Er habe keinen einzigen Leserbrief nach seiner Kolumne erhalten, erst nach einem
SZ-Text von Meredith Haaf (
Unser Resümee), zwei weiteren auf
Spiegel Online und
T-online und den entsprechenden Twitter-Reaktionen sei sein Text nach mehr als einer Woche vom
Tagesspiegel gelöscht worden, schreibt
Harald Martenstein in der
Wams: "Kann es sein, dass es die angebliche Protestwelle von Lesern gegen diesen Text gar nicht gab? Sondern nur eine interne, infolge des Cancel-Aufrufes in der
Süddeutschen? Ich bin nicht wichtig. Der Tagesspiegel ist nicht wichtig. Wozu also diese Geschichte? Sie handelt von etwas Wichtigem, der Meinungsfreiheit. Manche denken bei Storys wie dieser vielleicht '
DDR 2.
0', Parallelen sind unübersehbar. Aber das trifft es nicht. Nach Nationalismus und Kommunismus wächst eine
neue totalitäre Ideologie heran, ich nenne sie 'identitär', andere 'woke'. Vom Nationalismus hat sie das Stammesdenken, wir sind besonders wertvoll. Vom Marxismus hat sie die irre Idee geborgt, sie sei keine Meinung, sondern eine Wissenschaft. Sie hat edle Ziele, den Kampf gegen Rassismus und Diskriminierungen zum Beispiel. Aber
sie will die ganze Macht, sie ist unduldsam, sie kann skrupellos sein und brutal, um Andersdenkende auszuschalten. In den Medien wird sie immer mächtiger."
"Ein
Shitstorm ist etwas anderes als
kollektiver Einspruch", sagt die
Philosophin Svenja Flaßpöhler im
Gespräch mit der
Berliner Zeitung: "Der Shitstorm hat eine Eigendynamik, die angetrieben wird durch rasante Gefühlsübertragung. David Hume hat diesen Mechanismus bereits im 18. Jahrhundert beschrieben: Wenn du traurig bist, bin ich auch traurig, dein Gefühl springt auf mich über, weil ich mich in dir erkenne. Und je ähnlicher Menschen sich sind, je mehr sie miteinander teilen, Herkunft, Überzeugungen, was auch immer, desto besser funktioniert dieser Reflex. Man 'teilt sofort die Stimmung seiner Umgebung', wie Hume schreibt. Max Scheler wird später von '
Gefühlsansteckungen' sprechen, die sich schnell zu
Massenerregungen auswachsen. Die sozialen Medien sind ganz in diesem Sinne
Ansteckungsmaschinen, die eine Kraft in Gang setzen, die niemand mehr unter Kontrolle hat. Umso problematischer ist, dass Journalisten auf Twitter sich ebenfalls anstecken lassen und dann gerne mal am nächsten Tag im Feuilleton alle dasselbe schreiben."