Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2020 - Kunst

Anthony van Dyck, Saint Rosalie Interceding for the Plague-stricken of Palermo 1624, Met Museum


New-York-Times-Kritiker müsste man sein, dann darf man auch allein ins Museum. Das New Yorker Metropolitan Museum hat für Jason Farago aufgeschlossen, der sich vor Anthony van Dycks Heilige Rosalie setzt, die 1624 Palermo vor der Pest gerettet haben soll - oder vielmehr ihre sterblichen Überreste, die von den Gläubigen durch die Stadt getragen wurden. Es war gar nicht so leicht, die Frau auf dem Bild als Heilige Rosalie auszumachen, weil sie keine bekannten Insignien trägt, erklärt Farago. "Unser flämischer Emporkömmling musste daher eine Ikonografie für die Frau erfinden, die die Epidemie stoppte. Van Dyck beschloss, Rosalia als eine junge Frau mit langen, blonden, aufgebauschten Haaren, erröteten Wangen und großen, ekstatischen Augen darzustellen. Unter ihr, energisch skizziert in einer verwaschenen Palette von Ocker und Grün, liegt der Hafen von Palermo, und im Hintergrund der Monte Pellegrino, der Hügel, auf dem ihre Reliquien gefunden wurden. ... Nach einer Quarantäne, die seine internationale Karriere beendete, und nachdem er eine Epidemie überlebt hatte, die ihn das Leben hätte kosten können, schuf van Dyck in Palermo eine Inkarnation der Wohltätigkeit im Chaos. Die Plagen sind zufällig. Sie sind erbarmungslos. Sie sind, wie ich jetzt erfahre, für ihre ungewisse Dauer am schrecklichsten. Doch Rosalia, die wie ein Heißluftballon über Sizilien schwebt, verspricht, dass der Schrecken der Epidemie schließlich verschwinden und die Schönheit zurückkehren wird."

Der Fotograf Wolfgang Tillmans hat am Kunstmuseum Basel eine Leuchtbotschaft angebracht, die um Abstand bittet, meldet monopol: "Du schützt mich - Ich schütze dich - Zwei Meter - Zweihundert - Sechs Fuß - Zwei Armlängen - Haltet Abstand" und dann nochmal auf Englisch. Ein Museum, das um Abstand bittet. Man möchte schon weinen (nicht wegen Tillmans, sondern wegen der Situation, versteht sich).

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Weitere Artikel: Auf Hyperallergic stellt Golnar Yarmohammad Touski das amerikanisch-iranische Projekt "The Other Apartment" von Jon Rubin und Sohrab Kashani vor. Wenig Solidarität zeigen offenbar derzeit amerikanische Museen mit ihren freien Mitarbeitern, meldet Hyperallergic (hier und hier): So hat das Moca in Los Angeles seine Teilzeitkräfte - immerhin die Hälfte der Belegschaft - entlassen und das Guggenheim scheint verabredete Arbeiten, die jetzt wegen Corona ausfallen, nicht bezahlen zu wollen. Marco Stahlhut stellt in der FAZ die indonesische Peformancekünstlerin Melati Suryodarmo vor. Stefan Trinks streift für die FAZ lustlos durch die üppigen Digitalangebote der Museen und seufzt: "Die Aura leibhaftig gesehener Kunstwerke ist durch nichts zu ersetzen". Catrin Lorch (SZ) bittet dagegen zu differenzieren: Manches sei ausgezeichnet fürs Internet geeignet, zum Beispiel die Surrealismus-Ausstellung "Fantastische Frauen" in der Frankfurter Schirn, die die internationale Vernetzung der Künstlerinnen beschreibt und sich im Netz sehr schön nachverfolgen lässt. Und Monopol gibt sieben Streamingtipps für Kunstfilme und -serien am Wochenende. Besprochen wird die - jetzt natürlich still gelegte - Ausstellung "Paris 1930. Fotografie der Avantgarde" in den Kunstsammlungen Chemnitz (Welt).
Stichwörter: Epidemien

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.03.2020 - Kunst

In der FR gratuliert Ingeborg Ruthe dem Künstler Daniel Spoerri zum Neunzigsten: "Auch das zählt zu den Zumutungen dieser Tage: Da wird ein weltberühmter Künstler 90, aber er kann nicht mit Familie, Freunden und Gefährten feiern. ... Und so wird dieser Geburtstag am heutigen Freitag wohl eine Telefon-Party." Für die taz unterhält sich Sebastian Strenger mit dem Künstler. In der FAZ gratuliert Rose-Maria Gropp.

Außerdem: "Derzeit wird jeder Künstler, der in den letzten Jahren irgendwann einmal mit Klopapier gearbeitet hat, als Prophet gehandelt", notiert Stefan Trinks angesichts leerer Drogerieregale grimmig in der FAZ. Die Art Basel soll vom Juni auf den September verschoben werden, meldet Philipp Meier in der NZZ. Besprochen wird die Gruppenausstellung "2050 - Nature Morte, Kunst zum Klimawandel" im und um den Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.03.2020 - Kunst

Auch den Bildenden Künstlern geht es derzeit schlecht, meldet der Tagesspiegel: "Laut einer Umfrage des Berufsverbands bildender Künstler*innen (BBK) sind die finanziellen Auswirkungen der Corona-Epidemie auf die Bildende Kunst verheerend. Mehr als die Hälfte der Befragten verlieren laut Umfrage mehr als 75 Prozent ihres monatlichen Einkommens, ein Viertel gab an, mehr als 2.000 Euro ihres Einkommens in den kommenden vier Wochen zu verlieren." In der Berliner Zeitung berichtet Ingeborg Ruthe über die Auswirkungen auf den Kunsthandel.

In der SZ schlackern Till Briegleb die Ohren angesichts der "unbürokratischen Hilfe", die der Staat Kleinbetrieben und Freien, also auch Künstlern, zur Verfügung stellen will: "Eine Anfrage beim Jobcenter nach 'Grundsicherung', die von den Behörden gerade als Allzweckwaffe beworbene Sozialhilfe für Selbständige in Not, wird von dort schnell und unbürokratisch beantwortet mit zwei computergenerierten Mails. Darin enthalten sind 20 Dokumente mit zusammen 60 Seiten. Auf den ersten beiden Checklisten werden zu 44 Stichpunkten mindestens 113 Dokumente aufgelistet, die als Nachweis der existenziellen Not vorzulegen sind, von Einnahme-Überschuss-Rechnung der letzten zwölf Monate über Nachweis der letzten Mietänderung, alle Kontoauszüge der in einem Haushalt lebenden Personen des letzten halben Jahres bis zu rätselhaften 'Sperrzeitbescheiden' oder 'Nachweis KIZ'."

In einem Brief aus Polen für die Berliner Zeitung erzählt Jan Opielka, dass die polnischen Künstler noch schlechter darstehen als die deutschen: "'In der Theaterbranche haben etwa 80 Prozent der Künstler keinen Festvertrag', sagt Izabela Kuzyszyn vom Verband der Künstler Polnischer Bühnen (ZSAP) im Gespräch. Auch wenn es nun im Rahmen eines Rettungsschirms eine einmalige Zulage vom Staat geben soll, sieht Kuzyszyn vor allem für die Kulturszene außerhalb Warschaus massive Probleme kommen. Doch auch einen Hoffnungsschimmer. 'Künstlerinnen und Künstler zeichnen sich in der Regel durch einen kreativeren Umgang mit der Realität aus, und ich denke, dass viele von ihnen in dieser Krise besser zurecht kommen als Menschen anderer Berufe.'"

Weiteres: Kuratorin Angela Lammert wandert für den Tagesspiegel in der Berliner Akademie der Künste durch ihre John-Heartfield-Ausstellung, die jetzt nicht eröffnet werden kann: "Dass wir die Ausstellung absagen mussten, war ein Schock, den wir erst einmal verdauen mussten. Für uns Mitarbeiter hat die Situation aber auch etwas Gutes: Wir haben John Heartfield nun länger für uns." Besprochen wird die Käthe Kruses Wortschau "Ich sehe", die sich tazlerin Brigitte Werneburg durch die Schaufenster der Galerie Nord anschaut.
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2020 - Kunst

Auf Hyperallergic meldet Jasmin Weber, dass das San Francisco Art Institute, die sehr angesehene Kunsthochschule, endgültig schließen muss, offenbar war die Finanzlage auch vor der Corona-Krise schon recht angeschlagen. FAZ-Kritikerin Rose-Maria Gropp besichtigt mit einem virtuellen Rundgang die Rembrandt-Schau um sein "Selbstporträt mit Hut und zwei Ketten" des Museums Thyssen-Bornemisza. Dorothea Marcus berichtet in der taz, wie das Kölner Künstler-Duo raum13 um den Erhalt seines Quartiers in den alten Deutzer Motorenwerken kämpft, aus dem Investoren sie rauswerfen wollen.
Stichwörter: Corona-Krise, Corona

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.03.2020 - Kunst

Ziemlich begeistert berichtet Karen Krüger in der FAZ aus Mailand, wie dort die Pinakothek Brera mit den Appunti per una resistenza culturale gegen "Panik, Traurigkeit und Sorgen" antritt: Sie stellt online auf Videos die Schätze ihrer Sammlung vor: "Das Faszinierende: Auf einmal sieht man die Gesichter hinter den Kulissen des Museums, die dem Besucher normalerweise verborgen bleiben. Obwohl ein realer Besuch gerade in weiter Ferne liegt, stellt diese persönliche Öffnung eine Nähe zum Museum her, wie man sie zuvor nicht kannte. Das Gleiche gilt für die übrigen italienischen Institutionen, die jetzt mit einem Sonderprogramm auf die Krise reagieren. Das Angebot ist reich und vieles noch in Arbeit. #UffiziDecameron ist der Hashtag, unter dem die Uffizien in Florenz der Krise begegnen."

Im Standard möchte Albertina-Direktor Klaus Schröder überhaupt keine Chance in der Krise sehen, solche Reden brandmarkt er als reine Beschönigung. Er rechnet mit Einnahmeausfällen von fünfzig Prozent für das Jahr und kann einer neuen Bescheidenheit nichts abgewinnen: "Sind 200.000 Besucher glücklicher, wenn sie Matisse oder van Gogh nicht sehen können? Wenn sie nicht mit einer Monet-Ausstellung belästigt werden? Ohne den entsprechenden Besucherrückhalt finden diese Ausstellungen auch für Österreicher nicht statt, weil sie nicht finanzierbar sind."

Weiteres: In der FR meldet Ingeborg Ruthe, dass Verpackungskünstler Christo im Herbst den Pariser Arc de Triomphe verhüllen will: Die Vorbereitungen laufen unverdrossen. Franz Zelger feiert in der NZZ die neu eröffnete und wieder geschlossene Dresdner Gemäldegalerie.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.03.2020 - Kunst

Domenico Gargiulo: Die Piazza Mercatello in Neapel während der Pest, 1656

Auf Hyperallergic betrachtet David Carrier die großen Pest-Gemälde von Nicolas Poussin oder Domenico Gargiulo. Unübertroffen findet er Gargiulos Pestgemälde von 1656, es imaginiert die Epidemie, die mehr als die Hälfte von Neapels  Bevölkerung tötete, damals die größte Stadt Italiens: "Largo Mercatello ist der große Marktplatz, der heute Piazza Dante heißt. Im Hintergrund sehen wir die Stadtmauer, die zerstört wurde, als dieses Quartier Mitte des 18. Jahrhunderts neu gebaut wurde. Die Toten wurden kurz außerhalb der Stadt beerdigt. Wir blicken von weit oben und aus größerer Entfernung als bei Poussin auf die Figuren, die Toten sind hoch gestapelt, niemand führt ein Kommando. Während Poussins Figuren agieren wie in einer kunsthistorischen Aufführung oder in einer Tragödie, herrscht hier reines Chaos. Die Szenerie eines Massenbegräbnis ist Schrecken erregend, doch im Himmel, über dem Vesuv, sieht man Gott, den Vater, der trotz des flehenden Jesu noch nicht eingeschritten ist."

Edward Hopper: Shakespeare at Dusk". Bild: Sotheby's

Edward Hopper
scheint mit seinen Bildern der Leere der Maler der Stunde zu sein, räumt in der FAZ Stefan Trinks ein, der die Ausstellung in der Fondation Beyerle Basel noch hat sehen können. Menschen interessierten den Maler, der seine Ausbildung in Paris als Spätimpressionist begonnen hatte, tatsächlich wenig. Geradezu überwältigend lakonisch findet Trinks das Bild "Shakespeare at Dusk", das ein Denkmal des Dichters im menschenleeren Manhattan zeigt: "Vorrangig geht es dem Maler um das Flanieren des Sonnenlichts in der Dämmerung. Es kann frei über die Wege strömen, diese wärmen, muss keine Umwege nehmen oder gar gehetzt den Platz querenden Passanten, die des Lichtes gar nicht gewahr werden, Schatten verleihen. Hopper übersetzt Caillebottes berühmte regennass-lichtspiegelnde Straßenkreuzung in seine Malerei und lässt einfach die Personen weg. Wie er es in Frankreich gelernt hat, ist Hopper ein verschwiegener Verbündeter des Lichts in der Moderne. Das lässt ihn zeitlos werden, nicht aber harmlos."

Im Tagesspiegel beschreibt Nicola Kuhn, wie erfinderische die deutschen Museen nun werden, da sie ihr Publikum vermissen, wie etwa Yilmaz Dziewior, der Direktor des Kölner Museums Ludwig, bekannte. Und siehe da, plötzlich tut sich was: "Bis vor Kurzem schlummerten die Hinweise auf Youtube-Kanal, Zusatzinfos und VR-Anwendungen bei den Staatlichen Museen noch in den Tiefen der Websites, sie waren eher ein Anhängsel des Angebots. Vorne im Licht standen die aktuellen Ausstellungen. Das hat sich gründlich geändert. Unter dem Hinweis auf die Schließung wegen Corona ploppen nun Empfehlungen für virtuelle Rundgänge und die digitale Sammlung auf."

Besprochen werden eine Ausstellung des Ruhrgebietsfotografen Laurenz Berges, die statt im Josef Albers Museum Quadrat in Botrop nunmehr im Katalog besichtigt werden kann (taz), die ebenfalls geschlossene Schau des deutsch-französischen Künstlers Wols im Centre Pompidou (FAZ) und eine möglicherweise imposante Tizian-Schau in der Scottish National Gallery in Edinburgh (Observer).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.03.2020 - Kunst

Konrad Rufus Müller hat von Adenauer bis Merkel alle deutschen Kanzler porträtiert, nun feiert er seinen achtzigsten Geburtstag und Freddy Langer ist für die FAZ nach Königswinter gefahren, um sich von Müller private Aufnahmen jenseits der großen Porträts zeigen zu lassen: "Ein Panoptikum, in dem sich eine Künstlerseele Bahn gebrochen hat, vielleicht als Ausgleich zu den Gesichtern, vielleicht sogar im Trotz dagegen. Das Auge einer Kuh, die Blüte einer Tulpe, ein Stillleben mit Zwiebel, zart in hellstem Lichte eine nackte Frau, von der er verrät, es sei Ingrid Steeger, zu einer Zeit, als sie noch Sekretärin war, dann die Kreidefelsen von Rügen oder im Licht des Vollmonds eine verschneite Alpenlandschaft - und schließlich missgestaltete Föten aus der pathologisch-anatomischen Sammlung der Charité. Bizarre Wesen wie aus dem Fundus des Hieronymus Bosch, aber wie in Demut von einem Schleier blassen Lichts ummantelt. Und dann begreift man, worum es Konrad Rufus Müller in all seinen Arbeiten gegangen ist: um Momente, in denen Schönheit, Klarheit und Wahrheit zur Deckung kommen."

In der taz porträtiert Tigran Petrosyan die georgische Künstlerin Lia Ukleba, die mit ihren Arbeiten gegen die patriarchalen Strukturen und die Homophobie, vor allem in der georgisch-orthodoxen Kirche in ihrer Heimat protestiert: "Immer wieder kommt es in der georgischen Hauptstadt Tiflis zu Zusammenstößen bei der jährlichen Kundgebung zum Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie, wobei es die Kirche ist, die LGBTI-feindliche Stimmungen schürt, und Priester tausende Gegendemonstranten anführen und Steine auf die LGBTI-Aktivisten werfen. Das Thema stellt Ukleba in einem anderen Bild vor: 'Tango' heißt die Malerei, die einen Polizisten und einen Priester eng umschlungen beim Tanz zeigt."

Um Sammlungen diverser zu gestalten, sollten Museen beginnen zu "entsammeln", fordert die Kunsthistorikerin Julia Pelta Feldmann im Dlf-Kultur-Gespräch mit Max Oppel: Einfach einen Warhol oder Rothko teuer verkaufen und dafür marginalisierte KünstlerInnen einkaufen, schlägt sie vor. Franciska Zólyom, Direktorin der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig, sieht das ähnlich: "Wir brauchen radikale Museumsmodelle', sagt Franciska Zólyom. Die Geschichte der Museen selbst sei eine Geschichte, die sehr stark verwoben sei mit der Geschichte der Eroberungsfahrten, der Unterwerfung von Bevölkerungen und Kulturen - mit dem Phänomen der Repräsentation: 'Ich beschreibe andere und schaffe dadurch Hierarchien. Ich lege Werte fest und schließe damit andere Werte aus.'"

Weitere Artikel: Jens Hinrichsen hat sich im Monopol-Magazin mit Julia Voss getroffen, die nicht nur eine Biografie über Hilma af Klint verfasst, sondern auch eine Ausstellung in der Villa Grisebach kuratiert hat: "Neben einigen bislang nie gezeigten Werken af Klints sind bei Grisebach auch Bleistiftzeichnungen von Frauen ausgestellt, die um 1900 in spirituellen Zirkeln entstanden sind."  Im Tagesspiegel blicken Christiane Meixner und Birgit Rieger einen Blick auf die aktuelle Lage im Berliner Kunstmarkt: Die Galerien schließen und stellen ihre Ausstellungen online, fast alle Messen sollen in der zweiten Jahreshälfte nachgeholt werden. Auf Hyperallergic stellt Valentina Di Liscia KünstlerInnen vor, die bedeutende Werke in der Isolation schufen. Im Dlf-Kultur spricht Britta Bürger mit dem Schweizer Fotografen Beat Presser.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.03.2020 - Kunst


Charles Mahoney, The Garden, 1950. Foto courtesy of Liss Llewellyn / Phyllis Dodd, Summer Doorway with African Lilies, c.1948, Foto courtesy of Liss Llewellyn

Frühling kommt, der Sperling piept... Bisschen früh vielleicht, aber Jenny Uglow (NYRB) ist schon voll in Stimmung für die Ausstellung "Sanctuary: Artist-Gardeners 1919-1939" im Garden Museum in London: "Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt nicht auf großen Landgütern, sondern auf häuslichen Landschaften und einzelnen Pflanzen, und implizit auf der allegorischen Kraft des Gartens: den Mythen von Eden. Die erwartbaren Namen findet man alle: eine Bleistift-Aquarell-Skizze von Uferschnecken von John Nash; ein Tapetenentwurf von Eric Ravilious; ein witziges Aquarell mit Käfer, Rose und Schmetterling von Edward Bawden; erotische Kupferstiche von Eric Gill, üppige Holzschnitte (und Blöcke) von Clare Leighton und Gertrude Hermes. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf weniger bekannten Künstlern, wodurch der Sinn für Gartenarbeit als demokratische Freizeitbeschäftigung verstärkt wird - oder als Arbeit, die von Frauen und Männern, Jungen und Alten, auf dem Land, in der Stadt und in den Vorstädten ausgeübt wird".

Edward Hopper, Cape Cod Morning, 1950. National Museum of  Modern Art, Washington DC
In der SZ überlegt Nicolas Freund, warum ausgerechnet die Bilder von Edward Hopper derzeit so gern in den sozialen Netzen herumgereicht werden und findet schöne Erklärungen bei der Fondation Beyeler, die ihre Hopper-Ausstellung auf Instagram verlegt hat, wo sie Bilder aus der Schau mit kurzen Erklärungen postet: Zu "Cape Cod" etwa schreibe sie (auf Englisch): "Was man nicht sieht, ist genauso wichtig wie das, was man sieht. Denn draußen, das scheinen die Figuren alle zu wissen, da ist das Virus. Schön ist es trotzdem. ... Nicht politische, sondern gesellschaftliche Verhältnisse drängen das Individuum zu diesem Rückzug. Der heimische Innenraum hat in der Moderne immer auch etwas Neurotisches, und man merkt Hoppers Figuren die Spannung an, die auch uns gerade wieder erfasst."

Weitere Artikel: In der NZZ schildert Manfred Clemenz die tragischen Kunstmarkt-Strategien Vincent van Goghs. Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung) besucht online die Robert-Mapplethorpe-Ausstellung in der Berliner Galerie Thomas Schulte. Und auch Christian Schachinger (Standard) streift durch die Museen im Netz. Er empfiehlt insbesondere die Gratis-App "KHM Stories" des Wiener Kunsthistorischen Museums: "Mit einem speziellen Angebot gerade auch für Kinder kann man mit dieser Applikation Touren anhand ausgewählter Exponate durch das Museum machen, die sich etwa mit dem Klimawandel beschäftigen. Die erste Tour nennt sich 'Schnee von gestern?! - Klima, Kunst und Katastrophen' und beinhaltet unter anderem das Bild 'Die Jäger im Schnee' von Pieter Bruegel dem Älteren - und schildert, was mit dem Schnee seitdem passiert ist. Anhand eines Gemäldes des venezianischen Stadtmalers Canaletto aus dem 18. Jahrhundert erfährt man weiters von den Auswüchsen des Massentourismus in der Lagunenstadt, an einer anderen Station, warum der Wundervogel Dodo ausgestorben ist."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.03.2020 - Kunst

Black Rock, 2019. Foto © Kehinde Wiley. Mehr Bilder bei The Spaces

Eine staunende Katja Müller erkundet für die NZZ das "Black Rock", eine luxuriöse, vom afroamerikanischen Maler Kehinde Wiley in Senegals Hauptstadt Dakar finanzierte Künstlerresidenz. Entworfen hat den Bau der senegalesische Architekt Abib Djen. Der Luxus - Koi-Fischteich, Infinity-Pool, goldene Monogramme auf den Handtüchern, eine große Bibliothek etc. - hat hier Programm, lernt Müller: "Kehinde Wiley, Sohn einer Afroamerikanerin und eines Nigerianers, will mit seinem Projekt eine Brücke schlagen und die Türe nach Afrika wieder aufstoßen, um den Westen in einen Dialog mit dem Kontinent treten zu lassen. Durch die künstlerische Entwicklung soll sich der Diskurs über Afrika ändern. Er wolle von 'Black Rock' aus Freude und Kreativität in die Welt tragen, jenseits der alten Stereotypen und jenseits des immer wiederkehrenden Narrativs von Krieg, Desaster und Angst, das mit Afrika verbunden sei, sagte er gegenüber der französischen Zeitung Le Monde."

In der Berliner Zeitung erzählt Irmgard Berner, wie wunderbar man sich im Netz in der Kunst verlieren kann. Zum Beispiel mit Google Arts & Culture als Einstieg. "Sie ist eine wahre Fundgrube an Kunstwerken aller Epochen der Kunstgeschichte, nach Künstlern, Medien, Themen, Orten, historischen Ereignissen und Persönlichkeiten sortiert. ... Mittlerweile präsentiert es an die 1200 Museen und Zigtausende von Kunstwerken in Gigapixel-Auflösung, aufgenommen mit dem Fotoroboter Gigapan ist es zudem mit dem hauseigenen Dienst Street View quasi im dynamischen 3D-Modus durchwanderbar. Zum virtuellen Rundgang steht uns also die Museumswelt offen. Mit der Qual der Wahl: Soll es nach Beijing, Schanghai, nach Dubai oder doch lieber nach St. Petersburg, Paris oder London gehen?" (Bei Monopol gibt Katharina Cichosch Tipps für Online-Museumsbesuche)

Weiteres: Elke Buhr unterhält sich für Monopol mit der Kuratorin Chus Martinez, die auf Instagramm kleine "Corona-Tales" erzählt. Moritz Uslar besucht für die Zeit die Malerin Karin Kneffel in ihrem Atelier in Düsseldorf, dringt aber nicht so recht durch zu ihr. Besprochen wird eine Ausstellung über mexikanische Malerei im New Yorker Whitney Museum (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.03.2020 - Kunst

Francesca Woodman, On Being an Angel #1, Providence, Rhode Island, 1977 © Francesca  Woodman

In der taz feiert Achim Drucks die Fotografin Francesca Woodman als Protagonistin der feministischen Avantgarde der siebzigiger Jahre, deren Werke wir beinahe im C/O in der Berlin zu sehen bekommen hätten: "Pop-Kultur hat Woodman nicht interessiert. Die surreale Ästhetik ihrer Fotografie ist meilenweit entfernt von der damals angesagten Coolness von Punk und New Wave. Und während sich Cindy Sherman für ihre 1977-80 entstandene Fotoserie "Untitled Film Stills" als Verführerin, Sekretärin oder Hausfrau inszenierte und dabei stereotype Frauenbilder aus Hollywood-Filmen, Fernsehen oder Werbung appropriierte, finden sich bei Woodman keinerlei Bezüge zur Bilderflut der Massenmedien. Stattdessen erschafft sie eine hermetische Welt voller Verfall und Vergänglichkeit: In altmodischen Kleidern posiert sie in abgerockten Räumen. Putz liegt auf ausgetretenen Holzdielen, von bröckelnden Wänden schälen sich zerfetzte Bahnen einer Blümchentapete, hinter denen die Künstlerin ihren nackten Körper versteckt. Manchmal scheint es so, als würde sie mit den Wänden verschmelzen, in ihnen verschwinden."

Die großen Webkünstlerinnen der Moderne - Hanni Albers, Hannah Ryggen, Olivia Gioacometti - werden nach und nach in ihrer Bedeutung anerkannt, ebenso die Weberinnen, denen wir den Teppich von Bayeux zu verdanken haben. Aber wem verdanken wir die Kunst überhaupt? In der FAZ besingt Stefan Trinks in einem zeitlos schönen Text die Ahnherrin aller Künstler- und Weberinnen, Arachne, die Athene im Wettstreit besiegte und deswegen von ihr in eine Spinne verwandelt wurde: "Arachne stammt aus einfachen Verhältnissen - der Vater ist Wollfärber in Lykien. Sie vermag es aber, durch ihre Kunst Berühmtheit zu erlangen, so dass sogar die ebenfalls kunstfertigen Nymphen von weit her kommen, um ihr bei der Arbeit zuzusehen. Sie hat entsprechend ein Publikum für ihre Kunst, gar Verehrer, und arbeitet keinesfalls im Verborgenen. Nicht nur die fertigen Webkunstwerke, auch 'sie werden zu sehen, war ein Vergnügen', wie Ovid die öffentliche Anteilnahme am künstlerischen Prozess betont."

Weiteres: Ingeborg Ruthe schreibt in der Berliner Zeitung zum Tod von Ilse Maria Dorfstecher, die mit dem Verein Xanthippe und der Inselgalerie unermüdlich die Kunst von Frauen aus Berlin und Brandenburg förderte.  Und Hyperallergic malt sich aus, wie die Kunst ausgesehen hätte, wenn Gentileschi, Frida Kahlo oder Kerry James Marshall in Zeiten des Abstandhaltens gelebt hätten.