Efeu - Die Kulturrundschau

Dann gehen wir. Leise

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23.06.2022. Olaf Scholz bleibt der Documenta fern, Taring Padi steht unter Polizeischutz - und die Zeit fragt: War die Durchführung der Documenta ein Verstoß gegen den BDS-Beschluss des Bundestags? Müssen die Grenzen der Kunstfreiheit neu gezogen werden? Die Welt blickt auf die durchsubventionierte Sorglosblase der Dresdner Staatskapelle, die mit dem von #metoo-Vorwürfen verfolgten Daniele Gatti den Neuanfang wagen will. Die Filmkritiker finden keinen Draht zu Baz Luhrmanns "Elvis".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2022 finden Sie hier

Kunst

Olaf Scholz will der Documenta fernbleiben, die antisemitischen Abbildungen nannte er gegenüber der Jüdischen Allgemeinen "abscheulich". Die Zeitung wiederum fordert den Rücktritt von Claudia Roth.


Taring Padi steht derweil unter Polizeischutz, berichten Claas Oberstadt und Tobias Timm in der Zeit, die auch mit dem Kollektiv gesprochen hat: "'Wir waren naiv' sagt ein Mitglied von Taring Padi, das seinen Namen nicht genannt wissen will, am Dienstag der Zeit: 'Als wir das Banner aufbauten, fielen uns die beiden Figuren nicht auf. Wir machten uns mehr Sorgen um die roten Sterne, die immer wieder in unseren Arbeiten auftauchen. Wir hatten Angst, dass die Menschen jetzt während des Kriegs in der Ukraine den roten Stern mit der russischen Armee gleichsetzen würden. Wir waren ziemlich besorgt deshalb.'" Protestieren gegen den Abbau wollen sie nicht: "Wir werden es nicht freiwillig abnehmen. Wir sind allerdings Gäste hier, wir werden keine Verwüstung anrichten im Haus unseres Gastgebers. Das ist unser Prinzip. Wenn man uns nicht mehr willkommen heißt, dann gehen wir. Leise."

"Müssen die Grenzen der Kunstfreiheit neu gezogen werden?", fragt Hanno Rauterberg ebenfalls in der Zeit, auch mit Blick auf die Rede Steinmeiers, der die Anerkennung Israels in Deutschland als Voraussetzung der Debatte benannte: "So kann man das natürlich machen: von den Künstlern aus aller Welt verlangen, dass sie die Staatsräson der Deutschen, ihre 'kulturspezifischen' Vorbehalte beherzigen. Das hat jedoch seinen Preis. Schließlich war die Freiheit der Kunst ja auch und gerade für Quertreiber gedacht, für ihre widrigen Ideen, ihre politisch-moralischen Abstrusitäten. Wer sie jetzt, aus verständlichen Gründen, einhegen will, erweckt nicht nur im globalen Süden den Eindruck, dass der ach so freie Westen auf seine Weise ganz schön unfrei und ausgrenzend sein kann." Rauterbergs Konsequenz: "Die alte Idee einer alles und alle einbindenden Weltkunstschau kann nicht gelingen, sie verdankt sich einem kolonialen Denken, das nicht mehr in die Zeit passt."

"Es ist nach wie vor richtig, dass der Staat sich nicht in praktische Belange der Kultur einzumischen habe, auch nicht schnüffelnd, aber wenn er nicht einmal für Gremien sorgt, die ein großes Kulturereignis überblicken, dann bleibt das nicht ohne Folgen", schreibt indes Thomas E. Schmidt in der Zeit. Aber: "Es wird ihm in Zukunft schwerer fallen, sich herauszuhalten, wo 42 Millionen Euro öffentliches Geld für ein Kulturevent ausgegeben werden. Das ist für die Kunst langfristig nicht gut. Fällt die Documenta fifteen nun also unter den Bundestagsbeschluss in Sachen BDS von 2019, der Kulturveranstaltungen öffentlich zu fördern untersagt, wenn der israelbezogene Vernichtungswille von BDS im Spiel ist? War die Durchführung der Documenta sogar ein Verstoß gegen diesen Beschluss?" Und Peter Kümmel kann in der Zeit nicht fassen, wie die Verantwortlichen zunächst auf die Idee der Verhüllung kommen konnten. (Mehr im heutigen 9Punkt)

Kommunen, Kollektive, Kooperativen, Kunst nicht als Markt gedacht - das sind alles Ideen, die es auch im Westen schon lange gibt, erinnert Peter Richter in der SZ. "Was vor diesem Hintergrund bei dieser Documenta besonders bemerkenswert ist, das ist die Entschlossenheit zur diskursiven Exotisierung solcher Dinge als Offenbarungen eines 'globalen Südens', der 'dem Norden' beziehungsweise 'dem Westen' bisher ungesehene Lichter aufstecke." Zumal schon der Begriff "globaler Süden" problematisch sei. "Seit vier Monaten kämpft die Ukraine nun explizit dafür, dem Westen angehören zu dürfen, der in dieser simplen Dichotomie zum Norden wird. Seit vier Monaten wird dieser Westen jetzt täglich aufs Neue zu Hilfe gerufen und als Wertegemeinschaft beschworen, während Russland das Land in eine ganz andere Richtung zu ziehen versucht und sich auffällig viele Länder des Südens lieber nicht zu eindeutig auf eine Seite schlagen wollen." Da klingen die alten Begriffe von Erster, Zweiter und Dritter Welt für Richter "wieder deutlich zeitgemäßer als die Romantisierung eines 'globalen Südens' für sein begeistert über den Kamm geschorenes Nicht-westlich-sein bei einer Kunstausstellung im vergleichsweise auch in Fragen der finanziellen Ausstattung sehr hohen Norden."

"Den Makel der Fahrlässigkeit, den Stempel des Antisemitismus wird diese Documenta nicht mehr los", kommentiert Nicola Kuhn im Tagesspiegel.

Besprochen werden die Ausstellung "Weißer Regen" der Künstlerin Harriet Groß in der Berliner Guardini Galerie (Tagesspiegel), die Ausstellung "Cranach der Wilde. Die Anfänge in Wien" im KHM in Wien (FAZ) und die Ausstellung "Mondrian Evolution" in der Basler Fondation Beyeler (Welt).
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Literatur

In der Zeit findet es Iris Radisch nach längerem Überlegen unsinnig, dass es jetzt zwei PEN-Clubs gibt: Die "schwarz-weiße Erzählung von den provinziellen Wut-Künstlern und den smarten Hauptstädtern, die alles besser können, ist selbst dann noch fatal, wenn sie zutreffen sollte. Warum? Weil sich mit der Spaltung des PEN in einen zukunftsfrohen Berliner und einen hinterwäldlerischen Darmstädter Teil die Spaltung der deutschen Gesellschaft in eine urbane und erfolgreiche Leitkultur und eine provinzielle und verbitterte Kultur der Abgehängten, deren bessere Tage tief in die Kohl-Republik zurückreichen, wiederholt und vertieft."

Gestern begannen die 46. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Hier die Eröffnungsrede zur Literatur von Anna Baar. "Am Donnerstag, 10 Uhr geht's los, bis Sonntag, 17 Stunden lang auch live auf 3 Sat zu sehen", annonciert Gerrit Bartels im Tagesspiegel. In diesem Jahr sind alle anwesend, schreibt Cornelia Geisler in der Berliner Zeitung, "ein bisschen hybrid bleibt das Ganze dennoch. Die Lesungen finden vor Publikum als Open Air statt, wo Viren besser wegfliegen können. Nur die Jury sitzt im Studio beieinander. In der Diskussion begegnen sie sich nur virtuell." Die SZ druckt den ersten Teil von Sasha Marianna Salzmanns Einführung in das internationale Festival "Mit Sprache handeln", das bis Samstag im Literarischen Colloquium Berlin stattfindet. Außerdem unterhält sie sich mit Mithu Sanyal über gute und schlechte Bücher.

Besprochen werden Charlotte Wiedemanns Band über Holocaust und Weltgedächtnis "Den Schmerz der Anderen begreifen" (FR), Carsten Gansels Buch über Otfried Preußlers frühe Jahre "Kind einer schwierigen Zeit (Tsp), Gerhard Roths Roman "Die Imker" (FAZ), Jean-Louis Giovannonis Gedichtband "Den Toten bewachen / Garder le mort" (FAZ), Teresa Präauers Erzählung "Das Mädchen" (FAZ), Timo Feldhaus' "Mary Shelleys Zimmer" (SZ), Gudrun Krämers Buch über Hasan al-Banna und die Muslimbrüder "Der Architekt des Islamismus (Zeit), Heinz Strunks Roman "Ein Sommer in Niendorf" (Zeit), ein Buch über Josefine Mutzenbacher (Zeit) und Anna Burns' Debütroman Amelia" (Zeit).
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Film



Baz Luhrmann erzählt in seinem Film "Elvis" die Geschichte des Rockstars aus der Perspektive von Manager Colonel Tom Parker. "Von der Frage, wie berechtigt der Anspruch der grauen Manager-Eminenz auf den Erfolg seines Mündels gewesen sein könnte, hängt in der Folge viel ab - die Dramatik des Films ebenso wie Luhrmanns künstlerisches Gelingen", erklärt in der NZZ Ueli Bernays. Und so richtig gelingt das eben nicht, meint er. "In einer Hinsicht aber ist 'Elvis' herausragend. Die musikalische Tonspur lebt von berauschender Dichte. Das liegt weniger an den unterschiedlichen Musikern und Musikerinnen, die wie etwa Doja Cat, Jack White, Jazmine Sullivan, Denzel Curry und Eminem den Soundtrack bereichern. Es liegt vor allem am lebendigen Mix. Die Elvis-Songs sind an Arrangements gekoppelt, in denen die Gospel- oder Blues-Einflüsse noch nachklingen. Andere Stücke wiederum werden durch zeitgenössische Sounds ergänzt. Es klingt dann, als würde man aus einer R'n'B-Produktion der fünfziger Jahre bereits ihr späteres Echo im zeitgenössischen Pop heraushören. So verleiht die Musik dem Film eine Aktualität und Spannung, die man auf der dramatischen Ebene vermisst."

Luhrmann mag vielleicht ein "Elvis der Bilder" sein, "nur zu dem aus Memphis findet er keinen Draht", urteilt Daniel Kothenschulte in der FR. "Schon der Einfall, ausgerechnet Colonel Parker, den missbrauchenden Manager, zum eigentlichen Handlungsträger aufzubauen, wertet Elvis ab. Der US-amerikanische Kritiker David Ehrlich verglich es mit einem Britney-Spears-Biopic, das von ihrem Vater erzählt würde."

Der Film hätte so interessant sein können, bedauert in der SZ Susan Vahabzadeh: "Man muss nicht unbedingt die Priscilla-Presley-Perspektive des Films übernehmen, da kommt es einem manchmal so vor, als wäre Elvis, hätte ihn Colonel Parker nicht daran gehindert, höchstpersönlich beim Marsch auf Washington vorangegangen. Aber das Nebeneinander von Elvis, der den Erfolg schwarzer Musiker nun mal irgendwie erst ermöglicht hat, den Sittenwächtern und der Bürgerrechtsbewegung hat seinen Reiz. Leider muss man sie aber erst in einem Filmschnipselsalat freilegen, der aus zu kurz geratenen Szenen, Symbolen, Splitscreens und allerhand buntem Blödsinn besteht, der jeden Erzählfluss erstickt." Weitere Besprechungen in der taz, Berliner Zeitung, Standard, Welt und Zeit.

Besprochen werden außerdem Jonas Carpignanos "Chiara" (FR, taz, Tsp), Nicolette Krebitz' "A E I O U" (Standard), Thomas Oswalds Doku "Tics - Mit Tourette nach Lappland" (taz), Kirill Serebrennikows "Petrov's Flu"(NZZ) Hannes Thór Halldórssons "Cop Secret" (perlentaucher, taz), Ko Myoung-Sungs "The 12th Suspect" (perlentaucher), Marie Kreutzers Sisi-Film "Corsage" beim Münchner Filmfest (SZ) und Scott Derricksons Thriller "The Black Phone" (SZ).
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Bühne

Die Theater sind längst wieder geöffnet - und doch ist die Auslastung vieler deutschsprachiger Häuser um zwanzig bis dreißig Prozent zurückgegangen, weiß Nachtkritikerin Sophie Diesselhorst. Das liegt nicht nur an der Pandemie, wie sie einer Anfang 2020 erschienenen Studie von Birgit Mandel und Moritz Steinhauer vom Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim entnimmt: "Nur ein Drittel der Bevölkerung ist überhaupt an klassischen Theaterangeboten interessiert - darunter überdurchschnittlich viele Frauen, ältere Menschen, Hochgebildete und Großstadtbewohner:innen, lautete ihr zentrales Ergebnis, das nicht überrascht, wenn man auch nur stichprobenartig auf Theater-Publika schaut und Auslastungszahlen vergleicht." Die Studie ergab aber auch, "dass 86 Prozent der Bevölkerung trotzdem dafür sind, dass Theater weiter aus öffentlicher Hand gefördert wird. Die Diskrepanz zwischen Ja zu Theaterförderung und Nein zum Theater selbst kann eigentlich nur mit dem Image von Theater als verstaubter Hochkultur-Weihestatt zu tun haben."

Außerdem: Der Standard gibt einen Überblick zu Saison der Sommertheater. In der FAZ bilanziert Marthin Lhotzky die Wiener Festwochen: "Wir haben Produktionen von bestechender Einfalt und verblüffendem Scharfsinn gesehen." Besprochen werden Jossi Wielers Inszenierung der "Meistersinger von Nürnberg" in der Deutschen Oper Berlin (FR), das Stück "Bad Roads", zu dem die ukrainische Dramatikerin Natalya Vorozhbit auch einen Film gedreht hat und das den Krieg im Donbass verarbeitet (taz) und Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Goethes "Die Leiden des jungen Werther" am Münchner Residenztheater (nachtkritik).
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Musik

Gerade mal zwei Jahre jünger als Christian Thielemann ist Daniele Gatti, den sich die Dresdner Staatskapelle als neuen Dirigenten wünscht, und von #metoo-Vorwürfen verfolgt - ein Neuanfang sieht anders aus, meint Manuel Brug in der Welt: "Der bei #MeToo wie auch in der aktuellen Ukraine/RusslandPositionierung weitgehend Moral vermissen lassende Klassikbetrieb stellt sich mit dieser keineswegs in die Zukunft weisenden, nicht wirklich überraschenden Personalentscheidung ein mieses Zeugnis aus." Ausschlaggebend bei der Entscheidung war laut Staatskapelle auch Gattis "internationales Renommee". Damit sollen wohl, vermutet Brug "bis vor Kurzem einzig noch ertragreichen Asientourneen" gerettet werden. "Japan wie China sind weiter pandemieverschlossen, und China ist politisch anrüchig. Augen und Ohren zu und durch? Die Staatskapelle in ihrer durchsubventionierten Sorglosblase scheint daran zu glauben. Und dem Betrieb scheint, allem Rufen nach weiblicher, jüngerer, diverser Leitung, Gatti immer noch wichtig genug. Trotz der Missbrauchsvorwürfe hat ihn im Macholand Italien die Oper Rom sofort als Musikchef engagiert."

Claus Lochbihler hat sich für die NZZ mit Andrew Bird unterhalten, "ein Musiker, der sich sein eigenes Genre erschaffen hat, indem er sein eigenes Musizieren, sein Songwriting und seine Umgebung immer wieder neu erforschte. Der singende Geiger, der exquisit pfeifen kann und sich auf der Violine, dem Ursprung seines Musizierens, gerne loopt, firmiert dabei meistens unter Bezeichnungen wie 'Folk-Pop', 'Indie-Rock' oder 'Indie-Folk'. Der Vielfalt seiner Musik wird das kaum gerecht: Sie reicht von Instrumentalaufnahmen, die in Flussbetten oder Canyons entstanden sind, über Filmmusik bis hin zu Duetten mit Musikerinnen wie St. Vincent und Fiona Apple. Manchmal liefert Bird auch trockene Roots- und Americana-Alben ab, dann geigt und loopt er sich wieder in Klangskulpturen hinein, über die er wie ein Jazzer improvisiert."

Wir hören rein in sein neues Album "Inside Problems":



Weitere Artikel: Maria Häußler berichtet in der Berliner Zeitung von der Fête de la Musique in Berlin, bei der am Dienstag auch ukrainische Musikerinnen auftraten, wie Jens Uthoff in der taz erzählt. In der FAZ gratuliert Jan Wiele Hannes Wader zum Achtzigsten.

Besprochen werden das Konzert von Pearl Jam in Berlin (die treten das Erbe der Stones an, meint Martin Wittmann in der SZ, "schön war's doch", bekennt Wolfgang Schneider in der FAZ), ein Konzert von Alicia Keys in Berlin (Tsp) und ein Benefizkonzert für die UNO-Flüchtlingshilfe mit Daniel Barenboim am Klavier (Tsp).
Archiv: Musik