Magazinrundschau - Archiv

L'Espresso

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Magazinrundschau vom 10.06.2008 - Espresso

Die indische Frau erobert den Arbeitsmarkt, prophezeit Elisabetta Horvat. Schon gebe es eindrucksvolle Beispiele für den wirtschaftlichen Aufstieg der Frauen. Kiran Mazumdar Shaw, die reichste Frau Indiens zum Beispiel, die den Biotechnologie-Giganten Biocon führt. Frauen könnten ihre Fähigkeiten der Familienführung gewinnbringend im Job einsetzen, das Partriarchat sei nicht so stark ausgeprägt, berichtet Hovat. Die Zukunft in Indien werde deshalb ziemlich weiblich. "In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Zahl der Frauen, die sich zum Hochschulstudium eintragen, verfünffacht. Nach den Prognosen wird die Zahl der beschäftigten Frauen im Softwaresektor im Jahr 2012 auf 45 Prozent steigen, im Augenblick sind es 39 Prozent. Unter den Unternehmern ist nur jeder zehnte eine Frau, aber ihr Anteil steigt kontinuierlich. Die größte Veränderung aber gibt es in den Aktiengesellschaften." Bei Deutschlands größter Softwarefirma, der SAP AG, sind 30 Prozent der Beschäftigten Frauen.
Stichwörter: Biotechnologie, Arbeitsmarkt

Magazinrundschau vom 03.06.2008 - Espresso

Der Bologna-Prozess zur Umstellung der europäischen Universitäten trägt zwar den Namen seinner Heimatuniversität, trotzdem lehnt Umberto Eco so etwas Albernes wie den dreijährigen Bachelor-Studiengang und sein System von Modulen und Credit Points rundheraus ab. Man sieht die Studenten kaum noch in der Uni, meint er. "Warum sind drei Jahre College in Amerika besser als unser Schnellabschluss? Zum Teil wohl deshalb, weil sie in Amerika den Studenten nicht erzählen, dass sie nach drei Jahren 'Dottori' sind (zur Motivation könnte man ja immer noch Titel wie 'Exzellenz' oder 'Satrape' anfügen). Dort drüben müssen außerdem alle Kurse besucht werden, man lebt den ganzen Tag zusammen, Studenten und Professoren sind in ständigem Kontakt. Das klingt nach wenig, ist aber alles. Das Problem ist also nicht die Kürze des Studiums sondern die Intensität der Teilnahme. Wie schafft man es bei uns, dass die Teilnahme wieder zur Pflicht wird?"
Stichwörter: Bologna, Eco, Umberto, Intensität

Magazinrundschau vom 20.05.2008 - Espresso

Umberto Eco beobachtet in seiner Bustina di Minerva, wie die Mafia sich ans neue Jahrtausend anpasst. In Rom wurde ein Marokkaner von der Polizei aufgefunden, der gezwungen worden war, sein Handy zu verschlucken. "Der Stein im Mund ist eine Strafe der Mafia und wird im Rachen von Toten gefunden, die zu Lebzeiten Geheimnisse an Außenstehende verraten haben (von Giuseppe Ferrara gibt es einen Film mit dem gleichen Titel), und es ist nicht verwunderlich, dass diese Sitte sich auch auf andere ethnische Gruppen ausbreitet. Außerdem ist die Mafia ein durch und durch internationales Phänomen. Meine russische Übersetzerin wurde vor Jahren in Moskau einmal gefragt, was Mafia denn auf Italienisch heiße. Aber diesmal handelt es sich nicht um einen Stein, sondern um ein Handy, und das ist hochsymbolisch. Die neue Kriminalität ist nicht mehr ländlich, sondern urban und technisch, es ist ganz klar, dass das Opfer nicht mehr garottiert wird, sondern, na ja, cyborgiziert. Jemanden ein Handy schlucken zu lassen, ist so ähnlich, wie jemanden seine Genitalien schlucken zu lassen. Das Handy ist der persönlichste Gegenstand, den man besitzt, die natürliche Ergänzung des Körpers, die Verlängerung des Ohrs."

Magazinrundschau vom 29.04.2008 - Espresso

Es gibt auch Hoffnung für die Beziehung zwischen Christen und Muslimen, betont Sandro Magister und berichtet über einige positive Entwicklungen der letzten Zeit: In Bangladesch etwa ist der Dialog zwischen den beiden Religionsgruppen schon Realität. An der Universität von Dhaka hat Kazi Nurul Islam, Leiter der Fakultät für Weltreligionen, am vergangene Woche 35 Muslime und 35 Christen zusammengebracht, um über den Brief der 138 Islamgelehrten zu diskutieren. Magister zitiert Nurul Islam, der hofft, dass das nur der Auftakt für einen neuen Bund ist: "In Bangladesh muss es ein Forum geben, in dem Cristen und Muslime sich weiterhin treffen und schließlich eine gemeinsame Erklärung verabschieden können. Bis zum Ende des Jahres wird es hoffentlich so weit sein. Diese gemeinsame Erklärung wird die Grundlage für das friedliche Zusammenleben von Christen und Muslimen in Bangladesch und vielleicht der ganzen Welt sein."
Stichwörter: Bangladesch

Magazinrundschau vom 22.04.2008 - Espresso

Die Zeitung ist zum Klatschorgan verkommen, schimpft Umberto Eco, von dem wegen des frühen Abgabetermins erst in der nächsten Woche etwas zur Wahl zu erwarten ist. "Die Zeitung ist zum Familienabend verkommen, an dem die Oma zum abertausendsten Mal von ihren Bombennächten erzählt und der Vater Allgemeinplätze zur Wirtschaftslage vor sich hin brummelt. Man spricht ein wenig über den gehörnten Nachbarn, oder man kommentiert das Fernsehprogramm. Nichts Schlimmes, eine wunderbare Gelegenheit zum sozialen Kontakt, aber das war es doch nicht, ganz am Anfang, für was die Zeitungen erfunden wurden. Die sollten eigentlich ein Fenster aufreißen, aus dem man jeden Morgen Überraschendes beobachten kann. Diese Veränderung des Journalismus muss man nicht moralinsauer bedauern, niemand hat Schuld daran, es ist einfach eine Tatsache wie auch das Ozonloch eine ist, bedingt durch den technologischen Fortschritt. Peinlich ist diese Tatsache aber trotzdem."
Stichwörter: Eco, Umberto, Oma

Magazinrundschau vom 08.04.2008 - Espresso

Umberto Eco guckt mal wieder Fernsehen, dabei stößt er auf die bei allen Wahlkampfverdrossenen besonders beliebte Quizshow "Die Erbschaft", bei der die Kandidaten unter Anleitung des braungebrannten Carlo Conti einen Begriff suchen müssen, der zu jedem von fünf vorgegebenen Begriffen passt. Eco langweilt sich schnell und zieht den Schwierigkeitsgrad ein wenig an. "Ich schlage vor, dass im Finale nach "Grundstück, Kanone, blanken Augen, Gradara und Chaos gefragt wird. Die Lösung wäre Erbpacht. Conti könnte erklären, dass die Erbpacht ja das Recht auf die Nutzung eines fremden Grundstücks ist, die Zahlung einer Pacht beinhaltet (eine andere Bedeutung von 'canone', Anm. des Übers.), dass 1561 Josepe Ochipinti ('occhi pinti') vom Grafen von Modica 88 Tagwerk Land in Candicarao erhalten hat, dass im 18. Jahrhundert der Paspt das Schloss von Gradara an die Herren von Pesaro als Erbpacht vergab und dass Pirandello in Caos geboren wurde, von seinen Ahnen als Erbpacht erworben. Das war einfach."
Stichwörter: Eco, Umberto, Kanon

Magazinrundschau vom 25.03.2008 - Espresso

Umberto Eco beschäftigt eine Umfrage, wonach ein Fünftel der jungen Briten Winston Churchill für eine fiktive Figur hält (kein Wunder bei diesen unsterblichen Reden). Was ist mit unserer Beziehung zur Vergangenheit passiert, fragt sich Eco. "Wir interessierten uns damals so sehr für die Vergangenheit, weil es nicht so viele Nachrichten aus der Gegenwart gab. Man muss sich vorstellen, dass eine Tageszeitung damals nur acht Seiten hatte. Mit den Massenmedien gibt es nun eine enorme Menge an Informationen über die Gegenwart, und im Internet ist es möglich, von Millionen von Ereignissen zu erfahren, die sich gerade in diesem Moment abspielen, selbst die unwichtigsten. Die Vergangenheit, über die in den Massenmedien gesprochen wird, wie zum Beispiel die siegreichen römischen Kaiser oder Richard Löwenherz oder auch der Erste Weltkrieg, all das mischt sich unter den mächtigen Strom aktueller Nachrichten. Für einen Zuschauer wird es dann sehr schwierig, den zeitlichen Sprung zwischen Spartakus und Richard Löwenherz zu erkennen. Und der Unterschied zwischen Imaginärem und Realen geht oft ebenso verloren. Woher soll einer beim Fernsehgucken wissen, dass Spartakus existiert hat, Vinicio aus 'Quo vadis' aber nicht?"

Magazinrundschau vom 11.03.2008 - Espresso

Umberto Eco erinnert sich an den Kulturhistoriker Piero Camporesi, ein Kollege an der Universität in Bologna, der vor zehn Jahren starb. Camporesi beschäftigte sich mit Sinnlichkeit und Nahrung im Mittelalter. Eco zitiert aus einem schönen Text über den Käse, der im Mittelalter offenbar noch keinen guten Leumund hatte. "Über mehrere Jahrhunderte herrschte die Meinung vor, dass die dem Käse innewohnende Schlechtigkeit, seine 'Bösartigkeit', sich schon in seinem Geruch manifestierte und ankündigte, ein Geruch, den nicht wenige als ekelerregend und abscheulich empfanden. Er bestand ja aus sterbender Materie, befand sich in einem Zustand des Verfalls, verwelkt und verdorben, eine verwesende Substanz, schädlich für die Gesundheit und die Körpersäfte. Gewonnen aus einem abgeschiedenen Teil der Milch, aus schädlichen Schlacken, geronnen aus dem schlechtesten Teil derselben, dem schlammigen und erdigen Teil der weißen Flüssigkeit. Die Vereinigung der niedersten Substanzen, im Gegensatz zur Butter, die aus dem besseren, reineren Teil der Milch besteht."

Magazinrundschau vom 26.02.2008 - Espresso

Der Wahlkampf in Italien ist in vollem Lauf, und Umberto Eco möchte die Kontrahenten, die weider das Blaue vom Himmel versprechen, in seiner Bustina di Minerva an ihre Sterblichkeit erinnern. Bescheidenheit hat Eco von seinem Musiklehrer, dem Salesianerbruder Don Celi gelernt. "Am 5. Januar 1945 bin ich ganz aufgedreht zu ihm hin und meinte: 'Don Celi, ich bin jetzt dreizehn Jahre alt'. Mürrisch kam es zurück: 'Und hast nichts draus gemacht.' Was wollte er mit diesem Retourkutsche erreichen? Das ich in diesem ehrwürdigen Alter nun langsam anfangen sollte, mein Gewisen zu erforschen? Dass ich nicht erwarten könne, für eine simple biologische Tatsache gelobt zu werden? Vielleicht war es nur die piemontesische Haltung, die sich in einer Ablehnung aller Floskeln zeigt, sogar denen der Höflichkeit. Ich glaube aber, dass Don Clei sehr gut wusste und mir beibringen wollte, dass ein Lehrer seine Schüler immer zurückstutzen sollte, um sie nicht über Gebühr aufzustacheln." Berlusconi hat Don Celi offenbar nicht unterrichtet.

Magazinrundschau vom 19.02.2008 - Espresso

Die Turiner Buchmesse, die Anfang Mai stattfindet, hat Israel als Gastland eingeladen und sich damit einigen Ärger eingehandelt. Obwohl auch regierungskritische und pazifistische Autoren wie Amos Oz, David Grossman und Abraham Yehoshua dabei sind, wurden in den vergangenen Wochen Stimmen aus dem linken Lager laut, die nun die Einladung palästinensischer Autoren fordern. Umberto Eco hält das für reines Kalkül: "Ich verstehe sehr gut, was sich einige Freunde der Linksextremen (die nach einer Drehung um 360 Grad den Rechtsextremen gefährlich nahe gekommen sind) dabei denken: wir müssen die Aufmerksamkeit der Bürger auf die unheilvolle Politik der israelischen Regierung lenken, also lasst uns doch einen Skandal lostreten, der auf den Titelseiten aller Zeitungen landet. Es stimmt schon, in Politik und Werbung macht man das auch so (Berlusconi ist der Meister darin), aber was gerade in Turin geschieht, ist ein bisschen so, als wenn die Verantwortlichen des Blauen Telefons die Öffentlichkeit auf die Misshandlung von Kindern aufmerksam machen wollten, indem sie einige von ihnen öffentlich auspeitschen lassen."