Intervention
Die Legende von der russischen Kultur
Von Richard Herzinger
11.06.2025. Bei allem Mut, den die Protagonisten der russischen Opposition an den Tag gelegt haben: Noch immer knüpfen sich im Westen zu viele Hoffnungen an künftige Veränderungen durch ihr Wirken. Sie selbst haben sich von einigen nationalistischen Mustern wie dem imperialen Charakter der russischen Föderation noch nicht verabschiedet. Hinzu kommt ein nach wie vor idealisierender Blick aus dem Westen.Noch immer knüpfen sich im Westen Hoffnungen auf künftige Veränderungen in Russland an das Wirken der "russischen Opposition". Doch diese ist heute kaum noch eine relevante Kraft im Kampf gegen das Putin-Regime, sondern vor allem ein Projektionsbild der westlichen Öffentlichkeit. Denn letztere klammert sich nur zu gerne an die Vorstellung, im Schatten der Diktatur existiere ein "anderes", besseres Russland, das bereitstehe, um nach dem Ende der autoritären Herrschaft ein neues Kapitel der Demokratisierung und der Annäherung an den Westen aufzuschlagen, und das von liberalen Oppositionspolitikern im Exil repräsentiert werde.
Diese bedienen solches Wunschdenken, indem sie sich selbst und dem westlichen Publikum eine Bedeutung suggerieren, die sie in Wahrheit längst nicht mehr besitzen. Denn ernsthafter Widerstand gegen den Kreml und seinen genozidalen Kriegskurs, auf den sie sich stützen könnten, ist in der gleichgeschalteten russischen Gesellschaft kaum noch existent.
Einer der wenigen, die den beklagenswerten Zustand der in Wahrheit tief zerstrittenen Exilopposition schonungslos benennen, ist der in Deutschland lebende russische Autor Sergej Lebedew. Weder die Anhänger Michail Chodorkowskis noch die des vom Kreml ermordeten Oppositionspolitikers Alexej Nawalnys, so Lebedew kürzlich in einem Interview, zeigten sich fähig, eine gemeinsame Agenda zum Sturz des Regimes zu formulieren. Dabei drückten sich führende Köpfe der Opposition wie Nawalnys Witwe Julija Nawalnaja, vor Antworten auf essenzielle Fragen wie die, ob sie westliche Waffenlieferungen an die Ukraine befürworten. Nur der Zirkel um den einstigen Schach-Weltmeister Garri Kasparow spreche sich klar für die westlichen Militärhilfen an die Ukraine aus. (Unser Resümee)
Ähnlich ambivalent verhalten sich prominente Putin-Gegner wie Wladimir Kara-Mursa, der im Rahmen des Gefangenenaustauschs von 2024 aus der Haft in Russland freikam, zu den westlichen Sanktionen gegen Russland. Dass viele der Sanktionen auch "einfache Menschen" träfen, sei "nicht gerecht", erklärte er nach seiner Haftentlassung. Das folgt einem Denkmuster, nach dem allein das Putin-Regime den von Russland verübten Zivilisationsbruch zu verantworten habe, das russische Volk in seiner Breite aber daran unschuldig und selbst in erster Linie Opfer sei.
Diese Haltung äußert sich auch darin, dass sich die Exiloppositionellen zwar mit der Ukraine generell solidarisch erklären, die meisten von ihnen der russischen Öffentlichkeit jedoch nicht zu viel an Aufklärung über die von den Invasoren in der Ukraine begangenen Gräueltaten zumuten wollen. Lieber konzentrieren sie sich darauf, den Russinnen und Russen vor Augen zu führen, welcher Schaden ihnen selbst aus Putins Krieg erwachse.
Folgerichtig scheuen sich die Köpfe der "russischen Opposition", das imperial-kolonialistische Konstrukt, das sich "Russische Föderation" nennt, grundsätzlich in Frage zu stellen. Begründet wird solche Zurückhaltung oft mit dem Argument, die russische Gesellschaft dürfe nicht "überfordert" werden, wolle man ihren Widerspruchsgeist gegen das Putin-Regime fördern. Tatsächlich zeigt sich daran aber, dass der Großteil auch der sich liberal gerierenden Oppositionellen noch immer in der russischen imperialen Logik befangen oder zumindest nicht bereit sind, die Legitimität des russischen Staatsgebildes als solches anzuzweifeln - wohl auch aus Angst, als "Verräter" an der nationalen Sache Russlands abgestempelt zu werden.
Gerne stilisiert sich die russische Exilopposition auch zum Hort authentischer russischen Kultur, die in Russland von dem putinistischen System "verwüstet" worden sei, wie kürzlich der russische Schriftsteller Michail Schischkin schrieb. "Heute", so Schischkin, "befindet sich fast der gesamte 'kulturelle Humus' Russlands im Exil." Doch eine "Kultur", die wie die russische historisch stets mit brutalen autokratischen Verhältnissen verknüpft war, muss sich fragen lassen, wie weit sie selbst von der großrussischen Gewaltideologie kontaminiert ist.
Die Legende von der politisch unbefleckten "russischen Kultur" erfreut sich im Westen jedoch nach wie vor großer Beliebtheit. Namentlich in Deutschland genießen russische Literatur, Musik und Kunst immer noch eine geradezu mystische Verehrung. Aus dem deutschen Kulturbetrieb ist nur wenig Protest gegen die von Russland in der Ukraine systematisch verübten Verbrechen gegen die Menschlichkeit und den gezielten Versuch des Aggressors zu vernehmen, die ukrainische kulturelle Identität auszulöschen. Umso häufiger wird von deutschen Kulturschaffenden dagegen die Sorge geäußert, die russische Kultur könnte aus dem hiesigen Kulturleben "ausgegrenzt" werden, weil man sie zu Unrecht mit den Untaten des Putin-Regimes in Verbindung bringe.
Darin kommt ein in Deutschland weit verbreitetes Bedürfnis zum Ausdruck, sich ungeachtet der verheerenden Realität des russischen Terrorstaats ein grundsätzlich positives Russland-Bild zu erhalten. So lange die Fiktion eines vitalen innerrussischen Oppositiongeists aufrechterhalten wird, lässt sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit am Ende doch immer wieder auf die Probleme und Nöte Russlands richten statt auf das Schicksal der Ukraine.
Dazu dient auch die Glorifizierung führender russischer Putin-Gegner. So fand die 2024 posthum veröffentlichte Autobiografie Alexej Nawalnys in der deutschen Öffentlichkeit ein enorm positives Echo. Nawalny wurde fast einhellig als großer Freiheitsheld gefeiert. Problematische Aspekte seiner politischen Karriere wie seine radikalnationalistischen Wurzeln traten dabei in den Hintergrund.
Der Mut und die Standfestigkeit, mit denen sich viele russische Putin-Gegner dem Regime entgegenstellen, steht indes außer Zweifel. Doch die meisten von ihnen schaffen es nicht, sich einer bitteren Einsicht zu stellen: dass die "russische Opposition" auf der ganzen Linie daran gescheitert ist, den Ausbau des putinistischen Herrschaftssystems zu einer totalitären Diktatur und die Zurichtung der russischen Gesellschaft für einen genozidalen Vernichtungskrieg zu verhindern. Erst wenn sie sich dies eingesteht, gibt es für sie die Chance für einen Neuanfang.
Richard Herzinger
Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Hier der Link zur Originalkolumne.
Diese bedienen solches Wunschdenken, indem sie sich selbst und dem westlichen Publikum eine Bedeutung suggerieren, die sie in Wahrheit längst nicht mehr besitzen. Denn ernsthafter Widerstand gegen den Kreml und seinen genozidalen Kriegskurs, auf den sie sich stützen könnten, ist in der gleichgeschalteten russischen Gesellschaft kaum noch existent.
Einer der wenigen, die den beklagenswerten Zustand der in Wahrheit tief zerstrittenen Exilopposition schonungslos benennen, ist der in Deutschland lebende russische Autor Sergej Lebedew. Weder die Anhänger Michail Chodorkowskis noch die des vom Kreml ermordeten Oppositionspolitikers Alexej Nawalnys, so Lebedew kürzlich in einem Interview, zeigten sich fähig, eine gemeinsame Agenda zum Sturz des Regimes zu formulieren. Dabei drückten sich führende Köpfe der Opposition wie Nawalnys Witwe Julija Nawalnaja, vor Antworten auf essenzielle Fragen wie die, ob sie westliche Waffenlieferungen an die Ukraine befürworten. Nur der Zirkel um den einstigen Schach-Weltmeister Garri Kasparow spreche sich klar für die westlichen Militärhilfen an die Ukraine aus. (Unser Resümee)
Ähnlich ambivalent verhalten sich prominente Putin-Gegner wie Wladimir Kara-Mursa, der im Rahmen des Gefangenenaustauschs von 2024 aus der Haft in Russland freikam, zu den westlichen Sanktionen gegen Russland. Dass viele der Sanktionen auch "einfache Menschen" träfen, sei "nicht gerecht", erklärte er nach seiner Haftentlassung. Das folgt einem Denkmuster, nach dem allein das Putin-Regime den von Russland verübten Zivilisationsbruch zu verantworten habe, das russische Volk in seiner Breite aber daran unschuldig und selbst in erster Linie Opfer sei.
Diese Haltung äußert sich auch darin, dass sich die Exiloppositionellen zwar mit der Ukraine generell solidarisch erklären, die meisten von ihnen der russischen Öffentlichkeit jedoch nicht zu viel an Aufklärung über die von den Invasoren in der Ukraine begangenen Gräueltaten zumuten wollen. Lieber konzentrieren sie sich darauf, den Russinnen und Russen vor Augen zu führen, welcher Schaden ihnen selbst aus Putins Krieg erwachse.
Folgerichtig scheuen sich die Köpfe der "russischen Opposition", das imperial-kolonialistische Konstrukt, das sich "Russische Föderation" nennt, grundsätzlich in Frage zu stellen. Begründet wird solche Zurückhaltung oft mit dem Argument, die russische Gesellschaft dürfe nicht "überfordert" werden, wolle man ihren Widerspruchsgeist gegen das Putin-Regime fördern. Tatsächlich zeigt sich daran aber, dass der Großteil auch der sich liberal gerierenden Oppositionellen noch immer in der russischen imperialen Logik befangen oder zumindest nicht bereit sind, die Legitimität des russischen Staatsgebildes als solches anzuzweifeln - wohl auch aus Angst, als "Verräter" an der nationalen Sache Russlands abgestempelt zu werden.
Gerne stilisiert sich die russische Exilopposition auch zum Hort authentischer russischen Kultur, die in Russland von dem putinistischen System "verwüstet" worden sei, wie kürzlich der russische Schriftsteller Michail Schischkin schrieb. "Heute", so Schischkin, "befindet sich fast der gesamte 'kulturelle Humus' Russlands im Exil." Doch eine "Kultur", die wie die russische historisch stets mit brutalen autokratischen Verhältnissen verknüpft war, muss sich fragen lassen, wie weit sie selbst von der großrussischen Gewaltideologie kontaminiert ist.
Die Legende von der politisch unbefleckten "russischen Kultur" erfreut sich im Westen jedoch nach wie vor großer Beliebtheit. Namentlich in Deutschland genießen russische Literatur, Musik und Kunst immer noch eine geradezu mystische Verehrung. Aus dem deutschen Kulturbetrieb ist nur wenig Protest gegen die von Russland in der Ukraine systematisch verübten Verbrechen gegen die Menschlichkeit und den gezielten Versuch des Aggressors zu vernehmen, die ukrainische kulturelle Identität auszulöschen. Umso häufiger wird von deutschen Kulturschaffenden dagegen die Sorge geäußert, die russische Kultur könnte aus dem hiesigen Kulturleben "ausgegrenzt" werden, weil man sie zu Unrecht mit den Untaten des Putin-Regimes in Verbindung bringe.
Darin kommt ein in Deutschland weit verbreitetes Bedürfnis zum Ausdruck, sich ungeachtet der verheerenden Realität des russischen Terrorstaats ein grundsätzlich positives Russland-Bild zu erhalten. So lange die Fiktion eines vitalen innerrussischen Oppositiongeists aufrechterhalten wird, lässt sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit am Ende doch immer wieder auf die Probleme und Nöte Russlands richten statt auf das Schicksal der Ukraine.
Dazu dient auch die Glorifizierung führender russischer Putin-Gegner. So fand die 2024 posthum veröffentlichte Autobiografie Alexej Nawalnys in der deutschen Öffentlichkeit ein enorm positives Echo. Nawalny wurde fast einhellig als großer Freiheitsheld gefeiert. Problematische Aspekte seiner politischen Karriere wie seine radikalnationalistischen Wurzeln traten dabei in den Hintergrund.
Der Mut und die Standfestigkeit, mit denen sich viele russische Putin-Gegner dem Regime entgegenstellen, steht indes außer Zweifel. Doch die meisten von ihnen schaffen es nicht, sich einer bitteren Einsicht zu stellen: dass die "russische Opposition" auf der ganzen Linie daran gescheitert ist, den Ausbau des putinistischen Herrschaftssystems zu einer totalitären Diktatur und die Zurichtung der russischen Gesellschaft für einen genozidalen Vernichtungskrieg zu verhindern. Erst wenn sie sich dies eingesteht, gibt es für sie die Chance für einen Neuanfang.
Richard Herzinger
Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Hier der Link zur Originalkolumne.
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