9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2022 - Medien

"Generäle sind jetzt die neuen Virologen", sagt der Filmemacher Martin Keßler im FR-Gespräch mit Thomas Stillbauer, in dem er nicht zuletzt den Öffentlich-Rechtlichen einseitige, effektheischende Berichterstattung vorwirft: "Es ist eine Emotionalisierung im Gange. Alle reden von 'Putins Krieg'. Natürlich hat er den Krieg vom Zaun gebrochen, Leid verursacht, und das ist absolut zu verurteilen. Aber dass es um eine Entwicklung geht, an der wir auch teilhaben, wird mir zu wenig beleuchtet. Man müsste auch Vertreter der klassischen Friedensbewegung zu Wort kommen lassen, weil die mit anderen Ansätzen an so einen Konflikt herangehen. Die habe ich noch in keiner Talkshow gesehen. Wir müssen stärker auf die Frage fokussieren: Wie lösen wir den Konflikt, wie kommen wir da raus?"

Ein bizarres Phänomen betrachtet Marie-Luise Goldmann in der Welt: Tiktok-Videos in Kriegszeiten. Gepostet werden - meist von jungen Ukrainerinnen - beispielsweise die besten Kriegsoutfits, "Haustiere, die nicht in den Bunker dürfen, Selenski-Glorifizierungen, Putin-Pranks." Die Unmittelbarkeit des Mediums hat Vorteile, etwa wenn Influencer dazu aufrufen, "ukrainische Airbnbs zu buchen, ohne darin Urlaub zu machen, um die Besitzer finanziell zu unterstützen. Außerdem solle man über Tinder-Premium Leute in Russland matchen, um auf direktem Wege aufzuklären, oder über Google russische Restaurants bewerten und in die Bewertung Informationen über den Krieg einfließen lassen."

Auf Netzpolitik berichtet Chris Köver allerdings, dass Tiktok in Russland nicht-russische Kanäle sperrt: "TikTok zensiert seinen eigenen Inhalt in Russland wesentlich stärker als es bisher öffentlich zugegeben hat und blockiert alle ausländischen Accounts in Russland. Das berichten Forscher:innen der Organisation 'Tracking Exposed' in einem detailliertem Bericht. Sie werfen TikTok vor, damit ein Vakuum zu hinterlassen, in dem vor allem Raum für Kreml-nahe Propaganda bleibt, während kritische Inhalte zum Ukraine-Krieg zensiert werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2022 - Medien

Für den Spiegel interviewt Christina Hebel die russische TV-Journalistin Marina Owsjannikowa, die durch ihren Protestauftritt im russischen Staatsfernsehen berühmt wurde: Sie spricht darüber, wie sie die Lügen nicht mehr aushielt: "Die Arbeit wurde zu einer schweren Last. Die meisten Menschen, die für das Staatsfernsehen arbeiten, verstehen sehr genau, was vor sich geht. Sie wissen nur allzu gut, dass sie etwas Falsches machen. Sie sind keine überzeugten Propagandisten, oft alles andere als das! Sie ringen ständig innerlich zwischen der Arbeit und dem eigenen moralischen Kompass"
Stichwörter: Owsjannikowa, Marina

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2022 - Medien

In der FAZ tut die französische Kriegsreporterin Anne-Laure Bonnel Jürg Altwegg fast schon leid, die mit ihrem einseitigen Film "Donbass" zur Kronzeugin der russischen Proaganda wurde und seitdem immer weiter abdriftet.
Stichwörter: Donbass

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2022 - Medien

In der FAZ blickt Michael Hanfeld auf Pawel Durows Telegram-Dienst, der von Ukrainern und Russen gleichermaßen genutzt wird, in keiner Weise Desinformation und Propaganda filtert, aber dennoch  einigermaßen sicher ist: "'Vor neun Jahren', schreibt Durow auf Twitter, 'habe ich die Privatsphäre von Ukrainern gegen die russische Regierung verteidigt - und verlor meine Firma und mein Zuhause. Ich würde ohne zu zögern wieder so handeln.'" Durows Mutter ist Ukrainerin.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.03.2022 - Medien

Die rigide Zensur treibt Kulturschaffende und Journalisten aus dem Land, berichtet die SZ: "Nach einer Erhebung des russischen Investigativmagazins Agents haben mehr als 150 Mitarbeiter von 17 Medienorganisationen das Land verlassen. Unter ihnen ist auch Marina Davydova, Chefredakteurin der Zeitschrift teatr und künstlerische Leiterin des Moskauer Festivals 'NET'. Sie ist mit Hilfe des litauischen Botschafters aus Moskau geflohen. Nachdem sie eine Petition gegen den Krieg gestartet hatte, sei sie in Anrufen und Mails bedroht und ihre Haustür schwarz markiert worden, 'das bedeutet, dass man jetzt alles mit mir machen kann, meine Wohnung anzünden, mich in einer dunklen Gasse umbringen'. Sie hatte Todesangst. Jetzt sitzt sie in Vilnius und weiß nicht weiter. Nicht einmal auf ihr Konto hat sie Zugriff. Ihre russischen Karten funktionieren im Ausland nicht, von einer österreichischen Bank, bei der sie auch Kundin ist, habe sie die Nachricht erhalten, dass ihr Konto gesperrt sei."

Der Exodus führt aber auch dazu, dass immer weniger unabhängige Informationen die Menschen in Russland erreichen. Eurozine bringt daher den Aufruf russischer Schriftsteller an alle Russisch sprechenden Menschen: "Bitte, benutzen Sie alle zur Verfügung stehenden Mittel der Kommunikation. Telefone. Messenger-Dienste. E-Mails. Versuchen Sie, Bekannte zu erreichen. Versuchen Sie, Unbekannte zu erreichen. Berichten Sie die Wahrheit. Wenn Putin blind und taub ist, werden die Russen vielleicht auf diejenigen hören, die ihre Sprache sprechen."

In der FAZ spricht ein anonym bleibender russischer Reporter über den Kampf gegen die russische Medienaufsicht Roskomnadsor. Er selbst steckt im armenischen Eriwan fest und wartet auf einen Weiterflug, der ihn ins georgische Tiflis bringt, offenbar das populärste Ziel vieler Russen, die das Land verlassen wollen.

Auch ihre eigenen Korrespondenten hat die FAZ jetzt aus Moskau abgezogen, da sie mit Lagerhaft rechnen müssen, wenn sie nicht die Propaganda des Kremls nachbeten. Herausgeber Berthold Kohler schreibt dazu: "Bis zum Untergang der Sowjetunion konnten auch ausländische Berichterstatter sich nicht ungehindert im Land bewegen. Sie wurden beobachtet, abgehört, einbestellt. Mitunter mussten sie auf ihr Visum warten. Doch selbst mitten im Kalten Krieg machten die Kommunisten im Kreml ausländischen Journalisten keine Vorgaben, was sie zu schreiben hätten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2022 - Medien

Etliche internationale Medien haben ihre Berichterstattung in Russland eingestellt, wo das Wort Krieg für Putins Feldzug gegen die Ukraine nicht mehr ausgesprochen werde darf. Die Nowaja Gaseta von Friedensnobelpreisträger Dmitri Muratow hat sich entschieden weiterzumachen, berichtet Inna Hartwich in der NZZ: "In der Nowaja ist von keinem 'Krieg' mehr die Rede. Der 60-jährige Muratow erklärt die Entscheidung mit der Aufforderung seiner Leser. Die Redaktion habe eine Umfrage gemacht, mehr als 90 Prozent der knapp 7.000 Befragten hätten gesagt: weitermachen. 'Lieber irgendwie arbeiten als gar nicht', 'Wir brauchen doch etwas zum Atmen', 'Wir sind uns alle bewusst, dass da ein Krieg im Gange ist, dann nennen Sie es nicht direkt so, wir werden alles verstehen, werden zwischen den Zeilen lesen', so lauten die Kommentare der Leser, die die Nowaja Gaseta mitsamt ihrer Erklärung veröffentlicht hat."
Stichwörter: Nowaja Gaseta, Zensur, Russland

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2022 - Medien

In Russland wurde über Nacht ein einschneidendes Zensurgesetz erlassen (mehr dazu von Friedrich Schmidt in der FAZ), die letzten unabhängigen Medien wurden zuvor schon unter strengste Beobachtung gestellt. Tamina Kutscher übersetzt auf der Plattform dekoder Texte kritischer russischer Medien ins Deutsche. Im Gespräch mit Friederike Gräff von der taz schätzt sie die Lage pessimistisch ein: "Wir müssen davon ausgehen, dass die Tage für unabhängige Medien in Russland im Grunde gezählt sind. Es ist eine Frage der Zeit. Man muss eben dazu sagen: Diese Medien erreichen keine kritische Masse. Auch wenn sie jetzt mehr LeserInnen haben, ist das immer noch eine Minderheit. Und von staatlicher Seite wird alles getan, um sie so marginal wie möglich zu halten."

Eine Reihe russischer, belarussischer und ukrainischer AutorInnen, darunter Swetlana Alexijewitsch, Ljudmila Ulitzkaja, Wladimir Sorokin, ruft alle Menschen mit russischer Muttersprache auf, allen Russen, über alle denkbaren Kanäle die Wahrheit zu sagen. Der Aufruf ist in mehreren europäischen Medien verlinkt. Auf deutsch ist er auf voxeurop.eu nachzulesen: "Sie sprechen Russisch. Das ist wichtig. Bitte nutzen Sie alle Kommunikationsmittel. Telefon. Messenger. Email. Erreichen Sie die Menschen, die Sie kennen. Erreichen Sie Menschen, die Sie nicht kennen. Sprechen Sie die Wahrheit aus. Wladimir Putin ist blind und taub, vielleicht hören die Menschen in Russland auf diejenigen, die ihre Sprache sprechen. Dieser ungerechte Krieg muss gestoppt werden. #SkipPutin. Sprechen Sie mit den Russen."

Am Tag 10 des Krieges kriegt es das Feuilleton der SZ hin, ihren ganzseitigen Aufmacher so zu betiteln: "Nacht - Krieg, Angst und das Netz - ein Bombengespann: Eine kleine Erinnerung an die konkurrenzlose Dummheit von Instagram, und daran, dass auch Stille heißen kann, dass man mitfühlt." Es geht darum, wie die Modeszene auf den Krieg reagiert.

Außerdem: Lara Kirschbaum berichtet in der FAZ, dass die zehnjährige Gefängnissstrafe des saudischen Dissidenten und Humanisten Raif Badawi abgelaufen ist - bisher wurde er aber nicht freigelassen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.03.2022 - Medien

Gerhard Schröder war viele Jahre dem Ringier Verlag verbunden. Um so auffälliger, dass jetzt das Ringier-Medium Der Blick Schröder für seine Putinanhänglichkeit kritisiert hat, bemerkt Lucien Scherrer in der NZZ. Schröder "ist seit 2006 auch Berater im Dienste des Ringier-Konzerns, der den Blick herausgibt und weltweit in 18 Ländern tätig ist - darunter in osteuropäischen Staaten wie Polen, Lettland und Litauen, wo deutsch-russische Freundschaften aus historischen Gründen besonderes Misstrauen auslösen. Die Angst, von der Altlast Schröder kontaminiert zu werden, ist bei Ringier offenbar so groß, dass man die Zusammenarbeit am 1. März offiziell sistiert hat. ... Weitere Fragen will die Ringier-Medienstelle nicht beantworten - und so bleibt offen, ob es Bedingungen für eine weitere Zusammenarbeit gibt. Oder warum die Kooperation nicht bereits beendet wurde, als Putin 2014 die Krim annektieren ließ und Schröder das später faktisch rechtfertigte".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2022 - Medien

Netzpolitik.org meldet in eigener Sache, dass Markus Beckedahl, der die Plattform vor 18 Jahren gründete, als Chefredakteur aufhört. Er übergibt an Anna Biselli.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2022 - Medien

Die chinesische, in den USA vom Pulitzer Center geförderte Wissenschaftsjournalistin Jane Qiu recherchierte mehr als ein Jahr zur "Laborthese" in Wuhan, sie ist die einzige Journalistin, der Shi Zengli, Leiterin des Labors, das im Zentrum der Vorwürfe steht, ein Interview gab, schreibt Marcel Gyr in der NZZ. Zengli beteuert, dass Sars-CoV-2 nicht aus dem Labor komme, Qiu glaubt ihr in ihrer Reportage, verweigert allerdings mediale Anfragen und vergleicht Verfechter der Laborthese mit Holocaust-Leugnern, berichtet Gyr.