Magazinrundschau - Archiv

L'Espresso

320 Presseschau-Absätze - Seite 32 von 32

Magazinrundschau vom 10.06.2002 - Espresso

Totti, Vieri und ich... Keinen Geringeren als Diego Maradona hat L'Espresso gebeten, die Chancen der "Azzurri" auf den Weltmeistertitel abzuschätzen. Taktisch, rhythmisch und konzentrationsmäßig, meint Maradona, könnte es gar nicht besser aussehen für die Himmelblauen, und mit zweien wie Totti und Vieri ("Naturgewalten alle beide") an der Spitze, seien die Tore so gut wie sicher. Na bitte. Bleibt Maradona noch, die italienischen Fans zu beschwichtigen, falls ihre Elf wieder die Nationalhymne nicht singen will: "Das heißt nicht, das sie ihr Land nicht lieben. Sagen wir mal, es ist anders bei euch als bei uns. Der Patriotismus ist weniger ausgeprägt, man ist nicht gewöhnt daran." (Wenn er sich da mal nicht täuscht). Und sich beim Gastgeber Japan zu beschweren, das ihm wegen seiner wilden Vergangenheit noch immer die Einreise verwehrt, während die USA sogar spielen dürfen, "jenes Land ausgerechnet, das Hiroshima und Nagasaki zu verantworten hat", und er, Maradona, habe doch nur sich selbst geschadet und könnte keiner Fliege, nie... Die Welt ist ungerecht, selbst für Fußballgötter.

Wenn ein Buch den geradlinigen Titel "The Sex Handbook" (mehr hier) trägt, ist es entweder furchtbar schlecht oder es erfüllt tatsächlich die Ansprüche einer ultimativen Sex-Bibel. Letzteres scheint der Fall zu sein bei dem reich illustrierten, in einer wenig zimperlichen Sprache verfassten Erosschmöker Suzi Godsons, einer britischen "Dr. Sommer" für Fortgeschrittene, den Annalisa Piras so freundlich war, durchzuarbeiten. Wie ein richtiger Cunnilingus funktioniert ("anders als im Pornofilm"), ab welcher Penislänge der Mann beruhigt sein kann (13 cm), oder wie auch die ödeste Beziehung wieder in Gang kommt lernen Leser von 15-70 - Homos, Heteros, Fetischisten und Depressive.

Magazinrundschau vom 03.06.2002 - Espresso

Das Buch ist noch nicht im Handel, da passiert der Ruch des Skandals schon die Landesgrenzen: In einem Online-Kommentar des Magazins erklärt Roberto Cotroneo den Streit um Martin Walsers neuen Roman "Tod eines Kritikers" zu einer genuin "deutschen Affäre". In Italien hingegen sei ein Furor teutonico wie bei Walser gegen einen Literaturkritiker kaum denkbar. Die Indifferenz der Autoren (von Oriana Fallaci einmal abgesehen) gebe zu spektakulären Verrissen auch wenig Anlass. Was nicht meint, dass es keinen Hass gibt in Italien. Alle möglichen Beleidigungen habe man hier zu ertragen, so Cotroneo, nur eben nicht im Literaturbetrieb. Und wenn doch, dann äußerten sie sich nicht in der "lutherischen Härte" eines Walser, sondern eher in Form einer "jesuitischen Rachsucht". Heißt das jetzt, wir sollten froh sein?

Ferner empfiehlt Umberto Eco ein Buch mit Limericks von Paolo De Benedetti, und Wlodek Goldkorn erklärt die Angst amerikanischer Juden vor einem neuen Holocaust.

Magazinrundschau vom 27.05.2002 - Espresso

Vor zehn Jahren ermordete die Mafia den sizilianischen Richter Paolo Borsellino. In einem Exklusiv-Interview mit Espresso (ihrem allerersten überhaupt) bedauert Borsellinos Tochter Lucia das Nachlassen des öffentlichen Interesses an der Mafia und an den Protagonisten ihrer Bekämpfung. Heute heißt zwar der Flughafen von Palermo "Falcone-Borsellino", es fehle aber, so Lucia Borsellino, "eine kulturelle Bewegung, die als Förderin der Legalität agiert". Soll heißen: Wenn es schon keine politische tut.

Anknüpfend an einen älteren Artikel, in dem er den Tod des großen Romans, wie ihn das 20. Jahrhundert hervorbrachte, proklamierte, erklärt Eugenio Scalfari in seiner Kolumne, wie es um den großen Roman des 21. Jahrhunderts bestellt ist. Ganz einfach, meint Scalfari: Es gibt ihn nicht. Die neue Individual-Gesellschaft (post-aristokratisch, post-bürgerlich) habe bisher weder zu einer ihr gemäßen Sprache noch zu einem eigenen "großen Stil" gefunden. In den USA gebe es De Lillo und Roth, Europa aber habe nichts Vergleichbares vorzuweisen, keinen neuen Roman weit und breit. Stattdessen verkauften Tageszeitungen wie La Repubblica und Corriere della Sera die Romane des 20. Jahrhunderts noch immer wie warme Semmeln. - Und Handke, Rushdie, Houellebecq? Sind die nicht übersetzt?
Stichwörter: Mafia, Palermo, Falco, La Repubblica

Magazinrundschau vom 21.05.2002 - Espresso

Warum halten wir Verleumdungsklagen gegen seriöse Leitartikler für "normal", würden uns aber wundern, strengte jemand ein Verfahren gegen den Satiriker an? Umberto Eco erklärt's, indem er in seiner Kolumne das Prinzip politischer Satire analysiert. Diese, schreibt Eco, transportiert zwar eine auf einen feststellbaren Urheber zurückgehende politische Botschaft, und die bekannten italienischen Satiriker (Forattini, Giannelli, da Vauro etc.) sind echte Kolumnisten, deren Ansichten durchaus schwerer wiegen können als jeder Leitartikel, richtig verantwortlich sind sie aber trotzdem nicht. Zum einen, weil sie es mit einem Lächeln sagen, zum anderen, weil die Satire in der strikten örtlichen (Hofnarrentum) bzw. zeitlichen (Karneval) Begrenzung gründet. Jenseits davon hört der Spaß auf. Die Schwierigkeit heute, meint Eco, besteht in der zunehmenden Verwischung ebendieser Grenzen, der Vermengung von Ernst und Spektakel durch die permanente Karnevalisierung unsres Lebens. "Karnevalisierung, das ist, wenn Benigni Berlinguer umarmt, wenn D'Alema im Fernsehen über seine Schuhe plaudert, Karnevalisierung sind Berlusconis Betrügereien und Rockkonzerte mit dem Papst." Genau das aber sei die Karikatur aller politischen Satire.
Stichwörter: Eco, Umberto, Satire, Karneval

Magazinrundschau vom 13.05.2002 - Espresso

Magere Zeiten im Wochenmagazin aus Rom: Zum einjährigen Firmenjubiläum der Regierung-Berlusconi stellt Giampaolo Pansa Eckdaten der "wahrhaft italienischen" Lebensgeschichte des Silvio B. zusammen. Pier Paolo Filippi notiert die Nominierungen für die diesjährigen Webby-Awards (mehr hier); mit dabei u.a. die Seiten des Vatikan und der U.S. Army.

Und Eugenio Scalfari räumt zwar ein, es gebe viel zu bedenken dieser Tage, wendet sich in seiner Kolumne aber erst mal dem eher beinlastigen Fußball zu und erzählt die Geschichte des Lazio-Fans, der lieber für Inter Mailand schwärmt als für den anderen römischen Fußballclub Roma. Typischer Fall von Bruderhass (s. Kain und Abel, Romulus und Remus etc.), befindet Scalfari und parallelisiert das Sportstück vom Affekt gegen den Allernächsten den französischen Parlamentswahlen und dem Schicksal des "Bruders" Jospin. Man sollte, so Scalfari, anstelle von Ideen doch vielleicht besser die Leidenschaften studieren an den Universitäten ...
Stichwörter: Roma, Vatikan

Magazinrundschau vom 15.04.2002 - Espresso

Im Espresso erinnert sich Giampaolo Pansa an das bald nach dem 11. September kursierende Gerücht, jüdische Organisationen stünden hinter dem Anschlag auf die Twin Towers. Als Beleg für diese These galt immer der für sicher gehaltene Umstand, am Tag der Katastrophe seien sämtliche in den Türmen beschäftigte Juden nicht zur Arbeit erschienen. Man traute den Juden quasi alles zu, meint Pansa und das sei bekanntermaßen schon einmal so gewesen. Zwar sei der Antisemitismus in Italien seit 45 schwächer geworden, heute jedoch sei die Situation der italienischen Juden schlechter als in den vergangenen vierzig Jahren, der Antisemitismus bei den Katholiken wie bei den Linken durchaus verbreitet. "Wie ein Parasit, der immer virulenter wird angesichts eines Krieges, den der Jude Scharon, nach Meinung vieler, auf Seiten der Linken wie der Rechten, beenden müsste, selbst wenn Arafat weiter den Terror decken sollte."

Weitere Artikel: Aus Varese in der Lombardei berichtet Bruno Manfellotto von den Vorbereitungen für die Kommunalwahlen, zu denen auch die Wahl der "Miss Padania" gehört (welch hübsche Kombination), und Eleonora Attolico stellt Frühlingskleider vor, für die sich die Couturiers beim Feinbäcker inspirieren ließen.

Magazinrundschau vom 08.04.2002 - Espresso

Im Espresso nimmt Eugenio Scalfari Stellung in einer Debatte, die spätestens seit Nanni Morettis beherzter Schmährede gegen die Linke die Gemüter erhitzt: Wer eigentlich soll und kann über Politik sprechen? Seltsame Frage? Findet auch Scalfari und zeigt sich alarmiert angesichts der kulturellen "Aspirationen" einiger "Berufener", unter anderem des von Scalfari eigentlich geschätzten Kritikers Pietro Citati, die insbesondere kritischen Schriftstellern lieber einen Maulkorb verpassen würden, wenn es um politische Stellungnahmen geht. Soll hier womöglich, so mutmaßt Scalfari, der Künstler vom Intellektuellen geschieden werden? Der Künstler und also der Poet, der Romancier hätten zur Politik nichts beizutragen? Scalfari verweist auf eine lange Reihe von Gegenbeispielen von Dante über Thomas Mann bis Kundera. "Sollten sie alle bloß belangloses Zeug geredet haben? Manchmal vielleicht, aber bestimmt nicht immer."

Weitere Artikel: Massimo Riva untersucht den kuriosen Umstand, dass durch den Einstieg des Medienjongleurs Silvio Berlusconi bei Kirch-Media bald ein italienisches Staatsoberhaupt deutsches Fernsehen kontrollieren könnte, Andrea Meneghelli erklärt, wie George Lucas mit digital aufgemöbelten neuen "StarWars"-Folgen die Generation Playstation erobern will, und Eleonora Attolico deckt einen interessanten Zusammenhang: Geht's der Wirtschaft besser, werden die Kleider kürzer.

Magazinrundschau vom 25.03.2002 - Espresso

Nach der Ermordung des Wirtschaftswissenschaftlers und Regierungsberaters Marco Biagi sucht das Magazin zu ergründen, warum es ausgerechnet diesen eher gemäßigten und unscheinbaren Zeitgenossen treffen musste. Edmondo Berselli schreibt dazu: "Es scheint, als habe die Tat einen doppelten Zweck erfüllt: Einerseits die Beseitigung eines 'Klassenverräters' und Vermittlers zur rechten Regierung, andrerseits die Schwächung des sozialen Potenzials der Gewerkschaft (zu deren Ungunsten Biagi an einer Novellierung des Arbeiter-Kündigungschutzes mitarbeitete, die Red.) durch das Ausschalten des Repräsentanten eines immerhin noch lebendigen Teils der italienischen Gesellschaft." Und Giampaolo Pansa beschreibt in seinem Beitrag zum Thema das politische Klima Italiens als in einer Weise vergiftet, die Fronten als derart verhärtet, dass die Ermordung eines Mittelsmanns wie Biagi, eines "Reformisten ohne Parteiausweis", schon beinahe folgerichtig erscheint.

Weitere Artikel: Bruno Manfellotto empfiehlt das Radler-Eldorado Padania (man muss dort nur gut auf den Drahtesel aufpassen), und Eleonora Attolico präsentiert die von geflügelten Wesen (Elfen und Insekten) inspirierten Herbst- und Winter-Kollektionen von Issey Miyake und Romeo Gigli.

Magazinrundschau vom 18.03.2002 - Espresso

Endlich fliegt sie wieder, die Eule der Minerva. Mit Spannung hatte Umberto Eco den Auftritt Roberto Benignis beim Schlagerfestival von Sanremo erwartet. Würde es zum Eklat kommen? Würde der begnadete Komiker zum Schlag gegen die Regierung ausholen und riskieren, von der anwesenden Berlusconi-Abordnung mit Eiern beworfen zu werden (wie man ihm übrigens offen gedroht hatte)? Doch Benigni wäre nicht Benigni, hätte er sich nicht was einfallen lassen. Was macht er also? Er lässt ein paar unverfängliche Bemerkungen zur Schieflage der Nation fallen - und rezitiert Dante. In Sanremo! Vor Berlusconis Leuten! Eine Provokation, ohne Frage, aber eine, gegen die wirklich niemand etwas sagen konnte, geschweige denn Eier werfen.

Weitere Artikel: Bruno Manfellotto berichtet von einem Streit zwischen Italien und Ungarn um den Namen "Tocai" bzw. "Tokaji" für zwei völlig verschiedene Weine (einen weißen, trockenen und einen braunen, süßen), Massimo Riva plädiert für die Abschaffung des TV-Duopols mittels Privatisierung von Rai- und Mediaset-Kanälen, und Marco Damilano stimmt ein auf die vom italienischen Gewerkschaftsbund organisierte "größte Demonstration seit Kriegsende", am 23. März in Rom und ausdrücklich ohne Berlusconi.

Magazinrundschau vom 11.03.2002 - Espresso

Interessante These, die Giovanna Zincone da im Espresso aufstellt. Über den allgemeinen moralischen Verfall denkt sie nach und über seine Ursachen. Ob Scharping mit der Luftwaffe nach Mallorca jettet, Politiker sich bestechen lassen oder Professoren ihre Studenten sexuell nötigen - für Zincone sind solche Skandale allesamt Ausdruck eines ausgeprägten Hangs zum Restaurativen. Leute wie unser Verteidigungsminister, meint sie, würden die von Max Weber als ein wesentliches Merkmal der Moderne erkannte Trennung von Arbeitskraft und Eigentum schlicht ignorieren. Sie lebten weiter in einer Zeit, da ein Steuereintreiber einen Teil des eingenommenen Geldes noch für sich behalten durfte, ein Richter seinem persönlichen Rechtsverständnis entsprechend richtete und, ja, man das Land, das man verteidigte, auch tatsächlich besaß.

Und außerdem: In einem Leader des Magazins wägt Enrico Pedemonte die Vorteile rascher Wissenvermittlung auf dem Gebiet der Biotechnologien durch das Internet gegen das dadurch entstehende Risiko ab, dass solches Wissen leicht in falsche Hände geraten könnte, und Bruno Manfellotto beklagt, dass sich der Wucher (eigentlich eine Domäne des Südens) jetzt im Nordosten Italiens breit macht.