Jörg-Uwe Albigs Groteske entführt uns in die unendlichen Weiten des Spätkapitalismus, dorthin, wo sich Profitstreben und mentale Selbsterkundung gute Nacht sagen. Katrin Perger ist studierte Psychologin ohne Diplom. Ihre Abschlussarbeit "Das Stockholm-Syndrom und der sadomasochistische Geist des Kapitalismus" ist lediglich in Fragmenten auf einem linken Blog erschienen. Immerhin performt sie mit ihrem optimierungs- und motivationsbasierten Business-Coaching-Modell bei den Mittelständlern und Hidden Champions in Stuttgart und Umgebung nicht schlecht. Ihre neueste Kundin ist Sabine Seggle, die als Inhaberin des Dienstleisters Human Solutions ihren schwäbischen Unternehmerethos mit moderneren Management-Techniken auffrischen will. Katrin Perger findet heraus, dass das Geschäftsmodell von Human Solutions auf Entführungen beruht und sie angeheuert wurde, um tragfähige Lösungen für die "Kundenbindung" zu entwickeln - das Stockholm-Syndrom ist schließlich ihr Spezialgebiet. Zwar steht die Entführungsindustrie immer wieder in der Kritik, aber gilt das nicht auch für die Fleisch- und die Rüstungsindustrie? Und für einen Autozulieferer hat Perger sogar schon mal gearbeitet. Also was soll's.
Rezensent Jens Uthoff unterhält sich ganz gut mit Jörg-Uwe Albigs neuem Roman. Allerdings scheint ihm das selbst nicht so geheuer zu sein. Zwar liest sich Albigs Satire auf den Kapitalismus und den Neusprech der Coaching- und Selbstoptimierungskultur für Uthoff süffig weg. Die Story um eine Firma, die sich auf Entführungen spezialisiert hat, und einen Psycho-Coach mit Expertise in Sachen Stockholm-Syndrom ermüdet Uthoff jedoch zwischendrin immer wieder, zumal der Autor mit Kalauern nicht spart. Die Analogie zwischen Kapitalismus und Psycho-Phänomenen scheint dem Rezensenten letztlich allzu wohlfeil.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.04.2021
Rezensent Cord Riechelmann folgt Jörg-Uwe Albig in die Erfahrungswelt mittelständischer Unternehmen. Das ist so hart, dass Albig eine Satire draus gemacht hat, die mit Platons Höhlengleichnis hantiert und mit einer Umdeutung des zweifelhaften Konzepts des Stockholm-Syndroms, erläutert Riechelmann seine Lektüreeindrücke. Die Familienunternehmensgeschichte erzählt als Therapiesitzung hat für Riechelmann Komik, so wenn der Autor seinen Text mit der "Parallelaktion" des Stockholmer Banküberfalls durch den Häftling Jan-Erik Olsson anreichert und mit Überlegungen zum Zusammenhang von Musik, Produktivität und Konsum.
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