9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

375 Presseschau-Absätze - Seite 34 von 38

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2016 - Wissenschaft

What a waste!, ruft Daniel Lattier im Blog  der Foundation of Economic Education und zitiert noch einmal die Ergebnisse von Untersuchungen zum geisteswissenschaftlichen Uni-Betrieb: "82 Prozent aller in den Geisteswissenschaften publizierten Artikel werden nicht mal ein einziges Mal zitiert. Von jenen Artikeln, die zitiert werden, werden nur zwanzig Prozent wirklich gelesen. Die Hälfte aller universitären Artikel werden niemals von jemand anderem gelesen als ihren Autoren, Peer Reviewern und Zeitschriftenredakteuren."
Stichwörter: Geisteswissenschaften

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2016 - Wissenschaft



In This is Colossal stellt Jobson kurz die fotografischen Arbeiten des Neurobiologen Igor Siwanowicz vor. Die wunderbar farbigen Bilder wurden mit einem konfokalen Laser-Scanning-Mikroskop gemacht, das viel mehr Details erfasst als jedes normale Mikroskop. Im Bild der Vorderfuß eines Gemeinen Furchenschwimmers (Acilius sulcatus). Mehr über seine Arbeit kann man in einem schon etwas älteren Interview mit Wired nachlesen: "Lately he's focused on proprioceptors -- sensors that coordinate balance and spatial orientation, like the inner-ear vestibular system of mammals -- in dragonfly necks. 'They're totally fascinating,' Siwanowicz said. 'They have this huge head that rests on this one point, and those sensors communicate directly to wing and abdomen muscles. It's stabilized inertia. That direct neck-to-abdomen link hadn't been found before. I'm finding something new every other week.'"
Stichwörter: Dragonfly, Thonet

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.10.2016 - Wissenschaft

Die Zeit veröffentlicht Passagen aus dem Briefwechsel zwischen Martin Heidegger und seinem Bruder Fritz 1930 und 1946, die in gekürzter Form demnächst in dem Band "Heidegger und der Antisemitis­mus" erscheinen. Heidegger zeigt sich hier "ganz direkt und unverhohlen antisemitisch", schreiben Alexander Cammann und Adam Soboczynski. Tatsächlich zeigt er sich in den ausgewählten Passagen vor allem unverhohlen antiamerikanisch und antisowjetisch: "Entscheidender ist jetzt, die große Bedro­hung zu sehen, daß sich der Bolschewismus und der Amerikanismus zu einer einzigen Wesens­gestalt vereinigen und das Deutschtum aus die­ser Einheit heraus als Mitte des Abendlandes selbst zerstören", schreibt er im Januar 1943.

In der NZZ ist der Literaturwissenschaftler Adrian Daub wirklich beeindruckt von Elon Musk, der ihn an den Futuristen Buckminster Fuller erinnert, dessen Archiv gerade in Stanford, wo Daub lehrt, ausgepackt wird. Heute ist Musk für Daub der vielleicht einzige wirkliche Visionär im Silicon Valley: "Musk, dessen Raketen explodieren, dessen Autos zunächst nicht immer einwandfrei funktionieren, hat die Legende des Silicon Valley stärker internalisiert als jeder andere. So gründlich sogar, dass er sie möglicherweise wahr macht. Wer Ashlee Vances Biografie des Milliardärs liest, der erhält den Eindruck, Musk liege Zynismus generell fern. Wenn Peter Thiel zu träumen anfängt, dann will einem gruseln, bei Musk kann man nicht anders, man möchte mitträumen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2016 - Wissenschaft

In der Welt regt sich Matthias Heine über Linguisten auf, die schlampige Grammatik mit der Begründung tolerieren, das sei dem Sprachwandel geschuldet, der eh nicht aufzuhalten sei: "Man darf jenes Dogma anzweifeln, man muss es anzweifeln. Erst recht weil die historische Linguistik selbst beweisen kann, dass Sprachwandel eben doch von Institutionen zu beeinflussen ist. Man kann ihn stoppen, man kann ihn - wie das Beispiel Luther zeigt - erst in Gang setzen oder doch wenigstens radikal beschleunigen, und man kann ihn lenken. Nur kann man das ganz gewiss nicht, wenn man den Sprachwandel nur anglotzt und jeden, der nicht in fatalistischer Demut verharrt, zum hysterisch kulturkritischen Herbergsvater erklärt."
Stichwörter: Sprachwandel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2016 - Wissenschaft

Im Interview mit Zeit online erklärt der Ökologe Hanno Schäfer, Professor für Biodiversität der Pflanzen, warum grüne Gentechnik ökologisch verträglich ist und gleichzeitig helfen würde, kommende Generationen zu ernähren. Dringend gebraucht würden etwa "Nutzpflanzen, die den Klimawandel überstehen. Die trockenheitstolerant sind oder salztolerant oder die mehrjährig sind und deshalb die Flächen vor Bodenerosion schützen. Wenn wir gentechnisch veränderte Pflanzen produzieren könnten, die Nährstoffe effizienter nutzen und weniger Düngung benötigen, wäre auch das ein großer Fortschritt. ... Ich sehe die universitäre Forschung in der Bringschuld, die ist großteils durch Steuergelder finanziert. Nur sie könnte so arbeiten, dass das Saatgut nachher frei verfügbar ist und über mehrere Generationen hinweg verwendet werden kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2016 - Wissenschaft

Im "Blogseminar" der FAZ erklärt der Ethnologe Michael Oppitz in einem epischen, mit Videos und Bildern unterlegten Interview die Bedeutung der Schamanentrommeln in Nepal: "Sehr oft ging es um Depression. Bei allen Fällen, bei denen es um psychische Ursachen von physischem Leid ging, verzeichnet diese Praxis aus meiner Sicht große Erfolge. Das Gemeinschaftserlebnis 'Ritual' spielt hierbei eine große Rolle. Auch die Tatsache, dass sich Schamanen teilweise zwei bis drei Tage ganz einem Menschen widmen und dass die Patientenfamilie tief in die Tasche greifen muss, trägt zur Heilung bei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.09.2016 - Wissenschaft

Auf faz.net beklagt Katharina Laszlo die Ökonomisierung der Geisteswissenschaften in Britannien. Das Ranking der Institute und damit auch die Höhe der Fördergelder hänge jetzt zum Teil davon ab, wieviel "Impact" Forschungsprojekte hatten: "'Impact' wird den Universitäten nur dann bescheinigt, wenn sie nachweisen können, dass sie ihre 'neuen Funde' aktiv in die Außenwelt befördert haben. An der Universität Durham konnte ein Literaturwissenschaftler dokumentieren, dass seine Forschung zum 'medizinischer Kannibalismus in der Frühen Neuzeit' zu BBC-Sendungen mit Titeln wie 'The people who drink human blood' führte. Das Englisch-Institut in Durham schnitt danach deutlich überdurchschnittlich ab."

Höchst eigenwillige wissenschaftliche Wege gehen auch die engsten Vertrauten des russischen Präsidenten Putin, erzählt Nikolai Klimeniouk in der FAS. Das zeigte ihm unter anderem ein Blick in die wissenschaftlichen Arbeiten des neuen Chefs der russischen Präsidialverwaltung, Anton Waino, der ein Gerät namens Nooskop vorstellte, mit dem man "das kollektive Bewusstsein der Menschheit erforschen" und beeinflussen könne. Der Gedanke ist nicht neu, meint Klimeniouk: "So erzählte ein ehemaliger KGB-General in einem Zeitungsinterview, russische Geheimdienste würden über Gedankenscanner verfügen und hätten damit antirussische Gedanken im Kopf der früheren amerikanischen Außenministerin Madeleine Albright gelesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2016 - Wissenschaft

Auch die Soziologie wird durch die Digitalisierung revolutioniert, schreibt der Zürcher Soziologe Andreas Diekmann in der SZ in einem Artikel über den heute beginnenden Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bamberg. Aber "von alldem ist auf Soziologiekongressen leider nur vereinzelt die Rede. Im Soziologie-Studium erfährt man kaum etwas über die neuen statistischen Techniken der Kausalanalyse, über experimentelle Designs, über das Potenzial von Geo-Informationssystemen, die Bedeutung kontrollierter Interventionsstudien, die Erhebung internetbasierter Daten oder die neuen Entwicklungen in der Entscheidungs- und Spieltheorie. Wenn die Medizin sich ähnlich neuen Methoden verschlossen hätte, hätten wir heute noch den Aderlass."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2016 - Wissenschaft

In der NZZ reibt der Volkswirtschaftler Mathias Binswanger den Wissenschaften ihre Reste von Aberglaube unter die Nase, besonders jedoch der Ökonomie: "Ein dort vehement vertretenes Glaubensbekenntnis betrifft die sogenannte Neutralität des Geldes. Geld darf zumindest langfristig keinen Einfluss auf das Wirtschaftsgeschehen haben, und die Wirtschaft lässt sich deshalb ohne Geld wie eine Tauschwirtschaft beschreiben. Dieses 'Wissen' unterscheidet die eingeweihten Ökonomen von dem 'dummen' Rest der Welt, der unter Geldillusion leidet und fälschlicherweise glaubt, die Schaffung von mehr Geld könne die Wirtschaft längerfristig beeinflussen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2016 - Wissenschaft

Matthias Heine führt in der Welt ein instruktives Gespräch mit dem Schriftforscher Ernst Kausen über die Frage, ob die jüngst in Bulgarien gefundenen Tafeln mit Symbolen die älteste Schrift der Welt seien - er verneint: "Insbesondere wäre ja dann die Schrift eine europäische und keine orientalische Erfindung, gewissermaßen 'ex occidente lux'. Die große Mehrheit der Forscher, die sich mit der Entstehung der Schrift befassen, lehnt die Deutung der die meisten Zeichen sind wahrscheinlich traditionelle Töpfermarken als Schrift aber aus guten Gründen ab." Grund: "Die meisten Zeichen sind wahrscheinlich traditionelle Töpfermarken."