Magazinrundschau - Archiv

L'Espresso

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Magazinrundschau vom 29.01.2008 - Espresso

Umberto Eco wundert sich mit einem imaginären Gesprächspartner "von außerhalb" über die italienische Politik des Hauens und Stechens. "Ihr scheint anders als die anderen Länder zu sein, sagt mein Freund. Es wirkt so, als habe die Opposition seit dem Wahltag nur ein einziges Ziel: die Regierung zu stürzen. Dieses Vorhaben bewegt sie so sehr, dass es Tag für Tag nachgefragt und angekündigt wird. Aber jede Opposition will doch die Regierung stürzen, sage ich. Absolut nicht, jedenfall nicht bei uns, sagt mein Freund. In der Demokratie ist es der Zweck der Opposition, da die Regierung ja gewählt worden ist, ihr Tag für Tag auf den Fersen zu sein und darauf zu achten, dass sie ihre Macht nicht überschreitet. Wenn die Opposition jedoch ständig Pläne schmiedet, wie die Regierung zu stürzen sei, hat sie keine Zeit mehr, die Gesetzesvorhaben zu untersuchen, gegen die sie einschreiten müsste."

Magazinrundschau vom 29.12.2007 - Espresso

Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk erzählt von seinem Onkel, der in einem Dorf am Westufer des Bug lebte und kurz vor Weihnachten gestorben ist. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs verlief dort die Grenze zwischen sowjetischer und deutscher Besatzungszone. "Mein Onkel betätigte sich als Schmuggler. In der Nacht schafften sie mit ihren Barken industriell gefertigte Konsumwaren rüber in die sowjetische Zone und kamen mit reinem Alkohol wieder zurück. Auf dem Hof meines Onkels waren Deutsche stationiert. Sie versteckten ihre Waffen hinter großen Tarnschirmen. Die Familienlegende will es, dass sie sich sehr korrekt verhielten. Sie tauschten ihre militärischen Rationen gegen frische Milch und Eier. In der Morgendämmerung des 22. Juni 1941 verschwanden sie. Auf dem Land gab es einige, die ihnen nachtrauerten."
Stichwörter: Alkohol, Stasiuk, Andrzej

Magazinrundschau vom 11.12.2007 - Espresso

Der Papst hat in seiner zweiten Enzyklika "Spe salvi" (auf Deutsch als pdf) darauf hingewiesen, dass es die atheistischen Ideologien wie Nationalsozialismus und Kommunismus waren, die für die größten Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts gesorgt haben. Umberto Eco möchte deshalb schüchtern darauf hinweisen, "dass auf den Fahnen der Nationalsozialisten 'Gott mit uns" geschrieben stand, dass die Militärkaplane der Falangisten die faschistischen Wimpel segneten, dass der Massenmörder Francisco Franco von religiösen Prinzipien inspiriert war, dass sich Katholiken und Protestanten über Jahre hinweg fröhlich massakrierten, dass sowohl die Gekreuzigten als auch ihre Feinde aus religiösen Gründen handelten..." Religion ist nicht Opium, sondern eher Kokain fürs Volk, schließt Eco.

Magazinrundschau vom 04.12.2007 - Espresso

Dass eine Frau in Saudi-Arabien zuerst vergewaltigt und vor kurzem deswegen dann auch noch zu zweihundert Peitschenhieben verurteilt wurde (mehr zu dieser Geschichte), bringt den marokkanischen Schriftsteller Tahar Ben Jelloun in Rage. "Während der Prophet Mohammed, dessen erste Frau zuvor einer Profession nachgegangen war, die viel älter war als er, im Lauf seines Lebens gegenüber Frauen Überlegtheit und Respekt an den Tag legte, beharren viele Muslime heute darauf, sie als minderwertig zu betrachten und sie vor allem zu isolieren. Dieses Verhalten gründet in der Angst, dass die Frau ihrem Ehemann entflieht und ihrem Verlangen nach Freiheit und Emanzipation Raum gibt."

Magazinrundschau vom 20.11.2007 - Espresso

In den USA und besonders Kalifornien ist sogar schon die Feuerwehr privatisiert, seufzt Naomi Klein auf der Kommentarseite. "Während ungeheure Feuerwalzen ganze Landstriche in der Region verwüstet haben, sind einige Häuser im Herzen des Infernos ohne einen Kratzer davongekommen, als wären sie von einer höheren Macht beschützt worden. Aber es war nicht die Hand Gottes: in einigen Fällen war es das Werk von Firebreak Spray. Firebreak ist ein spezieller Service, der Kunden des Versicherungsriesen American International Group angeboten wird, aber nur jenen, deren Adressen die Postleitzahlen der reichsten Gegenden der Vereinigten Staaten aufweisen. Diese Privatklienten bezahlen im Durchschnitt 19.000 Dollar, um ihr Haus mit einem feuerbeständigen Mittel einzusprühen. Während der Brände waren zudem mobile Einheiten mit Höchstgeschwindigkeit in ihren roten Pritschenwagen unterwegs, um die Feuer zu löschen, die die Häuser ihrer Kunden bedrohten." Und nur die.
Stichwörter: Klein, Naomi, Kalifornien

Magazinrundschau vom 13.11.2007 - Espresso

Der indischstämmige Schriftsteller Suketu Mehta stellt fest, dass seine Wahlheimat New York schon lange kein Schmelztiegel mehr ist, sondern eher einem Patchwork aus Mexiko-City, Lagos und Moskau gleicht. "Der Unterschied zwischen den Einwanderen von heute und jenen des vergangenen Jahrhunderts ist folgender: heute befinden sich viele in einem ständigen Transit zwischen ihrem Heimatland und den Vereinigten Staaten. Jeder neue New Yorker bringt seine eigene Welt mit und bewegt sich zwischen ihr und New York hin und her. Das Konzept des Schmelztiegels ist aus der Mode gekommen. Wer in New York ankommt, verbindet sich nicht, mischt sich nicht, sondern bleibt tatsächlich 'integer', in seinem ganzen Wesen. Die Geschmäcker, die Aromen gehen zusammen, verlieren aber nie ihre eigene Kontur."

Umberto Ecos
Bücher sind zum Teil in zwanzig Sprachen übersetzt. Vom Erfolg ermutigt, lässt sein chinesischer Verleger gerade eine Sammlung der Bustine di Minerva aus dem Jahr 2000 ins Chinesische übertragen. Doch es gibt Verständnisschwierigkeiten, und die Übersetzerin bombardiert ihn mit Fragen, berichtet Eco. Wer zum Teufel waren zum Beispiel Tiscordi und Zozzogno (eine vom Komiker Toto erfundene Verballhornung der Musikverleger Ricordi e Sonzogno)? "Ich habe das Gefühl, dass in dieser globalisierten Welt, in der es so scheint als würden alle die gleichen Filme gucken und das gleiche Essen verspeisen, dass es in dieser Welt immer noch abgrundtiefe und unüberwindbare Gräben zwischen den einzelnen Kulturen gibt. Wie sollen sich zwei Kulturen jemals miteinander verständigen, von denen eine Toto nicht kennt?"
Stichwörter: Lagos, Eco, Umberto

Magazinrundschau vom 23.10.2007 - Espresso

"Mammoni" oder "bamboccioni" nennt man in Italien die jungen Erwachsenen, die aufgrund hoher Mieten und niedriger Löhne immer noch und immer länger bei ihren Eltern wohnen. Wirtschaftsminister Tommaso Padoa Schioppa hat nun vorgeschlagen, die Nesthocker, die unter anderem für die niedrige Geburtenquote verantwortlich gemacht werden, mit Steuerbegünstigungen für auswärts Wohnende aus ihrer Höhle zu treiben. In seiner Bustina di Minerva spendet Umberto Eco Beifall und bricht eine Lanze für den Minister und seinen umstrittenen Plan. "Diese Dreißigjährigen sind großteils Absolventen oder Doktoren (wie man in Italien heute absurderweise alle nennt, die drei Jahre Uni hinter sich haben), die sich nicht dazu herablassen können, Pakete auszuliefern. In fast allen amerikanischen Biografien von großen Schriftstellern oder Politikern liest man, dass sie auch nach ihrem Studium Schuhe poliert, Teller gewaschen oder Zeitungen verkauft haben. Warum machen das die Amerikaner, die Italiener aber nicht?" Ob Umberto Eco in seinem Leben jemals einen Schuh poliert hat, ist nicht bekannt.
Stichwörter: Eco, Umberto, Mieten

Magazinrundschau vom 16.10.2007 - Espresso

Naomi Klein tritt nach ihrem Streitgespräch mit Alan Greenspan noch einmal nach, nimmt seine Autobiografie auseinander und kommt zu dem Schluss. "Vielleicht besteht der wahre Zweck der ganzen Literatur rund um die 'Trickle-down-Theorie' darin, den Unternehmern global-altruistische Ziele zu unterstellen, während sie selbst nur damit beschäftigt sind, auch noch den kleinsten Vorteil für sich herauszuschlagen. Es handelt sich also nicht um eine Wirtschaftsphilosophie, sondern um eine ausgeklügelte, rückwirkende Logik. Was Greenspan uns lehrt, ist, dass die 'Trickle-down-Theorie' nicht wirklich eine Ideologie ist. Sie erinnert eher an den Freund, den wir nach einem beschämenden Exzess anrufen, damit der uns sagt: 'Fühl Dich nicht schuldig, Du hast es verdient.'"

Magazinrundschau vom 02.10.2007 - Espresso

Der Kabarettist Beppe Grillo benutzt das Internet erfolgreich als Bühne für seine Version der Außerparlamentarischen Opposition. Auf seinem Blog hatte er zum Leck-mich-Tag und virtuellen Demonstration gegen vorbestrafte Politiker aufgerufen. Der Protest schwappte auf die Straße über, es gab Märsche in mehreren Städten. Nun wollen die "Grillini" mit Bürgerlisten sogar an den Kommunalwahlen teilnehmen, die etablierten Parteien sind zunehmend beunruhigt. Im Aufmacher untersucht Alessandro Gilioli die demokratischen Qualitäten des Netzes und Grillos Pläne damit. "Vereinfacht gesagt betrachtet er das Internet als einziges Informationsmittel der Zukunft ('Ihr Journalisten seid alle tot!') und kündigt an, seine zukünftigen Schlachten vor allem auf dem Terrain der Massenmedien zu schlagen. (...) 'Wenn Du im Netz Märchen auftischst, dann bekommst Du nach 24 Stunden zweitausend Kommentare, die Dich als Lump bezichtigen', meint Grillo. 'Das kann man nicht vertuschen, und das ist Demokratie. Wenn man sich dagegen im Fernsehen oder den Zeitungen äußert, gibt es keinen Widerspruch. Im Web schon.'"

Die guten Zeiten in China sind vorbei, jetzt beginnen die Probleme, prophezeit der Politikwissenschaftler Minxin Pei vom Carnegie Endowment for International Peace. Die Umwelt wird immer giftiger, und auch die Wirtschaft schwächelt. "Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 60 sind die chinesischen Aktien die teuersten der Welt. Ein spektakulärer Crash, wie er von vielen für den Herbst 2008 prophezeit wird (nach den Olympischen Spielen in Peking), wird die Ersparnisse von Dutzenden Millionen Kleinanleger vernichten, Bürger der städtischen Mittelschicht, deren Unterstützung von existenzieller Bedeutung ist für die Partei. Wenn der Markt zusammenbricht, werden die chinesischen Kleinanleger mit dem Finger Richtung Peking zeigen. Die Proteste werden Millionen von Menschen umfassen, sie könnten sehr schnell ausarten und Unruhen in allen Städten hervorrufen, die sich schließlich auf die ganze Nation ausbreiten."

Magazinrundschau vom 25.09.2007 - Espresso

In den Archiven von Yad Vashem ist jetzt ein Dokument aufgetaucht, in dem der Schriftsteller Primo Levi im Vorfeld der Eichmann-Prozesse seinen Werdegang im Krieg dokumentiert hatte, vom Widerstand bis zum Lager in Auschwitz. Der Espresso druckt es exklusiv. "Als wir am 18. Februar erfuhren, dass die deutsche SS im Ort eingetroffen war, waren wir alle sehr beunruhigt, und tatsächlich verkündeten sie uns am nächsten Tag, dass wir binnen 24 Stunden abreisen würden. Niemand versuchte zu fliehen. Sie luden uns auf Viehwagen, auf denen 'Auschwitz' stand, ein Namen, der uns in diesem Augenblick nichts sagte... Die Reise dauerte dreieinhalb Tage." Levi benennt in dem Schriftstück zum ersten Mal Namen von seinen Mitkämpfern und Gegnern, wie der Literaturwissenschaftler Marco Belpoliti im beigefügten Kommentar bemerkt.