9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2023 - Kulturpolitik

In der Welt resümiert Marcus Woeller nochmal das Debakel um die Sanierung des Pergamonmuseums (Unsere Resümees), die aber leider dringend notwendig ist und bekanntermaßen viel früher, nämlich in den 1990ern hätte durchgeführt werden müssen: "Die Fassaden sind in schlechtem Zustand, ebenso die Glasdächer, allein das über dem Südflügel hat eine Fläche von 4300 Quadratmetern. Seit Jahrzehnten dringt Wasser in das Haus ein. Es steigt die Furcht vor der großen Havarie. Der Direktor des Islamischen Museums Stefan Weber rechnet die Wasserschäden schon mit seinen Dienstjahren auf. Wenn die Durchfeuchtung der tragenden Außenwände nicht gestoppt wird, könne ein teilweiser Verlust der historischen Bausubstanz nicht ausgeschlossen werden, so urteilt das BBR. Wenn also die Tragfähigkeit und damit die Sicherheit für Besucher wie für Artefakte nicht gewährleistet werden kann, ist die Schließung wohl gerechtfertigt."

Um seine Projekte für das Museum für Islamische Kunst in Berlin zu finanzieren, hat sich Stefan Weber, Direktor des Museums, Gelder von Alwaleed Philanthropies, einer private Stiftung in Saudi-Arabien besorgt. In einem von eben jener Stiftung unterstützten NZZ-Artikel stellt Werner Bloch deren Gründer Prinz Walid bin Talal Al Saud vor, der durch Risikogeschäfte zum reichsten Araber wurde und mit seiner Stiftung auch ein weltweites Netzwerk von Eliteuniversitäten wie Harvard, Oxford oder Cambridge unterstützt. Bloch stellt ihn uns als "verkappten Dissidenten", als "Stachel im Fleisch des saudischen Establishments" vor: "Ein hartnäckiger Kritiker des Königshauses, zu dem er selbst gehört. Bereits sein Vater, der sogenannte rote Prinz, musste wegen seiner unkonventionellen Ansichten das Land verlassen." Und doch fragt er: "Sollen demokratische Institutionen Geld aus einem Land annehmen, das ständig wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen in der Kritik steht?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2023 - Kulturpolitik

In der SZ hätte Jörg Häntzschel von der Münchner Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung gern gewusst, weshalb die Bedingungen der gütlichen Einigung mit Marcel Lepper nicht eingehalten wurden (Unsere Resümees) - eine Antwort erhielt er nicht: "Die Stiftung, die derzeit von ihrer kaufmännischen Leiterin kommissarisch geführt wird, teilt indes weiter gegen Lepper aus. Dessen Vermutung, die Stiftung habe ihm gekündigt, weil man die von ihm angestoßene Auseinandersetzung mit der Stiftungs- Vergangenheit verhindern wollte, konterte deren Sprecher gegenüber dem Bayerischen Rundfunk mit der Behauptung, es sei gerade Lepper gewesen, der die Aufarbeitung 'verzögert' habe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2023 - Kulturpolitik

Coup de théâtre. Marcel Lepper äußert sich. Zur Erinnerung: Der Literaturwissenschaftler war als Chef der stinkreichen Münchner Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung, die leider ein paar Probleme mit der rechtsextremen Vergangenheit ihrer Ex-Chefs hatte, gefeuert worden, und es hieß, er habe eine Schweigevereinbarung unterzeichnet. Nun ist Lepper davon freigestellt, berichtet Knut Cordsen mit unklarer Begründung auf der Webseite des Bayerischen Rundfunks, und man kann nicht sagen, dass er ein Blatt vor den Mund nimmt. Lepper insistiert im Gespräch mit Cordsen, dass er die Aufarbeitung der rechtsextremen Geschichte betrieb: "Mir ging es ja in meiner Stiftungszeit, mir geht es auch als Wissenschaftshistoriker nie um das Fehlverhalten einer einzelnen Person, in diesem Falle des ersten Geschäftsführers der Stiftung, Armin Mohler. Über den entstehen eine ganze Reihe von Forschungsarbeiten parallel. Mir ging es eher um die Strukturen, und bei den Strukturen wurde es dann schnell sensibel. Diese Strukturen ragen weit in die Gegenwart, diese Strukturen betreffen lebende Personen, die im Umfeld der Stiftung noch unterwegs sind, diese Strukturen betreffen eben auch Einschätzungen, Neigungen und nicht zuletzt liebgewonnene, geschützte Mechanismen dieser Stiftung, und da sprangen sofort die auch Abwehrreaktionen an, zunächst einmal einbremsend, verzögernd, dann aber auch deutlich aggressiver."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2023 - Kulturpolitik

Hans-Jürgen Hafner schreibt für die taz ein eher skeptisches Porträt des neuen Berliner Kultursenators Joe Chialo. Er wird wie alle Berliner Kulturpolitiker damit zurechtkommen müssen, "dass es in der Berliner Kulturpolitik einerseits um populäre Themen, um Ateliernot, Clubsterben, kreative Freiräume und drohende Verdrängung geht. Andererseits überlappen hier gerne mal Zuständigkeiten des Bundes mit solchen des Landes (und der Stadt). Da geht es um Administration, viel Geld, aber auch um programmatische Weitsicht und historische Verantwortung. Die seit Jahren diskutierte, durch die SPK-Führung verschleppte Reform der Preußenstiftung gehört hier ebenso dazu wie das von Beginn an verkorkste Mehrzweck-Humboldt Forum oder - andere Ecke - das Elend deutscher Filmförderung."

Außerdem: Sonja Zekri berichtet in der SZ, dass an der Viadrina ein Ukraine-Zentrum entstehen soll, das akademische Kompetenz für die Ukraine entwickeln und bündeln soll. Zugleich wird in Berlin mit Hilfe des Goethe-Instituts ein erstes ausländisches Kulturinstitut der Ukraine gegründet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2023 - Kulturpolitik

Überraschung: Nach über vierzig Jahren Dauerbetrieb ist auch die Berliner Staatsbibliothek sanierungsbedürftig, schreibt Susanne Lenz in der Berliner Zeitung. 2025 soll mit den Baumaßnahmen begonnen werden, die Schließung soll mehrere Jahre dauern: "Wenn jetzt ein Haus schließt, bleibt es lange und meist auch länger als geplant geschlossen. Man erinnere sich nur an die Staatsoper Unter den Linden. Man fragt sich bang, wann die Komische Oper wieder öffnen wird, die Ende dieser Spielzeit schließt, und wie es mit dem Sanierungsbedarf anderer Berliner Gebäude aussieht. Was ist mit der Neuen Philharmonie gegenüber der Stabi, ebenfalls von Hans Scharoun entworfen und noch vor der Stabi erbaut?"

Tatsächlich überraschend ist, was Hubert Filser auf den Wissensseiten der SZ berichtet: Anhand chemischer Signaturen im Metall hat der Bochumer Geochemiker Tobias Skowronek nachgewiesen, dass der Rohstoff Messing, aus dem die Benin-Bronzen gegossen wurden, "aus Europa stammt und sehr wahrscheinlich die zentrale, vielleicht sogar einzige Rohstoffquelle für die westafrikanische Gießereiindustrie war. (…) Überraschend war der Befund auch deshalb, weil die Gießer am Königshaus in Benin offenbar ausschließlich das rheinische Metall haben wollten, sagt Skowronek."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2023 - Kulturpolitik

Andreas Kilb schreibt für die FAZ ein kleines Porträt des kommenden Berliner Kultursenators Joe Chialo, der einst bei den Grünen austrat, weil sie sich über den Kosovo-Einsatz zerstritten hatten, und nun für die CDU im Rennen ist. Seine Meriten im Feld der Kultur hat er als Labelmanager in der Musikindustrie erworben: "Vielleicht liegt das Besondere an Chialos Berufung nicht darin, dass er der erste schwarze Berliner Kultursenator ist, sondern in der Tatsache, dass er als erster zuvor mit Kultur sein Geld verdient hat. Hinter der 'freien Szene', die der Berliner Senat jedes Jahr mit vielen Millionen Euro subventioniert, steht ja die ganz freie, die auf eigenes Risiko arbeitet. Die Frage ist, wie sich diese Freiheitserfahrung in politisches Handeln umsetzen lässt." (Chialo ist nicht der erste Berliner Kultursenator, der mit Kultur sein Geld verdient hat, das tat auch Tim Renner, der 2014-16 Staatssekretär für Kultur war.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2023 - Kulturpolitik

Auf Zeit online erhellt Nikolaus Bernau den Hintergrund des unfassbaren Skandals um die Sanierung des Pergamonmuseums in Berlin. Seit 2013 wird saniert, eventuell fertig will man 2037 sein. Mindestens dreieinhalb Jahre soll das komplette Museum geschlossen werden. Im Jahr 2000 war das Gesamtprojekt noch auf 240 Millionen Euro veranschlagt worden, für eine ungefähre Bauzeit von zehn Jahren. Bis 2037 werden die Kosten nun, bei einer Bauzeit von mindestens 24 Jahren, mindestens 1,5 Milliarden Euro betragen. Und für den Betrag ist nicht eine einzige Wärmepumpe geplant. Das Museum wird am Ende auch noch ein klimatechnisches Fossil sein, so Bernau. Der Hauptgrund für die irre Kosten- und Zeitexplosion ist der Umbauplan des inzwischen verstorbenen Architekten Oswald Mathias Unger, für den sich die SPK und der Bund entschieden hatten, weil man unbedingt einen "Haupt"- oder "Schnellrundgang" durch die Hauptgeschosssäle des Pergamonmuseums haben wollte und dafür auch tiefe Eingriffe in die Statik in Kauf nahm. "Ursache für alles ist letztlich, dass ein Konzept regelrecht gegen das bestehende Gebäude durchgesetzt wurde. Gezwungenermaßen mussten Riesenumbauten und damit Kosten folgen. Die SPK setzte eine von Beginn an teure und zeitintensive Planung durch, die nicht nur bei der künftigen Energie- und Klimabilanz des Pergamonmuseums desaströs sein musste. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz stellte offenbar auch in der Hoffnung auf den ganz großen Auftritt die Interessen des Publikums systematisch zurück." Und das "ist die eigentliche Katastrophe", findet Bernau: "Der Öffentlichkeit werden über einen schier unglaublichen Zeitraum unvergleichliche Kulturschätze vorenthalten. Und was einen vielleicht am meisten wundern kann bei allem: Von den Verantwortlichen hat man bislang kein Wort der Entschuldigung vernommen, kein Schuldeingeständnis." Geschweige denn, die Verantwortung für das Desaster übernommen.

Außerdem: In der FR denkt Robert Kaltenbrunner über die Bedeutung von Bibliotheken in der heutigen Zeit nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2023 - Kulturpolitik

Im Dezember forderte Kulturstaatsministerin Claudia Roth, den Namen Preußens aus der Bezeichnung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu streichen. Die ganze Debatte war offenbar ein "Ablenkungsmanöver", schreibt Bernd Müller in der Berliner Zeitung: "Denn nach dem Willen des Stiftungsrates, dem Roth vorsteht, soll die gesamte Struktur des Kulturkolosses umgebaut werden. Als 'dysfunktional' und 'überfordert' wurde sie in der Vergangenheit bezeichnet. Daher solle den einzelnen Einrichtungen mehr Autonomie und Eigenverantwortung gewährt werden, damit sie ihre Potenziale besser ausschöpfen können. So hat es der Stiftungsrat im Dezember beschlossen. Schon diese Entscheidung des Gremiums steht allerdings im Widerspruch zu den Strukturempfehlungen des Wissenschaftsrates aus dem Jahr 2020. Und das sorgt innerhalb der Einrichtungen der Stiftung für Unmut, wie aus internen Schreiben hervorgeht. Das betrifft etwa den Verbund der Staatlichen Museen Berlin (SMB), dessen zentrale Strukturen aufgelöst werden sollen. Die Namensdebatte, so munkelt man intern, sei eine Nebelkerze, um von nachhaltigen Strukturreformen abzulenken, die der bisherigen Führung gefährlich werden könnte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2023 - Kulturpolitik

Scharouns Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße in Berlin wird in drei Jahren offenbar bis "etwa 2040" wegen Renovierung geschlossen, lesen wir so nebenbei in der FAZ. Das ist es aber gar nicht, was Gerald Wagner ärgert, sondern das Vorhaben von Generaldirektor Achim Bonte, das Haus in ein "lebendiges Kommunikationszentrum" zu verwandeln, in dem die Studenten "sitzen, stehen oder liegen" können, "absolute Ruhe oder gute Gesprächsmöglichkeiten" finden. Und die Forscher, ruft ein entgeisteter Wagner? Sind ihre Ansprüche "denn nicht durch den eigentlichen Existenzzweck dieses Hauses legitimiert? Nämlich eine 'Forschungsbibliothek der Moderne' zu sein, auch nach 2050?"

Die Neue Pinakothek ist im fünften Jahr geschlossen, das Haus der Kunst dringend sanierungsbedürftig - und die Sanierung des Gasteigs bis auf weiteres verschoben, schreibt Susanne Hermanski in der SZ: "Um die horrende Baukostensteigerung von den ursprünglich errechneten 450 Millionen Euro hochzurechnen - auf eine knappe Milliarde -, brauchten die Münchner ebenso wenig ein Orakel wie mögliche Investoren. Falls es Interessenten gab, haben sie inzwischen das Weite gesucht. Wann und wie die Generalsanierung des Gasteig nun vonstatten gehen soll, ist ungewiss. Um die Katastrophenplanung zu überschminken, wird die größte Kulturzentrumsruine Europas jetzt der Freien Szene als Spielplatz zur Zwischennutzung zur Verfügung gestellt. Die Bibliothek, die Musik- und die Volkshochschule quetschen sich in die Container neben der Isarphilharmonie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2023 - Kulturpolitik

Der Berliner Zeitung liegt ein Bericht des Bundesfinanzministeriums vor, aus dem hervorgeht, dass demgeplanten Bau des Museums der Moderne in Berlin zusätzliche Kosten von etwa 80 Millionen Euro drohen, berichtet Ulrich Paul ebenda: "Laut dem Bericht sind für das Museum der Moderne im Bundeshaushalt 2023 derzeit Gesamtausgaben in Höhe von rund 376 Millionen Euro eingestellt. Benannt wurden zudem bis zu 33,8 Millionen Euro allgemeine Risikokosten, 10,3 Millionen Euro an sogenannten projektspezifischen Risikokosten und bis zu 52,2 Millionen Euro Kosten durch künftige Baupreisindexsteigerungen. Die nun drohenden Zusatzkosten von 80 Millionen Euro würden dem Bericht zufolge noch dazukommen. Die Gesamtausgaben könnten also auf mehr als eine halbe Milliarde Euro steigen. Zur Erinnerung: Gestartet worden war das Projekt einst mit der Prognose, dass sich die Kosten auf 200 Millionen Euro belaufen."

Rund vierzig Wissenschaftler haben in einem offenen Brief gegen die Zustände an der Münchner Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung protestiert (Unsere Resümees), darunter Ulrike Draesner, Valentin Groebner, Monika Rinck und Joseph Vogl, schreibt Jörg Häntzschel in der SZ. "Unterdessen gibt es weitere Hinweise darauf, dass Geschäftsführer und Gremienmitglieder die Stiftungsgelder gerne untereinander, an sich selbst oder an die eigenen Schüler verteilten. So wurde die vom früheren Geschäftsführer Heinrich Meier herausgegebene Ausgabe der Schriften von Leo Strauss mit Stiftungsmitteln bezuschusst. Fellows der Stiftung halfen bei der Arbeit. Dies geht aus den Angaben in den Werken hervor."