Magazinrundschau - Archiv

Desk Russie

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Magazinrundschau vom 08.11.2022 - Desk Russie

Viele Linke glauben der frommen Lüge, dass es kein Hufeisen gebe. Dabei ist an den beiden Enden gerade in Frankreich ein solches Gewimmel, dass sich die Positionen unmöglich trennen lassen. Vincent Laloy erzählt von zwei Beispielen. Von Ségolène Royal, einst der linken Präsidentschaftskandidatin, war auch in Deutschland schon die Rede. Sie ist eine der größten Verteidigerinnen Putins in Frankreich und wurde dafür auch schon von Eric Zemmour gelobt. Ein anderer Kandidat ist Florian Philippot, bei dem man eigentlich nicht weiß, ob er nun links oder rechts ist. Der in Frankreich so tief verinnerlichte Antiamerikanismus ist oft das Bindemittel. "Er engagierte sich zunächst beim Linkspopulisten Chevènement und lobte dessen Projekt, das seiner Meinung nach 2002 von Marine Le Pen dann weiter vorangetrieben wurde, was er zwölf Jahre später bestätigte: 'Der Chevènementismus führt zum Marinismus'. Dieser Befürworter des Austritts sowohl aus der Europäischen Union als auch aus der Nato zögert nicht, im November 2014 an einem Treffen von Mélenchon teilzunehmen sowie im Februar darauf die Partei der radikalen griechischen Linken zu unterstützen. Wer soll sich da noch über seine Verbindung zu Bertrand Dutheil de La Rochère wundern, der nacheinander Kommunist, Chevènementist und schließlich Front National war, wie im Übrigen viele Überläufer aus der stalinistischen Partei oder der extremen Linken?"

André Glucksmann, gestorben vor sieben Jahren, hatte zuletzt in Deutschland nicht mehr viele Freunde. Die Perlentaucher sind stolz, dass sie 2005 und 2006 seine Artikel gegen Putin nachdruckten, in denen er vorm "Petrozar" warnte (hier und hier). Deutsche Verlage übersetzten seine Bücher nicht mehr. Deskrussie bringt als Hommage einen Auszug aus einem Buch von 2011: "Die Überwindung des Sowjetismus läuft nur über zwei Wege, den Weg Havels oder den Weg Milosevics. Der Weg der Demokratisierung ist mühsam und steinig und daher langsam. Der schnellere, kriegerische und terrorisierende, wenn nicht gar terroristische Weg ist der Weg einer autoritären Neugestaltung. Wenn Geheimpolizei, Armee und Nomenklaturisten den Kreml unter sich aufteilen, ist Milosevic ganz nah dran, die Oberhand zu gewinnen. Jedes Mal, wenn der Westen blindlings auf die russische Fata Morgana gesetzt hat, ist er gestolpert und in ein schwarzes Loch gefallen. Man hat Fantasien, deliriert, und der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Europa hat sich an den Rand des Abgrunds gesetzt, als es den Herren des Kremls freie Hand ließ, wer sie auch sein mögen und was sie auch tun mögen, und trägt noch dazu bei, diesen Abgrund zu vertiefen. Noch ist nichts entschieden, aber diejenigen, die uns regieren, schlagen die falsche Richtung ein."

Magazinrundschau vom 12.07.2022 - Desk Russie

Wer wissen will, wie eine komplexe geopolitische Gemengelage aussieht, sollte Jean-Sylvestre Mongreniers Artikel über die russisch-türkischen Beziehungen lesen. Sie liebten und sie schlugen sich. In Ländern wie Libyen oder Syrien unterstützen sie feindliche Lager und in Bergkarabach erst recht. Und dennoch sieht der Historiker und Politologe eine Tendenz zu einer russisch-türkischen Annäherung, die der Westen aufmerksam beobachten sollte. Das Konfliktpotenzial mit dem Westen liegt im Mittelmeer: in der"Abgrenzung der Hoheitszonen im Levantinischen Becken und der Frage der Rechte zur Ausbeutung von Gasfeldern; im Status der griechischen Inseln nahe der türkischen Küste, wobei Ankara ihre Entwaffnung fordert und sogar die griechische Souveränität über diese Inseln in Frage stellt... Die Entsendung von türkischen Bohr- und Militärschiffen in zypriotische und griechische Gewässer führt zu ernsten Spannungen und droht zu einer kriegerischen Eskalation zu führen. Griechenland versucht, sich bei den USA und Frankreich abzusichern, die über größere Militärpotenzial zur See und in der Luft verfügen. Außerdem entsteht ein diplomatisches Dreieck zwischen Athen, Nikosia und Jerusalem um das EastMed-Projekt (eine Gaspipeline vom Levantinischen Becken nach Europa) mit möglichen militärischen Weiterungen."

Magazinrundschau vom 24.05.2022 - Desk Russie

Die mehr als alice-schwarzer-haften Äußerungen des Papstes zum Ukraine-Krieg sind hierzulande nur am Rande wahrgenommen worden. Die Russlandexpertin Françoise Thom greift sie in einem detaillierten und gut belegten Artikel auf, der auch in die Jahre vor dem Krieg zurückblendet, um das Verhältnis zwischen Franziskus und Kirill, dem putinistischen Patriarchen, zu erkunden. Glaubt man dem Papst, zitiert sie ihn unter Bezug auf ein Interview im Corriere, "hätte 'das Bellen der Nato an der Tür Russlands' Moskau dazu veranlassen können, 'falsch zu reagieren und den Konflikt auszulösen', und zwar unter dem Einfluss 'einer Wut, von der ich nicht weiß, ob sie provoziert oder nur angefacht wurde'." Thom erzählt, dass Franziskus offenbar im Sinne einer Idee von "Einflusszonen" (der SPD-Philosoph und Herfried Münkler ist ihr Hauptvertreter in Deutschland) den orthodoxen Kirill sogar den griechisch-katholischen Christen in der Ukraine vorzieht. Thom zitiert eine gemeinsame Erklärung, die Kirill und Franziskus 2016 formuliert haben: "Wir rufen unsere Kirchen in der Ukraine auf, sich für soziale Harmonie einzusetzen, sich nicht an der Konfrontation zu beteiligen und keine neue Zuspitzung des Konflikts zu unterstützen." Diese Erklärung, so Thom, "verschweigt die Rolle Russlands bei der Aggression gegen die Ukraine und stellt Aggressor und Opfer auf die gleiche Stufe. Unter dem Vorwand, sich 'von den Streitigkeiten der 'Alten Welt'' zu distanzieren, wie es in der gemeinsamen Erklärung heißt, ging der Papst über die Verfolgung der Griechisch-Katholiken hinweg, deren Kirche mit Unterstützung des orthodoxen Patriarchen Alexij von Moskau im März 1946 abgeschafft worden war. Offensichtlich ist für Papst Franziskus Reue nur für den Westen angebracht, nicht aber für das kommunistische und postkommunistische Russland. Beachten wir auch die Heuchelei der Aufrufe zur 'religiösen Einheit' in der Ukraine, einer Einheit, die nach dem Verständnis von Kirill und seinen Sponsoren im Kreml nur unter der Führung des Moskauer Patriarchats möglich ist'."

Magazinrundschau vom 29.03.2022 - Desk Russie

Putin hat im Jahr 2000 stehende Ovationen im Bundestag bekommen, nachdem er in Moskau - höchstwahrscheinlich - Wohnhäuser hat in die Luft gehen lassen, um sich hinterher als Held des Kriegs gegen den Terror feiern zu lassen. Er bekam 2006 die Ehrenlegion, nachdem er in Grosny Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat, ruft der ukrainische Autor Mykola Rjabtschuk in Erinnerung. Und er beherrschte die Diskurse: "Besonders demagogisch sind die Behauptungen, der Westen habe die postsowjetischen Republiken, insbesondere die Ukraine, in die NATO und die EU "gelockt". Die Wahrheit ist, dass der Westen diesen Ländern noch weniger Hoffnung auf eine mögliche Mitgliedschaft machte, als er es ursprünglich gegenüber Polen, Ungarn und anderen postkommunistischen Staaten in Osteuropa getan hatte. Und der wichtigste, wenn nicht einzige Grund für diese Zurückhaltung war, Moskau zu gefallen, seine geopolitischen Ansprüche auf eine 'Einflusssphäre' und seine veralteten imperialistischen Gefühle stillschweigend zu bestärken."

Magazinrundschau vom 18.01.2022 - Desk Russie

Mutter und Kind in Kasachstan 1930. Wir entnehmen das Bild dem Artikel "Kremlin evades historical facts of devastating 1930s famine in Kazakhstan" auf central.asia-news.com. Es entstammt dem kasachischen Zentralarchiv.

"Acharchylyk" (mag sein, dass die Transliteration ins Deutsche Ascharschylyk lauten müsste, im Englischen Asharshylyk) ist ein hierzulande komplett unbekanntes Schlagwort. Die Sache, für die es steht, ist aber auch in Deutschland schon in Büchern verhandelt worden, etwa in Robert Kindlers Studie "Stalins Nomaden - Herrschaft und Hunger in Kasachstan" aus dem Jahr 2014 (mehr dazu hier und hier). Das Wort bezeichnet den kasachischen Holodomor, also den stalinistischen Hungermord an anderthalb Millionen Kasachen, noch vor den Verbrechen in der Ukraine. Die Zahl der Toten entsprach einem Drittel der Bevölkerung des riesigen Landes. Stalin wollte das Nomadentum abschaffen, erzählt Galia Ackerman: "Parallel zur Dekulakisierung in Russland und der Ukraine wurden die Beys, das heißt mehrere hundert kasachische Clanführer, vollständig ihres Viehbestands beraubt, um ihnen die Autorität zu nehmen. Dann wurden sie deportiert oder sogar hingerichtet. Anschließend erfolgte eine erzwungene Sesshaftmachung: Stalin bildete sich ein, dass die neuen Bauern die Steppe zu nutzen wüssten, indem sie sowohl Weizen als auch Fleisch und Milchprodukte produzieren würden. In der Praxis entwickelte sich diese utopische Idee zu einem Albtraum: Die Zentralmacht wollte die kasachische Bevölkerung und ihr Land ausbeuten, hielt es aber für unnötig, in die Infrastruktur zu investieren… Um die Quoten für Weizen zu erfüllen, wurden die Kasachen gezwungen, ihr Vieh gegen lächerliche Mengen Getreide einzutauschen, was ihr Todesurteil war, da sie nichts mehr übrig hatten. Überall verendeten die Tiere aufgrund der ungeeigneten Bedingungen, einschließlich Futtermangel und großer Kälte: Innerhalb von zwei Jahren verlor die Republik bis zu 90 Prozent ihres Viehbestands." Erst seit einigen Jahren wird diese Geschichte gegen erbitterten Widerstand aus Russland von kasachischen Historikern aufgearbeitet, jüngst wurde eine dreibändige Sammlung von Zeugenaussagen präsentiert. Ackerman empfiehlt als weitere Lektüre das Buch "The Hungry Steppe - Famine, Violence, and the Making of Soviet Kazakhstan" der Historikerin Sarah Cameron.