In der FAZ resümiert Wiebke Hüster den Streit um den Musikalischen Direktor des Stuttgarter Balletts Mikhail Agrest, dessen Vertrag nicht verlängert wird, was das Ballett fünfzigtausend Euro kostet. In der NZZ schaut Christian Wildhagen den ESC-Kontest aus der Sicht eines Opernkritikers.
Staatsschauspiel Dresden: Peer Gynt. Foto: Sebastian Hoppe Elena Philipp berichtet auf nachtkritik vom Theaterfestival "Augenblick mal!", das Produktionen für Kinder und Jugendliche produziert. Toll ist die Vielfalt, in der sich das junge Theater hier in Berlin zeigt. Besonders gelungen findet Philipp unter anderem eine "Peer Gynt"-Inszenierung der Bürger:Bühne am Staatsschauspiel Dresden: "Ibsens Peer Gynt, der sich selbst sucht und doch nicht finden kann, wird bei Joanna Praml und ihrem jugendlichen Ensemble als Figur aktualisiert: zu einer jungen Person, die gerne in den Sozialen Medien ankommen möchte, zugleich aber die hohlen Personae der Influencer durchschaut und die Einsamkeit zwischen den Dopamin-Höhenflügen fürchtet. Wobei: Alle zehn Mitwirkenden sind Peer Gynt, alle wollen sie die Hauptrolle spielen und fighten auf offener Bühne erst einmal um ihren Platz im Ensemble. Form und Inhalt sind aufs engste verschränkt: Peer Samuelsson wedelt mit einem Pass - er ist der richtige Peer, trägt er doch den selben Vornamen; und Norwegisch spricht er auch."
Michael Stallknecht ist in der NZZziemlich überzeugt davon, wie Romeo Castellucci am Grand Théâtre de Genève Pergolesis "Stabat Mater" auf die Bühne bringt. Besonders gut machen ihre Sache die beiden Solisten, Sopranistin Barbara Hannigan, die außerdem als Dirigentin fungiert, und der Counter-Tenor Józef Orliński. Die beiden "gehen durchaus unterschiedlich an Pergolesis Musik heran: Hannigan vertieft sich fast veristisch in die Schmerzen Marias, lässt Konsonanten knattern, bohrt sich in Spitzentöne hinein, führt die Stimme auch in extreme Piano-Regionen, in verhauchte Klänge. Orliński wählt feinere Mittel, arbeitet mit abschattierten Vokalfarben und subtil geschärften Intonationstrübungen, verlässt sich daneben aber vor allem auf den Klang seiner Stimme, einer der schönsten Counterstimmen der Gegenwart."
Weitere Artikel: Ester Slevogt denkt auf nachtkritik darüber nach, welchen Tonfall Kulturschaffende bei ihren Protesten gegen Budgetkürzungen anschlagen sollten. Intendanten sollten dem Opernpublikum auch ideologisch fragwürdige Stoffe zumuten, findet Holger Noltze auf van.
Besprochen werden Schuberts "Winterreise" in der Choreographie Christian Spucks am Staatsballett Berlin (taz, "schön anzusehen ..., aber dann doch auch etwas einseitig und konventionell") und eine Bühnenfassung von Heinz Strunks Roman "Sommer in Niendorf" am Hamburger Schauspielhaus (taz, "Das Monströse der Hauptfigur und die Substanz des Buches bleiben ... auf der Strecke") und eine Inszenierung von Antonio Vivaldis "Griselda" am Königlichen Theater Kopenhagen (die FAZ hebt in einer ansonsten ambivalenten Besprechung die hervorragende Arbeit des Dirigenten Lars Ulrik Mortensen hervor).
Szene aus "Drei Winter" am Theater Osnabrück. Foto: Joseph Ruben. In "vielstimmigen Wimmelbildern puren Lebens" erlebt taz-Kritiker Jens Fischer in Kathrin Mayrs Inszenierung von Tena Štivičićs Stück "Drei Winter" am Theater Osnabrück die Geschichte Kroatiens. Und zwar als "stimmungs- wie humorvolles und emotionssattes" Familienepos: "Ein Szenenreigen der Streitereien - zwischen Generationen, Geschlechtern sowie werdenden, scheidenden und nicht zusammenkommenden Paaren. Wobei offenbar wird, dass die Konflikte häufig auf unterschiedlichen Erlebnissen in unterschiedlichen Gesellschaftsformen beruhen (...) Die Beziehung von Einst und Jetzt verdeutlichen Szenen aus drei politischen Wendejahren Kroatiens. 1945: Die im 2. Weltkrieg Traumatisierten gehen als glühende Kommunisten an den neuen Aufbau Jugoslawiens. 1990: Rosa wird begraben und der durch den Titoismus sozialisierte Nachwuchs traumatisiert vom eskalierenden Nationalismus, dem Zerfall Jugoslawiens und dem Balkankrieg. 2011: Die Jüngsten docken mit dem Beginn der EU-Beitritt-Verhandlungen Kroatiens als Täter und Opfer vollends an den globalisierten Kapitalismus an."
Besprochen wird Jessica Glauses Adaption von Saša Stanišićs Roman "Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne" am Theater Freiburg (taz), Lucien Haugs Adaption von Olga Tokarczuks Roman "Empusion" am Theater Basel (NZZ) und die One-Man-Show "Zack. Eine Sinfonie" mit Wolfram Koch bei den Ruhrfestspielen (FAZ).
Carl Hegemann ist tot: Der "führende Kopf der Volksbühne", wie Christine Dössel ihn in der SZ nennt, wurde 1949 in Paderborn geboren, hat Philosophie und Soziologie studiert und ist dann zum Theater gekommen, wo er unter anderem mit Frank Castorf und Christoph Schlingensief eng zusammengearbeitet hat. Dössel hat an ihm geschätzt, "dass man ihn jederzeit zu einem Thema aus dem Bereich Theater und Kunst anrufen konnte, und sogleich sprudelte er drauflos, geistreich, klug, begeistert. Er zückte Hilfreiches aus seinem reichen Wissensfundus und anekdotisch Funkelndes aus seinem Erfahrungsschatz, holte aus, schweifte ab. Er war dabei immer lustig, freundlich und persönlich." Jakob Hayner fügt in der Welt zu seiner Arbeitsweise an: "Er ließ die Tradition des Geistigen lebendig werden und mit der Gegenwart zusammentreffen. Als Dramaturg war er kein stiller Zuarbeiter der Regie, sondern die Instanz, die über das Verhältnis von Theater und Welt, von Realität und Schönheit Auskunft zu geben hatte. Und das konnte manchmal dauern, war jedoch stets erkenntnisreich." Peter Kümmel erinnert in der Zeit an einen Mann, für den das Theater ganz selbstverständlicher Teil des (öffentlichen) Lebens war: "Den Dramaturgen, den Theatermann, den listigen In-Theaterfoyers-Herumsteher und Das-Kunstbiotop-Beäuger spielte er mit Genuss. Er wollte, dass das Theater ein 'organischer Teil der Stadtentwicklung' ist. In seinen Worten: 'Wenn die Stadt Berlin eine Theaterstadt ist, dann gibt es keinen Grund, warum hier nur Architekten bauen, im Monumental-Stil oder im Adlon-Stil. Dann müssen auch Bühnenbildner in der Stadt wirken.'" Weitere Nachrufe im Tagesspiegel, in der Nachtkritik, der FAZ, der FR und der Taz.
"Le Petit Pauvre d'Assisi." Foto: Jochen Quast.
Dass der Intendant Kay Metzger und sein Generalmusikdirektor Felix Bender Charles Tournemires Oper "Le Petit Pauvre d'Assisi" 86 Jahre nach ihrer Fertigstellung am Theater Ulm uraufführen, ist für FAZ-Kritiker Jan Brachmann nicht weniger als ein "Wunder": Die Geschichte von Franz von Assisi erzählt Tournemire mit Texten von Joséphin Péladan "franziskanisch in der Ästhetik durch und durch, karg, konzentriert, zart, aber von glühender Radikalität. Dass ein Werk von solcher Eindringlichkeit mehr als vier Generationen verschütt bleiben konnte, ist schwer zu erklären, vielleicht durch den baldigen Tod des Autors, den Rezeptionsabbruch des Zweiten Weltkriegs und den Lärm der Nachkriegsavantgarden, die jeden Blick zurück ästhetisch kriminalisierten (…) Die syllabischen, leichtfüßigen Dialoge werden von Bender und dem Philharmonischen Orchester der Stadt Ulm gleichsam getupft grundiert. Aber in den Verwandlungsmusiken kann sich die hymnische Gewalt Tournemires entfalten, die trotzdem vor sensuellem Kitsch und spiritueller Pornographie einer parfümierten Boudoir-Symphonik zurückschreckt. Mit zarten, aller funktionsharmonischen Erklärbarkeit entrückten Streicherakkorden nach dem Tod des Heiligen, die gleichermaßen kühn wie taktvoll nur andeuten, was wir nicht wissen können, endet die Oper so berührend wie verstörend." Weitere Besprechung in der Neuen Musikzeitung.
Besprochen wird außerdem CathyMarstons neuer Ballettabend "Countertime" am Opernhaus Zürich (NZZ).
Szene aus "Collateral Damage" am Schauspiel Köln. Foto: Ivan Kravtsov. Ein "rasanter kleiner Thriller mit Anflügen von 'Succession'" ist Yael Ronen mit ihrem Stück "Collateral Damage" am Schauspiel Köln gelungen, nickt SZ-Kritiker Alexander Menden. Mit ihrer Story um eine Familie, die berät, wie sie mit dem problematischen Erbe (einem in einem schmutzigen Deal erworbenen Goya-Gemälde) des sterbenden Vaters umgehen soll, hat sich Ronen ziemlich viel auf einmal vorgenommen, findet Menden. Aber es funktioniert größtenteils hervorragend, vor allem, weil Ronen "einfach mal die Aristotelischen Einheiten von Zeit, Raum und Handlung einhält". "Dass sich dieses moralische Ringen vor dem Hintergrund diverser angedeuteter kataklysmischer Ereignisse im ganzen Land, ja: der Welt abspielt, verleiht ihm nicht nur Dringlichkeit. Es wird dadurch auch zu einem Sinnbild der Auflösung von Sicherheiten und Gewissheiten der Protagonisten. Das kann nur apokalyptisch enden. Der titelgebende Kollateralschaden sind am Ende aber weniger das Gemälde oder irgendwelche anderen materiellen Dinge, sondern jeder ethische Anspruch, den die Figuren jemals an sich selbst gestellt haben mögen."
Weiteres: nachtkritikveröffentlicht "Shorties" (kurze Besprechungen) zum Berliner Theatertreffen, unter anderem zu Florentina Holzingers "Sancta". Besprochen werden Charlotte Sofia Garraways Inszenierung von "Handbuch gegen den Krieg" nach dem Essay von Marlene Streeruwitz am Theater Hof (nachtkritik), Sara Ostertags Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Angabe der Person" am Landestheater St. Pölten (nachtkritik), Johannes Pölzgutters Inszenierung von Jüri Reinveres Oper "Peer Gynt" an der Oper Bremerhaven (FAZ) und Lies Pauwels Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" an den Münchner Kammerspielen (FAZ).
Szene aus "Der Name der Rose" an der Mailänder Scala. Credits: Brescia e Amisano Reinhard J. Brembeck trifft für die SZ den Komponisten Francesco Filidei, der Umberto Ecos mittelalterlichen Krimi "Der Name der Rose" für die Mailänder Scala vertont hat. "Grandios vergnüglich" funktioniere Filideis Vorhaben, "die beiden großen Tendenzen der italienischen Musik nach 1945 zu verbinden, das Schlagerfestival von San Remo und die Nachkriegsavantgarde", jubelt Brembeck, der außerdem seine Freude an der Fülle von Referenzen hat, die Filidei hier einbaut: "Natürlich gibt es mönchische Mittelaltergesänge, schließlich tagen in dem von Morden heimgesuchten Kloster auch zwei Delegationen, um die Vorherrschaft von Papst oder Kaiser zu klären. Was natürlich schief geht, aber unweigerlich an Trump und Putin oder Xi denken lässt. Musikalisch, das fällt wohl nur dem belustigten Kenner auf, baut Filidei in diese Szene das berühmte 'Sederunt principes' des Perotin ein und lässt die Szene in einer Prügelei von Geistlichen enden. Was wiederum die Prügelfuge aus Wagners 'Meistersingern' evoziert und die Hoffnung, dass es beim derzeitigen Konklave in der Sixtinischen Kapelle weniger handgreiflich zugeht."
Am Hamburg Ballett herrscht schlechte Stimmtung: Fünf der elf Ersten Solisten und 36 der 63 Tänzerinnen und Tänzer haben wegen des neuen Intendanten Demis Volpi schon gekündigt, berichtet Peter Laudenbach in der SZ. Die Belegschaft hat nun einen Brandbrief an Kultursenator Carsten Brosda geschrieben, in dem die Kommunikation bemängelt sowie mangelndes "künstlerisches Niveau" und ein "toxisches Arbeitsklima" beklagt wird, zitiert Brembeck, der skeptisch ist: "Dass nicht jeder Neumeier-Star glücklich über den Wechsel ist, muss nicht allein am neuen Intendanten liegen. In den Kündigungen der fünf Solisten liegt für Volpi auch eine Chance der behutsamen Neuausrichtung der Compagnie. Das ist nicht nur legitim, es ist eine seiner Aufgaben. Ob das künstlerisch gelingt, muss sich auf der Bühne, in den Ballettaufführungen zeigen. Sie und der Anklang, den sie beim Publikum finden, entscheiden über Erfolg und Misserfolg der Intendanz Volpis, nicht Protestbriefe aus dem Ensemble."
Besprochen werden Eike Weinreichs Inszenierung des Stücks "Volpone - oder der Kampf ums Überleben", das im Rahmen des Projekts "New Hamburg" Obdachlosigkeit thematisiert (taz) und Schorsch Kameruns Stück "House of Resistance" am Schauspiel Duisburg (taz).
Szene aus "Die Möglichkeit des Bösen" an den Münchner Kammerspielen. Foto: Gabriela Neeb. Im "Flow" ist SZ-Kritikerin Christiane Lutz bei Marie Schleefs Adaption der Kurzgeschichte "Die Möglichkeit des Bösen" von Shirley Jackson an den Münchner Kammerspielen. Völlige Entschleunigung scheint Schleefs Motto zu sein, stellt Lutz fest. Und tatsächlich gelte hier das gleiche, wie bei der Meditation - man muss sich darauf einlassen, sonst funktioniert es nicht: "Aus dem Text von Valeria Gordeev macht Marie Schleef eine ASMR-Performance, was bedeutet, dass über Lautsprecher zum Geschehen passende Geräusche abgespielt werden und sich zu einem angenehm kribbelnden Soundteppich verdichten. Das Blubbern eines Strohhalms in Limonade. Das Wischen eines Handbesens. Das Vorbeifliegen eines überdimensionalen Staubkorns. Und immer: sehr, sehr langsame Bewegungen. Das macht entweder wahnsinnig - oder völlig high. Wie Yoga eben auch."
Weitere Artikel: Bei VANdenkt Holger Noltze während Katie Mitchells Neuinszenierung der Strauss-Oper "Die Frau ohne Schatten" in Amsterdam über das Umschreiben von Stücken zum Zweck der politischen Korrektheit nach: Hier wurde der "problematische" Inhalt so sehr umgeschrieben, so Noltze, dass von der Grundidee nicht mehr viel übrig bleibt: "Damit es spannend wird, braucht es doch beide Pole. Es braucht einen 'Änderungen nachverfolgen'-Modus, keine Korrektur im Sinne von Überpinselung mit Deckfarbe." Wiebke Hüster in der FAZ und Hannah Kunt in der Zeit berichten über die Krise am Hamburger Staatsballett:die Belegschaft ist unzufrieden mit der Intendanz von Demis Volpi, der nicht genug Engagement zeige.
Weiteres: Theresa Grenzmann blickt für die FAZ auf einige Produktionen, die auf dem "radikal jung"-Theaterfestival im Münchner Volkstheater präsentiert werden. Versammelt sind insbesondere "Geschichten von Ohnmacht und Selbstbehauptung, Verzweiflung und Befreiung, Verlust und Fürsorge, Einsamkeit und Freundschaft". Paul Jandl porträtiert in der NZZ den Regisseur Leander Haußmann, der derzeit wieder vermehrt an Theaterprojekten arbeitet. Janis El-Bira kommentiert auf nachtkritik die Entscheidung Chrisopher Rüpings, den mit 20000 Euro dotierten Theaterpreis aufgrund der Kürzungen in der Berliner Kulturlandschaft nicht anzunehmen. Besprochen wird das Stück "Alle Lust" der Theatergruppe Darum im Theater am Werk, Wien (Standard).
Szene aus "Das geheime Leben der Alten". Foto: Johanne Lamoulere, Tendance Floue Eines der letzten wahren Tabus geht der französische Regisseur Mohamed El Khatib in seiner Inszenierung "Das geheime Leben der Alten" an, das bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere feierte, ruft SZ-Kritiker Max Florian Kühlem. Es geht nämlich um die Sexualität alter Menschen, denn ja, lernt Kühlem, der hier "starke Momente" erlebt, die gibt es durchaus: "Wenn man diesen Alten so zuhört, glaubt man tatsächlich irgendwann, was die 91-Jährige gleich zu Beginn mit Worten des französischen Dichters Alfred de Musset behauptet: dass die Liebe die große Sache im Leben ist, die Vereinigung zweier so furchtbar unperfekter Wesen. Die teilweise sehr detaillierten Einsichten, was das auch im hohen Alter noch bedeuten kann, mag manche schockieren, aber sie können auch entspannen. Sie zeigen, dass nicht automatisch zutrifft, was gemeinhin immer noch angenommen wird: dass Lust und Begehren im Alter enden, bei Frauen womöglich schon nach den Wechseljahren. Deshalb ist es besonders toll, dass Mohamed El Khatib mit der über 90-Jährigen einsteigt, die am liebsten täglich Sex hätte."
Besprochen werden Lotte van den Bergs und Tobias Staabs Inszenierung von Toshio Hosokawas Oper "Matsukaze" an der Münchner Staatsoper (FAZ), Andrea Moses' Inszenierung von Mike Svobodas Peter-Hacks-Oper "Adam und Eva" bei den Schwetzinger SWR-Festspielen (FR), eine Inszenierung von Lizzie Dorons Stück "Who the fuck is Kafka" des deutsch-israelisch-palästinensischen Theaterprojekts "Durch das Schweigen" am Schlosstheater Celle (taz).
"Die Erfindung" am Schauspiel Stuttgart. Foto: Björn Klein.
Für FR-Kritikerin Judith von Sternburg istClemens J. Setz' "Die Erfindung", inszeniert von Lukas Holzhausen am Schauspiel Stuttgart "eine schillernde Horrorkomödie für die Endphase unserer Zeit": Das Paar C und S wird von einem mittelmäßigen Krimi auf die Idee gebracht, zu schauen, wer sich auf eine Art Menschenhandel im Darknet einlässt: Das Stück "bewegt sich im empfindlichen Bezirk von Lust, Perversion, misogyner Gewaltfantasie, hedonistischer Selbstzufriedenheit und jener an sich nicht so schlimmen und unterm Strich wohl häufiger auftretenden Verblödung zu zweit. Und bezieht ein, dass all diese zunächst privaten Dinge durch das Internet in ein ungewisses Draußen dringen wollen und können." Sternburg freut sich, dass beim Regisseur Holzhausen der "Dialogwitz wie im schönsten Konversationsstück strahlt, zugleich aber die Schräglage der Situation ins Bild gesetzt wird. Katharina Hauter als S und Marco Massafra als C alias Clemens J. Setz sind ein fabelhaft naturalistisches Paar, man muss nicht mal selbst ein Paar sein, um sich hier sofort wiederzuerkennen.""
Nachtkritiker Thomas Rothschild fügt hinzu: "Clemens J. Setz ist nicht der Mann für moralisierende Plädoyers. Vielmehr spielt er (…) mit den Elementen von Trash und überlässt es dem Publikum, sich darüber zu amüsieren oder angeekelt abzuwenden. Seine 'Erfindung' lässt sich als Kritik an einer aus den Fugen geratenen Zivilisation lesen - manche mögen es Mangel an Geschmack nennen, andere einen aufklärerischen Tabubruch. Es ist gerade diese Ambivalenz, die dem Stück eine theatrale Wirkung verschafft. Zumal in einer Zeit, in der zunehmend nach Eindeutigkeit gefahndet, Mehrdeutigkeit verteufelt wird. (…) Kein Zweifel: Clemens J. Setz gehört zu den eigenwilligsten Dramatikern unserer Tage. Er hat eine unverwechselbare Handschrift, abseits von einem altbackenen Naturalismus ebenso wie von der Ästhetik der Performance."
Im Liveblog zum Berliner Theatertreffendokumentiert Esther Slevogt für die Nachtkritik die Rede des Regisseurs Christopher Rüping, der das Preisgeld für den ihm verliehenen Theaterpreis 2025 ablehnt: "Angesichts der Kürzungen im Kulturetat des Landes Berlin, wolle der Regisseur kein Geld 'aus den Händen des Senats' annehmen. Rüping spendet das Preisgeld an die von den Kürzungen betroffenen Organisationen und Institutionen gemäß ihrem Anteil am Gesamtvolumen der Streichungen. Es seien 57 Einrichtungen, 'deren Bankverbindungen sich ermitteln lassen', so Rüping. 'Insgesamt sind damit 0,018 Prozent der vom Senat beschlossenen Kürzungen zurückgenommen', heißt es in der Rede."
Weiteres: Der Intendant Pierre Audi ist mit 67 Jahren gestorben, Welt, FAZ und SZ trauern. Die Welt und der Tagesspiegel statten dem Berliner Theatertreffen einen Besuch ab. Das "Ja, Mai"-Festival der Bayerischen Staatsoper besticht die SZ mit seinem Japan-Schwerpunkt.
Besprochen werden: "Adam und Eva" bei den Schwetzinger Festspielen von Mike Swoboda und Anne-May Krüger, Regie Andrea Moses (FAZ), Ludovic Lagardes "Médecine générale" nach Olivier Cadiot im Théâtre des Abbesses (FAZ), Rimini Protokoll mit "Futur4" im Wiesbadener Staatstheater (FR, Nachtkritik), "Friends of Forsythe" bei den Maifestspielen im Wiesbadener Staatstheater, inszeniert von William Forsythe und Rauf Yasit (FR), "Wurzelbaum" von Célestine Hennermann, auch auf den Maifestspielen (FR), "Also sprach Zarathustra" nach Friedrich Nietzsche, inszeniert von Sebastian Hartmann am Schauspielhaus Zürich (Nachtkritik, NZZ) und beim Berliner Theatertreffen René Polleschs letzte Inszenierung "ja nichts ist ok" an der Volksbühne (Nachtkritik) und "Blutbuch" nach dem Roman von Kim de L'Horizon am Theater Magdeburg, inszeniert von Jan Friedrich (Nachtkritik).
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