Hu Anyan

Ich fahr Pakete aus in Peking

Ein intimer Bericht eines Niedriglohnarbeiters in China
Cover: Ich fahr Pakete aus in Peking
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783518475157
Gebunden, 295 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Aus dem Chinesischen von Monika Li. In den zwanzig Jahren nach seinem Highschool-Abschluss hatte Hu Anyan neunzehn verschiedene Jobs. Er arbeitete unter anderem als Verkäufer im 24h-Markt, als Fahrradmechaniker, Pakete-Kurier, Sicherheitsmann, im Logistikzentrum, der Tankstelle, der Kantinenküche. Er zog von einer chinesischen Großstadt zur nächsten, jedes Mal weiter, wenn die Arbeit unerträglich und der Boss zu bossy wurde, und richtete sich wieder in einem winzigen Zimmer ein, mit nicht mehr als seinen zerlesenen Ausgaben von Tschechow und Carver. Von der Psychologie der Hackordnung in einer gigantischen Sortierhalle für Pakete über die kafkaeske Bürokratie der Personalabteilungen bis hin zur idealen Gestaltung einer Lieferroute erzählt Hu Anyan unerhörte Geschichten der Menschlichkeit vor dem Hintergrund größter Schinderei.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 09.12.2025

Rezensent Nils Schniederjann sieht in diesem bewusst monotonen Bericht über die Auswirkungen notwendiger, nahezu pausenloser Arbeit ein eindrückliches Beispiel für eine Form von kapitalistischer Lebensverrohung. Nachdem der chinesische Autor mit einem Text über seine Erfahrungen als Lieferant 2020 viral ging, beschreibt er in diesem zum Bestseller avancierten Text nun 19, über zwei Jahrzehnte aufgeteilte Jobs. Das Leben gerät dem Autoren dabei schnell zu einer bloßen Rechenaufgabe, da er beginnt, Mahlzeiten und Pausen in das Gehalt umzurechnen, das ihm dadurch abhanden kommt. In drastisch-nüchterner und achronologischer Beschreibungsarbeit folgt Schniederjann dem Autoren durch Berufe, die in ihrer Austauschbarkeit die Lebensenergie des Helden aufsaugen. Die Monotonie sei dabei einerseits die Stärke des detaillierten, nüchternen Textes, weil sie als Grundphänomen auf fast alle Arbeitsformen übertragbar sei, kippe manchmal aber auch in eine Mühseligkeit, die beim Lesen anstrengend werden könne. Auch wenn nicht vollends begeistert, legt der Kritiker das Buch nach beendeter Lektüre doch verändert aus der Hand, mit einem neuen Gespür für die "Warenförmigkeit der eigenen Arbeitszeit".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 29.11.2025

Rezensent Fokke Joel findet in Hu Anyans Buch einen erstaunlichen Spagat vor: Einerseits erzählt der Autor autobiografisch von unwürdigen Arbeitsbedingungen in China als Paketbote oder Logistik-Kontrolleur, andererseits geht es um "intellektuelle Emanzipation", die Anyan im Lesen und Schreiben findet. Fernab vom "Jammern" berichtet das Buch, in China mittlerweile Bestseller, von zwölfstündigen Nachtschichten mit zwei freien Tagen im Monat, vom erbitterten Konkurrenzkampf zwischen Kollegen, vom Griff zu Flasche, um tagsüber schlafen zu können. Joel meint dabei, auch immer wieder ein "maoistisches Erbe", einen Appell zur Achtung vor den einfachen Tätigkeiten durchschimmern zu sehen. Gleichzeitig reflektiere Anyan aber auch über andere, dies "transzendierende" Werte; über hohe Literatur und das eigene Schreiben, arbeite sich von Raymond Carver zu Kafka, Joyce und Musil vor. 

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