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Efeu - Die Kulturrundschau

In verführerische Arrangements gegossen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.02.2018. Die SZ lernt beim Schauspieler Thomas Schmauser den Wert eines Berufsinformationszentrum erkennen. In der NZZ fordert Hans Magnus Enzensberger energisch die Einführung von Hemd Studies an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Die taz besucht eine Tagung über die Geschichte widerständiger Musik in totalitären europäischen Staaten. Die NZZ steigt hinab in das "gemeingefährliche Universum" der Künstlerin Manon.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.02.2018 finden Sie hier

Design

In der NZZ begeistert sich Hans Magnus Enzensberger fürs maßgeschneiderte Hemd und bedauert, dass die Geisteswissenschaften bislang keine Hemd Studies hervorgebracht haben: Denn "Die Geschichte des Hemdes ist nur lückenhaft erforscht. Das Wort scheint etwas Verhüllendes zu bedeuten. Fest steht nur, dass jedes Hemd eine Öffnung für den Hals und zwei für die Arme bereithalten muss. Offenbar hat das Ur-Hemd einmal den ganzen Körper bedeckt." Das heutige Hemd für Herren "ist erst im 16. Jahrhundert aufgekommen, und zwar in Westeuropa; dieser Erdteil hat nicht nur Verhängnisse über die Welt gebracht, sondern auch so willkommene Gaben wie den Badeanzug, die Brezel und das Hemd."
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Kunst


Manon, Der Wachsaal, 2018, Room Installation, Foto: Kilian Bannwart

Daniele Muscionico steigt für die NZZ hinab in den Keller der Zürcher Galerie "Last Tango" und das "gemeingefährliche Universum" der Künstlerin Manon, die dort ihre Installation "Der Wachsaal" aufgebaut hat. Es "ist eine Körper- und Raumerfahrung der schmerzlichen, weil analogen Art. Allein der Gang in die Tiefe, in eine Katakombe unterhalb der Galerieräume. Mit jeder Treppenstufe sinkt die Umgebungstemperatur, verändert sich die Wahrnehmung fatal. Im Fühllosen angekommen: Gitterbetten, gleißendes Licht, punktgenau den Tatort benennend, gleißend helle Unschulds-Linnen, geglättet ohne Bruch, weich in der Textur. In diesem Horrorhöllenhimmel dämmert das Böse, das das Gute will. Der Teufel bleibt ausgesperrt, dafür sorgen die Medikamente, sie liegen in verführerische Arrangements gegossen bereit."

Besprochen werden die Eduardo-Paolozzi-Schau "Lots of Pictures - Lots of Fun" in der Berlinischen Galerie (Welt), eine Ausstellung der Stickbilder von Oliver Rincke in der Berliner Galerie Art Cru (Tagesspiegel), eine aus der Sammlung des Pariser Louvre zusammengestellte Ausstellung im Louvre-Ableger von Abu Dhabi (NZZ), die Basquiat-Ausstellung in der Frankfurter Schirn (Standard), eine Ausstellung von Josef Mikl im Wiener Museum Musa (Standard) und die Gabriele-Münter-Ausstellung im Münchner Lenbachhaus (FAZ-Kritiker Patrick Bahners erklärt den Ausstellungsmachern en detail, was sie übersehen haben und wo sie falsch liegen).
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Musik

Für die taz hat Robert Mießner in Lissabon eine Tagung über die Geschichte experimenteller und widerständiger Musik in den totalitären europäischen Staaten besucht. In der FAZ spricht Jan Brachmann mit Andris Nelsons über dessen Pläne mit dem Leipziger Gewandhausorchester, bei dem er am 11. März als neuer Kapellmeister antritt. Für das ZeitMagazin plaudert Christoph Dallach mit David Byrne.

Besprochen werden der von Kendrick Lamar zusammengestellte Soundtrack zu "Black Panther" (taz), das neue Album von U.S. Girls (Standard) und neue POpveröffentlichungen, darunter das jetzt auch in Deutschland erschienene Album "A Ta Merci" von Fishbach (ZeitOnline).
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Film

Die letzten Berlinale-Tage sind angebrochen: Warum sich Bundestagsabgeordnete Markus Imhoofs Dokumentarfilm "Eldorado" ansehen sollten und was es auf dem Festival noch zu entdecken gibt, erfahren Sie im ausführlichen Pressespiegel in unserem Berlinale-Blog,

Besprochen werden Christian Schwochows vom ZDF online gestellte Serie "Bad Banks" (Welt), David Simons auf DVD erschienene Serie "The Deuce" über das New York der 70er (Spex) und Steven Spielbergs "Die Verlegerin" (FR, Tagesspiegel, dazu mehr im gestrigen Efeu).
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Literatur

In der FR ruft Reinhart Wustlich den historischen Kontext der Nachkriegszeit in Erinnerung, innerhalb dessen man Eugen Gomringers Gedicht "avenidas" lesen müsse, das nun von der Alice-Salomon-Hochschule entfernt werden soll: "Im Nachhall zu Zeiten propagandistisch überformter, entfremdeter Sprachen (...) trat die von Eugen Gomringer vertretene 'Konkrete Poesie' für das Konkrete, die Realität der Sprache ein und damit gegen deren Verfremdung." Es waren "dunkle Zeiten, aus denen 1953 die Sprache kam, in denen sie erneut zu überleben hatte. Aus dem Damals heraus verstanden, ist Eugen Gomringers Gedicht 'avenidas' eines der Hoffnung, losgelöst, losgelöst vom Vergangenen. Es kommt aus dem Mangel, der Enge, der existenziellen Bedrängtheit, aus geistiger Bedrohung."

Außerdem: Die Jungle World bringt einen Auszug aus Jovana Reisingers Debüt "Still halten". Besprochen werden Monika Marons "Munin oder Chaos im Kopf" (NZZ), Adam Hasletts "Stellt Euch vor, ich bin fort" (NZZ), Wallace Strobys Krimi "Fast ein guter Plan" (Welt) und Émilie de Turckheims "Popcorn Melody" (SZ).
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Bühne

Für die SZ amüsiert sich Christine Dössel mit dem Schauspieler Thomas Schmauser, der gerade am Münchner Residenztheater für Ibsens "Volksfeind" probt, im Gespräch dann aber "erstaunlich entspannt" ist: "Thomas Schmauser, Sohn einer 'ganz normalen' fränkischen Arbeiterfamilie, war Bankkaufmann bei der Kreissparkasse Bamberg, als er spürte, dass er dieses 'Lebensförmchen' nicht ausfüllen kann: 'Plötzlich sah ich den Horror, der vor mir lag.' Er konnte den Bankmenschen spielen - und springt auf und spielt vor, wie er Kunden begrüßte -, aber leben konnte er so nicht. Er dachte an etwas Künstlerisches, da brauche man kein Abi und müsse nicht so viel arbeiten. Seine Rettung war das BIZ Bamberg, das Berufinformationszentrum. Drei VHS-Kassetten mit Vorschlägen zog er sich rein: Steinmetz, Malerei, Schauspiel. Er entschied sich für die Schauspielerei, 'weil für die bildende Kunst', so habe er sich damals gedacht, 'musst scho a bissl wos könna'."

Besprochen werden "Der Prinz, der Bettelknabe und das Kapital" von Volker Lösch und Christine Lang am Theater Essen (nachtkritik), Nadav Zelners Choreografie "Bullshit" bei Gauthier Dance in Stuttgart (FR) und die Castorf-Hommage "Partisan" auf der Berlinale (nachtkritik).
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