9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

365 Presseschau-Absätze - Seite 14 von 37

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2022 - Wissenschaft

Die Inzidenzen gehen in Hundertersätzen zurück, am Montag meldete das RKI nicht mal einen Todesfall für den Tag zuvor. Ist Corona besiegt? Weit gefehlt, meint Werner Bartens in der SZ und fragt: "Wer testet sich denn derzeit noch freiwillig?" Überhaupt "konnte man sich samstags und sonntags kaum irgendwo testen lassen, deshalb geben die meisten Gesundheitsämter und Landesbehörden am Wochenende auch keine Zahlen an das RKI weiter, deswegen melden etliche Landkreise ihre Zahlen nicht mehr, oder erst gesammelt und verspätet - und deshalb taucht es eben nicht am Montag in der Statistik auf, wenn jemand, dem das Freizeitverhalten der Gesundheitsämter egal ist, am Sonntag an Corona stirbt. Statt damit freundlicherweise bis Montag zu warten, wenn er von der gut erholten Fachkraft ordnungsgemäß mitgezählt werden kann. Elf von 16 Bundesländern haben am vergangenen Wochenende offenbar keine Zahlen gemeldet, wie lückenhaft die übrigen verstreut gemeldeten Angaben waren, lässt sich nur vermuten."

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat mal nachgezählt. Die Übersterblichkeit durch Covid während der bisherigen Pandemie lag bei 15 Millionen Toten weltweit, berichten Benjamin Mueller und Stephanie Nolen in der New York Times. Bisher hatte man 6 Millionen geschätzt. Aber manche Staaten waren mit offiziellen Zahlen ein bisschen schüchtern: "In Mexiko war die Zahl der überzähligen Todesfälle in den ersten beiden Jahren der Pandemie doppelt so hoch wie die offizielle Zahl der Covid-Todesfälle der Regierung, so die WHO. In Ägypten war die Zahl der überzähligen Todesfälle etwa zwölfmal so hoch wie die offizielle Covid-Zahl. In Pakistan war die Zahl achtmal so hoch." Eine internationale Expertengruppe hat monatelang mit verschiedenen statistischen Methoden an den Zahlen gearbeitet, so die Artikelautoren. "Die Zahlen lagen seit Januar vor, aber ihre Veröffentlichung wurde durch Einwände Indiens verzögert, das die Berechnungsmethode für die Zahl seiner Bürger anzweifelt. Den Schätzungen der WHO zufolge entfiel fast ein Drittel der weltweit überzähligen Todesfälle - 4,7 Millionen - auf Indien."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2022 - Wissenschaft

Die Deutsche Forschungsgesellschaft untersagt die Kooperation mit russischen Forschungsinstitutionen. Auch Studentenaustausch und ähnliches funktioniert nicht mehr bisher. Die Historikerinnen Julia Herzberg und Alexandra Oberländer warnen im Freitag, dass vor allem diejenigen russischen Historiker betroffen seien, "die bislang am besten mit dem 'Westen' vernetzt waren. Das Aussetzen der Kooperationen wird besonders spürbar für diejenigen, die häufig in Gegnerschaft zu diesem Krieg stehen, nicht zuletzt, weil sie Kontakte ins Ausland hatten. Den Historikern in Russland, die kein Interesse an Kooperation hatten, mögen die Sanktionen egal sein; ihr Forschungsalltag wird sich weniger radikal verändern."

Ähnlich argumentiert die Moskauer Verlegerin humanwissenschaftlicher Bücher Irina Prochorowa im Gespräch mit Kerstin Holm in der FAZ: "Ich verstehe solche Leute und Organisationen. Sie sind verzweifelt, sie wollen unbedingt der Ukraine helfen, irgendetwas tun. Aber leider hilft das überhaupt nicht. Es zerstört nur die Zivilgesellschaft in Russland. Die Verlagswelt ist das letzte Forum für Gedankenfreiheit. Informationsisolation ist das Schlimmste, was passieren kann."
Stichwörter: Verlagswelt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2022 - Wissenschaft

Auch der Klimawandel bleibt als katastrophische Drohung virulent, in der FAZ weist Joachim Müller-Jung allerdings darauf hin, dass Wissenschaftler wie der Amerikaner Michael Mann fürchten, ihre richtigen Befunde falsch kommuniziert zu haben: "In einem Kommentar mit dem Titel 'Die beste Wissenschaft, von der sie nie etwas gehört haben' propagiert er mit zwei Mitstreitern eine neue Sicht auf die Katastrophe. Allzu lange, sagt er, hätten Wissenschaftler den Eindruck vermittelt, mit dem heute in die Luft geblasenen und in der Atmosphäre sehr beständigen Kohlendioxid werde die Klimakatastrophe noch in dreißig, vierzig Jahren befeuert. Tatsächlich jedoch könne dem Temperaturanstieg quasi über Nacht Einhalt geboten werden, wenn die Emission augenblicklich energisch reduziert würden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2022 - Wissenschaft

Früher folgte der Lebenslauf dem Leben, heute ist es oft umgekehrt - jedenfalls bei Akademikern. Das lernt Andreas Bernard (SZ) aus einer Untersuchung der Soziologen Julian Hamann und Wolfgang Kaltenbrunner, die achtzig Lebensläufe, die zwischen 1950 und 2010 für Bewerbungen auf Professuren in Germanistik und Geschichte eingereicht wurden, analysiert haben. So waren akademische Lebensläufe "bis in die Siebzigerjahre" Erzählungen, die "organische Entwicklungen beschrieben". Danach setzte sich mehr und mehr die Listenform durch, die zunächst einer Demokratisierung der Bildung geschuldet war, später jedoch vor allem die Karrierefähigkeit der Bewerber inszenierten sollte: "Im strotzenden CV von heute, in dem sich Erfolg an Erfolg reiht, ... sind zwar die Privilegien früherer Herkunftsgeschichten in den Hintergrund geraten, aber erkauft wird diese Egalisierung durch die stählerne Konkurrenz von Anwärtern, die nicht nur ihre Veröffentlichungen in möglichst hochbewerteten Journalen und ihre im Lauf des Berufslebens angebotenen Seminare minutiös auflisten müssen, sondern auch die Summen der erfolgreich beantragten Drittmittel - eine Kategorie akademischer Begabung, die, wie Hamann und Kaltenbrunner erwähnen, bis in die Achtzigerjahre hinein in den Lebensläufen unbekannt war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2022 - Wissenschaft

Die NZZ bringt ein episches Interview mit dem Hamburger Physikprofessor Roland Wiesendanger, der die These wiederholt, dass das Covid-Virus aus einem Labor in Wuhan stammt - Wiesendanger war dafür im letzten Jahr als Verschwörungstheoriker angegriffen worden, bevor seine Thesen - ohne letzten Beweis - überprüft wurden. Entscheidend sei bei dem Virus eine "Furin-Spaltstelle", die vor dem Ausbruch von Covid nie bei Coronaviren gefunden worden sei und die für eine Manipulation spreche. Zu seinem Interviewer Marcel Gyr sagt Wiesendanger: "In unmittelbarer Nähe des weltweiten Zentrums für die Forschung mit Coronaviren, da, wo nachweislich Chimären, also künstliche Hybriden, geschaffen wurden, die besser an menschliche Zellrezeptoren andocken können, und da, wo man vorhatte, in ein Coronavirus eine Furin-Spaltstelle einzubauen . . . genau hier bricht Sars-CoV-2 aus, ein Virus mit der außergewöhnlichen Eigenschaft, über eine Furin-Spaltstelle zu verfügen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2022 - Wissenschaft

Auch der Psychiater Borwin Bandelow macht in der Welt den Aberglauben in Deutschland mit dafür verantwortlich, dass es so viele Impfgegner gibt: "So können in Deutschland homöopathische Zubereitungen ohne wissenschaftliche Untersuchungen auf den Markt gebracht und zu Lasten der Krankenkassen verordnet werden. Während für 'richtige' Arzneimittel klinische Doppelblindstudien gefordert werden, trifft das für Homöopathika nicht zu. Kein Hersteller der alternativen Mittel hat jemals solche Studien vorgelegt. Warum sollten sie auch? Die Millionen verdienen sie auch ohne einen solchen Nachweis. Im Jahr 2020 wurden in Deutschland rund 550 Millionen Euro mit solchen Präparaten umgesetzt. Es sind zum Teil die gleichen Menschen, die auf die ungeprüften Kügelchen schwören, aber von den Impfstoffherstellern noch mehr Langzeitdaten verlangen."
Stichwörter: Impfgegner, Bandelow, Borwin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2021 - Wissenschaft

In einem sehr langen Interview mit der SZ bekräftigt Christian Drosten seine Kritik an Teilen der Medien und hält fest, dass es die von Bild und Co so gern behaupteten großen Differenzen nicht gibt: "Es entstand nur der Eindruck durch False-Balance-Mechanismen und Mutmaßungen in einzelnen Medien, wo gezielt Antagonisten aufgebaut wurden. Das hält sich leider bis heute und nimmt teils absurde Züge an. Gerade eben wurde wieder das Bild von der 'Scharfmacherfraktion' um Drosten gezeichnet, die abgestimmt darauf aus ist, der Politik ihre Sichtweise aufzudrängen. Das sind Fantasiegeschichten. Mit der Realität hat das nichts zu tun." Außerdem meint er, die Briten könnten es wegen ihrer guten Impfquote schaffen, nach dem Herbst nächsten Jahres in die endemische Phase einzutreten. "In Deutschland wird es viel schwieriger werden - wegen der großen Impflücken in der älteren Bevölkerung. Das Boostern ist wichtig, aber es gibt auch noch viel zu viele gar nicht geimpfte Menschen über 60 Jahre, die die Infektion bisher nicht durchgemacht haben. Wenn wir das Virus jetzt durchlaufen lassen, werden wir viele Tote haben und volle Intensivstationen. Davor darf man nicht die Augen verschließen, deshalb handelt ja auch die Politik."
Stichwörter: Corona, Drosten, Christian

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2021 - Wissenschaft

Die mRNA-Impfstoffe wie Biontech und Moderna sind eine wissenschaftliche Revolution, erklärt Andrian Kreye in der SZ. Um das zu verstehen, empfiehlt er das Erklärvideo des Vaccine Makers Project, einem Projekt des Kinderkrankenhauses in Philadelphia: "Dem kann man visuell schon mal ganz gut folgen. Die entscheidende Botschaft aber verkündet die freundlich-sachliche Frauenstimme bei Sekunde 45. Der Botenstoff des Vakzins dringt weder in den Zellkern des Menschen ein, noch verändert er das Erbgut. Er bleibt nicht einmal allzu lange im Körper, auch wenn die Wirkung bleibt. Die mRNA des Impfstoffs funktioniert eher wie ein Ausbilder, der die Abwehrzellen des Menschen darin trainiert, mit dem neuen Virus fertigzuwerden. Sie ist ein Botenstoff, der die Proteine anspricht, also jene Bausteine des Körpers, die alle biologischen Prozesse vollziehen. Das klingt wie eine Art Entwicklungshilfe für den Organismus. Ist es auch. Die Beherrschung dieser Proteine ist seit vielen Jahren eines der großen Ziele der Forschung. Die Wissenschaftler manipulieren das Erbgut des Menschen also nicht, sie verstehen es nur."

Vorne auf der Seite 3 der SZ erklären Michael Bauchmüller und Vera Schroeder, dass nach allen wissenschaftlichen Studien der mRNA-Impfstoff von Moderna, der jetzt erst mal bevorzugt verimpft werden soll, mindestens genauso gut und wirksam ist wie der von Biontech.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2021 - Wissenschaft

Es gibt etwa 600 Millionen weniger Vögel in Europa als noch vor vier Jahrzehnten, berichtet Enno Schöningh unter Bezug auf verschiedene Berichte in der taz. Besonders schlimm haben die Spatzen gelitten, deren Bestand um 247 Millionen zurückgegangen sei. "Der Spatz verschwindet sogar sowohl auf dem Land als auch in der Stadt. Das Forschungsteam vermutet, dass der Rückgang des städtischen Bestands auf Nahrungsmangel, Luftverschmutzung und Krankheiten wie Vogelmalaria zurückzuführen ist. Dies sei aber noch nicht abschließend geklärt. Außerdem beschneide die 'stärkere Verbauung und Flächenversiegelung' den städtischen Lebensraum der Spatzen und verhindere Nistmöglichkeiten, sagt Magnus Wessel, Experte für Naturschutzpolitik und -koordination beim Naturschutzverband BUND. 'Es braucht mehr kleinteilige Strukturen, mehr Brachen und mehr Randstreifen, die Vögeln als Refugium dienen können.'"
Stichwörter: Spatzen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2021 - Wissenschaft

Mal was ganz anderes: Wolfgang Stieler erklärt dem geneigten Publikum bei heise.de, was "Metamaterialien" sind, Materialien, die komplex sind und sich paradox verhalten. Die ersten kommen zur Anwendung, etwa in den "Phononic Vibes". Ein "Spin-off der Polytechnischen Universität Mailand hat hochwirksame akustische Metamaterialien entwickelt, die in dünnen transparenten Schallschutzwänden oder Absorbern neben Schienen zum Einsatz kommen... Die Materialien enthalten ein periodisches Gitter mechanischer Resonatoren. Das Zusammenspiel von Trägermaterial und Resonatoren sorgt dafür, dass Schallwellen bestimmter Frequenzen sich in dem Material nicht ausbreiten können - sie werden gefangen." Der Effekt wird hier demonstriert, völlig zurecht mit der "Carmina burana", ab Sekunde 26 mit Ton (beziehungsweise ohne).
Stichwörter: Metamaterialien