Magazinrundschau - Archiv

Beszelö

4 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 14.04.2009 - Beszelö

Der Dichter Akos Györffy ahnt, wohin der Hass gegen Roma, Juden und Schwule, unaufhaltsam führt: "Aus diesen vielen kleinen roma-, juden- und schwulenfeindlichen Verbalattacken wird noch etwas, das jede Vorstellung weit übertrifft – und das wird dann genau der Moment sein, in dem die Schwulen-, Juden- und Roma-Beschimpfer ihre Hände waschen oder sich in einer stillen Ecke verkriechen und dann erklären, dass sie nichts mit alledem zu tun haben. Wenn es in diesem Land eine Moralkrise gibt, und die gibt es in der Tat, dann haben jene Juden- Roma- und Schwulenbeschimpfungen, die hier in den letzten zwei Jahrzehnten in geradezu industriellem Ausmaß geäußert wurden, ordentlich dazu beigetragen. Die Früchte werden langsam reif, es ist bereits Blut vergossen wurden. Das viele dreckige und feige Gerede hat sich angestaut und zu einem Golem verdichtet, der sich nun auf seinen schrecklichen Weg macht. Wo er hinkommt, hinterlässt er erschossene Väter und Söhne, totgeschlagene Lehrer und Greisinnen. Dieser Golem ist aus unseren Worten gebaut. Um lebensfähig werden zu können, war er auf uns angewiesen, und wir haben ihm bereitwillig geholfen."
Stichwörter: Roma

Magazinrundschau vom 18.07.2006 - Beszelö

Die Bush-Visite in Budapest wurde von zahlreichen Protesten begleitet. Manche empfanden den US-Präsidenten als "globalen Albtraum", andere waren der Meinung, George W. Bush sollte sich dafür entschuldigen, dass die USA 1956 nicht in Ungarn eingegriffen haben. Diese völlig unlogische Haltung - "Amerika hat sich 1956 schuldig gemacht, weil es in Ungarn nicht eingegriffen hat, und nun macht es sich schuldig, weil es im Irak eingreift" - findet der Publizist Laszlo Seres unmöglich. Schließlich habe der Präsident während seines Ungarn-Besuchs tatsächlich gesagt, Amerika habe aus 1956 eine Lehre gezogen und fühle sich nun verpflichtet, den Freiheitswillen anderer Völker zu unterstützen. "Weder die Stalinisten Nordkoreas noch das wahnsinnige atomare Rüstungsbestreben der Fanatiker im Iran oder die internationalen Terroristen im Irak, die seit drei Jahren wehrlose Zivilisten abschlachten, können hoffen, ihr Treiben gefahrlos fortführen zu können", glaubt Seres.

Magazinrundschau vom 26.04.2005 - Beszelö

In Ungarn wird seit Monaten über das neue Gesetz zur weitgehenden Veröffentlichung der Akten des kommunistischen Geheimdienstes debattiert. Ähnliche Diskussionen laufen gleichzeitig in Polen und in der Slowakei. In der ehemaligen Samisdat-Zeitschrift Beszelö plädiert der Verfassungsjurist Istvan Szikinger für eine sogar größere Öffnung: "Die Frage ist, wen wir eigentlich moralisch verurteilen und auf welcher Grundlage, denn diese Veröffentlichung wird zweifellos einen moralischen Standpunkt widerspiegeln. Was spricht eigentlich dafür, nur die Stasi zu verurteilen? Warum nicht das ganze ehemalige Innenministerium? Warum nicht die gesamte damalige politische Sphäre? Spätestens an diesem Punkt droht die Diskussion auszuufern, deshalb sollte klar werden, ob wir das Ziel oder die Methoden der Stasi verurteilen. Wenn die Methoden schlecht waren, dann dürfen diese auch heute nicht angewandt werden, dann darf es auch heute keinen Nationalen Sicherheitsdienst geben. Wenn das Ziel schlecht war, dann trifft unser Urteil alle, die das sozialistische Regime unterstützt haben - in jedweder Art, egal auf welcher Ebene."
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Stichwörter: Stasi, Slowakei

Magazinrundschau vom 21.12.2004 - Beszelö

In der ehemaligen Samizdat-Zeitschrift Beszelö liefert der Balkan-Experte György Szerbhorvat eine Momentaufnahme von Politik und Kultur in Serbien - dazu gehört auch Emir Kusturicas preisgekrönter Film "Das Leben ist ein Wunder". Er spielt im neu erbauten Privatdorf des Filmemachers, das im Film ein typisches altes serbisches Dorf darstellen soll. Die künstliche Siedlung ist "mit einer Kirche, einer Bibliothek und einem auf Öko-Lebensmittel spezialisierten Kleinunternehmen ausgestattet. Windmühle und Swimming-Pool werden noch gebaut." Die serbischen Medien sendeten einen ganzen Sonntagnachmittag live aus dem Privatdorf und erheiterten die Zuschauer mit dem kleinen Spaß, dass "Kusturica schnell zum Bürgermeister seines Dorfes gewählt werden kann, ... weil hier nicht die Bewohner den Bürgermeister wählen, sondern umgekehrt: Kusturica hat die Bürger seiner Siedlung ausgesucht. Ich möchte ihm doch nicht gratulieren, weil der international bekannte Regisseur und Globalisierungskritiker immer noch in erster Linie westeuropäische Politiker ... und weniger Slobodan Milosevic für die Balkan-Krise verantwortlich macht."

Die Literaturkritikerin, Verlegerin und Übersetzerin Anna Gacs analysiert den Generationswechsel osteuropäischer Filmemacher. In Filmen der älteren Generation, zum Beispiel von Istvan Szabo (mehr hier), komme meistens eine lokale oder regionale, historische Erfahrung zum Ausdruck. Aus den Werken jüngerer Regisseure, zum Beispiel von Benedek Fliegauf (mehr hier) sei dieses lokale Element plötzlich verschwunden. Für sie sei die Erfahrung zentral, dass "ihre künstlerische Positionen nicht mehr eindeutig im Kontext westlicher Diskurse und lokaler Erfahrungen bestimmt werden können. Das ist einserseits befreiend, andererseits frustrierend: wir haben unseren - nach innen ein bisschen peinlichen, nach außen Identität sichernden - exotischen Charme verloren."