Lidorama

Die Filmfestspiele in Venedig - 4. Tag

Von Robert Mattheis
01.09.2002. Heute lief für die Presse der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag Winfried Bonengels "Führer Ex", ein Film, der eine rauere Oberfläche verdient hätte. Und der andere Wettbewerbsfilm des Tage: Schnell fahren, langsam sinken - "Velocita massima" von Daniele Vicari erzählt die Geschichte zweier Jugendlicher in Rom.
Die Gewöhnlichkeit des Außergewöhnlichen - "Führer Ex", der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag, enttäuscht

Die Filme machen weiter, das Fest macht weiter, die Journalisten machen weiter, nur das Wetter weigert sich, an einem Sonntag einfach weiterzumachen, und hält sich bedeckt. "Führer Ex" läuft für die Presse. Winfried Bonengel, der Regisseur, ist Dozent für Drehbuchschreiben an der Filmakademie Baden-Württemberg. Bonengel wurde 1993 mit "Beruf Neonazi" bekannt, einem umstrittenen Porträt des charismatischen Rechtsradikalen Ewald Althans, er kennt sich also aus mit der braunen Materie, die im Titel glitzert.

Es geht in "Führer Ex" um große Themen, um DDR, Republikflucht, Vergewaltigung im Knast, rechtsradikale Gewalt, Staatssicherheit, Freundschaft, Liebe und Verrat. Es geht, könnte man fast sagen, um die großen deutschen Themen. Und es geht um die allgemeinen Bestände des Menschlichen. Beinahe erwartet man angesichts dessen, dass der Film der Emotionalität des Stoffes mit formaler Abstraktion begegnen wird. Statt dessen aber setzt er auf Einfühlung, unterlegt die schweren Momente mit schwerer Musik, orientiert sich in seiner Dramaturgie sowohl als auch in seiner Ästhetik am Mainstreamkino (um Hollywood einmal aus dem Spiel zu lassen). Das ist eine gelinde Enttäuschung. Es fing gut an, mit Punkmusik, die über die Dächer von Ostberlin hinweg flirrende Bilder begleitete. Ein wenig ästhetische Gegenwärtigkeit, Ruppigkeit, Bruch der Erscheinungen, Verfremdung. Vielleicht, denkt man, erleben wir endlich einmal die etwas andere, unvorhersehbare Ästhetik? Die kommende Ästhetik?



Aber schon der erste narrative Moment des Films belehrt darüber, dass alles ganz anders (oder eben leider gerade nicht anders) kommen wird: Zwei Jungs stehen nebeneinander und pinkeln. Das Ganze ist so inszeniert, dass ein Überraschungsmoment möglichst ausgeschlossen wird. Die Darstellerleistungen zeichnet, eigentlich durchweg, eine immer mal wieder störend in den Vordergrund tretende Holprigkeit, Hölzernheit aus. Der Film beruht auf einer wahren Geschichte, die Ingo Hasselbach in seinem Buch "Die Abrechnung" erzählt hat. Es ist die Geschichte eines DDR-Anarchos, der nach der Wende in die Neonaziszene abgedriftet war. Gleichwohl sorgt das Glatte, Gewohnheitsmäßige der Film-Inszenierung dafür, dass der Plot erfunden wirkt. Die herkömmlichen erzählerischen Mittel gehen am Außergewöhnlichen der Normalität dieses Stoffes glatt vorbei. Das, was eigentlich wohl gezeigt werden sollte, entzieht sich.

Schon "American History X" (mit Edward Norton, der in Venedig in "Frida" einen Kurzauftritt absolvierte, Regie: Tony Kaye) hatte vor ein paar Jahren, trotz zum Teil schockierender Gewaltdarstellungen (berüchtigt ist die Szene des "Bordsteinbeißens"; "Führer Ex" hält sich in dieser Hinsicht gnädig zurück), das Problem des Neonazi- und Skin-Wesens nicht überzeugend in den Griff bekommen. Denn auch "American History X" hatte statt auf kalte Analyse auf Bewegung der Zuschauer gesetzt. Für jemanden, der die deutsche Perspektive auf dieses Problem hat, versackt die ganze Sache bei einem solchen gefühligen Zugriff im Kitsch. Im Sozialkitsch. "Führer Ex" erhält etwas Jugendliches im Sinne von: Unreifes. Das beginnt beim Titel, der zu hoch gegriffen erscheint. Der ostentative Verzicht auf Humor schafft Zufahrtswege für ungewollte Komik. Das internationale Publikum allerdings schickte "Führer Ex" einen couragierten Applaus hinterher. Aber das mag auch rein gar nichts zu bedeuten haben.

Überhaupt liegt hier eine Schwäche des Festivals, wo nicht des gegenwärtigen Films überhaupt. Auch die anderen bislang gezeigten Wettbewerbsbeträge widmeten sich dem Genre des guten alten Kinos, erzählten "straight stories", wo vielleicht ein Abstecher auf den "Lost Highway", ein Experiment, die formale Geste und das künstlerisch Unerwartete gefallen hätten (Momente davon gab es in "Frida"). So präsentiert die 59. Mostra sich einheitlich, aber gerade darin steht sie ja quer zur postmodernen Wirklichkeit. Man mag in solchem artistischen Biedersinn eine Reverenz an den sich in Europa, besonders spektakulär ja bekanntlich in Italien, ausbreitenden Konservatismus sehen. Ratlos (und doch auch wieder nicht ratlos genug, um etwas zu wagen) verkrallt man sich im Bewährten, Herkömmlichen. Die Revolution, auch die künstlerische, ist einstweilen passe. Wo Joschka Fischer in den Nadelstreifenanzug wechselt und auch sonst allerorten die Werte der Väter hervorgekramt werden, dürfen wir auch wieder Geschichten erzählen von A bis Z, scheint die Ansicht der Filmemacher zu sein. Kein "Citizen Kane", kein "Rashomon", sondern "High Noon". Allerdings läuft das Erzählen von A bis Z nicht selten auf das Schema F hinaus.

"Führer Ex", Deutschland 2002, Regie: Winfried Bonengel, mit: Christian Blümel, Aaron Hildebrand, Jule Flierl, Harry Bär u.a.


Schnell fahren, langsam sinken - Daniele Vicaris Wettbewerbsfilm "Velocita massima"

Hätte Claudio in Venedig das Licht der Welt erblickt statt in Rom, vielleicht wäre dann er es, der jetzt meinen schmutzigen Aschenbecher auswechselt. Dann trüge er jetzt eine grün-schwarze Kellneruniform, und in seinem Blick läge dieses leichte Missfallen, bei dem nicht klar ist, ob es sich tatsächlich auf die Verschmutzung des Aschenbechers bezieht oder auf eine andere Verschmutzung. Seit drei Tagen ist die Journalistenmeute bei ihm eingefallen, in seinem Hotel, im "Excelsior". Sie macht keine Miene, ihre Belagerung in absehbarer Zeit abzubrechen. In allen Ecken lagern sie, die "giornalisti", quatschen und saufen, draußen wimmeln sie über die Terrasse, schonungslos, Kameras und Ohren immer auf Empfang gestellt, und selbst der Pool hat seinen Glamour verloren. Traurig blickt er hinauf zum Himmel, den er sonst zu spiegeln pflegte. Nun sind es die Silhouetten neugierig Schwatzender, die sich in ihm ablichten. Claudio - vielleicht heißt der junge Kellner ja tatsächlich "Claudio" - tauscht die Aschenbecher aus und zieht weiter. Schade. Er hätte uns auch ein neues Schälchen mit Cashewkernen hinstellen können. Oder eine neue Runde Oliven.

Aber Claudio wurde in Rom geboren, genau wie sein Freund Stefano. Er ist die Hauptfigur in Daniele Vicaris Film "Velocita massima", der heute im Wettbewerb läuft. Claudio (Cristiano Morroni) möchte Automechaniker werden, auch wenn sein Vater ihn dafür am liebsten totprügelte. Und Stefano (Valerio Mastandrea) hat eine eigene Autowerkstatt eröffnet, auch wenn sein Vater nichts als Spott dafür übrig hat. Auf dieser Basis kommen die beiden einander näher. Claudio, stellt sich heraus, ist für Motoren in etwa das, was Picasso für Leinwände war - er holt das Beste aus ihnen heraus. In einer Hinsicht sind Claudio und Stefano aber tatsächlich eher Venezianer als Römer. Ihr Lebenstempo ist weit von der Höchstgeschwindigkeit entfernt, die der Filmtitel, "Velocita massima", suggeriert. Eher gleicht es dem Seinsmodus der Markusstadt: ein leises, langsames Sinken.



Nur am "Obelisken" kommt Bewegung in ihre Existenz. Hier werden unter den jungen Römern gnadenlose Rennen ausgefahren. In lebensgefährlicher Fahrt geht es über die meist leergefegten Autostraßen der italienischen Kapitale. Wer hier gewinnt, hat das Sagen, ist ein Held, zumindest für eine Nacht ("Denn sie wissen nicht, was sie tun" grüßt lässig herüber). Stefano will endlich einmal gewinnen. Es allen zeigen. Auf der Sonnenseite ankommen. Dafür braucht er Claudios Gefühl für Zylinder. Doch die hübsche Giovanna (Alessia Barela) kommt dazwischen. Einst mit Stefano befreundet, ist sie eine Weile mit dem fiesen Fischio (Ivano De Matteo) zusammen, Stefanos Rivalen auf der Rennbahn. Dann verfällt sie Claudio, und Claudio verfällt ihr. Leider steigt Stefano mit ihr ins Bett, um Claudio wieder für sich zu haben. Das war's dann.

Am Ende liegt der Wagen, mit dem Stefano es dem fiesen Fischio gezeigt hat, in seine Einzelteile zerlegt auf dem Hof seiner Werkstatt. Die Maschine, die einzig Aussicht auf ein anderes, gesteigertes, besseres Leben geboten hat, ist dahin. (Dass es sich um einen roten Wagen handelte, bedarf wohl keiner weiteren Auslegung.) Ganz leicht lächelt Stefano, als er sich umsieht.

Claudio, unser Kellner, wirft im Vorbeigehen skeptische Blicke auf die Nachbartische. Mein Kollege kommt von der Bar und stellt mir mein Bier hin. Sieben Euro hat es gekostet. Nastro Azzurro. Wenigstens nicht ganz warm. Der Barmann habe ihn nach seiner Zimmernummer gefragt, sagt mein Kollege. Er habe die der Loren angeben wollen, aber sie sei ihm leider auf die Schnelle nicht eingefallen. So habe er doch zahlen müssen. "Was soll's", sage ich und stoße mit ihm an auf die teuersten 0,3 Liter Bier meines Lebens. Bislang. Man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben.

"Velocita massima", Italien 2002, Regie: Daniele Vicari, mit: Valerio Mastandrea, Cristiano Morroni, Alessia Barela u.a.
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