9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2023 - Kulturpolitik

Nicht erst die Debatte um die Münchner Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung (unsere Resümees) zeigt, dass Rechtsextremismus es sich in der besten Gesellschaft Deutschlands doch behaglicher machen konnte, als man lange vermutete - auch in Berlin und Potsdam bringen die Debatten um Stadtschloss und Garnisonkirche immer neue Details hervor.  

Der Architekturhistoriker Philipp Oswalt hatte die Diskussion um den Berliner Stadtschloss-Spender Ehrhardt Bödecker 2021 durch einen Artikel im Tagesspiegel angestoßen (unser Resümee). Die Stiftung Humboldtforum gab ein Gutachten über Bödecker in Auftrag, das nun nach monatelangem Gezerre freigegeben wurde und Oswalts Vorwurf einer rechtsradikal bis rechtsextremen Gesinnung Bodeckers bestätigt. Der Tagesspiegel hat jüngst berichtet (unser Resümee). Jetzt äußert sich Oswalt selbst im Blog des Merkur und attackiert den Anwalt Peter Raue, der die Familie Bödecker vertritt und ihn gegen alle Vorwürfe verteidigt (unser Resümee). Raue habe anlässlich der Veröffentlichung des Gutachtens behauptet, der "angebliche" Antisemit Bödecker habe erst in seinen letzten Lebensjahren problematische Texten verfasst, "von denen 'bis zu seinem Tode niemand wusste'. Doch das Gutachten, dessen Veröffentlichung Raue mit rechtlich nicht haltbaren Einwänden monatelang blockierte, stellt fest, dass derartige Äußerungen bis in das Jahr 1978 zurückreichen und zwei seiner Bücher aus den späten Lebensjahren noch in Auflagen von über 40.000 Exemplaren verbreitet worden waren. Offenkundig geht es Raue nicht um Aufklärung, sondern um die Verteidigung der Interessen seiner Mandaten. Umso unerklärlicher ist es, dass die Stiftung Humboldtforum ihn als Gewährsmann für die Prüfung der ihr gegenüber geheim gehaltenen Großspender der Schlossfassaden akzeptierte." Oswalt äußert sich heute auch in einem Spiegel-Interview.

Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, antwortet auf die Frage von Susanne Lenz in der Berliner Zeitung, ob er wusste, dass die Benin-Bronzen dem Oba von Benin übereignet werden würden: "Das wussten wir nicht. Wir hatten von dem Dekret des Präsidenten aber schon vor der Berichterstattung in Deutschland gehört und waren dazu mit den Kollegen in Nigeria in Kontakt. Zunächst muss man sagen, dass wir die Eigentumsrückübertragung vorgenommen haben, weil es völlig unbestritten ist, dass diese Artefakte in einem klaren Unrechtskontext erworben worden sind. Deshalb kann man bei der Rückgabe auch keine Bedingungen stellen. Wir haben sie in Nigeria an die staatliche Seite übergeben, an die National Commission for Museums and Monuments, die NCMM." In der Welt hofft Matthias Busse, dass zumindest die in Sachsen und Bayern verwahrten Benin-Bronzen nicht den gleichen Weg gehen werden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2023 - Kulturpolitik

Dass ein Erbe der Menschheit reprivatisiert und einer royalen Geschichtsversion unterworfen wird, die das Blutige an seiner Geschichte ausblendet, müssen wir hinnehmen, meint Ijoma Mangold in der Zeit zum neuerlichen Streit um die Benin-Bronzen: "Wenn es aber darum geht, koloniale Machtasymmetrien zurückzubauen, dann kann der Westen nicht ein weiteres Mal seine Wertvorstellungen anderen überstülpen. Das tut Deutschland ja mit Blick auf Charles III. auch nicht. So kommt es zu dem Paradox, dass Dekolonisation von der Idee her ein modern egalitärer Diskurs ist, der praktisch zur Aufwertung traditioneller Hierarchien führen kann. Damit sollten wir leben - und zwar in dem Bescheidenheitsbewusstsein, dass es nahezu geisteskrank wäre, aus dem fernen Deutschland zu entscheiden, wer in Nigeria der angemessene Hüter der Tradition ist."

Die Stiftung Humboldt Forum hat ein Gutachten zum Großspender Ehrhardt Bödecker in Auftrag gegeben, ohne den die Schlossattrappe kaum zustande gekommen wäre. Der Architekt Philipp Oswalt hatte 2021 Bödeckers auf rechtsextreme Gesinnung hingewiesen (unser Resümee), der Anwalt Peter Raue hatte vorgestern im Tagesspiegel empört diese Behauptung zurückgewiesen (unser Resümee). Das Gutachten gewährt nun Einblicke in die recht spezifische Gedankenwelt des Großspenders, berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Rassismus und Antisemitismus sah er vor allem als britische und amerikanische Importe. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg habe es englische Konzentrationslager gegeben, Sklavenhaltung und Rassendiskriminierung seien Teil der amerikanischen Geschichte, 'an Verbannung und Arbeitslager war die russische Bevölkerung gewöhnt', heißt es im Band 'Die europäische Tragödie' von 1998. ... Hätten der Förderverein Berliner Schloss und die Stiftung Humboldt Forum Bödeckers zahlreiche, sich zu einer Million Euro summierende Spenden angenommen, wenn sie diese Texte gekannt hätten?" Offenbar hätten sie, erkennt Peitz.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2023 - Kulturpolitik

Faire Arbeitsbedingungen am Theater? Davon kann derzeit keine Rede sein, weshalb die Gewerkschaften für einen neuen Tarifvertrag kämpfen, berichtet Peter Laudenbach in der SZ. "Allen Beteiligten, den Bühnengewerkschaften wie der vom Deutschen Bühnenverein vertretenen Arbeitgeberseite, ist inzwischen klar, dass dieser Zustand unhaltbar ist: Theater sollten halbwegs faire Arbeitsstätten sein, keine sektenartigen Organisationen, die ihre Mitglieder mit Leib und Seele aufsaugen. Dass das Bundesarbeitsgericht im September vergangenen Jahres entschieden hat, dass Unternehmen die Arbeitszeiten ihrer Beschäftigten systematisch erfassen müssen, erhöht den Druck, die Arbeit auch an den Bühnen stärker zu verregeln." Zu einer Einigung kam man aber nicht, weshalb jetzt, hofft Laudenbach, Streiks anstehen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2023 - Kulturpolitik

Im vergangenen Jahr hatte der Architekturtheoretiker Philipp Oswalt im Tagesspiegel kritisiert, dass unter den Spendern des Berliner Stadtschlosses einige Rechtsextreme gewesen sein könnten, die anonym blieben. (Unser Resümee) Über dieses Thema unterhalten sich heute im Tagesspiegel Christiane Peitz und Rüdiger Schaper mit dem Anwalt Peter Raue, der im Namen der Stiftung Humboldt Forum die Spender überprüfte. Raue findet es völlig unverständlich, dass "die Öffentlichkeit unbedingt wissen will, wer die wenigen anonymen Spender sind". Ehrhardt Bödeckers Aussagen aus seinen letzten Lebensjahren seien "indiskutabel", aber da "davon bis zu seinem Tode niemand wusste, ist der Vorwurf der Annahme der Spenden geradezu absurd", fährt er fort: "Wirft man dem Nobelkomitee vor, Günter Grass geehrt zu haben, der ein SS-Mann war, auch wenn das damals noch keiner wusste?" Geradezu "infam" nennt er den Vorwurf der Einflussnahme: "Die Verwendung der vom Förderverein eingeworbenen 117 Millionen Euro gingen an die Stiftung Humboldt Forum ohne konkrete Bauwünsche und haben ausschließlich den Zweck verfolgt, dass das Schloss seine historische Fassade zurückbekommt. Dabei hat der Förderverein Spenden nie einzeln, sondern nur en bloc weitergereicht. Es ist deshalb ein durch nichts belegter Unsinn zu behaupten, Geldgeber hätten Einfluss auf die Gestaltung des Schlosses genommen oder gar ein einzelner Großspender hätte für den Bau der Kuppel Geld gegeben. Nur Philipp Oswalt durfte im Tagesspiegel schreiben: Ehrhardt Bödecker habe mit einer Million Euro die Kuppel finanziert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2023 - Kulturpolitik

Nachdem der nigerianische Staatspräsident Muhammadu Buhari kurz vor Amtsende die Eigentumsrechte sämtlicher Benin-Artefakte dem Oba von Benin übertragen hat, sah die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin am Samstag in der FAZ die Rückgabe der Benin-Bronzen an das nigerianische Volk kläglich gescheitert (unser Resümee). Heute widerspricht Jörg Häntzschel in der SZ: Was die Nigerianer mit den zurückgegebenen Artefakten machen, sei ihre Sache. Und auch deutsche Museumspolitiker wie Barbara Plankensteiner, Direktorin des Hamburger Museums am Rothenbaum, oder Andreas Görgen, rechte Hand von Kulturstaatsministerin Claudia Roth, sind "sehr zuversichtlich, dass man eine gute Lösung findet". Ob es wirklich so einfach ist? "In Deutschland wird man sich nicht leichttun damit, diese Sicht zu akzeptieren", ahnt Häntzschel. "Als unser eigener Oba, Georg Friedrich von Preußen, große Teile des früheren Familienbesitzes der Hohenzollern vom Staat zurückforderte, war die Empörung groß." Doch Kwame Opoku, ehemaliger juristischer Berater der UN, beruhigt ihn: "Anders als viele in Europa dächten, würde der Oba viel sorgsamer mit dem restituierten Kulturerbe umgehen als die Regierung, so Opoku: 'Wenn die Regierung das Recht hätte, würde sie viel verkaufen - an Europäer. Die Leute in der NCMM kommen teils von ethnischen Gruppen, die keinen Wert auf diese Werke legen, zum Beispiel die Muslime.'"

Ganz so milde ist Andreas Kilbs Blick auf die Sache in der FAZ nicht: "Der entscheidende Unterschied zwischen einem Palast und einem Museum liegt in der Zugänglichkeit. Ein Museum ist öffentlich, ein Palast privat. In ein Museum gelangt man mit einer Eintrittskarte, in einen Palast mit einer Einladung." Der Oba wolle mit seiner Reprivatierung der Bronzen auch eine bestimmte Geschichtsversion durchsetzen: "Von der realen Geschichte des Königreichs Benin, das in der frühen Neuzeit ein besonders erfolgreicher Räuberstaat unter anderen, weniger erfolgreichen war, weil es unter anderem vom transatlantischen Sklavenhandel profitierte und die von den Portugiesen erworbenen Waffen für seine Kriegszüge nutzen konnte, ist in diesem historischen Narrativ kaum die Rede. Auch über die Menschenopfer, die noch im Jahr 1897, zum Zeitpunkt der britischen Militärexpedition, welche die Unabhängigkeit des Königreichs beendete, gang und gäbe waren, erfährt man darin wenig."

Der Grünen-Politiker Erhard Grundl hat Hauser-Schäublin derweil für ihre "rückwärtsgewandte Herangehensweise" kritisiert, berichtet Hannelore Crolly in der Welt. Und "auch die SPD-Fraktion ist überzeugt: 'Wenn Restitution und Repatriierung nach deutschen Spielregeln erfolgen sollen, dann können wir uns den gesamten Prozess letztlich sparen', so der kultur- und medienpolitische Sprecher Helge Lindh. Er plädierte für das Prinzip 'Kontrolle abgeben'. Eine Haltung der Demut sei angebracht. 'Rückgabe von Raubkunst mit Vorgaben an die betroffenen Staaten und Herkunftsstaaten wäre Fortschreibung des Kolonialismus mit anderen Mitteln.' Selbst wenn Objekte gänzlich der Öffentlichkeit entzogen würden, 'müssen wir das gefälligst ertragen'."

Die nigerianische Entscheidung macht "noch deutlicher, wie unrealistisch Deutschlands Traum für die Benin-Bronzen in Nigeria war", kommentiert Swantje Karich in der Welt: "Ein bereits mit 4,9 Millionen Euro finanziell unterstütztes staatliches Museum, das Edo Museum of West African Art (EMOWAA) von Star-Architekt David Adjaye, sollte in der Hauptstadt des Bundesstaates Edo, Benin City, die Artefakte für das 'Volk' präsentieren. ... Davon spricht schon länger niemand mehr. Man konnte zusehen, wie sich das EMOWAA als offenes Haus des Volkes auflöste und zur europäischen PR-Schimäre wurde."

Es "dürfte nun nicht mehr gewährleistet sein, dass die nach Nigeria restituierten Kunstschätze auch tatsächlich der einheimischen Bevölkerung zugänglich gemacht werden", fürchtet Roman Bucheli in der NZZ. "Auch dieses Versprechen gehörte zu den hehren Intentionen, als die Übergabe im vergangenen Dezember in Abuja gefeiert wurde. Die Rückführung sei die Grundlage für die Auseinandersetzung der nigerianischen Bevölkerung mit ihrem eigenen kulturellen Erbe. In Nigeria hat die vom Präsidenten dekretierte Eigentumsübertragung an das Königshaus in Benin City kaum für Aufsehen gesorgt."

Claudia Roth hat sich gestern in reinem Statement zum Thema geäußert, meldet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung: "Wir werden gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt klären, was diese Maßnahme des scheidenden Präsidenten zu bedeuten hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2023 - Kulturpolitik

Die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin sieht in der FAZ, wie immer von ihr befürchtet, die Rückgabe der Benin-Bronzen an Nigeria in einem Fiasko enden: Nigerianischen Medien zufolge hat der Staatspräsident Muhammadu Buhari kurz vor Amtsende die Eigentumsrechte sämtlicher Benin-Artefakte dem Oba von Benin übertragen. "Dies gelte für alle bereits zurückgegebenen und alle weiteren zu erwartenden Restitutionen von Benin-Objekten weltweit: "Was von deutschen Politikern und Politikerinnen als ein Zurückgeben des kulturellen Erbes an das 'nigerianische Volk' gedacht war und 'die Wunden der Vergangenheit heilen' sollte (Claudia Roth), ist stattdessen nun zu einem Geschenk an ein einziges Königshaus - eines unter vielen Königshäusern und Sultanaten in der Republik Nigeria - geworden. Ein Königshaus, das zudem, aus heutiger Sicht, bis zu seiner Unterwerfung durch die Briten schlimmste Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat: Notorische Angriffskriege über Jahrhunderte hinweg mit Plünderungen, Zerstörungen, Massakern, Versklavung von Kriegsgefangenen, Menschenopfern zu Ehren der in den Gedenkköpfen repräsentierten Ahnen sowie Sklavenjagd und -handel in großem Stil."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2023 - Kulturpolitik

In der SZ macht sich Peter Laudenbach ein paar Gedanken darüber, was Berlins designierte Kultursenator Joe Chialo mit dem ihm zur Verfügung stehenden Kulturetat von 938 Millionen Euro anstellen könnte - und muss: "Die deutlichen Tariferhöhungen im öffentlichen Dienst werden die Budgets der öffentlich getragenen Kultureinrichtungen des Landes mit Mehrkosten in Millionenhöhe belasten. Der künftige Kultursenator kann sich schon mal darauf vorbereiten, im Haushaltsausschuss darum zu werben, diese zusätzlichen Belastungen der Museen, Orchester und Bühnen aus dem Landeshaushalt zu kompensieren. Eine der Großbaustellen ist immer noch das Humboldtforum mit seiner etwas komplizierten Struktur: Neben dem Bund als Hauptträger ist auch das Land Berlin daran beteiligt. Ob und wie diese Beteiligung fortgeführt wird, müssen Berlin und der Bund klären."

Ebenfalls in der SZ wird Jörg Häntzschel nicht ganz klar, worauf die Kritik des Rechercheteams von Dlf Kultur, das aufdeckte, dass auch Verlage aus dem völkisch-rechten Rand beim Corona-Hilfspaket "Neustart Kultur" zugriffen (Unser Resümee) eigentlich abzielt: "Darauf, dass die Zuständigen ihre eigenen Regeln zu lax gehandhabt haben, dass das Programm überdimensioniert war, oder dass Qualität keine Rolle spielte? Offenbar liegt hier ein Missverständnis vor: Es ging um Soforthilfe für eine zentrale deutsche Wirtschaftssparte, nicht um die Förderung von Geisteserzeugnissen mit Prädikat wertvoll."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.04.2023 - Kulturpolitik

Marcel Leppers Verhalten habe zu einem "tiefgreifenden, irreparablen Zerwürfnis mit dem "weit überwiegenden Teil des Stiftungspersonals" geführt, heißt es in der Pressemitteilung, die die Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung am Montag herausgab (Unsere Resümees) und aus der Jörg Häntzschel in der SZ zitiert: "Warum sich die Stiftung zusätzlich von zwei weiteren Mitarbeiterinnen getrennt hat, wird nicht erwähnt. (…) Unterdessen legt ein Schreiben der Stiftung andere Gründe für die Trennung von Lepper nahe. Es handelt sich um den Entwurf einer Pressemitteilung, den De Gasperi im Februar offenbar aufgesetzt hatte, um die Medien von Leppers Ausscheiden aus der Stiftung zu informieren. In dem Schreiben, das der SZ vorliegt, werden als Grund für die Kündigung' grundlegend unterschiedliche Auffassungen über die zukünftige wissenschaftliche und strategische Ausrichtung' der Stiftung genannt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2023 - Kulturpolitik

Hubertus Knabe recherchiert in seinem Blog zu einer sehr heißen Kartoffel, dem Museum Berlin-Karlshorst, ehemals "Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschlands im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945", das seit dem Mauerfall zumindest offiziell von Deutschland, Russland, Belarus und der Ukraine betrieben wird. Die Ukraine hat der Institution seit der Invasion auf der Krim 2014 allerdings den Rücken gekehrt. Die Gremien sind nach wie vor international besetzt, findet Knabe heraus. Zum zweiköpfigen Vorstand des Museums, der ein Weisungsrecht gegenüber dem Direktor hat, gehört nach wie vor Wladimir Lukin. "Zu DDR-Zeiten hatte Lukin selber das Karlshorster Museum geleitet. Seine Wiederwahl ist deshalb delikat, weil er ein erklärter Anhänger Putins und Befürworter des Angriffskrieges gegen die Ukraine ist. Schon kurz nach Beginn der Invasion ließ sein Museum Moskauer Kinder 5.000 Unterstützungsbriefe an russische Soldaten schreiben, die 'ihre Pflicht in der Ukraine erfüllen'. In einer feierlichen Veranstaltung wurden die Briefe anschließend dem Verteidigungsministerium zur Weiterleitung übergeben." Laut Knabe sind sich Auswärtiges Amt und Staatsministerin Claudia Roth der Problematik bewusst, schieben das Problem aber vor sich her.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2023 - Kulturpolitik

Gestern stellte die Expertenkommission, die auf Geheiß Frank-Walter Steinmeiers mit der Neukonzeption der Paulskirche befasst ist, ein Konzeptpapier vor. Zwei Aspekte an dem Ereignis scheinen Andreas Kilb in der FAZ bemerkenswert: Herfried Münkler, der die Kirche radikal umgestalten wollte (unsere Resümees), fehlte in der renovierten Kommission. Zweitens: Der eigentliche Gestaltungswille tobt sich jetzt im "Haus der Demokratie" aus, das der Kirche an die Seite gestellt werden und wo die Demokratie staatlicherseits intensiv gefeiert werden soll: "'Signature Architecture' ist hier gefragt, mit viertausend Quadratmeter Nutzfläche und einer Mannschaft von dreißig Festangestellten in Diensten einer Stiftung, in der der Bund als Hauptgeldgeber natürlich das Sagen hat. In diesem Vorschlag steckt der eigentliche Sprengsatz des Papiers. Davon abgesehen, dass er den Paulskirchenplatz als städtischen Erholungsraum mit einem Federstrich opfert, ist seine Symbolik eine entschieden antiföderalistische."