9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2022 - Medien

Er habe keinen einzigen Leserbrief nach seiner Kolumne erhalten, erst nach einem SZ-Text von Meredith Haaf (Unser Resümee), zwei weiteren auf Spiegel Online und T-online und den entsprechenden Twitter-Reaktionen sei sein Text nach mehr als einer Woche vom Tagesspiegel gelöscht worden, schreibt Harald Martenstein in der Wams: "Kann es sein, dass es die angebliche Protestwelle von Lesern gegen diesen Text gar nicht gab? Sondern nur eine interne, infolge des Cancel-Aufrufes in der Süddeutschen? Ich bin nicht wichtig. Der Tagesspiegel ist nicht wichtig. Wozu also diese Geschichte? Sie handelt von etwas Wichtigem, der Meinungsfreiheit. Manche denken bei Storys wie dieser vielleicht 'DDR 2.0', Parallelen sind unübersehbar. Aber das trifft es nicht. Nach Nationalismus und Kommunismus wächst eine neue totalitäre Ideologie heran, ich nenne sie 'identitär', andere 'woke'. Vom Nationalismus hat sie das Stammesdenken, wir sind besonders wertvoll. Vom Marxismus hat sie die irre Idee geborgt, sie sei keine Meinung, sondern eine Wissenschaft. Sie hat edle Ziele, den Kampf gegen Rassismus und Diskriminierungen zum Beispiel. Aber sie will die ganze Macht, sie ist unduldsam, sie kann skrupellos sein und brutal, um Andersdenkende auszuschalten. In den Medien wird sie immer mächtiger."

"Ein Shitstorm ist etwas anderes als kollektiver Einspruch", sagt die Philosophin Svenja Flaßpöhler im Gespräch mit der Berliner Zeitung: "Der Shitstorm hat eine Eigendynamik, die angetrieben wird durch rasante Gefühlsübertragung. David Hume hat diesen Mechanismus bereits im 18. Jahrhundert beschrieben: Wenn du traurig bist, bin ich auch traurig, dein Gefühl springt auf mich über, weil ich mich in dir erkenne. Und je ähnlicher Menschen sich sind, je mehr sie miteinander teilen, Herkunft, Überzeugungen, was auch immer, desto besser funktioniert dieser Reflex. Man 'teilt sofort die Stimmung seiner Umgebung', wie Hume schreibt. Max Scheler wird später von 'Gefühlsansteckungen' sprechen, die sich schnell zu Massenerregungen auswachsen. Die sozialen Medien sind ganz in diesem Sinne Ansteckungsmaschinen, die eine Kraft in Gang setzen, die niemand mehr unter Kontrolle hat. Umso problematischer ist, dass Journalisten auf Twitter sich ebenfalls anstecken lassen und dann gerne mal am nächsten Tag im Feuilleton alle dasselbe schreiben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.02.2022 - Medien

In Kontext weist Josef-Otto Freudenreich auf den verzweifelten Kampf der MitarbeiterInnen der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) um ihre Zeitungen hin, also um Stuttgarter Nachrichten und Stuttgarter Zeitung. In der aktuellen Sparrunde sollen nicht nur weitere 55 Stellen gestrichen, sondern auch gleich die Ressorts aufgelöst werden - mit der aparten Begründung, dass eine weitere Reduzierung von Stellen für die Ressorts 'nicht mehr zumutbar gewesen' sei, wie 227 MitarbeiterInnen in einem Brief an die Geschäftsführung (pdf) schreiben: "Ihr Brief ist voller nie dagewesener Bitterkeit. Ein Manifest gegen eine Managerriege, die in ihren Augen (und die sehen es klar) alles zerschlägt, was diese Zeitungen einmal ausgemacht hat: die Qualität, die Köpfe, der Anspruch. Ihre Fragen kommen wie Kanonenschläge: Warum soll das Publikum für Inhalte zahlen, die keinen Mehrwert haben?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2022 - Medien

Im NZZ-Interview erklärt die geschasste New-York-Times-Redakteurin Bari Weiss, warum Medien so anfällig geworden sind für eine politische Polarisierung: "Da heute nicht mehr die Werbekunden, sondern die Leser, die Zuhörer oder die Zuschauer die Rechnung der Redaktionen zahlen, ändert das die Anreize und die Herausforderungen für die Journalisten völlig. Sie müssen das Publikum zufriedenstellen. Das habe ich bei der New York Times gespürt: Wer einen weiteren Meinungsartikel darüber schreibt, dass Donald Trump ein ekelhaftes moralisches Monster sei, wird auf Platz eins landen... Es geht nur noch darum, dem Publikum eine Art politisches Heroin zu verabreichen. In Umfragen hat die New York Times herausgefunden, dass etwa 95 Prozent ihrer Leser sich als Demokraten, Liberale und Progressive bezeichnen. Das erklärt die politische Richtung, in die sie geht. Fox News wiederum wird hauptsächlich von Konservativen und Republikanern gesehen. Das Prinzip ist aber dasselbe."

In der Welt geht Christian Thomas nochmal dem Clinch zwischen Harald Martenstein und dem Tagesspiegel nach. (Unsere Resümees) Man habe Martenstein angeboten, dass er "die Kolumne online nachträglich noch einmal bearbeiten könnte, um den strittigen Punkt besser einzuordnen, worauf der Autor aber nicht eingegangen" sei, heißt aus der Chefredaktion, Martenstein bestreitet das vehement: "So steht Aussage gegen Aussage."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.02.2022 - Medien

Vorige Woche wurde in der Türkei der Journalist Güngör Arslan erschossen, in dieser Woche setzte Präsident Erdogan seine Zensurbehörde gegen die Deutsche Welle in Bewegung. In der FAZ fürchtet Bülent Mumay aber noch mehr Ungemach: "Im Verfassungsgericht, das unter Erdoğans Fuchtel steht, erging derweil ein gefährliches Urteil: Künftig ist eine Verhaftung einzig aufgrund der Aussage eines geheimen Zeugen möglich. Früher war ein Beweis nötig, der die Aussage des geheimen Zeugen stützte. Nunmehr können Oppositionelle allein aufgrund eines Satzes von geheimen Zeugen hinter Gitter kommen."

Auch in der NZZ findet jetzt Benedict Neff, dass Harald Martenstein mit seiner Kolumne gar nicht so falsch lag, in der Corona-Leugner gegen den Vorwurf verteidigte, es zeuge von Antisemtitsmus, dass sie sich Judensterne an die Brust heftetenen: "Dass Martensteins Meinungsäußerung den Rahmen des Sagbaren bei einer durchaus bekannten deutschen Hauptstadtzeitung zu sprengen scheint, ist kein gutes Zeichen. Aber auch nicht verwunderlich. Der deutsche Diskurs neigt zur Enge, und das journalistische Nachahmungsbedürfnis ist ausgeprägt."

In der FR hätte Harry Nutt zwar lieber gesehen, dass sich der Tagesspiegel inhaltlich mit Martensteins Kolumne auseinandersetzt, als den Text einfach aus dem Netz zu löschen. Aber die Argumentation, das Tragen des Judenstern bedeute gerade eine Identifizierung mit Juden hält er für blanken Unsinn. Von Roland Barthes kann jeder lernen, wie der Mythos als räuberisches System den Gegenstädnen Wirklichheit und Geschichte entziehe: "Natürlich ist naiver Zeichengebrauch immer möglich und denkbar, wahrscheinlicher aber dürfte sein, dass die demonstrative Selbststigmatisierung mithilfe eines Judensterns einer politischen Strategie folgt, die die Ablösung vom historischen Kontext in Kauf nimmt oder sogar ausdrücklich impliziert. So gesehen ist es mehr als verständlich, dass die Verwendung des Judensterns als obszön empfunden und als Verharmlosung des Holocausts aufgefasst wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2022 - Medien

René Martens zeichnet in der taz ein etwas entgeistertes Porträt der Berliner Zeitung, die in drei unterschiedliche Redaktionen zerfalle (Wochenausgabe, Online und Wochenendausgabe), und mal hier, mal dort kräftig ins Schwurbeln gerate, während einzelne Redakteure in traurigen Tweets ihre Verzweiflung darüber bekunden. Programmatisch - und wohl auch vom Besitzer Holger Friedrich gewünscht - wird eine Nähe zum russischen Standpunkt gesucht, den Herausgeber Michael Maier eifrig verfechte, wenn er nicht gleich den russischen Botschafter zu Wort kommen lasse. Wochenendredakteur Hanno Hauenstein verficht mit Karacho den postkolonialen Standpunkt, und wenn Amnesty UK Israel als Apartheidsstaat denunziert und die deutschen Medien nicht gehorsam einstimmen, bringt er zwei Seiten darüber. Und dann natürlich noch die Coronaskepsis: "Ende Dezember publizierte die Berliner Zeitung die Demo-Redebeiträge von Synchronsprecherin Giovanna Winterfeldt und Schauspielerin Miriam Stein im Wortlaut. Beide hatten sich... zuvor an der Querdenker-Aktion #allesaufdentisch beteiligt. Jörg Reichel, Geschäftsführer der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in Berlin-Brandenburg nannte es 'befremdlich', dass die Berliner Zeitung 'unkommentiert Reden einer rechten Demo veröffentlicht', auf der Teilnehmende ihre Feindseligkeit gegenüber der Presse zum Ausdruck gebracht hätten."

Viel Aufsehen erregt auf Twitter die neue Werbekampagne der New York Times, die mit einer queeren jungen Frau und der Schlagzeile "Lianna is Imagining Harry Potter without its Creator" um ein neues hippes Publikum wirbt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2022 - Medien

In der Sache wegen Joe Rogan und Spotify kommt Martin Andree in der Welt nochmal auf medienrechtliche Rahmenbedingungen und Handhabungen zu sprechen. Dass Spotify sich mit dem Argument aus der Verantwortung herauswindet, dass man ja nur eine Plattform anbiete, werde spätestens dann wurmstichig, wenn man bedenkt, dass Spotify Joe Rogan 100 Millionen Dollar für Exklusivrechte an dem Podcast gezahlt hat, um damit gezielt Profite zu erwirtschaften. "Tatsächlich gibt es ein rechtliches Haftungsprivileg für Plattformen: Diese müssen im Gegensatz zu redaktionellen Angeboten (z. B. in Fernsehen, Radio oder Zeitungen) bis heute keine Verbreiterhaftung für kritische Inhalte übernehmen." Mit der Monetarisierung von Joe Rogan verwische diese Linie jedoch. "Buchstabieren wir das einmal aus: Wenn Joe Rogan über Spotify konsumiert wird, wäre die Plattform nicht verantwortlich (trotz der Zahlung von 100 Millionen US-Dollar). Würde Joe Rogan mit exakt denselben Inhalten etwa im Fernsehen auftreten, müsste der Sender volle Verbreiterhaftung übernehmen. Das ist eine massive Ungleichbehandlung, obwohl das wirtschaftliche Modell strukturell gleich ist (Content monetarisiert durch Gebühren oder Werbung)."

Der bekannte Journalist, Moderator und Autor politischer Biografien Peter Merseburger ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Alice Schwarzer erinnert sich bei Spiegel online, wie er sich mit ihr solidarisierte, als ein Beitrag von ihr über Abtreibung auf der Druck von Kirche und Bild abgesetzt wurde. "Er galt als Linker, war aber eher ein Aufklärer und mit der SPD sympathisierender Liberaler. Politische Gläubigkeit war nicht seine Sache. Ihn charakterisierten Unabhängigkeit, Haltung und Gelassenheit." In der Berliner Zeitung schreibt Harry Nutt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2022 - Medien

Also, über den Vorsitzenden Mathias Döpfner wurde gestern beim Zeitungsverlegerverband BDZV nun doch nicht gesprochen, meldet Michael Hanfeld im FAZ.Net. Dafür wurde aber in einem Zukunfstreffen des Verbands an die Bundesregierung appelliert, "die flächendeckende Zustellung der Zeitungen als eine Aufgabe zur Sicherung der Demokratie und der gesellschaftlichen Teilhabe zu verstehen und zu unterstützen". Die Funke Mediengruppe hatte allerdings eine Aussprache über Döpfner gefordert. Sie fand nicht statt, so Hanfeld, und "Bei der Funke Mediengruppe kam das denkbar schlecht an. Sie habe, heißt es aus der Versammlung, aufscheinen lassen, dass man über den Verbleib im BDZV durchaus nachdenke". Mehr dazu bei turi2.

Die Schweizer haben sich in einem Referendum gegen eine staatliche Medienförderung ausgesprochen, zurecht, findet Jürg Altwegg in der FAZ: "Die lautstarken Angriffe auf die ''Medienmilliardäre', die sich an Steuergeldern bereicherten, waren ebenso befremdlich wie die journalistische Begleitung der Abstimmung durch die Redaktionen: Die Millionen des Staates wurden als Garantie gegen Fake News und für die rechtzeitige Frühzustellung der gedruckten Zeitung beworben - letztlich als Preis für die Rettung der Demokratie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2022 - Medien

Die Kritik an Springer-Chef Mathias Döpfner nach den Recherchen der Financial Times zur Causa Julian Reichelt (unser Resümee) könnte sich glatt zu einem Machtkampf im Bundesverband der Zeitungsverleger ausweiten, berichtet Michael Hanfeld in der FAZ, die Funke-Mediengruppe habe im Grunde Döpfner zum Rücktritt von seinem Präsidentenposten aufgefordert. Aber ach, vielleicht doch lieber nicht: "Im BDZV gibt es Vorbehalte gegen Döpfner als Verbandschef, manche machen sie öffentlich, so wie jetzt die Funke Mediengruppe, andere verhalten sich abwartend, und nicht wenige, vor allem kleinere Verlage, fühlen sich von jemandem, der den größten Presseverlag im Land führt, besser vertreten als von jemandem aus der Reihe der Zweitgrößten. Hinzu kommt, dass sich im weiten Verlegerrund noch niemand als Herausforderer in Stellung gebracht hat. Und so könnte es sein, dass sich am kommenden Montag der Aufzug des vergangenen Jahres wiederholt. Der Vorgang zeigt in jedem Fall, wie schwer es den Presseverlagen fällt, gemeinsame Interessen zu formulieren und vor allem diese gegenüber der Politik zu vertreten."

In der FAZ hätte Patrick Bahners gern eine Begründung vom Bundesverfassungsgericht gehört, warum es Jan Böhmermanns Verfassungsbeschwerde abgewiesen hat. Denn so bleibe das Verbot des Hamburger Oberlandesgericht im Raum, das Böhmermanns Schmähgedicht den Kunstcharakter absprach. Naiverweise, wie Bahners befindet: "Hier urteilten sie banausisch im ästhetischen wie im juristischen Sinne. Inneres Erleben, widerspiegelnde Form."

Im mexikanischen Salina Cruz ist der Journalist Heber Lobez, Direktor des Online-Nachrichtendienstes Noticias Web erschossen worden: Es ist bereits der fünfte Mord an einem Journalisten in Mexiko in diesem Jahr, meldet der Guardian.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2022 - Medien

Nach den Enthüllungen der Financial Times (unser Resümee) kommt der für die Zeitungen als Lobbyist doch so verdienstvolle Mathias Döpfner nun doch in Bedrängnis, meldet Spiegel online. Die Funke Mediengruppe hat sich in einer Stellungnahme für den Artikel von Döpfner als Chef des Zeitungsverlegerverbands BDZV deutlich distanziert. Am Montag soll in einer Delegiertenkonferenz diskutiert werden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2022 - Medien

Ein Weilchen blieb es still. Nun greifen die SZ-Medienredakteure Anna Ernst und Verena Mayer aber die Recherche der Berliner Zeitung zu Holtzbrinck-Medien (eine Retourkutsche zu Zeit-Recherchen über die Berliner Zeitung, unser Resümee) auf. Die Vorwürfe der Berliner Zeitung gegen Holtzbrinck sind immerhin schwerwiegend. Ein Start-up-Unternehmen des Verlegers soll mit kostenfreier Berichterstattung in den Medien des Hauses geworben haben: "Verschiedene Holtzbrinck-Medien erklären, dass sie sich mit der Kritik auseinandergesetzt haben. Vom Tagesspiegel etwa heißt es, dass die Chefredaktion den Bericht zum Anlass genommen habe, 'die internen Abläufe und Transparenzrichtlinien zu überprüfen'." Allerdings sei es gar nicht zu Einflussnahmen gekommen."