Anne-Catherine Simon von der Presse hat gegen die Auszeichnung dagegen nichts einzuwenden: "Alles wäre klar, würde man endlich die beharrliche Überhöhung und Selbsterhöhung der Kunst entsorgen. Würde man endlich aufhören, die menschliche Kompetenz zum 'Schönen', also zum ästhetisch Gelungenen, diese spezifische Art von Ausdruckskraft, aufblähen zur Meisterschaft im 'Wahren' und 'Guten'." Mit neuen Geigenbögen aus dafür besonders gut geeignetem Fernambukholz aus Brasilien könnte es bald ein Ende haben, schreibt Stefan Schickhaus in der FR: In einem Monat entscheidet die 20. Vertragsstaatenkonferenz des Washingtoner Artenschutzabkommens darüber, ob sie dem Antrag Brasiliens folgt und den Nationalbaum Paubrasilia echinata unter besonderen Schutz stellt. "Für die Bogenbauer wäre die Verschärfung des Schutzstatus ein ernstes Problem." Für den Geigenbauer Florian Leonhard "liegt die noch größere Bedrohung jedoch woanders: Der internationale Handel mit historischen Meisterbögen - teils mehrere Hundert Jahre alt - stünde vor dem Aus. Das wäre aus seiner Sicht eine kulturhistorischeKatastrophe, vergleichbar mit dem Handelsverbot für Elfenbein. ... Der Bau neuer Bögen ist also das eine Thema - das andere, in Leonhards Augen gravierendere ist die Einschränkung des alltäglichen Verkehrs mit Fernambukholzbögen. 'Es kann ja nicht sein, dass eine Spitzengeigerin wie Anne-Sophie Mutter mit ihrem Bogen, der seit 200 Jahren in Geigerhand ist, nicht mehr unterwegs sein darf.'"
Weiteres: Maxi Broecking porträtiert in der taz den New Yorker Saxofonisten DavidMurray, der beim Jazzfest Berlin auftritt. Robin Passon resümiert in der FAZ die Bohuslav-Martinů-Festtage in Basel. Karl Fluch spricht für den Standard mit dem österreichischen Schlagersänger Fuzzman. Torsten Groß redet in der SZ mit der Popmusikerin FlorenceWelch. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Jazzschlagzeuger JackDeJohnette (weitere Nachrufe hier). In der FRgratuliert Stefan Michalzik MartinLejeune zum Jazzstipendium der Stadt Frankfurt. Der Podcast "Und dann kam Punk" spricht mit Westbam mehrere Stunden über dessen Punkwurzeln.
Besprochen werden das neue Blood-Orange-Album "Essex Honey" (taz, mehr dazu bereits hier), der Konzertfilm "M" von DepecheMode (Welt) und CatStevens' Autobiografie (NZZ).
Der Jazzschlagzeuger JackDeJohnette zählte zu den letzten großen Legenden des Jazz - er spielte mit Miles Davis, Thelonious Monk, John Coltrane, Bill Evans, Keith Jarrett und vielen weiteren, die, wie er, Rang und Namen hatten. Nun ist er im Alter von 83 Jahren gestorben. In den späten Sechzigern, frühen Siebzigern stieß er vom Jazz aus das Tor zur Rockmusik mit auf: "In den befreiten Improvisationen des Jazz zu dieser Zeit steckte genug Psychedelik, um auch bei Konzerten zu wirken, auf denen nach ihnen Band wie die Grateful Dead spielten", schreibt Andrian Kreye in der SZ. "Immer größer wurden die Ensembles und Festivals, immer lauter die Musik. DeJohnette passte ideal dazu, weil er sich mit seiner offenen Spielweise auch gegen elektrische Gitarren und Keyboards durchsetzen konnte." Später bei ECM Records "konnte sich Jack DeJohnette immer wieder neu erfinden und entwickeln. In seinen Gruppen New Directions und Special Edition entwickelte sein Schlagzeugspiel eine Zentrifugalkraft, die sich Generationen zum Vorbild nahmen."
"Diese Subtilität. Diese Kraft. Diese Präzision", schwärmt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel, "dieser Sinn für perkussive Klanglichkeit, die sich ihren Raum nicht von der Notwendigkeit abkaufen lässt, das rhythmische Gerüst zu liefern. ... Ob er Hardbop-Bands einen Drive verlieh, der sie über ihre Grenzen hinaustrieb oder in Fusionsexperimenten wie Compost groovte, ob er seiner eigenen Band Special Edition Schachtelrhythmen verordnete oder sich den Fliehkräften eines freien Jazz hingab, wie ihn die afroamerikanische Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) seiner Heimatstadt Chicago pflegte: Er war von einer seltenen Vielseitigkeit und blieb, anders als viele Kollegen, dabei doch immer er selbst." Ja, "DeJohnette konnte alles - auch abseits des Feinnervigen Substanz liefern", schreibt auch Ljubiša Tošić im Standard. Einen weiteren Nachruf schreibt Ueli Bernays in der NZZ.
Weitere Artikel: Gregor Dotzauer porträtiert im Tagesspiegel den Jazz-Kontrabassisten FelixHenkelhausen. Wolfgang Sandner resümiert in der FAZ das Deutsche Jazzfestival 2025 in Frankfurt. YuvalWeinberg ist der künftige Leiter des RundfunkchorsBerlin, meldet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Tobias Langley-Hunt ist im Tagesspiegelratlos, warum die neue Single von Rosalía ausgerechnet "Berghain" heißt - jedenfalls lassen weder Text, noch Video einen Bezug zu dem Berliner Club erkennen.
Besprochen werden das neue Album von LilyAllen, die darauf laut Zeit-Online-Kritikerin Juliane Liebert "die zeitgenössische Dialektik des Persönlichen bespielt", eine Netflix-Doku über die Kokainsucht des Rappers Haftbefehl (Welt), ein Johann-Strauß-Konzert der WienerPhilharmoniker (Standard) und das neue Album des Berliner Schlagersängers TristanBrusch (Zeit Online).
Maxi Broecking porträtiert in der tazAngelicaSanchez, die beim Jazzfest Berlin in zwei unterschiedlichen Formationen auftritt und sich dafür interessiert, "wie die Verästelungen der Nervenbahnen in Klangsysteme übersetzt werden können". Anna Weiß spaziert für die SZ mit dem Berliner Chansonnier TristanBrusch durch Neukölln bis zum Tempelhofer Feld. Stefan Michalzik resümiert in der FR das Deutsche Jazzfestival 2025in Frankfurt. "Die Popwelt hat plötzlich Spaß an der Ehe", schreibt Julian Theilen in der Welt angesichts dessen, dass mit TaylorSwift, LanaDelRey, DuaLipa und CharliXCX gerade ein ganzer Schwung millionenschwerer Popstars vor den Traualtar zieht. Im Standarderinnert Christoph Irrgeher an JohannStrauß, der vor 200 Jahren geboren wurde.
Besprochen werden MariaKanitz' und LukasBecks Buch "Lauter Hass" über "Antisemitismus als popkulturelles Ereignis" (FR), eine Netflix-Doku über den Rapper Haftbefehl und dessen Kokainsucht (SZ), ein Auftritt von DianaKrall in Wien (Standard) und WolfgangMuthspiels Album "Tokyo" (Standard).
In der Frankfurter Pop-Anthologieschreibt Uwe Schütte über den "Cold Song" von KlausNomi:
Die EssenerPhilharmoniker haben sich nach einer Orchesterabstimmung dagegen entschieden, ClaraIannottas als Auftragswerk für das Essener Festival NOW komponierte Arbeit "Sand like gold-leaf in smithereens" aufzuführen, meldet VAN nach einer Stellungnahme der Komponistin. Demnach habe es schon frühzeitig im Schaffensprozess konfliktträchtige Vorbehalte gegenüber der Instrumentierung des Stücks "für verstimmte Violine, Orchester und Elektronik" gegeben. Iannotta warnt "vor einem Klima der 'stillenSelbstzensur', das entstehen könne, wenn Orchester sich neuen Klangideen verweigerten: 'Wenn Situationen wie diese nicht thematisiert werden, riskieren wir, dass Komponist:innen - besonders jüngere - ihre Sprache vorauseilend anpassen. Das schränkt künstlerische Freiheit und kollektive Vorstellungskraft ein.' Die Komponistin kritisiert einen 'tiefgreifenden Mangel an Neugier' in Teilen des Orchestersystems. 'Ein Orchester, als eine der mächtigsten und symbolträchtigsten Institutionen des Musiklebens, kann nicht behaupten, unsere Zeit zu repräsentieren, wenn es nur eine Art von Musik akzeptiert - nämlich diejenige, die den konventionellsten Vorstellungen von Instrumentation und Form entspricht.'"
Weitere Artikel: Julian Weber (taz), Gerrit Bartels (Tsp) und Joachim Hentschel (SZ) schreiben zum Tod des Soft-Cell-Musikers DaveBall. Bernd Noack (NZZ) und Wilhelm von Sternburg (FR) erinnern an JohannStrauss, der heute vor 200 Jahren geboren wurde. Dazu passend bringtDlf Kultur eine Lange Nacht von Jürgen König zu Strauss.
Besprochen werden PhilippThers Studie "Der Klang der Monarchie. Eine musikalische Geschichte des Habsburgerreichs" (online nachgereicht von der FAZ), ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters mit AlexanderMalofeev (FR), eine Kino-Doku über den Rapper Haftbefehl (FAZ) und das neue Album von Evan Dando (SZ).
"Alles pulsiert, und die Skizzen werden tanzbar", schreibttazler Benjamin Moldenhauer über "Hypgerglyph", das neue Album des Chicago Underground Duo, das auf dem renommierten Label International Anthem sein Comeback nach über zehn Jahren feiert. "Chad Taylor spielt polyrhythmische Muster, die man mit afrikanischen Musiktraditionen assoziiert. Rob Mazurek passt meist kurze, oft äußerst expressive Trompetenlinien in das überbordende Drumming ein, die in ihrer Rohheit und manchmal auch ihrer Brüchigkeit viel vom Spiel Don Cherrys haben." Es gelingt ihm "wie kaum einem anderen Jazztrompeter zurzeit, Gegensätzlichkeiten zu spielen und zugleich zu forcieren. Reizdichte und Leichtigkeit, Chaos und Struktur, Lounge-artiges und Freejazz-Zitate. In 'Contents of Your Heavenly Body' geht es um Körperlichkeit und Schönheit und implizit auch darum, dass die Zuschreibung, Jazz sei geschmäcklerisch und feingeistig, Blödsinn bleibt."
Wenn der öffentlich-rechtlicheRundfunk nach Ansicht der Politik kürzen soll - wohlgemerkt nicht etwa an der Menge von Heimatschnulzen und TV-Kommissaren, sondern an den Rundfunkorchestern -, dann gründet er erstmal, und zwar in der Regel eine Arbeitsgruppe. Im März machte die Politik ihre Forderung laut und schon im August meldeten die ARD-Anstalten Vollzug - Arbeitsgruppe gegründet. Was tut sich seitdem? VAN fragte nach. "Zugegeben, das war etwas übermütig", kommentiert Hartmut Welscher. "Geduld, Geduld, lautete folgerichtig die Antwort der freundlichen ARD-Pressestelle. Die Zusammensetzung der Arbeitsgruppe werde mitsamt Auftrag schließlich erst in der nächsten Sitzung der Intendantinnen und Intendanten Ende September 'besprochen und beschlossen'." Weitere Nachfragen seitdem ergaben, dass mit Entwicklungen irgendeiner Art wohl überhaupt erst Ende 2026 zu rechnen sei. "Bis wir im nächsten Reformherbst wieder aufwachen, könnte die ARD vielleicht eine Arbeitsgruppe eingerichtet haben zu der Frage, warum bei ihr noch jede simple Angelegenheit in kafkaesker Verantwortungsdiffusion endet."
Weitere Artikel: Jeffrey Arlo Brown spricht für VAN mit RaphaëlPichon über dessen Arbeit mit dem EnsemblePygmalion und mit AdamPultzMelbye über dessen Forschungen, wie sich KI zur experimentellen Musik nutzen lässt. Arne Löffel spricht für die FR mit Teinel Throssell alias HAAi. Konstantinos Kosmas schreibt auf Zeit Online einen Nachruf auf DionysisSavvopoulos, den "Liedermacher der 68er-Bewegung in Griechenland". Ueli Bernays schreibt in der NZZ zum Tod des Soft-Cell-Keyboarders DaveBall.
Besprochen werden das neue Album von TameImpala (es fehlt eine "Idee von Klangwahrhaftigkeit", schreibt Juliane Liebert auf Zeit Online, "für Menschen, die sich nicht für Musik interessieren, ist diese Musik ein Geschenk", schreibt Karl Fluch im Standard), ein neues Album der Chicks on Speed, denen zugleich eine Retrospektive in München gewidmet ist (taz), ein neues Album der Cellistin SolGabetta (NZZ), BobDylans Konzert in Hamburg (FR) und JoanneRobertsonsAlbum "Blurrr" ("purer musikalischer Genuss", schwärmttazler Johann Voigt).
Musik wird in Russland zum Mittel des Protests, berichtet Yelizaveta Landenberger in der taz. Die Band Stoptime hatte bei einem Straßenkonzert auf dem Newski-Prospekt im Stadtzentrum von Sankt Petersburg regierungskritische Songs gespielt. Die 18-jährige Sängerin Diana "Naoko" Loginowa wurde festgenommen, aber im Internet kursieren Solidaritätsvideos. Und kurz vor ihrer Festnahme hatte die Band noch ein Video mit dem Song "Kooperative Schwanensee" des russischen Rappers Noize MC eingespielt: "Jener Protestsong, den Noize MC 2022 nur kurz nach Beginn der russischen Großinvasion in die Ukraine veröffentlicht hatte, wurde von einem russischen Gericht im Mai als 'extremistisch' eingestuft. Darin kritisiert der Rapper den Krieg, die Staatspropaganda mit hasserfüllten Talkshows von Moderatoren wie Wladimir Solowjow sowie das mangelnde Verantwortungsbewusstsein der russischen Gesellschaft: 'Wo wart ihr acht Jahre lang, ihr verfickten Unmenschen! / Ich will Ballett sehen / Lasst die Schwäne tanzen! / Lasst den Opa um seinen See zittern! / Weg mit Solowjow vom Bildschirm - lasst die Schwäne tanzen!' Mit 'dem Opa' ist wohl Putin gemeint, und 'Schwanensee' ist nicht nur das Ballett von Tschaikowski, sondern auch eine Metapher für den Zusammenbruch der politischen Ordnung."
Glaubt man Pop-Kritiker Jens Balzer in der Zeit in einem kleinen Eassy über die "Zukunft der Pop-Kritik im Feuilleton", dann kriegt man als Pop-Kritiker Morddrohungen, wenn man das neue Taylor-Swift-Album verreißt - ein lebensgefährlicher Job also. Besonders rabiat scheinen K-Pop-Fans zu sein. "Wenn man früher glaubte, dass Künstler Angst vor ihren Kritikern haben müssen, dann müssen heute eher Kritiker Angst vor den Fans der von ihnen kritisierten Künstler haben." Und dann noch die Influencer: "Der Influencer will keine Distanz zu seinen Gegenständen, er will reine Unmittelbarkeit."
Weiteres: Max Nyffeler gratuliert dem Komponisten Toshio Hosokawa in der FAZ zum Siebzigsten. Besprochen werden ein Konzert der Weltmusikstars Dhafer Youssef und Sona Jobarteh in Frankfurt (FR) und das "rundum lebendige" Suede-Album "Antidepressants" (Ebenfalls FR).
Und Florian Eichel hat für die Zeit den Chopin-Wettbewerb in Warschau, einen der renommiertesten Kalvier-Wettbewerbe weltweit, besucht. Wenn der 24-jährige Georgier David Khrikuli Chopin spielt, klingt es, als höre man ihn zum ersten Mal, schreibt er. Hier kann man sich Bild und Ton machen, sein Auftritt in Warschau steht bei Youtube online:
Bei den DonaueschingerMusiktagen wurde "das Sprechen zum metaphysischen Akt", zu einem klanglich modulierten Instrument unter vielen, stellt Hannah Schmidt auf Zeit Online fest. "Es scheint, als zöge sich die zeitgenössische Musik 2025 in jene Selbstreferenzialität zurück, aus der sie vor wenigen Jahren erst den Ausbruch gewagt hat. Nur so lassen sich LaureM. Hiendls minimalistische 25 Remix-Minuten über ein paar Takte aus RalphVaughanWilliams' 7. Sinfonie erklären, nur so macht die neu-alteSuchenachObjetstrouvés für das Geräuschorchester, nach Synästhesie und meditativer Traumerfahrung Sinn. Diese Kunst sagt der Tragik und Verzweiflung der Wirklichkeit nicht den Kampf an, sondern schärft vielmehr die Sinne, will Zuflucht bieten, verbinden. Die Shuttlefahrten zurück ins Hotel nach den Uraufführungen werden so zum Sinnbild: Unterwegs hält der Fahrer mehrfach spontan an nachtschwarzen Sehenswürdigkeiten. Mansiehtzwarnichts, aberegal." Lotte Thaler resümiert das Festival in der FAZ ziemlich genervt: So manches "ist schon beim Hinausgehen so gut wie vergessen".
Sein eigenes Leben wird kaum ausreichen, um die Myriaden Tonbänder durchzuhören und auszuwerten, die FrankZappa hinterlassen hat, sagt dessen Archivar JoeTravers im Gespräch mit der SZ. Hinzu kommt, dass spätestens ab den Achtzigern der Wechsel zum Digitalen seine ganz eigenen Tücken mit sich bringt: "Wenn ein Tonband mit einer analogen Aufnahme Altersschäden bekommt, verliert es in der Regel die hohen Frequenzen", aber "das kann man korrigieren. Wenn jedoch ein digitales Tonband überstrapaziert ist, hört man einfach - gar nichts mehr. ... Ein Jazz-Tonband aus den 40er- oder 50er-Jahren wird man mit wenig Aufwand immer wieder restaurieren können. Wie das in 70 Jahren mit den WAV-FilesvonTaylorSwift aussieht, ist eine völlig andere Geschichte."
Besprochen wird YasmineHamdans Album "I Remember I Forget" (FR).
Dass ein Leitartikel der FAZ von Hip-Hop-Kultur handelt, dürfte nicht allzu oft vorkommen. Sebastian Eder will dem Rapper Chefket seine Naivität nicht abnehmen. Der hatte neulich eine Palästinakarte ohne Israel herumgetragen und sich damit verteidigt, dass er überall gegen Unterdrückung sei, das Symbol aber nicht politisch deuten könne. Eder stellt eine Gewaltbilanz der Hip-Hop-Kultur auf, die nicht unbedingt positiv auffällt. "Auch in Deutschland kann man gerade beim Thema Frauenhass und Antisemitismus im Rap eine lange Liste mit menschenverachtenden Äußerungen anlegen. Ein verurteilter Frauenschläger wie Gzuz tritt weiter in Arenen auf und darf sich in einer Amazon-Dokumentation als Familienmensch präsentieren. Rapper aus dem Umfeld von arabischen Clans verstecken ihren Hass auf Juden, wenn überhaupt, nur sehr halbherzig. Der Hip-Hop-Held Haftbefehl darf sich bald in einer Netflix-Doku über sein Leben zeigen, produziert wurde sie von Elyas M'Barek. Mehr Mainstream geht nicht. Eines der bekanntesten Lieder von Haftbefehl beginnt so: 'Rothschild-Theorie, jetzt wird ermordet'. Auch andere Probleme liegen seit Jahren offen: Kriminelle Clans unterdrücken Rapper, Rapper mit kriminellen Clans im Rücken unterdrücken schwächere Rapper. Die Musikindustrie spielt mit."
In Zürich hat PaavoJärvi mit dem EstonianFestivalOrchestra einen Abend zu Ehren von ArvoPärt bestritten, der vor kurzem 90 Jahre alt geworden ist. "Pärt hat die Musik unserer Zeit, die sich lange einem überwiegend konstruktivistischen Denken verschrieben hatte, breitenwirksam gemacht", schreibt Christian Wildhagen in der NZZ, "und zwar, indem er sie für das Mystische und Meditative, ja das Archaisch-UrsprünglichederKlänge geöffnet hat." Gut nachzuvollziehen etwa in "Tabula Rasa" von 1976: "Der junge estnische Geiger HansChristianAavik und die bekannte Geigerin Midori treffen ... genau den eigentümlichen Schwebezustand, in dem das unablässige Wiederholen von Formeln und Sequenzen zu einem Gefühl von Zeitlosigkeit führt, das zugleich aber die Wahrnehmung jedes einzelnen Tones schärft."
Weiteres: Manuel Brug spricht in der Welt mit DaniilTrifonov über Tschaikowsky, dessen selten zu hörenden Solo-Klavierstücke der russische Pianist vor kurzem eingespielt hat. Gregor Kessler berichtet in der taz von einer Veranstaltung in Hamburg zum Abschied des vor kurzem verstorbenen Labelmachers AlfredHilsberg.
Besprochen werden ein Wiener Abend mit GüntherGroissböck und IgorLevit (Standard), ein Auftritt der Jazzmusikerin ClaraVetter in Frankfurt (FR), das von ThomasGuggeis dirigierte Museumskonzert in Frankfurt (FR) und neue Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter IiroRantalas Jazzalbum "Trinity" (Standard).
Der Jazzmusiker und Komponist KlausDoldinger ist tot. Ihm gelang "eine der auch international bedeutendsten Karrieren der deutschen Musikgeschichte", schreibt Torsten Groß auf Zeit Online. In der breiten Öffentlichkeit kennt man Doldinger vor allem als Komponist der "Tatort"-Melodie. Dabei "war das Saxofon Doldingers eigentliche Stimme. ... Ausufernde Jams, Improvisationen wurden zum Markenzeichen seiner später grenzüberschreitenden Fusion-Band Passport, kaum ein Stück wurde zweimal gleich gespielt. Unvergessen die Aufführung des Passport-Stücks Uranus in der TV-Sendung Beat Club. Sieben Minuten entfesselte Energie, in übereinander montierten Aufnahmen scheint Doldinger gleichzeitig Tenor- und Sopransaxofon sowie Synthesizer zu spielen. Sein geliebtes Sopransax jagte Doldinger bei solchen Gelegenheiten durch alle möglichen Effekte, bis es beinahe klang wie eine E-Gitarre."
"Sein Ton auf dem Tenor- und Sopransaxofon war unverkennbar, ein Strahlen voller Kraft und einer untergründigen Wehmut, die seine Sehnsucht nach der großen Welt bis in sein hohes Alter transportierte", seufzt Andrian Kreye in der SZ - und kommt ebenfalls auf Passport zu sprechen: "Keyboardschichten schufen einen Kosmos der Klänge und Harmonien, über die Klaus Doldinger mit seinem Saxofon die Fanfarenlinien seiner Themen und Improvisationen legte. Da fanden sein Gespür für Melodien, die man sofort mitsummen konnte, seine fingerfertige Lässigkeit und die musikalischen Erinnerungen an seine Weltreisen zusammen. ... Das war eine Form des Jazz, die ganze Hallen und Stadien bis in die Grundfesten erschüttern konnte. Diese Spannung aus Wucht und Wehmut bei Doldinger traf das Gefühl einer Zeit, als die Welt noch so groß und erstmals so offen erschien."
"Doldinger hatte alles drauf", schreibt Stefan Hentz in der NZZ. "Unter Pseudonym und getarnt mit einer bizarren Wuschelperücke, zog er dem neuen deutschen Rock musikalisch ein Rückgrat ein und profilierte sich als Mann für alle Fälle. Zugleich nutzte er die offenen Kanäle in die stürmisch wachsende Musikindustrie, um auch als Jazzmusiker präsent zu bleiben - sei es mit gefälligem Bossa Nova, sei es als Herold eines zupackenden Jazz 'made in Germany', den er mit seinem Quartett präsentierte. In der Vielfalt seiner musikalischen Interessen entwickelte Doldinger eine Vorliebe für rockige Sounds, für die Kraftentfaltung der Verstärker und Verzerrer und die Bewegungsenergie knalliger Grooves, die ihm sehr zupass kommen sollte, als ihm bald auch ambitioniertereKompositionsaufträge für Film- und Fernsehproduktionen zuflogen." Wer als Kind in den Achtzigern ins Kino ging, wird diese Melodie noch im Ohr haben:
Weitere Nachrufe schreiben Josef Engels (Welt), Wolfgang Sandner (FAZ) und Hans-Jürgen Linke (FR).
Am Freitagabend begannen die DonaueschingerMusiktage. Dass der SWR sich hier sehr im Abglanz der Kultur feiert, während er die Hochkultur in seinen Programmen immer weiter abdrängt, stößt Alexander Strauch auf Backstage Classical durchaus auf. Auch rächt sich, dass der SWR stur an François-XavierRoth festhielt, der seit geraumer Zeit höchst umstritten ist. Prompt begleiteten ihn die Buhrufe beim Weg auf die Bühne. Musikalisch war der Abend zwar solide, "doch eben das Fragezeichen über seiner Personalie war überdeutlich. ... Buhrufe für Leroux und Roth, Bravorufe der Getreuen - ein Ritual. Ein Abend zwischen Loyalität und Lähmung, Feier und Fassade. So also begann Donaueschingen 2025: Der SWR feierte sich selbst, Roth kämpfte mit seinem Schatten, und die Musik versuchte, sich dazwischen einen Raum zu schaffen. Ein Auftakt, der alles enthielt - nur keinen Aufbruch von Festival und Chefdirigent."
Weiteres: Harry Nutt schreibt in der FR zum Tod des KISS-Gitarristen AceFrehley. Besprochen wird LukasGecks und MariaKanitz' Buch "Lauter Hass" über Antisemitismus im Pop (taz).
Elena Witzeck berichtet in der FAZ von dem Trubel, den die Ankündigung, dass der puertoricanische Superstar BadBunny die Halbzeitshow des nächsten Super Bowls bestreiten wird, ausgelöst hat. Diese Zwischeneinlage ist bekanntlich jedes Jahr eines der zentralen popkulturellen Ereignisse in den USA - und Bad Bunny war in der Vergangenheit nie darum verlegen, Trump und dessen Einwanderungspolitik zu kritisieren. "Geplant ist nun eine Gegenveranstaltung zu Benitos Superbowl-Auftritt. Die Heimatschutzministerin droht mit Festnahmen der Abschiebebehörde ICE. Als wäre es das erste Mal, dass die amerikanische Einwanderungspolitik beim Superbowl kritisiert wird. ... Mit Trolling-Posts und Kritik an dem geplanten Auftritt wurde in den letzten Tagen versucht, ehrwürdige Künstler wie Carlos Santana gegen Bad Bunny auszuspielen. In einer besonders herzlichen Umarmungsgeste ließ Santana mitteilen, er sehe das ganz anders. Überhaupt könne er nicht aufhören, Bad Bunnys Song 'Mónaco' zu hören. Worum es da geht? Um die Dekonstruktion alter Machtstrukturen. Wenn das mal kein Zufall ist."
Außerdem: Für "Bilder und Zeiten" der FAZ schaut Gerald Felber der Pianistin TamaraStefanovich dabei über die Schulter, wie diese sich das Klavierkonzert von RebeccaSaunders erarbeitet. Erhard Grundl wirft in der taz Schlaglichter auf Leben und Werk von BobDylan, der kommende Woche für drei Konzerte nach Deutschland kommt. Jakob Biazza schreibt in der SZ einen Nachruf auf den früheren Kiss-Gitarristen AceFrehley.
Besprochen werden das neue Album von TheLastDinnerParty ("eine ausgezeichnete Popplatte, reich an Ideen, Hooks, Drama, glamourösen Anmaßungen und großen Emotionen", freut sich Annett Scheffel auf Zeit Online) und das neue Album von TameImpala (SZ).
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