9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2017 - Wissenschaft

In der Germanistikdebatte diagnostiziert der Sprachwissenschaftler Helmut Glück in der FAZ eine Entfremdung innerhalb der Germanistik: "Sprach- und Literaturwissenschaft haben sich in ihren Methoden, Theorien und Erkenntnisinteressen so weit voneinander entfernt, dass sich die Fachvertreter gegenseitig für fachfremd halten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.02.2017 - Wissenschaft

Amerikanische Wissenschaftler mobilisieren gegen die Trump-Regierung, die eine Menge Klimaskeptiker und Evangelikale in ihren Reihen hat - im April wollen Wissenschaftler einen großen Marsch durch Washington organisieren. Der durch Trump gebündelte religiöse Wahn grassiert nicht erst seit gestern, schreibt Christoph Drössler in der Zeit: "Jeder sechste Biologielehrer ist ein glühender Anhänger des Kreationismus und lehrt die Schöpfungsgeschichte zumindest gleichberechtigt neben der Evolutionslehre. Die Evangelikalen haben in einigen Staaten entsprechende Regelungen durchgesetzt  - und die republikanische Partei hat sich bei diesen fundamentalistischen Christen angebiedert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2017 - Wissenschaft

Die Wissenschaften könnten zu den ersten Opfern des Trumpismus gehören, fürchtet der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner in der NZZ, und zwar sowohl die Geisteswissenschaften, deren Subventionen Trump schon gekürzt hat, als auch die Naturwissenschaften, die sich mit Trumps Leugnung des menschengemachten Klimawandels auseinandersetzen müssen. Hagner polmeisiert aber auch gegen die Idee einer "Dritten Kultur", die die Geisteswissenschaften auch im Geistigen als obsolet erschienen lassen wolle. Dabei leisten nur die Geisteswissenschaften in manchen Dingen Aufklärung, so Hagner: "Geht es um ein genaueres Verständnis des Aufstiegs und Erfolgs der amerikanischen Tabakindustrie, der Kreationisten und der Klimaskeptiker, sind es Wissenschaftshistoriker wie Robert Proctor, Ron Numbers oder Naomi Oreskes, die historisch fundierte Erklärungen anzubieten haben, und nicht die Vertreter der dritten Kultur."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2017 - Wissenschaft

Leonhard Dobusch unterhält sich für Netzpolitik mit der Sprachwissenschaftlerin Waltraud Paul, die erzählt, wie sich die Zeitschrift Lingua vom Elsevier-Verlag löste, um als Glossa in Open Access wieder aufzuerstehen - Elsevier wollte den Wechsel zu Open Access nicht mitvollziehen. Die Redaktion hatte laut Paul "immer weniger Handlungsfreiheit und musste sich mehr und mehr gegen die Einmischung des Elsevier-Managements... in die wissenschaftlichen Aspekte der Zeitschrift wehren, wie zum Beispiel bei der Wahl neuer Mitherausgeber. Andererseits führte die extreme Profitgier Elseviers zu einem wachsenden Unbehagen sowohl beim Herausgeberteam als auch bei den Linguisten, die - ohne Entgelt! - für Lingua als Reviewer arbeiteten. Da dieselben Linguisten oft in Bibliotheksgremien sozusagen 'live' die gnadenlosen Geschäftspraktiken Elseviers miterlebten, waren sie immer weniger dazu bereit, ihre Zeit und Expertise Elsevier kostenlos zur Verfügung zu stellen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2017 - Wissenschaft

In der NZZ beschreibt Urs Hafner an einem konkreten Fall, wie die Universitäten selbst bei Plagiatsvorwürfen, die sich als unhaltbar erweisen, einknicken und den "Angeklagten" hängen lassen, dem am Ende nur einige Zitierfehler vorgeworfen werden können: "Wer will sich schon vorwerfen lassen, er habe die Aufdeckung von Betrug verhindert und decke das Plagiieren? Der Angeklagte und Belastete ist weder von seiner Universität noch vom Nationalfonds unterstützt worden. Erstere hat den Schuldigen abgestraft, Letzterer lässt den Sanktionierten fallen und bestraft ihn so nochmals. Das Wissenschaftssystem muss sich auf diese Weise keine Gedanken über seine Rolle machen; Hauptsache, die weiße Weste bleibt ohne Fleck. Und der zweifelhaft arbeitende Ankläger bleibt unbehelligt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2017 - Wissenschaft

Michael Wuliger hat als einer der ersten in der Jüdischen Allgemeinen darauf hingewiesen: Das Max Planck Institut für ethnologische Forschung in Halle hatte gestern den - offenbar nicht nur bei Nazis beliebten - Holocaust-Relativierer Norman Finkelstein eingeladen, der in seiner jüngsten Schrift - auf der Website des Instituts wird das brav weiterverbreitet - behauptet, dass die Hamas von Gaza keine Raketen auf Israel abfeuert und keine Tunnel gräbt. Über das "Märtyrertum" des Gaza-Streifens sollte er gestern auch reden. Wuliger dazu: "Falls die Ethnologen vom Max-Planck-Institut noch ein Thema für ihre nächste Veranstaltung suchen: Auch die 'herrschenden Darstellungen' des Berliner Lkw-Anschlags vom 19. Dezember 2016 beruhen bekanntlich auf Fehl- und gezielten Falschinformationen. Ein Video auf YouTube beweist es zweifelsfrei: Der Terroranschlag war ein Fake. Eingestellt hat es der User 'Lila Launebär'."  Mehr dazu von Alan Posener in der Welt.

Das Institut hat sich auf seine Website von der Einladung, die "von bestimmten Gruppen" kritisiert werde, ausdrücklich nicht distanziert. Die Mitteldeutsche Zeitung berichtet heute von Protesten gegen die Veranstaltung in Halle.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2017 - Wissenschaft

Als eine seiner ersten Amtstaten wird Donald Trump die - bescheidenen - Bundesmittel für die Geisteswissenschaften streichen, schreibt Henning Lobin bei Spektrum.de: "Am 19.1.2017, am Tag vor dem Inauguration Day, meldete die Washingtoner Zeitung The Hill, dass die Trump-Regierung dramatische Einschnitte im kulturellen Bereich plant. Neben dem NEH soll auch der National Endowment for the Arts (NEA), spezialisiert auf die Förderung von Kunst und Literatur in gleicher finanzieller Größenordnung, aufgelöst werden. Außerdem ist geplant, die 1967 gegründete Corporation for Public Broadcasting zu privatisieren. Der gesamte öffentlich-rechtliche Rundfunk wird in den USA zuletzt etwa in der gleichen Höhe gefördert wie allein der Hessische Rundfunk in Deutschland."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2016 - Wissenschaft

Das Projekt der Hochschulrektorenkonferenz, die Inhalte von Wissenschaftszeitschriften, die die Bibliotheken enorme Summen kosten, bundesweit zu lizenzieren, ist am Widerstand von Elsevier gescheitert, berichtet Leonhard Dobusch  in Netzpolitik. Der Verlag hat Forderungen gestellt, die seine laut HRK 40-prozentige Umsatzrendite nur noch weiter erhöht hätte: "Im Ergebnis könnte das dazu führen, dass an einer Vielzahl deutscher Universitäten und Forschungsinstitute ab 1. Januar 2017 kein Zugang zu Elsevier-Zeitschriften mehr möglich ist. Die HRK verweist in ihrem Schreiben darauf, dass rund sechzig Wissenschaftseinrichtungen - 'zu einem guten Teil namhafte, große Institutionen und Konsortien' - schon Mitte Oktober ihre Verträge mit Elsevier per Jahresende gekündigt hatten. Elsevier drohe im Gegenzug 'allen Wissenschaftseinrichtungen, deren Verträge Ende 2016 auslaufen, mit einem rigorosen Abschalten aller Zugänge"." Mit anderen Worten: Das könnte dazu führen, dass Studenten im nächsten Jahr wie in guten alten Zeiten am Fotokopierer stehen, weil sie die Texte nicht mehr in digitaler Form bekommen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2016 - Wissenschaft

Apokalyptisches Tremolo in der FAZ (auch wenn die Nachfolger es irgendwie nie so gut hinkriegen wie der unvergessene Frank Schirrmacher). Die Deutsche Bibliothek in Frankfurt hat die Leser unterrichtet, dass die Bücher, die auch in elektronischer Form vorliegen, an die Nutzer künftig in elektronischer Form aushändigen will. Eigentlich geht es Thomas Thiel im groß präsentierten Feuilletonaufmacher aber gar nicht um das haptische Erlebnis, mal ein schönes Papierbuch zu durchblättern, sondern er verteidigt den Standpunkt der Verlage gegen Open Access: "Politik und Wissenschaftsorganisationen folgen blind einer kleinen, aber gut vernetzten Aktivistengruppe, die sich, getrieben von einem veritablen Verlegervernichtungshass, zu nützlichen Idioten von Großinvestoren macht, die wiederum Bibliotheken und Wissenschaftler gegeneinander ausspielen. Kein Zufall, dass die Open-Science-Bewegung von dem Finanzinvestor George Soros mitbegründet wurde."

Tilman Spreckelsen hatte es ebenfalls in der FAZ neulich noch viel sachlicher gesehen: Die DNB sammelt Pflichtexemplare der Verlage - ihre Aufgabe ist das Sammeln und Bewahren der Bücher, und ein elektronisches Exemplar kann man nicht schief lesen. Jochen Hieber hatte zuvor aber bereits die "Zwangsdigitalisierung" beklagt und darauf hingewiesen, dass er Bücher nicht nur liest, sondern rezipiert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2016 - Wissenschaft

Der Bibliothekar Uwe Jochum, Mitinitiator des "Heidelberger Appells" gegen Google und Open Access, bekräftigt in der FAZ seine Positionen, diesmal seltsamerweise mit sozusagen wirtschaftsliberalen Argumenten: "Nun darf man freilich bezweifeln, dass ein Wissenschaftssystem, in dem anstelle der konkurrierenden Intermediäre vom Typ Verlag ein vom Staat als Monopol betriebenes Open-Access-System installiert wird, das Publizieren wirklich billiger macht. Keines der politischen Systeme, die nichtstaatliche Konkurrenz ausgeschaltet haben, hat die systemischen Kosten wirklich gesenkt, sondern immer nur kreativ versteckt, bis zum finalen Ruin des Systems. Bezweifeln darf man allerdings auch, dass ein staatliches Publikationsmonopol die Wissenschaft freier und demokratischer macht."
Stichwörter: Jochum, Uwe, Open Access, Monopole