aussagten, wollten anonym bleiben. Für den Opferschutz scheint man sich jedoch kaum Zeit genommen zu haben. Dabei sind es gerade jene, die seit Jahren für Aufklärung kämpfen, um weitere Täter, die junge Frauen und Kinder missbrauchen, zu stoppen. Jetzt zahlen die Überlebenden, die 'Survivors', wie Epsteins Opfer genannt werden, für den Kampf um Transparenz mit der öffentlichen und unfreiwilligen Bloßstellung ihrer eigenen, schmerzhaften Geschichte."

Zwar wurde inzwischen nachgebessert, aber das ändert nicht viel, ärgert sich Lena Kampf in der SZ: "Die Dokumente sind außerdem nun in der Welt, weil viele sie ja schon zuvor heruntergeladen hatten. Jeder kann sich durch unbearbeitete Nacktfotos von minderjährigen Mädchen klicken, man findet sogar einige ihrer Geburtsdaten und Telefonnummern darin. Mit der erhofften Aufklärung hat das wenig zu tun." Auch eine der missbrauchten Frauen, Danielle Bensky, die sich dafür eingesetzt hatte, die Akten zu veröffentlichen, damit das Ausmaß des Missbrauchs öffentlich wird, ist entsetzt: "Hinter den unterlassenen Schwärzungen, den Datenschutzverstößen des DOJ, vermutet Danielle Bensky nun System: Sie sei zunächst von Nachlässigkeit, dann von Inkompetenz ausgegangen, sagte sie dem Fernsehsender NBC News. 'Jetzt fühlt es sich zielgerichtet an. Es fühlt sich an wie ein Angriff auf die Überlebenden.' Was in jedem Fall wahr ist: Es ist ein Jagdfieber ausgebrochen. Und die betroffenen Frauen sind ein weiteres Mal Opfer geworden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2026 - Gesellschaft

Harry Nutt bekennt in einem kleinen taz-Essay, dass er angesichts von Disrupteuren wie Elon Musk die Coolness und Lässigkeit vermisst, die einst von Figuren wie Franz Beckenbauer oder Muhammed Ali ausgingen: Coolness behaupte "keine Unverwundbarkeit, sondern kokettiert mit Verletzlichkeit. Das Spiel mit der Schwäche tendiert nicht zum Aufgeben und den Verzicht aufs Gelingen. Vielmehr bereitet es Finten zum Gegenschlag vor, Lösungen aus der Erfahrung der Schwäche."