Was bedeuten Bombenabwürfe in Echtzeit für die Dekonstruktion der Präsenzmetaphysik? Kann man Hollywood mit Quotenregeln bekämpfen? Warum kann eine Kamera kein Zeuge sein? Was ist, wenn wir nicht mehr glauben können, was wir sehen? Welche Sendungen sieht Derrida sonntagmorgens? Ende 1993 führt Derrida in seinem Haus in Ris-Orangis von Scheinwerfern, Kabeln und Kameras eingekreist mit dem Medientheoretiker Bernard Stiegler ein langes Gespräch. Im Mittelpunkt stehen medientechnische Entwicklungen, die damals ihren Durchbruch feiern: die Direktübertragung und das digitale Bild. Mit der gespenstischen CNN-Übertragung der Bombenabwürfe auf Bagdad in Echtzeit zielt das Fernsehen auf ein Plusquampräsens, das alle Selektions- und Manipulationsmöglichkeiten bei der Produktion der Bilder hinter einer vermeintlich objektiven Aktualität verschwinden lässt. Und mit der Ersetzung der analogen Fotografie durch das digitale Bild wankt der Realitätseffekt, den das analoge Bild Roland Barthes zufolge immer erzeugt, weil das Dargestellte ja einmal so vor der Kamera gewesen sein muss.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 08.09.2007
Dieser Band ist die Wiedergabe von Fernsehgesprächen, die der Philosoph Jacques Derrida mit seinem Kollegen Bernard Stiegler führte. Es geht darin um die alten und neuen Medien, die Rolle, die sie im demokratischen Gemeinwesen spielen können - ob sie etwa im Dienst des Vorhersehbaren stehen, oder doch in den Dienst des Unerwarteten, des "Ereignisses", gestellt werden könnten. Rezensent Klaus Englert fühlt sich in Derridas Argumentationen an Martin Heideggers "Technikkritik" erinnert, allerdings neige Derrida nicht zum "Kulturpessimismus" des deutschen Philosophen. Als es sehr konkret um das Fernsehen geht, sieht Derrida im Kultursender "Arte" einen Hoffnungsträger, der dem Anspruch genügen könnte, das Richtige zu tun, nämlich "Dinge zu machen, mit denen man auf die Nase fallen kann".
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