Efeu - Die Kulturrundschau

Insel der verweigerten Adoleszenz

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16.10.2019. Peter Handke ist der Bob Dylan der Völkermord-Apologeten, ätzt Alexandar Hemon in der New York Times. Die Welt stellt klar: Handkes Welt ist das Poetische. In der FAZ hat Handke-Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt für dessen Serbienkommentare zwar nichts übrig, aber seine Kritiker bittet er, doch mal in den Spiegel zu gucken. Die SZ feiert Asmik Grigorian als Manon Lescaut im üblen Osteuropa-Chic. Zeit online betrachtet wohlgefällig schöne junge schwule Männer in Georg Schmidingers Debütfilm "Nevrland". Plastik ist der Stoff aus dem Designträume sind, versichert die FAZ.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2019 finden Sie hier

Literatur

"Als Bob Dylan der Völkermord-Apologeten" bezeichnet der Schriftsteller Aleksandar Hemon Peter Handke in der New York Times. "Die Entscheidung für Handke impliziert ein Konzept von Literatur, die sicher fernab ist vom Ungemach der Geschichte und Tatsächlichkeiten des menschlichen Lebens und Sterbens. Krieg und Völkermord, Milosevic und Srebrenica, der Wert der Worten und Taten eines Schriftstellers in diesem Moment in der Geschichte - all dies mag für den ungebildeten Plebs, der Mord und Vertreibung ausgesetzt war, von Interesse sein, aber ja wohl nicht für diejenigen, die den 'sprachlichen Einfallsreichtum' zu schätzen wissen, 'der die Randgebiete und Besonderheiten der menschlichen Erfahrungen durchmisst.' Für solche kommen Völkermorde und gehen auch wieder, aber die Literatur bleibt für immer."

Ansonsten haben in der Handke-Debatte heute vor allem die Fürsprecher des Schriftstellers das Sagen: Für Andreas Rosenfelder (Welt) ist in der Diskussion zu viel Meinung, aber zu wenig Faktenwissen - weshalb er in Handkes umstrittener "Winterreise" nachschlägt und feststellt: "Handke selbst fragt, strenger als Saša Stanišić und New York Times, 'ob ein derartiges Aufschreiben nicht obszön ist, sogar verpönt, verboten gehört' ... Die von Stanišić heraufbeschworene Wirklichkeit wird bei Handke nicht etwa geleugnet, sie liegt in Steinwurfsweite gleich neben seiner Welt. Diese ist zwar, so Handke, die des 'Poetischen', aber sie tut nie so, als wäre sie etwas anderes." Kindisch findet Magnus Klaue in der Jungle World die Diskussion: "Wer einmal etwas Böses geschrieben hat, ist nämlich für immer böse und darf im Sandkasten der Weltfriedensgemeinschaft höchstens in der Ecke spielen." Für ihn ist der Literaturnobelpreis zwischenzeitig "zur Parade geschwätziger Ideologieproduzenten" geworden. "Dass nun Peter Handke die Auszeichnung erhalten hat, kann ebenfalls als Unterbrechung der Regel verbucht werden, schon deshalb, weil allen, die sich heimlich Robert Habeck als Preisträger gewünscht hatten, nun wieder einfällt, wie uneuropäisch und ergo menschenfeindlich Handke sich zum Jugoslawien-Krieg geäußert hat. Doch man muss gar nicht seine politische Meinung teilen, um in ihm einen würdigen Preisträger zu sehen. Es genügt zu wissen, dass alle ihn auslachen, weil er Pilze sammelt."

Handkes französischer Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt hatte seinerzeit ebenfalls erhebliche Probleme mit Handkes Äußerungen zum Balkankonflikt, erzählt er Jürg Altwegg in der FAZ. "'Ich habe ihm damals gesagt, Peter, du hast dich poetisch in der Politik verirrt. Ich glaube, er weiß es jetzt auch, aber es ist schwierig, mit ihm darüber zu sprechen. Wenn ich es versuche, sagt er immer: Hör bloß auf!' Die Neuauflage der Anfeindungen hält Goldschmidt für überflüssig. 'Sie kommen von Leuten, die nach Mao auch noch Chávez angebetet haben. Wie viele Linksintellektuelle haben sich politisch geirrt. Die Polemik muss umgehend aufhören.'"

Elena Witzeck berichtet in der FAZ von der Eröffnungs-Pressekonferenz der Frankfurter Buchmesse mit Olga Tokarczuk, der zweiten frisch gekürten Literaturnobelpreisträgerin in diesem Jahr. Mitgeschrieben bei der Veranstaltung hat auch Judith Sevinç Basad für die NZZ. Dabei ging es neben Handke und warmen Worten über die Kraft der Literatur auch um die Wahlen in Polen: "Vom jüngsten Wahlsieg der nationalkonservativen PiS in Polen ist Tokarczuk 'nicht begeistert'. Sie freue sich aber über den Einzug der linksorientierten Lewica ins Parlament, weil diese für Veränderungen sorgen werde. Zwar gebe es in Polen keine Zensur in der Literatur. Die rechtsorientierte Regierung versuche jedoch, Kultureinrichtungen wie Theater und Museen zu kontrollieren, weil diese Institutionen staatlich verwaltet würden. Das betreffe weniger die Schriftsteller, weil sie für ihre Kritik nur 'Bleistift und Computer' benötigten und die Verlage in privater Hand seien. Dennoch stellt Tokarczuk eine Art von Selbstzensur unter Literaten fest, weil die Autoren politische Konsequenzen befürchteten." Die gesamte Konferenz gibt es auf Youtube:



Außerdem schreiben die Feuilletons Nachrufe auf Harold Bloom. International bekannt wurde der kontroverse US-Literaturwissenschaftler vor allem durch sein energisches Eintreten für den Kanon der westlichen Literatur, als sich in den 90ern die Curricula der Universitäten zusehends in Richtung Postkolonialismus und Dekonstruktion öffneten. "Einen wie ihn hatte die Welt noch nicht gesehen", schreibt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel. "Bloom war der einzige wirkliche Literaturpapst inmitten von Möchtegern-Stellvertretern Gottes, Bischöfen und Aushilfsministranten, und er inszenierte sich mit entsprechendem Pomp. Er verkörperte eine romantische Kunstreligion, an deren Reinheit er gegen alle hermeneutischen Störenfriede bis zur Lächerlichkeit festhielt." Auch im Zeitalter der Diversität kann uns Blooms Insistenz auf den Kanon der westlichen Literatur etwas sagen, meint Andreas Platthaus auf FAZ.net: "Erst in der Rückversicherung aufs Kanonisierte wird das Neue in seiner - positiv wie negativ - verändernden Kraft greifbar und verständlich." Auch SZ-Kritiker Thomas Steinfeld deutet Blooms Kanonbildung integrativ: Dieses Projekt "war im Kern amerikanisch: geschrieben für ein Publikum, das durch die Perspektivierung der Literatur nach Geschlecht, Rasse und Klassenzugehörigkeit zunehmend disparater wurde und immer noch wird. Dieser Zersplitterung wollte er, der bis kurz vor seinem Tod Seminare an der Universität Yale gab, etwas Starkes, Verbindendes und Verbindliches entgegensetzen." Thomas Leuchtenmüller schreibt in der NZZ eher skeptisch: Bloom hätte noch viel mehr erreichen können, wenn er nur "kleinere Angriffsflächen geboten hätte. Da waren jedoch der Elitismus und der Eklektizismus eines Theoretikers, der sich selber eine 'Ein-Mann-Sekte' nannte und trotz minuziösen Traktaten keine umfassende literarische Analysemethode konstruierte; vielmehr spekulierte, psychologisierte und mythologisierte er ohne Maß".

Skepsis über die Auszeichnung von Saša Stanišić mit dem Deutschen Buchpreis  (hier unser Resümee) äußert Fokke Joel in der taz: Hier hätten sich wohl die Buchhändler in der Jury durchgesetzt: "'Herkunft' ist, wenn man so will, ein sozialdemokratisches Buch. Raphaela Edelbauers 'Das Flüssige Land', deren Roman von der trügerischen Idylle, der verdrängten Vergangenheit und den subtilen Netzen der Macht in der österreichischen Provinz handelt, war der Jury dann wohl doch zu sperrig. Wie auch der heimliche Favorit des Feuilletons, 'Winterbienen' von Norbert Scheuer, der darin seine Eifel-Geschichte um die Kleinstadt Kall auf grandiose Weise fortgeführt hat."

Weiteres: In einem Essay auf ZeitOnline umkreist Daniel Schreiber das Ich in der Gegenwartsliteratur. Thomas David spricht in der NZZ mit dem norwegischen Schriftsteller Jon Fosse.  Gerrit Bartels ist für den Tagesspiegel nach Oslo zum Autorenpaar Erika Fatland und Erik Fosnes Hansen gereist. SZ-Autor Alex Rühle ist mit dem norwegischen Schriftsteller Tomas Espedal unterwegs. In den online nachgereichten "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Richard Kämmerlings daran, wie Friedrich Hebbel 1839 zu Fuß von München nach Hamburg ging.

Besprochen werden Valeria Luisellis "Archiv der verlorenen Kinder" (Freitag), Christopher Isherwoods "Die Welt am Abend" (Sissy), der Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Dolf Sternberger (NZZ), Zeina Abiracheds und Mathias Énards Comic "Zuflucht nehmen" (Tagesspiegel), Alexander Osangs "Die Leben der Elena Silber" (Freitag), Vitali Konstantinovs Comicadaption von E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" (Tagesspiegel), Hendrik Otrembas "Kachelbads Erbe" (Titel-Magazin) und Norbert Gstreins "Als ich jung war" (FAZ).
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Musik

Besprochen werden Kim Gordons Solo-Album "No Home Record" (Pitchfork), das neue Trettmann-Album (taz), ein Elgar- und Strauss-Abend mit Daniel Barenboims Staatskapelle (Tagesspiegel) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Vagabon (SZ). Daraus ein Video:

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Kunst

In Japan hat die Regierung 660.000 Euro Fördergelder für die diesjährige Aichi-Triennale gestrichen, berichtet Martin Fritz in der taz. Der Grund: In einer Sonderausstellung werden auch japanische Kriegsverbrechen thematisiert. Gegen diese Entscheidung haben jetzt 158 internationale Japanexperten, darunter 99 Professoren aus 21 Ländern protestiert, so Fritz. "Mit ihrer Unterschriftenaktion machen die internationalen Japanologen auch darauf aufmerksam, dass die Kontroverse um die Sonderschau kein Einzelfall ist. Denn offizielle Stellen, ranghohe Politiker und ultrakonservative Aktivisten üben schon länger starken Druck auf Medien, Künste und Wissenschaft aus, ein positives Bild von Japan zu zeichnen. Andersdenkenden drohen sie Gewalt, Boykott und Strafverfolgung an. Auch die Aichi-Triennale wurde von Protestanrufen überflutet. ... Hinter dem Telefonterror steckt keineswegs spontane Bürgerwut. Vielmehr wirkt der Protest, als sei er gut organisiert, berichtet Triennale-Leiter Daisuke Tsuda."

Besprochen werden die Ausstellungen "Zu Gast bei Gabriele Münter" im Münter-Haus in Murnau und "Mein Freund der Maler - Oskar Maria Graf und Georg Schrimpf" im Schloßmuseum Murnau (FAZ).
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Stichwörter: Japan, Aichi-Triennale

Bühne

Lescaut (Jurij Samoilov) und Manon (Asmik Grigorian). Foto: Barbara Aumüller


SZ-Kritiker Egbert Tholl ist einfach hin und weg von dieser Manon: Asmik Grigorian singt sie mit größter Natürlichkeit in Àlex Ollés Inszenierung von Puccinis "Manon Lescaut" an der Oper Frankfurt, schwärmt er. Und schauspielen kann sie auch: "Grigorian, geboren 1981 in Vilnius, spielt vollkommen überzeugend ein 16-jähriges Mädchen, gekleidet im üblen Osteuropa-Chic. Diese Manon weiß über das Leben Bescheid, im Nachtclub genauso wie im Arrest, wo sie die Wächter und den rasenden Geliebten mit blitzenden Augen zu beschwichtigen sucht. Ihre natürliche Präsenz rückt sie von ganz allein in den Fokus, sie muss gar nicht mehr viel machen, nur da sein und singen. Mit purer Mühelosigkeit und dramatischer Wucht."

Besprochen werden Herbert Fritschs Inszenierung von Molières "Amphitryon" mit Joachim Meyerhoff an der Berliner Schaubühne (Tagesspiegel, taz, FAZ), Barrie Koskys Inszenierung von Hans Werner Henzes "Bassariden" an Berlins Komischer Oper (Tagesspiegel, nmz, FAZ) sowie die Uraufführung von Björn SC Deigners Stück "Der Reichskanzler von Atlantis" von am ETA-Hoffmann-Theater in Bamberg (SZ).
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Design

Der Werkstoff Plastik hat einen üblen Ruf bekommen - müsste er aber gar nicht, meint Harald Staun in einem online nachgereichten Artikel aus dem Quarterly-Magazin der FAZ. Erst die haarsträubende Allgegenwärtigkeit und Vermüllung des Stoffs mache Plastik zum Problem. Designhistorisch aber "machte es Objekte möglich, die so schön sind, dass niemand auf die Idee kommen würde, sie wegzuwerfen: das Plexiglas-Dach des Münchner Olympiastadions; den Polyesterstuhl von Charles und Ray Eames; die Acetat-Brillen der Firma Moscot." Und "sicher, seine Produktion verbraucht Ressourcen, die langsamer nachwachsen, als es selbst verrotten kann. Aber andererseits sorgt es eben auch dafür, dass kein Baum mehr gefällt werden muss, um einen Tisch zu bauen, kein Tier verwertet, um einen Schuh zu schustern."
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Stichwörter: Plastik, Plastikmüll

Film

Was es bedeutet, "Ich" zu sagen: "Nevrland" von Georg Schmidinger

Für Freunde spezieller filmischer Motivlagen hat Jens Balzer auf ZeitOnline einen guten Kinotipp: "Wer gerne schöne junge schwule Männer dabei betrachtet, wie sie in Schlachtereibetrieben frisch zersägte Schweinehälften aus dicken Schläuchen mit Wasser bespritzen, der kommt in dem Debütfilm des österreichischen Regisseurs Georg Schmidinger, 'Nevrland', unbedingt auf seine Kosten." Etwas ernster wird die Besprechung später schon: Der Film erzählt in "symbolisch hoch aufgeladenen, schön fotografierten und rhythmisierten Bildern von der Sinn-, Selbst- und Sexsuche eines heranwachsenden Mannes", erfahren wir. Dass der Regisseur, der hier eigene Erfahrungen verarbeitet, "bei der Konstruktion seiner visuellen Symbolik etwas Malen-nach-Zahlen-artig verfährt", findet Balzer allerdings schon schade: "Wenn die Bilderrätsel derart simpel zu lösen sind wie in 'Nevrland', geht der Witz der Verrätselung irgendwie flöten." Einen ästhetisch und erzählerisch radikalen Film bezeugt Sebastian Markt im Sissy Mag - und dann spielt "Simon Frühwürth Jakob in seinem beeindruckenden Schauspiel-Debüt mit einer Intensität, die ganz Präsenz ist, ohne zu verbergen oder zu projizieren. 'Nevrland' als eine Art schwule Variation des von Lost Boys (wie sie in den Geschichten von "Peter Pan"-Autor J. M. Barrie aus dem Beginn des letzten Jahrhunderts heißen) bevölkerten Nimmerland, Insel der verweigerten Adoleszenz, im Zeitalter digital vermittelter Beziehungen und dem Druck von Identitätszumutungen. Ein Drama in Bildern, die die Spannung zwischen Angst und Verheißung bis zum Ende halten, das davon handelt, was es bedeuten mag, 'Ich' zu sagen."

Weiteres: Dominik Kamalzadeh wirft für den Standard einen ersten Blick ins Programm der Viennale. In der taz empfiehlt Ekkehard Knörer den Berliner eine Reihe zur Geschichte des koreanischen Kinos im Kino Arsenal. Besprochen werden Bong Joon-hos im Kino anlaufender Cannes-Gewinner "Parasite" (SZ, mehr dazu hier) und der Fantasyfilm "Maleficent II" mit Angelina Jolie (Presse).
Archiv: Film