Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Design und Mode

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.11.2019 - Design


Der Zukunft zugewandt: Pierre Cardin in Düsseldorf (Archives Pierre Cardin)

Pierre Cardin hat mehr zu bieten als Lidl-Unterhosen, schreibt Donna Schons in der taz nach dem Besuch der Cardin-Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast (mehr dazu bereits hier): "Mit exorbitanten Formen, raffinierten Aussparungen und markanten Farben schuf Cardin, der seine Karriere als Bühnen- und Filmschneider begann, Dramatik ohne die leiseste Spur von Ornament." Er "entwarf für die Zukunft - und für die Jugend. Obwohl er bei Christian Dior lernte, verschwendete er keinen Gedanken daran, die eleganten Damen der Rive Droite als Kundinnen zu gewinnen. und gab unumwunden zu, dass seine Entwürfe an Frauen über 30 lächerlich aussähen. Er versah seine Kleider mit der Zielscheibe der Mods und schuf für die Blumenkinder Overalls, deren Brust statt eines Superhelden-Emblems ovale Cut-outs zierten."

Der "Black is back"-Schwerpunkt der Modezeitschrift Elle ist gründlich nach hinten losgegangen: Ist die Einbeziehung schwarzer Menschen etwa nur ein Trend? Darin zeige sich "ein Problem der Modewelt, das in Wahrheit branchenübergreifend ist: die Implementierung von Diversität als Trend", ärgert sich Alisha Mendgen im ZeitMagazin auf. "Ein Plus-Size-Model hier, ein schwarzes Model da, eins mit Gehbehinderung dazwischen - so ist es immer wieder bei den Fashion Weeks im September zu beobachten. Die Modewelt möchte auf der Welle der politischen Korrektheit mitschwimmen. Dabei verliert sie eins aus den Augen: dass die Einbeziehung von schwarzen Menschen kein Trend, sondern eine Kompensation von jahrhundertelanger Ungerechtigkeit im gesamtgesellschaftlichen Kontext ist. Es ist eine Frage der Gleichberechtigung." Im Dlf Kultur erklärte Robin Droemer, "warum Schwarzsein kein Modetrend ist."

Außerdem in der taz: Tania Martini denkt über die neu ausgerufene Modefarbe Braun nach und Brigitte Werneburg bespricht Julia Burdes Buch "Die Begradigung der Taillenkontur in der Männermode".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.10.2019 - Design

Selbst- und stilbewusst: Charlotte Perriand (Foto: Le Corbusier, P. Jeanneret, C. Perriand, F.L.C, /ADAGP)

Joseph Hanimann freut sich in der SZ über die große, Charlotte Perriand gewidmete Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton in Paris. Zu lange stand Perriand im Schatten von Le Corbusier, bei dem sie mit viel Eigensinn arbeitete: "Dass Frauen nicht ebenso gut wie Männer die Beine hochlagern können sollten, wollte der Designerin nicht in den Kopf. Herauskam dann die berühmte 'Chaise longue B 306', in der Perriand sich 1928 selbstbewusst fotografieren ließ und die heute in allen einschlägigen Museen steht. ... Das charakteristisch ovale Stahlrohrprofil ihrer Stuhl- und Tischbeine hatte sie von den stromlinienförmigen Konstrukten aus dem Flugzeugbau übernommen. Geschwindigkeit, Eleganz und Kohärenz zwischen allen Lebensbereichen sollten fortan den Alltag der Menschen bestimmen."

Kurz besprochen wird außerdem eine Schau mit Keramik der Wiener Werkstätten in der Galerie Albertina (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.10.2019 - Design

ORE STREAMS. Client / NGV - Triennale di Milano. Year / 2017-2019


Der Titel "Post Millennium Tension", unter dem die erste Design-Biennale im portugiesischen Porto stattfand, ist Programm, schreibt Laura Weißmüller in der SZ: Hier präsentierte sich vor allem der Designnachwuchs aus der Millenial-Generation, die ihren "Karrierestart mitten in der Krise erlebt" und im Angesicht des globalen Klimawandels vor neuen gestalterischen Herausforderungen steht: "So präsentiert in der zentralen Ausstellung 'New Millennium Design' das niederländische Design-Duo Studio Formafantasma seine Forschungsergebnisse, was aus den elektronischen und gerne formschön entworfenen Geräten wird, wenn wir sie aus der Hand legen - in Form von Interviews, Essays, Videos oder auch Objekten, die alle auf der digitalen Plattform 'Ore Streams' frei zugänglich sind. Ziel des drei Jahre andauernden Projekts sei es, der Frage nachzugehen, 'wie Design ein wichtiger Faktor für einen verantwortungsbewussteren Umgang mit Ressourcen sein kann'. Alles, was auf den Müllhalden oder gerne auch in den Gewässern dieser Welt landet, wurde irgendwann einmal designt. Nur wer schon beim Entwurfsprozess daran denkt, welches Nachleben sein Produkt später haben kann, wird den Ressourcenverbrauch reduzieren."

Im Freitag erinnert Rebecca Menzel an die DDR-Alternative zur Stonewashed-Jeans, die Ende der 80er aufkam.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.10.2019 - Design

Der Möbeldesigner Rafael Horzon möchte es Wikipedia zur Not auf juristischem Weg verbieten lassen, ihn als Künstler und Schriftsteller zu bezeichnen, berichtet Peter Richter in der SZ, der das vor dem Hintergrund eines zunehmend entgrenzten Kunstbegriffs ziemlich spannend findet. Horzon selbst jedenfalls findet es "total langweilig, immer weiter alles mögliche zu Kunst zu erklären. ... Es kann doch nicht sein, dass Wikipedia sich anmaßt, darüber zu entscheiden, wer Künstler ist und wer nicht! Das kann sowieso nur die Person, die für sich selber spricht. Wenn sich jemand als Künstler bezeichnet, ist er ein Künstler. Wenn sich jemand als Unternehmer bezeichnet, ist er zwar noch lange kein Unternehmer. Aber wenn sich ein Unternehmer als Unternehmer bezeichnet, ist er ein Unternehmer."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.10.2019 - Design

In ihrer ZeitOnline-Kolumne tadelt Mely Kiyak Influenzerinnen, die zwar einerseits für nachhaltige Mode und Feminismus werben, "aber einen Blogpost weiter, vergessen sie wieder alles und bewerben Klamotten und Schuhe und Kosmetika und Möbel, alles zusammengerührt, genäht, gebaut von Frauen in Südasien, die unter erbärmlichen Bedingungen für diesen Lifestyle ihre Gesundheit, ach was, ihr Leben ruinieren. Das muss man als feministische Modebloggerin und als Redakteurin von Frauenzeitschriften und als Model und als Irgendwas-mit-Fashion-und-Beauty total ablehnen. Beides gleichzeitig ist doch Verhöhnung."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.10.2019 - Design

Der Lichtdesigner Ingo Maurer ist gestorben. Seine Arbeiten waren "so etwas wie der Inbegriff von Autorendesign", schreibt Laura Weißmüller in der SZ. "An jedem Detail eines Entwurfs lässt sich sofort erkennen, dass es sich dabei um einen echten Ingo Maurer handelt: mal bekam die Glühbirne Flügel aus Gänsefedern wie bei 'Lucellino' (1992) oder rote Storchenfüße aus Plastik wie bei 'Bibibibi' (1982). Dann ließ der Designer ein halbes Service zersplittern - 'Porca Miseria!' (1994) - oder einen Zettelkasten zur Explosion bringen, 'Zettel'z 5' (1997). Doch bei allem Formwillen vergaß Maurer nie die Aufgabe seiner Objekte: 'Die Witze, die ich mir erlaube, haben auch immer eine Funktion. 'Bibibibi' macht ein sehr wundervolles Licht.'" Der Bayerische Rundfunk hat ein Feature von Moritz Holfelder über Maurer wieder online gestellt.

In der Welt gratuliert Laura Jung der berüchtigten Schriftart Comic Sans zum 25sten. Gehasst wird die Type eigentlich zu Unrecht, denn sie "kann tatsächlich integrierend wirken, denn die Schriftart ist für Menschen mit Dyslexie besonders gut lesbar."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.10.2019 - Design

Sarah Pines besucht für die NZZ den Vintageladen "The Way We Were" in Los Angeles vor. Hier findet man Kleider aus hundert Jahren, die aus privaten Sammlungen und von Filmsets stammen: "Das Licht ist senfgelb, von Lampenschirmen aus dünnem Stoff gedämpft. Den Wänden entlang hängen die Kollektionen, die mit der Stummfilmzeit beginnen, den zwanziger Jahren, Flappersilhouetten, Präriekleider. Es folgt Jahrzehnt um Jahrzehnt bis in die späten neunziger Jahre: edle Hüte in Melonenform, irre Schulterpolsterkreationen der achtziger Jahre, Seidenkimonos aus den vierziger Jahren, in Seidenpapier eingeschlagene Kleider mit aufgenähten Kristallblumen. Vieles war in Privatbesitz oder entstammt Garderoben von Filmsets."

Außerdem: In der taz notiert Daniel Kretschmar ein Comeback der Lava-Lampe, die offenbar hilfreich für Verschlüsselungen ist.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2019 - Design

Der Werkstoff Plastik hat einen üblen Ruf bekommen - müsste er aber gar nicht, meint Harald Staun in einem online nachgereichten Artikel aus dem Quarterly-Magazin der FAZ. Erst die haarsträubende Allgegenwärtigkeit und Vermüllung des Stoffs mache Plastik zum Problem. Designhistorisch aber "machte es Objekte möglich, die so schön sind, dass niemand auf die Idee kommen würde, sie wegzuwerfen: das Plexiglas-Dach des Münchner Olympiastadions; den Polyesterstuhl von Charles und Ray Eames; die Acetat-Brillen der Firma Moscot." Und "sicher, seine Produktion verbraucht Ressourcen, die langsamer nachwachsen, als es selbst verrotten kann. Aber andererseits sorgt es eben auch dafür, dass kein Baum mehr gefällt werden muss, um einen Tisch zu bauen, kein Tier verwertet, um einen Schuh zu schustern."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2019 - Design

Le Corbusier, Pierre Jeanneret, Charlotte Perriand. Un équipement intérieur d'une habitation, Salon d'automne, 1929 © F.L.C. / Adagp, Paris, 2019 © Adagp, Paris 2019 © Jean Collas / AChP

Das ist mal ein Statement: Zum ersten Mal überhaupt stellt die Pariser Fondation Louis Vuitton ihre vier Etagen einer einzigen Person zur Verfügung - namentlich der Designerin Charlotte Perriand, die hier erstmals voll und angemessen gewürdigt wird, freut sich Nina Belz in der NZZ. Die großzügig angelegte Ausstellung gestattet es, "die Vielfalt von Perriands Schaffen nicht nur zu betrachten, sondern auch zu erleben. Und dabei nachzuvollziehen, was diese Frau angetrieben hat, deren Werk sich über siebzig Jahre des 20. Jahrhunderts erstreckt. Perriand konzipierte Wohnungen: Stühle, Tische, Bücherwände, Hocker, aber auch ganze Küchen und Bäder. Außerdem Studentenzimmer, Empfangsräume für Museen und Reiseagenturen, Sozialwohnungen, Krankenhäuser, ein ideales Berghaus und einen Pavillon am Wasser. In Paris darf man manche der rekonstruierten Interieurs betreten und sich auf die Möbel setzen, die Perriand stets mit großer Rücksicht auf den menschlichen Körper entworfen hat."

Zu den Kuratoren der drei gezeigten Perriand-Installationen zählt auch der Schweizer Architekt Arthur Rüegg, mit dem Sabine Fischer gesprochen hat. Es sei ihnen darum gegangen, "über das Verhältnis von Möbel und Raum die Entwicklung der Entwerferin sinnlich erfahrbar" zu machen: "Zuerst die Prägung durch die Welt des Art déco im eleganten Essraum ihrer Studiowohnung hoch über der Place Saint-Sulpice. Dann das Interesse an einem universell einsetzbaren Programm aus standardisierten Elementen und die Begeisterung für den Glanz von Chrom und Glas am Salon d'Automne 1929. Und schließlich die Absage an die Maschinenästhetik und die Hinwendung zu organischen Formen, die ihren Niederschlag im 'Studierzimmer für einen jungen Mann' 1935 auf der Weltausstellung in Brüssel fand."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.10.2019 - Design

Rudolf Horns Experimentalbau Rostock. Foto: Kunstgewerbemuseum Dresden
Enttäuscht kommt Freitag-Kritiker Michael Suckow von Dresden nach Hause, wo er die Rudolf Horn gewidmete Ausstellung besucht hat. So ganz bekommt diese die Arbeit des DDR-Möbeldesigners, dessen bekanntester Entwurf die modulare Schrankwand MDW 60 gewesen ist, nämlich nicht zu fassen. Stattdessen gebe es bloß warme Slogans. "Rudolf Horn selbst bringt das Wesentliche seines Konzepts immer noch am präzisesten auf den Punkt. 'Wohnen als offenes System' und das 'Prinzip Modulbaukasten' haben nicht die visuelle oder die ästhetische Variierung von Räumen und Dingen als Ziel. Sie sollen selbstbestimmtes Handeln der Bewohner und Benutzer von Wohnraum und Einrichtung ermöglichen. 'Der Nutzer als Finalist', Horns Slogan, heißt: Wir gestalten die Bausteine, den Bau schafft ihr euch selbst. Weniger Paternalismus war selten im Design. ... Es steckt ein enormes demokratisches Potenzial in diesem Gestaltungskonzept, das unter der Dominanz des warenästhetischen Stylings im Kapitalismus sich nur rudimentär entfalten kann. Auch in der DDR ist es, aus anderen Gründen zwar, eine konkrete, aber doch eine Utopie geblieben."