Provozierende Thesen zur deutschen Mentalität und das Land im europäischen Kräftespiel der letzten 150 Jahre - eine eindringliche Lektion in Sachen geistiger Unabhängigkeit Karl Heinz Bohrers Wortmeldungen zur Politik zielen stets aufs Ganze. Am Tagesgeschäft interessiert ihn besonders, wie es verleugnete, verdrängte und vergessene Konflikte sichtbar macht. Deutschlands Weigerung, eine angemessene Rolle in der Welt zu spielen, der verklemmte Umgang mit der preußischen Vergangenheit, die Erinnerung an die beiden Weltkriege: An solchen Fragen zeigt sich, dass ein fundierter politischer Standpunkt auf die historische Perspektive, das philosophische Argument und die literarische Erinnerung nicht verzichten kann. In sechs Essays analysiert Bohrer das europäische Kräftespiel der letzten 150 Jahre - eine eindringliche Lektion in Sachen geistiger Unabhängigkeit.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 28.07.2020
Als die aufregendste Neuerscheinung zum Jahrestag der deutschen Reichsgründung vor hundertfünfzig Jahren feiert Rezensent Gustav Seibt Karl Heinz Bohrers Brevier über die literarische Erbschaft des Jahres 1870. Seibt liest hier nach, dass eigentlich nur Wilhelm Raabe einen nennenswert einigungskritischen Roman verfasste ("Deutscher Adel"), dass sich Zola in ausführlichsten Schlachtbeschreibungen erging ("Débâcle") und Maupassant sadistische Preußen-Offiziere und furienhaften französischen Volkszorn in Szene setzte. Dass Bohrer in diesem literarischen Hass eine ästhetische Katharsis vermutet, die die Franzosen vor späteren Exzessen bewahrte, hält der Rezensent für eine fantastische Pointe "im Bohrerschen Lebenstanz mit dem Moralismus".
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