Doppelgänger
Eine Analyse unserer gestörten Gegenwart

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2024
ISBN
9783103976441
Gebunden, 496 Seiten, 29,00
EUR
Klappentext
Aus dem kanadischen Englisch von Peter Robert und Rita Seuß. Naomi Klein hat eine Doppelgängerin, die all das verkörpert, wogegen sie selbst ein Leben lang gekämpft hat. Die gefährlichen Verschwörungstheorien und radikal anderen Ansichten jener Frau, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht und sogar ihren Vornamen trägt, verfolgen sie auf Schritt und Tritt. In dieser unheimlichen Doppelgängerin erkennt Naomi Klein ein Symptom unserer politisch verwirrten Zeit, in der die Grenzen zwischen rechts und links, richtig und falsch, Fakt und Meinung verschwimmen. In dieser Welt, in der liberale Demokratien am Rande der Autokratie taumeln, KI für uns kommuniziert und der Hass sich online ausbreitet, während gleichzeitig unsere Wälder brennen und der Meeresspiegel unaufhaltsam ansteigt, scheint die Realität selbst aus den Fugen geraten zu sein.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2024
Ein paar valide Punkte macht Naomi Klein in ihrem neuen Buch, gesteht Rezensent Oliver Jungen ein, insgesamt jedoch überwiegt in seiner Kritik die Skepsis. Ausgangspunkt der Argumentation ist eine Verwechslung aufgrund von Namensähnlichkeit, deren Opfer Klein wurde: Immer wieder, rekonstruiert Jungen Wolfs Ausführungen, wird sie mit der neurechten Autorin Naomi Wolf verwechselt, die teils ähnliche Themen bearbeitet wie sie selbst, aber mit ganz anderer Zuspitzung. Klein betrachtet Wolf als ihre dunkle Doppelgängerin, liest Jungen weiter, und plötzlich sieht sie überall im politischen Raum Doppelgängerinnen. Insgesamt findet der Rezensent diese Passagen etwas narzisstisch, Klein bringt implizit immer wieder die eigene Wichtigkeit ins Spiel, und dass sie eben das reflektiert - auch die Marke Naomi Klein, erkennt sie, wird zu ihrer eigenen Doppelgängerin - macht die Sache nur bedingt besser. Später geht es dann allerdings, fährt Jungen fort, eh vor allem gegen den Kapitalismus, gegen den Klein zufolge auch die Verschwörungsgläubigen von rechts ihre Wut richten könnten. So weit so manchmal ganz schlüssig, aber wenn es am Ende gegen Israel geht, steigt der Rezensent endgültig aus. Auch Israel, liest er bei Klein, ist ein Doppelgänger, und zwar des europäischen Nationalismus, radikal komplexitätsreduziert geht es jetzt zu, der Iran wird nicht erwähnt, dafür die Rede von Palästinensern als den neuen Juden. Das geht mal gar nicht, findet Jungen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 12.10.2024
Ein großartiges, gerade aus deutscher Perspektive teils aber auch problematisches Buch legt Naomi Klein hier vor, meint Rezensent Bernhard Heckler. Klein arbeitet sich darin, erfahren wir, an allen großen Aufregerthemen dieser Zeit ab und landet bei einer wuchtigen Kritik rechtspopulistischer Rhetoriken. Ausgehend von dem bloßen Zufall einer Namensähnlichkeit, die dafür sorgt, dass die Autorin oftmals mit Naomi Wolf verwechselt wird, einer ehemaligen Liberalen, die inzwischen nach rechts und ins Umfeld Steve Bannons abgerutscht ist, verknüpft sie, heißt es weiter, ihre Analysen mit popkulturell unterfütterten Ausführungen zum Doppelgängermotiv. Aber welche Passagen sind denn nun problematisch? Es geht, wieder mal, um Israel, erfahren wir, Heckler möchte nicht ganz mitgehen, wenn Klein das Land einerseits zu Wiedergängern europäischer Chauvinisten, andererseits zu einem Doppelgänger des historischen Kolonialismus macht. Wobei Klein auch in Sachen Israel und Palästina einige wunde Punkte trifft, gesteht der Rezensent ein und ihr zum Beispiel darin zustimmt, dass der palästinensische Antisemitismus sicherlich nicht mit dem deutschen gleichzusetzen ist. Insgesamt ist das ohnehin, schließt der von Klein sichtlich inspirierte Rezensent, ein sehr kluges Buch, das geschickt politische und psychoanalytische Ansätze unter einen Hut bringt.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 10.10.2024
Es ist schon doof, wenn man verwechselbar ist: Naomi Klein, Pasionara der Globalisierungs- und der Israelkritik, wurde oft mit Naomi Wolf verwechselt, die vor langer Zeit einen Klassiker des Feminismus - "Der Mythos Schönheit " - veröffentlicht hatte, dann aber nach rechts und in die Corona-Querdenkerszene abdriftete. Nils Markwart bespricht Kleins vom Persönlichen ausgehende Analyse des Verschwörungsdenkens und ist alles in allem zufrieden mit Kleins Gedankenführung. Anerkennend berichtet er, dass Klein durchaus auch sich selbst, oder zumindest ihre Sphäre kritisch beleuchtet. Offenbar stellt sie zum Beispiel das "woke" Denken vieler heutiger Linker im Namen einer eher klassischen und marxistischen Linken in Frage, die von sozialen Fragen herkommt. Als Reflexion über heutige Polarisierungen findet er Kleins Buch jedenfalls recht interessant, obwohl er es auch wünschenswert gefunden hätte, wenn Klein ihren "Appell zur Komplexitätserhöhung" doch auch etwas dringlicher an sich selbst gerichtet hätte.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 10.10.2024
Sehr kurz bespricht Susanne Billig dieses immerhin 500 Seiten dicke Buch und kann sich dabei nicht allzu genau auf die Argumentationen der Autorin einlassen, denen sie einen gewissen Assoziationsreichtum attestiert. Anhand ihrer "Doppelgängerin" Naomi Wolf, mit der sie oft verwechselt worden sei, studiere Klein, wie eine einst renommierte Autorin nach und nach ins Querdenkertum abgedriftet sei. Dabei scheint Klein aber ihre Sympathie nicht ganz aufzugeben, denn laut Rezensentin billigt sie den Rechtspopulisten zu, die richtigen Fragen zu stellen, sie nur falsch zu beantworten, also ein bisschen ähnlich wie hierzulande Sahra Wagenknecht. Es liest sich in Billigs Kritik, als rate Klein, von "woker" Identitätspolitik abzugehen und als Linke die soziale Frage neu zu stellen. Aber es kommt natürlich auch vieles andere vor, vom Arm-Reich-Gegensatz, bis zum Leid der Palästinenser, das der BDS-Anhängerin Klein sehr am Herzen liegt.